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Torre de Belem

Reise nach Lissabon (3)

Neben Moro, Palme, stay behind, Irangate und Oktober-Überraschung gibt es auch eine Stadt zu entdecken. Beispielsweise den Torre de Belem, errichtet im 16. Jahrhundert, also in der grossen Zeit der portugiesischen Seefahrt. Der Turm in der Mündung des Tejo sollte dazu dienen, feindliche Schiffe rechtzeitig zu sichten und mit Minikanonen zu bombardieren. Allerdings befindet sich im Inneren eine so enge und steile steinerne Wendeltreppe, dass ich mir den Fall des Falles lebhaft vorstellen kann: der Ausguck von ganz oben rennt aufgeregt hinunter und kracht mit jenem zusammen, der einen Stock tiefer Wache hielt und seinen Kollegen alarmieren will. Archaische Tradition auch im Park daneben: Militärmusik und berittene Polizei, auf schönen weissen Lusitanos und ein paar untypischen Schecken. Und ich sehe nach zwei Tagen hügelauf-hügelab doch die in Wien so beliebten Scooter ­ im flachen Park fahren die Kids damit herum. Eine Stadt für RadfahrerInnen ist Lissabon jedenfalls nicht. Eher schon für Busse, Strassenbahnen und Autos.

In der Metro fällt auf, dass vergleichsweise viele Blinde unterwegs sind, auch alles mit Blindenschrift versehen ist. Zusammen mit dem Eindruck, jedes dritte Geschäft sei ein Optiker, führt das zur Frage, ob es spezielle Augenprobleme gibt. Ja, vielleicht falsche Ernährung mit viel Fett, Fleisch und Zucker?! Nicht als Touristin aufzufallen, ist übrigens nicht so einfach: erstens bin ich grösser als die meisten, zweitens sind meine Haare heller als üblich, und drittens ­ sonst läuft fast niemand mit T-Shirt ohne Jacke herum. Die Orientierung fällt mir bald leicht, weil ich kurzerhand vom Internetcafé zu Fuss zurückgehe, ein Gefühl für die Stadtteile bekomme. Ich werde gewarnt, bei der Buslinie 42 nicht im Drogenviertel auszusteigen, was mir aber dann irrtümlich beinahe doch passiert wäre. Eine Station zuvor war dann die bergabführende Gasse, an deren Beginn sich hagere Männer Spritzen in den Arm stechen. Und sonst? Viele vom Verfall gezeichnete Häuser, was in dieser Umgebung aber eher malerisch wirkt. In Wien wären derartige Fassaden hässlich-grau, doch hier strahlen unverputzte Ziegelmauern, aus denen Pflanzen wachsen, Charme aus. Ebenso abbröckelnde Verzierungen und mitten zwischen Neubauten stehende alte vernachlässigte Häuser.

An den Hügeln am Stadtrand jedoch auch Häusergruppen, die ein wenig an Favelas erinnern: an halbe Ruinen wurden mit neuen Ziegeln Wände angebaut, darüber Blechdächer. Gegensätze werden auch sichtbar, wenn frau einkaufen möchte ­ Geschäftsstrassen wie in Wien sucht sie vergeblich. Zwar gibt es auch hier die spanischen Modeketten Zara und Mango, und viele Mac Donalds, aber der typische Laden ist klein und spezialisiert. Einerseits ist das Land konservativer als Österreich, andererseits aber toleranter. So ist Scheidung selten, doch Männer haben Freundinnen. Allerdings gilt der Sonntag als heilig und wird mit der Familie verbracht. Nacktbaden ist verpönt, doch Homosexuelle, entlassene Psychiatriepatienten und Obdachlose werden respektiert. Und es gibt Chefredakteurinnen und Herausgeberinnen grosser Medien. Mir fallen die vielen religiösen Namen auf: Strassen, Plätze, Geschäfte, Apotheken, und eine Bank, die besonders viel Werbung macht. "Vom heiligen Geist" oder so, laut Mr. Spy die Bank der Agency. In den Auslagen stehen grosse Kommunionkerzen neben Kinderkleidung.

 
Torre & BSE-Plakat

Aber deswegen bin ich nicht da, nicht allein deswegen. Mr. Spy gilt als Informant vieler seriöser Autoren, beginnend bei Jürgen Roth, in dessen Buch “Die Mitternachtsregierung" er als erstes interviewt wird. Da er zeitlebens verschiedene Namen verwendet hat, bezeichnet ihn Roth als “Mr. Alias". Dieser kommt gerade, Ende der achziger Jahre zu Bush-Zeiten, aus Wien vom einem “Familientreffen" älterer Agenten: “Was die Senioren besonders stört, ist, dass die Abteilung 'Operations Directorate', verantwortlich für verdeckte Operationen, von Waffenhandel über Destabilisierung bis hin zu politischen Morden, eine Blütezeit durchmacht. Die Senioren in Wien, die sich als liberale Agenten verstehen wollen, akzeptieren das nicht. Weil sie sich ärgern, streuen sie ein paar indiskrete Informationen." Roth meint: “Er, der langgediente Ex-Agent aus Langley, ist zweifellos kein Herr Irgendjemand, sondern ein eher aussergewöhnlicher Mann, aussergewöhnlich schon dadurch, dass er hochgebildet ist und von Selbstzweifeln geplagt."

Allerdings schreibt er auch: “Will er uns irgendein Märchen erzählen, mit gefälschten Ausweisen angeben, obwohl er in Wirklichkeit ein kleines Licht ist, ein Wichtigtuer, ein dubioser Schwätzer? Der Verdacht keimt sowieso ständig, obwohl andererseits, wir kommen nicht darum herum, er bei anderen Gelegenheiten abenteuerlich klingende Stories von sich gab, die nachprüfbar waren," Kann ich gut verstehen ­ ich sah nicht nur CIA-T-Shirts, sondern auch eine Identitätsmarke. “Agenten zeigen sich diese gegenseitig, macht der KGB ebenso." May be, may be not. Auch David Yallop, Autor von Büchern über den Tod von Johannes Paul I. und Carlos, verewigt ihn ­ aktuell im Roman “Unholy Alliance" als Ex-Agent Oscar Benjamin. Wie Roth beschreibt er ihn als beleibt und mit mehr als gesegnetem Appetit. Und als jemanden, der praktisch alles besorgen kann.

Yallop ruft auch mehrmals an, als ich in Lissabon bin, samt gewissen Eifersüchteleien mit Philip, der über Mr. Spy schreiben wird. Wer sich mit Geheimdiensten beschäftigt, ist meist ein Mann. Und unweigerlich geleitet von Vorstellungen à la James Bond. Was sehr wenig mit Realität zu tun hat und zumindest für mich eher langweilig oder comicstripmässig ist. Ich würde mich wahrscheinlich nie mit solch einem “Männerthema" befassen, hätte ich nicht Erfahrungen gemacht, die nur derartigen Kreisen zuordenbar sind. Eine gewisse Faszination spielt da auch bei einer Gegnerin eine Rolle, aber das Verhalten von Männern übertrifft dies allemal. Vor allem muss es, da es sich um ein gefährliches Metier handelt, auch für den Recherchierenden furchtbar gefährlich sein. Manche lieben es geradezu, in epischer Breite ihre Anreise zum Treff mit Informanten und dann deren Auftreten zu schildern.


mitten in der Stadt: eine bewachsene verfallene Treppe

Letztlich ist alles wohl weit harmloser abgelaufen als den Lesenden vermittelt wird. Und sehr oft waren die vermeintlichen brandheissen Infos schlicht Desinformationen. Ein Verdacht, der dann naheliegt, wenn bspw. Bücher über Österreich als Spionagezentrum westliche Geheimdienste nur am Rande erwähnen, die Aktionen östlicher Dienste aber im Detail beschreiben. Wobei ich Gefahr keineswegs unterschätzen will ­ allerdings komme ich ohne Selbststilisierung ganz gut aus. Dennoch: wie hätte wohl ein Mann die Reise nach Lissabon beschrieben? So unspektakulär wie sie war, oder voll verdeckter Gefahren und Risiken?! Wir sprechen auch über Waldheim, der nach meiner Rückkehr dann wieder ein Thema in Österreich ist. Ich erinnere mich an einen Artikel im Forvm, wo eine Art Zelle der CIA-Vorläuferin Office for Strategic Services im Aussenministerium vermutet wurde; Karl Gruber, Fritz Molden, Kurt Waldheim. Right, und die Russen wussten auch über ihn Bescheid.

Kriegsverbrecher war er keiner, aber ein Opportunist. Mr. Spy hatte Waldheims Biografie mal im Auftrag von dessen Sohn untersucht. Reingewaschen wurde der Ex-Bundespräsident damit nicht, sondern stellte sich als “Drückeberger" heraus: wenn an der Front was passierte, meldete er sich krank, schrieb an seiner Dissertation weiter. Als er UNO-Generalsekretär war, wussten alle Bescheid über seine Tätigkeiten im Krieg, Russen ebenso wie Amerikaner. Mr. Spy erklärt sich einen gewissen Wankelmut in Waldheims Haltung etwa in der Nahostfrage daraus, dass alle diesen an seine Vergangenheit erinnern konnten. Die österreichischen Medien wundern sich jetzt jedenfalls, dass Langley Akten öffnet, und verstehen es als die absolute Wahrheit, wenn Waldheim diesen zufolge niemals für OSS/CIA tätig gewesen sein soll. Dieselben Medien würden allerdings nie vermuten, dass öffentlich bekanntgegebene Stapo-Akten vollständig sind.

Das Problem mit der Glaubwürdigkeit?! Der schwedische Autor Ole Tunander untersuchte verschiedene Thesen zum Palme-Mord und meinte, Mr. Spy habe einerseits Dokumente vorgelegt, die sich überprüfen liessen, andererseits auch desinformiert. Aber das war ja seine Aufgabe, und als Psychologe war er dafür wohl auch besonders geeignet. Bei der Frage, wie lange er für die Agency gearbeitet hat, bin ich mir nicht im Klaren. Offenbar bis Mitte der achtziger Jahre ­ aber andererseits gab er Roth ein paar Jahre später Infos im Beisein von angeblich noch aktiven Agenten. Wahrscheinlich nahm er bis vor drei, vier Jahren Aufträge an, als eine Art Freelancer. Und heute? Derzeit offenbar nicht, doch das Blatt kann sich schnell wenden... Ich verhalte mich “normaler" oder: gelassener in dieser Situation, als es viele andere täten. Der Widerspruch zur Beschäftigung mit stay behind und Co. und Alltagsleben ist auch für mein Empfinden gross, aber nicht so riesig, dass banale Verrichtungen nicht möglich wären.

Teil 1
Teil 2
Teil 4


Frederico & seine Stadt

 

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Last modified May 2001

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