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Der "Sterz" sucht Beiträge

Seit vielen Jahren ist die Zeitschrift "Sterz" eine steirische Institution, mit der frau&mann praktisch aufwächst :-). Umso mehr freut es uns, hier einen Aufruf für Beiträge zum Thema "Grenzen" veröffentlichen zu können, der uns am 14.1.2009 erreichte:

Einladung
zur Beteiligung am Thema
Grenzen / Übergänge

Grenzen und Übergänge sind ein herausforderndes Thema, das ganz dringend der VerSTERZung bedarf. Beiträge in jedweder abdruckbarer Manier sind gefragt, möglichst gut, möglichst klug, möglichst schön, möglichst bald an den Grenzübergang vom Projekt zum Heft, an die STERZ-Redaktion.

Einige Gedanken zur Anregung:

Der Mensch hat so seine Grenzen, er stößt auf sie, er macht sie sich, setzt sie anderen. Grenzen sind in der Kindererziehung wichtig, sagen neuerdings die Pädagogen nach der ’Grenzenlosigkeit' der Antiautoritären, Grenzen bedeuten sowohl Sicherheit wie auch Bedrohungen, Grenzen bewirken Glück und Unglück, Grenzen sind Trennungen und Übergänge, sind das Gemeinsame zwischen
hüben und drüben, Grenzen haben Beteiligte, mindestens zwei.

Grenzen sind nichts Besonderes, sie sind alltäglich. Nichts dauert ewig, alles hat sein Ende, seine Grenzen eben, alles fängt wo an, hört wo auf, möglicherweise auch das (Welt-)All. Aber die Spekulationen über dessen Anfang und seine Un- oder Endlichkeit sind nicht so wichtig für unsere Überlegungen.

Grenzen des Universums

Unsere begrenzte Lebenszeit beinhaltet ja die Ungeheuerlichkeit, dass wir einmal nicht mehr sein werden. Unsere diesbezügliche Grenze, an die bisher noch jeder gelangt ist, ist jedes Mal mit einem ’Weltuntergang' verbunden, denn ’unsere' Welt gibt es ja nur, weil wir sie zur Kenntnis nehmen. Wenn wir einmal Urknall und ’Lieben Gott' außer Acht lassen, dann existiert/e das Universum halt so vor sich hin, an und für sich, aber ’geben' tut es das Ganze erst, seit wir die Welt zur Kenntnis nehmen, teilweise zumindest.

Mit jedem von uns, der an die Grenze seines Lebens stößt, geht diese Wahrnehmung zu Ende. Sollte die gesamte Menschheit mit einem Schlag an die Grenze ihres Existierens kommen, hörte auch das Weltall auf, wahrgenommen zu werden. Dann kümmert es niemanden mehr, ob es existiert oder nicht. Das Bewusstsein von Schimpansen oder Raben, so diese weiter existierten, dürfte dazu nicht ausreichen. Möglich, dass es jenseits der Grenzen unserer Wahrnehmung andere Intelligenzen gibt, von denen weiß allerdings außer Ufo-Forschern keiner was.

Gemeinwesen

Aber solange es uns mit unserem Bewusstsein und Verhalten noch gibt, haben wir mit Grenzen zu tun, mit denen, die die Natur und ihre Gesetze uns setzen, mit denen, die wir uns setzen, um unser Gemeinwesen zu regeln, und mit denen, die dieses eingrenzen, gegen andere derartige ’gemeine Wesen' abgrenzen. Diese (Staats-)Grenzen sind oft als Ergebnisse von Heiratspolitik und Schlachtenglück höchst zufällig entstanden. Die wenigsten Staatsgrenzen entsprangen dem unmittelbaren Bedürfnis und Willen der Eingegrenzten. Der
bürgerliche Nationalstaat erfüllt den ’Volkswillen' vielleicht noch am ehesten, wenn ethnische Annahmen, die allzu oft Fiktionen waren und sind, zum Volksbeweger werden.

Immerhin führte ethnische Gemeinsamkeit zu eigenen Staaten. ’Selbstbestimmungsrecht der Völker' nannte US-Präsident Wilson das am Ende des 1. Weltkriegs mit z. T. fatalen Folgen. - Die Iren konnten das durchsetzen, die Basken nicht, die Griechen oder die Albaner schon eher, natürlich die Polen, die Zigeuner nicht im Gegensatz zu den Juden, einer ähnlich verstreuten ’Ethnie'. War man dann innerhalb dieser Grenzen glücklich? Eher nicht, leb(t)en doch außerhalb der neuen Grenzen noch ihresgleichen als unerlöste Brüder und Schwestern in sog. unbefreiten Gebieten. Die müssen heim ins Reich, am besten durch Eroberung. Gelingt die nicht, werden diese Brüder und Schwestern oft vertrieben oder gar getötet, damit nur keiner mehr auf so eine Idee komme.

Innere Grenzen

Dass ethnisch Verschiedene erträglich zusammenleben, funktioniert schon lange nicht mehr so recht. Das konnte ein Fürst dekretieren, aber das ging und geht nur schwer mit angeblich selbstbestimmten Individuen. Die wollen ethnisch 'rein' sein, die wollen keine Grenze untereinander, innerhalb ihrer Gemeinschaft. Die Schweiz ist weltweit eine Ausnahme, in der Ö.-U. Monarchie ging das bekanntlich nicht so gut, wie auch nicht in den Nachfolgestaaten.

Da gab und gibt es dann Randale, in Nordirland beispielsweise, in Belgien, in Indien, in der Türkei, früher armenische und heute kurdische Minderheitschristen werden schikaniert innerhalb moslemischer Grenzen wie in Ägypten oder vertrieben wie im nahen Osten. Wir wollen offenbar keine inneren Grenzen, Abgrenzungen, da verhält sich ein Volk, eine Mehrheitsbevölkerung ähnlich wie ein Individuum. Auch das versucht sich abzugrenzen und keinen inneren Zwiespalt aufkommen lassen, es will mit sich eins und im Reinen sein und sich möglichst wenig von anderen beeinflussen und -trächtigen lassen, um seine Interessen verfolgen und die Außenbeziehungen nützlich gestalten zu können.

Größeres Ganzes

Und dann die Aufhebung dieser individuellen Be- und Abgrenzung im größeren Ganzen der Menge, der Massen bei Straßenaufläufen, in Fußballstadien, bei Popkonzerten, bei Reichsparteitagen welches Reiches und welcher Partei auch immer. Da verflüchtigen sich die Abgrenzungen, der Einzelne wird Teil der Gruppenseele, verinnerlicht die Massensuggestion in den ureigensten Grenzen
seines Ichs.

Mit einem Mal wird ein Gruppengefühl mit vielen anderen geteilt, wird dieses als Teil des Selbst angenommen und verteidigt als Ausdruck von Identität. Da hat also ein Allgemeines die Grenze zum jeweils Persönlichen, Individuellen überschritten, hat wie durch Osmose vom Ich Besitz ergriffen wie ein Trojaner des Allgemeinen, der sich im Individuellen breit macht. Zwar werden auch diese Grenzen zwischen den Einzelnen und dem Allgemeinen andauernd überschritten in sozialer Beeinflussung, ja Prägung, aber das geschieht in einem Austausch, einem Hin und her, einer Vergesellschaftung oder auch Sozialisation. Massensuggestion bewirkt hingegen eine prägende Gleichschaltung der ’Seelen' vieler Beteiligter. Wenn so ziemlich alle dem Massenwahn des Augenblicks anheim gefallen sind, wenn dieser eingedrungen ist in das jeweilige Innerste, bildet sich eine kollektive Identität: Der ’besoffene' Fußballfan, der entrückte Konzertbesucher, der Parteitagsteilnehmer, der mit so vielen anderen den Führer gesehen hat und mit ihnen lebenslang die Verzückung teilt.

Ängstliche Rudeltiere

Kollektive Grenzüberschreitungen gehören stammesgeschichtlich vielleicht eher zur Gattung Mensch als die abgegrenzte Vereinzelung nach dem Motto: Am stärksten ist der Mächtige allein. Wir sind doch mehr ängstliche Rudeltiere, die sich innerhalb einer abgegrenzten Gemeinschaft wohl fühlen. Wenn wir eine Entwicklung nicht beurteilen können, dann wollen wir lieber in Gemeinschaft irren als möglicherweise allein Recht behalten. Innerhalb der Grenzen einer größeren Gruppe fühlen wir uns anscheinend sicher.

Schneller, höher, weiter

Grenzen fordern heraus, das citius, altius, fortius - das Schneller, Höher, Weiter - nicht nur bei den olympischen Spielen - ist wohl dem Menschen eigen. Es entspringt unserem ’entfesselten' Geist, nach dem scheinbar Unmöglichen zu streben, die Grenzen auszuloten, sie zu überwinden. Die Natur ist hingegen ein selbstregelndes System der Vernunft, keine andere Art hat so unvernünftige Mitglieder wie den (Erst-)Besteiger des Mount Everest z. B. Ihr Prinzip ist ein ausgewogenes Preis-Leistungsverhältnis.

Prometheus

Für die alten Griechen war Prometheus (’Der Vorausdenkende') der Erschaffer der Menschen, Athene gab dieser Schöpfung den Verstand und die Vernunft und vielleicht auch den explorativen Antrieb, der uns von den Tieren so wesentlich unterscheidet. Die Neugier nach dem hinter der Grenze, diese entdeckerische Wissbegierde lässt den Menschen gegen jede Grenze anrennen, Stillstand ist seine Sache nicht, zumindest nicht die des westlichen Menschen.

Unbeherrschbarkeit

Irgendwann nach dem Mittelalter sind wir dieser Vorstellung von der ewigen Wiederkehr des Gleichen entkommen, die Entdecker überwanden die Meere, die Forscher und Erfinder dynamisierten die Wissenschaft, die Kultur. Ab da geht unsere Entwicklungskurve immer steiler nach oben, die Entschlüsselung von allem und jedem kommt näher. Werden wir uns früher selbst aufgehoben haben oder doch vorher die Grenzen überwinden können, die unsere Aufhebung verhindern? Anders gefragt, vernichten wir uns früher, als es uns gelingt, die Zwänge dafür zu beseitigen?

Was unseren Erfolg bedingt, macht ihn möglicherweise auch zunichte: Unsere grenzenlose Subjektivität, unsere Unbeherrschtheit, unsere unkontrollierbare Individualität. Wir sind nicht auf einen Nenner zu bringen, auch wenn es um letzte (Überlebens-)Fragen geht, irgendein Wahnsinniger wird immer ausscheren, hat eine andere Sicht der Dinge, andere Interessen, und sei es nur das, dass er lebensmüde ist. Stellen wir uns nur vor, Hitler, Idi Amin oder Mugabe hätte die Atomwaffe (gehabt), Pakistan ist ja auch kein sehr stabiler Staat, wann übernehmen dort die Taliban mit ihren Erlösungsvorstellungen die Macht?

Grenzerweiterung

Der Mensch stößt immer wieder an seine Grenzen, an die des Körpers wie die des Geistes und vielleicht auch an die der sog. Seele, an die Grenze von psychischer Kraft und Energie. Körper und Geist kann man trainieren, vielleicht auch die Psyche, man kann durch Übung die Grenzen hinausschieben, bis wir endgültig anstehen. Wenn uns das Üben nicht mehr weiterbringt, dann überschreiten wir auch gerne diese ’natürliche' Grenze und greifen zu Doping für den Aufbau von Muskeln, zur ’Erweiterung' des Bewusstseins oder zur
Stärkung der Psyche. Alles und jedes hat also seine ’natürlichen' Grenzen, aber was natürlich ist, ist zeit- und ideologieabhängig. Hielt man vor 150 Jahren die 30 km/h der damaligen Eisenbahn für die Grenze der Erträglich- und Zumutbarkeit, spekuliert man inzwischen mit der Lichtgeschwindigkeit, denn der Mensch ist ungemein plastisch, und seine Grenzen bleiben ausgesprochen ungewiss. Sollten wir aber an den biologischen Grenzen wirklich anstehen, werden wir halt die Biologie ändern, wozu haben wir denn das Hirn mitgekriegt, das in seinen Möglichkeiten wahrlich grenzenlos zu sein scheint.

Weitere Infos:
STERZ              
Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kulturpolitik
8010 Graz/Österreich Mandellstraße 10 
sterz.mur.at/
Redaktion DI.Gernot Lauffer
Telefon +43/316/824146 Fax DW 6


 



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