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Reise nach Lissabon (1)

Einen kurzen Moment am Flughafen von Lissabon frage ich mich, ob ich komplett wahnsinnig bin. In plötzlicher Abenteuerlust lande ich in einer Stadt, die ich nicht kenne, um einen angeblichen ehemaligen CIA-Agenten zu treffen, den ich kaum kenne. Was bedeutet, dass ich gemailt und telefoniert habe, und dass er einer befreundeten Journalistin persönlich bekannt ist. Bei dieser hat er auch ein paar Sachen deponiert, die ich ihm mitbringen soll. Worauf habe ich mich da eigentlich eingelassen? Nicht das Thema Geheimdienste macht mich kurzfristig erschrocken ­ damit habe ich mich mehr auseinandergesetzt als viele, die weit mehr drüber schreiben als ich -, sondern die Umstände. Was ist, wenn jemand anderer mich abholen kommt?

Erreichbar bin ich nicht, weil ich natürlich das Ladekabel für mein schon etwas antiquiertes altes Handy vergessen habe. Das neue Handy, Anmeldung nach einem Angebot über die Journalistengewerkschaft, war am Abreisetag in der Post. Da hatte ich dann auch keine Lust mehr, mich mit Freischaltung und Bedienungsanleitung zu beschäftigen. Einmal pro Tag muss ich mit Daca und Christiana Kontakt haben, die auch zweifeln, ob das alles wohl gutgehen wird. Nun, das erste Hindernis ist bereits beim Start der Reise am 19. April in Wien-Schwechat überwunden: die Flugangst, deren Ausbruch ich erstmal befürchtet habe.

Kein Direktflug nach Lissabon bedeutete zunächst die unerfreuliche Aussicht auf viermal starten und landen. In Artikeln über Flugsicherheit stehen ja immer so nette Empfehlungen wie “fliegen Sie am besten direkt" und “sitzen Sie dort und dort". Lissabon ist jedoch nach Auskunft der Restplatzbörse nicht direkt im Angebot. Und sitzen muss ich dort, wo ein Platz frei ist ­ allerdings dies stets neben dem Fenster. Letztlich dauerte die Flugangst etwa eine halbe Minute, als der Airbus nach Zürich von der Piste abhob. Dann war ich schon fasziniert von der Anzeige mit Höhe und Geschwindigkeit auf den kleinen Bildschirmen an der Decke. Und konnte mich dem Gedanken widmen, was mich wohl erwarten würde. Etwas Wind liess den Flieger dann beim Landeanflug auf Zürich ruckeln, aber dann war alles wieder ruhig. Ich komme zum Schluss, dass ein Unterschied zwischen Boeings, die ich kenne, und Airbus bestehen muss. Also dann ein Hoch auf die europäische Technologie :-)


nein, kein Meer in Sicht, aber der Tejo....

Und der Landeanflug auf Lissabon war dann ganz besonders schön, ein sanftes Gleiten in abendlicher Sonne ­ eine Stunde später als in Wien ­ über den Atlantik im Bogen über die Stadt hinein. Das “was erwartet mich?" ­ Problem wird bald abgelöst durch die Frage, wo mein Koffer geblieben ist. Aufgegeben habe ich ihn ja in Wien. Stockend kommt das Gepäck der anderen PassagierInnen auf das Förderband in der Halle. Ein Paar reklamiert seine Koffer, und auch ich hoffe noch, dass Dacas auffällig roter der letzte sein wird. Doch er kommt nicht mehr. Mr. Spy meint, das könne kein Zufall sein. Und Zufall oder nicht, ich erinnere mich, dass ich bei der Passkontrolle in Wien lange brauchte, weil die Beamtin den Ausweis aufmerksam studierte und im Computer nachschaute. Als Österreicherin bei der Ausreise aus Österreich ist mir sowas noch nie passiert. Ich erkläre aber ganz normal, wie wenn nichts wäre, bei der Fluggesellschaft, dass mein Koffer verlorengegangen sei. Hinterlasse seine Adresse und Telefonnummer, und werde beruhigt, dass der Koffer vielleicht in der Spätmaschine vor Mitternacht sein wird.

Tatsächlich wird das ersehnte Gepäckstück am nächsten Morgen ins Haus geliefert ­ durchsucht? Vermutlich ist es nicht in Österreich, der zweitgrössten CIA-Station Europas passiert, sondern schon in der grössten Niederlassung Portugal. Mr. Spy meint, es waren auch Desinformationen in seinen Papieren. Als ich sehe, dass sich unter den Sachen, die ich nicht angeschaut hatte, T-Shirts mit der Aufschrift Central Intelligence Agency befinden, kann ich der Kontrolle schon amüsante Aspekte abgewinnen. Auch, dass ich am Flughafen dachte, bist du dir sicher, dass dich der richtige abholt? Kennst nur etwas ältere Fotos! Was, wenn es eine Falle ist, wenn du doch verdammt viel richtig rekonstruiert hast? Unauffällig, wie ich annehme, schaue ich dann auf seine Schuhe. Er müsste grosse haben, und das tut er. Bald bin ich überzeugt, dass es sich um denjenigen handelt, den die Bekannte kennt und mit dem ich telefonisch und mailmässig in Kontakt war.

Meine Gedanken waren wohl absurd, wir sind in keinem Film. ­ Derlei meint Mr. Spy oft zu Hollywoodinterpretationen von Spionage und zu Vorstellungen wie “die hätten dir Drogen unterschieben können im Koffer" ­ dazu bemerkte ich, wohlgemerkt nachdem nichts dergleichen passiert ist, dass ich ja nicht nach Thailand oder Malaysia gereist bin. Andererseits ist niemand, auch ich nicht, ganz frei von den klischeehaften Bildern der Fiktion. Schliesslich kommt auch ein britischer Journalist, der in Rom lebt, Autor der “Puppetmasters" über die Steuerung italienischer Innenpolitik durch Geheimdienste. Philip will ein Buch über Mr. Spy schreiben, geht jedoch seriös und ohne Sensationsgeheische an die Sache heran. Bei fast jedem Satz fragt er “and who can confirm it?". Oft könnte es jemand, der aber wahrscheinlich dazu nicht bereit sein wird. Oder es wird gewiss einer tun, oder es ist aus dem Kontext heraus plausibel, was behauptet wird.


mein Lieblingshaus :-)

Als die Rede auf die Unterwanderung der Roten Brigaden, die Ermordung Aldo Moros und die stay behind-forces kommt, ist Mr. Spy in seinem Element. Schliesslich behauptet er, der Chef von Gladio gewesen zu sein, als Boss des Intelligence Tactical Assessment Center ITAC, welches die konkreten Planungen im Rahmen von Gladio übernommen hatte. Ein paar Jahre lang flog er jede Woche von Würzburg, wo er als Nr. 2 der CIA in Europa lebte, nach Brüssel zu den Meetings des Allied Clandestine Committees. Dort sassen die Vertreter der stay behind-Organisationen der NATO-Länder, aber auch von neutralen Staaten wie Schweden. Und Gladio Österreich, genannt Easeful? Die waren nie beim ACC und beim Special Operations Planning Staff SOPS dabei, denn Easeful unterstand Langley direkt. Die vor fünf Jahren ausgegrabenen rostigen Waffen sollen nicht jene sein, die den Gladiatoren zur Verfügung stehen ­ “they are new, and they are still there". Was er dann als Beispiel des Wirkens von Gladio nennt, hätte ich auch selbst so eingeschätzt. Und was macht Gladio heute? Nicht primär Linksterror inszenieren, sondern es geht um die wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen der USA, meint er.

Zu den ITAC-Planungen gehörte, so Mr. Spy, unter anderem die Ermordung des schwedischen Premiers Olof Palme. Nicht wegen Waffendeals, sondern weil er eine atomwaffenfreie Zone an der Nordflanke der NATO errichten wollte. “This was a threat to NATOs containment policy", sodass Palme dafür mit dem Leben bezahlte. “Containment" ist ein Begriff, der in der Zeit von CIA-Chef Allen W.Dulles ­ zeitweise Schwiegervater des Verlegers Fritz Molden ­ geprägt wurde. Damit ist gemeint, den Kommunismus “einzudämmen" ­ einerseits, indem linke Regierungen in Westeuropa verhindert oder gesteuert wurden, andererseits auch durch die Vorbereitung von Gladio-Truppen auf einen etwaigen russischen Einmarsch. Zur Manipulation der Politik gehörten auch Terroranschläge, welche die Gladiaoren unter dem Deckmantel linker Positionen begingen, die damit diskreditiert werden sollten. Zudem führten willkürliche Attentate, denen jede/r zum Opfer fallen könnte, zu grosser Verunsicherung in der Bevölkerung und dem Ruf nach stabilen ­ rechten ­ politischen Verhältnissen.

Laut Mr. Spy mussten die NATO-Staaten ein Geheimprotokoll zum Vertrag des Militärpaktes unterzeichnen, dass sie rechten Terror ungeschoren und nur linken verfolgen würden. Adenauer, an sich stramm konservativ, soll da einige Zeit gezögert haben. Die stay behind-Operationen wirkten, wie Philip es in den “Puppetmasters" beschreibt als “destabilize in order to stabilize". Man nannte das im diesbezüglich leidgeprüften Italien auch “Strategie der Spannung". Den Palme-Mord hat der schwedische Politikwissenschafter Sven Anderson den stay behind-forces zugeschrieben. Mr. Spy zitiert daraus, und ich frage, ob das auch in meinem Gepäck war? Ein Nicken ist die Antwort. Das ACC hatte eine Art Spitzel in Palmes Büro, sodass man stets im Bilde war über seine Vorhaben. Und Aldo Moro? Kissinger warnte ihn, als der Christdemokrat die Kommunisten in die italienische Regierung holen wollte: “we don't want to have these guys in the government". Mr. Spy selbst warnte Moro, als dieser zu Besuch war in der Ford Foundation: “you shouldn't underestimate the length Kissinger would go to". Als Moro sich nicht beirren liess, soll Kissinger in der Weise geredet haben: “who gets the fuck of that man out of my head?". Was genügte, um andere zu entsprechenden ausführenden Handlungen zu bewegen.

Teil 2
Teil 3
Teil 4

 
lauter Plüschfiguren auf der Wäscheleine :-) & der Beweis: ich war wirklich dort!

 

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Last modified May 2001

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