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die Polizeimusik im Park

Reise nach Lissabon (4)

Wir sind zu dritt und zu viert unterwegs, tibetanisch essen oder das Expo-Gelände besichtigen. Abends haben wir mal keine Lust, auszugehen, bestellen Pizza auf portugiesisch, sitzen zu viert in der engen Küche. Als es um Information oder Desinformation geht, ist die Stimmung zwischen Mr. Spy und Frederico sehr gespannt. Die Anwesenheit von Philip und mir calmiert die Lage. Plötzlich bin ich eine, die besonnen reagieren kann, was Frederico tags darauf beim Sightseeing gut findet. Mir erscheint das Lob ganz unverdient, denn normalerweise halte ich bei Aggressivität irgendwann dagegen, statt sie zu ignorieren. Apropos Touristentrip: dank meiner Anwesenheit kommt Frederico endlich mal auf den Elevator, einen vor bald 100 Jahren errichteten Lift in einem Stahlgerüst, der fast 50 Meter in die Höhe fährt. Dann noch eine Wendeltreppe hoch, und wir sitzen in einem Café mit Rundumaussicht. Auf der einen Seite stehen Ruinen einer Basilika, Bögen, die einst ein Gewölbe getragen hatten. Als Erinnerung an das grosse Erdbeben im 18. Jahrhundert hat man die Überreste wie ein Mahnmal stehen lassen.

Damals starben viele Menschen direkt beim Erdbeben, aber auch viele durch die Flutwellen und das Feuer, das ausbrach, als sich die Erde wieder beruhigte. Die Alternative war ein Versuch erdbebensicherer Stadtplanung. Was die kerzengeraden Strassen im überwiegend ebenen Stadtteil Baixa erklärt. Schliesslich besichtigen wir die Ruine eines Kastells mit grossartigem Ausblick. Den Rundgang auf den Mauern ohne Geländer schaffe ich nur zur Hälfte; mir ist gleich mulmig zumute. Als wir wieder hinuntersteigen, fühle ich mich sofort besser. Frederico deutet auf die Hängebrücke über den Tejo und die Christusstatue auf einem Hügel und meint, du kannst zuhause erzählen, dass du auch in San Francisco und in Rio de Janeiro warst. Apropos Frederico: das Interesse in Portugal an Mr. Spys Enthüllungen resultiert aus der eigenen Geschichte.

So war die “Nelkenrevolution" von 1974 einer der seltenen Fälle, in denen die CIA den sich abzeichnenden Putsch GEGEN eine Diktatur unterstützte. Mithilfe der Sozialistischen Internationale konnte man die Hand drauf haben, dass die demokratische Entwicklung nicht zu den Kommunisten tendiert. Das Erbe der Zeiten Salazar trägt das Land auch heute noch: es lesen vor allem die informierten Menschen, während die anderen dem früher geförderten Analphabetismus gerade entkommen sind. Und wie in anderen Ländern bedeutet Marktwirtschaft in Portugal ausländische Konzerne, vor allem aus Deutschland. Die “Oktoberüberraschung" hat einen portugiesischen Aspekt, da nach Mr. Spy und heimischen JournalistInnen unter anderem ein Premier deswegen ermordet wurde. Setubal war einer der Häfen, über die Irangate-Waffen verschoben wurden (mit dem Schwesterschiff der Lucona, wie er sagt?! - Zu diesem österreichischen Fall tauschen wir auch Einschätzungen aus, bspw. über die Art und Weise der Schiffssprengung und die Rolle von Udo Proksch. Agency, meine ich, nicht Stasi. Richtig, sagt Mr. Spy. Und die Sprengung? Was wars noch mal schnell, das technisch geht - Funk oder Radar? Funkfernsteuerung.). Anders als in Österreich ist den gebildeteren Menschen die starke Präsenz der Agency durchaus bewusst.


zur Erinnerung an das grosse Erdbeben

Wobei auch die Europäische Union vertreten ist ­ dies sichtbar, da viele Projekte gefördert werden. An sich förderten die USA zuerst die Integration Europas, etwa über den Congress for Cultural Freedom, eine CIA-Einrichtung, die bspw. George Orwells 1984 herausgab und in Österreich das Forvm gründete ­ das später dann nicht mehr US-finanziert war, im Gegenteil, auch gegen CIA-Interessen schrieb. Allerdings wurde in den neunziger Jahren klar, dass die EU-Staaten eigene Interessen mit der politischen und wirtschaftlichen Union verfolgen. Und das kann die USA nun doch nicht dulden, weswegen man auf die Destabilisierung der EU setzt. Als hilfreich erweisen sich dabei inneramerikanische Handelsabkommen ebenso wie Verzögerungen der EU-Erweiterung und Kursschwankungen des Euro. All das irgendwie nachvollziehbar, doch Mr. Spy ordnet auch die “Sanktionen" gegen Österreich in diesen Kontext ein, sowohl deren Beginn als auch die Beendigung unter der portugiesischen Ratspräsidentschaft. Sicherlich war die EU über weite Strecken damit und mit wenig anderem beschäftigt ­ aber muss das die Erklärung dafür sein?! Mr. Spy liest mir vor, wer auf der Payroll stand und steht, und nennt Österreich eine "Bananenrepublik". Weil das Wort vom Engagement von United Fruit und CIA in Guatemala kommt?!

Üblicherweise bewege ich mich vor allem unter Frauen. Daher ist es ungewohnt, nur mit Männern zu reden über Tage hinweg. Machohaftes Verhalten erlebe ich allerdings nicht. Allerdings würden manch andere Frauen sehr wohl sowas sehen ­ wenn es um die Arbeitsweise von Agentinnen geht, die nach wie vor eine Minderheit in dem Business darstellen. Welche Sexualpraktik diese vor allem einsetzen, wird mit deftigen Worten bezeichnet. Was mich nicht schockieren kann, da ich nur “weiss ich eh" sage. Schliesslich ist die allererste Person, die ich der Firma zugeordnet hatte, eine Frau. Eher schon erscheint mir eine Welt fremd, in der Menschen nach Nützlichkeit oder Wert eingeteilt werden. “Wertvoll" kann durchaus jemand sein, der oder die erkennt, wann die Agency im Hintergrund agiert, und sich nicht kaufen lässt. “Wertlos" erscheinen jene Menschen, die es ahnen, aber Verlockungen der Macht nachgeben. Ich meine dazu, dass ich in einer Welt leben möchte, wo der Charakter und der Mut von Menschen nicht auf so harte Proben gestellt werden.

Eben den ganz banalen Alltag haben will, den uns beispielsweise die Europäische Menschenrechtskonvention garantieren will. Wo das Privatleben, der Briefverkehr, die Meinungsfreiheit und anderes bewusst vor Einschränkungen geschützt werden. Diese sind wiederum nur wegen der jeweils eigenen “nationalen Sicherheit" eines Staates statthaft ­ nicht aber wegen jener der USA. Aber welche Anziehungskraft hat “normales Leben" für jene, die einen Gutteil ihres Lebens mit Tarnen und Täuschen verbracht haben? Normal ist da leicht schal. Wer Erfahrungen gemacht hat, die sonst kaum jemand kennt, tendiert zum Abheben. Mr. Spy bescheinigt mir eine ungewöhnliche Fähigkeit, in Zusammenhängen zu denken und solche zu erkennen. Tatsächlich sind viele seiner Schlussfolgerungen für mich schneller nachvollziehbar als für andere.

Und dann? Vorbereitung auf die Heimreise - kaufe zwei kitschige Figuren, Hirsch und Widder, in der portugiesischen Variante des 10 Schilling-Shops, als Mitbringsel. Ideal im Koffer, damit es vielleicht heisst, sie hat einen schlechten Geschmack. Auch ein Brief, den ich niemals abschicken werde, in einem Spiralblock, und ein Tape. An diesem merke ich dann, dass diesmal kein Check stattfand. Die Zeit wäre zu kurz gewesen, es zu überspielen, da mein Koffer in Schwechat als erster eintraf. Den Pass brauchte ich nicht mal zu öffnen, sondern wurde einfach durchgewunken. Naja, dann wieder Alltag - und nebenbei versuchen, ein paar Aussagen von Mr. Spy zu überprüfen :-) Ich gestehe auch, dass ein bisserl Desinformation bei meiner Reise dabei war - offiziell besuchte mich zu dieser Zeit meine Mutter, und via Internet-Café rief ich meine Mails ab und postete bspw. beim Online-Standard. Die fehlenden Umlaute auf der portugiesischen Tastatur fügte ich einfach aus Mails ein, die ich bekommen hatte....erst retour in Zürich schrieb ich dann in Replys, dass ich diese oder jene Info nicht zur Hand habe, weil ich unterwegs bin, und grüezi...

Achja: eigentlich dachte ich, ein bissi von der Sprache zu lernen, aber zu dritt und zu viert ist unsere gemeinsame Sprache Englisch. Zuhause muss ich mich dran gewöhnen, mit FreundInnen nicht erstmal englisch zu reden, oder auch an der Kassa in einem Geschäft. Ein paar Worte Portugiesisch kann ich schon. Lesen ist kein Problem, da ähnlich wie im Spanischen, aber die Aussprache....naja, vielleicht beim nächsten Mal? :-)

Text & Bilder: Alexandra Bader

PS: Die geschätzten UserInnen können anhand der Literaturhinweise durchaus herausfinden, wen ich besucht habe :-)
PPS:
Es handelte sich bei der Reise um eine Art privaten Abenteuerurlaub, von dem eine leidenschaftliche Schreiberin einfach berichten MUSS. Die Fotos sind diesmal nicht digital, sondern mit einer Wegwerfkamera gemacht worden (ein Geschenk für News-AbonnentInnen, das aufgebraucht werden musste :-).

Teil 1
Teil 2
Teil 3


coming home....

 

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Last modified May 2001

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