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Muss Bildung (Leben) effizient sein?  

(30.10.2009) Angesichts der Proteste der StudentInnen in ganz Österreich werden sich manche fragen, was dies mit ihnen, mit Menschen in einem ganz anderen Alltag zu tun hat. Und einige werden den Aussagen beipflichten, wonach doch die besetzten Hörsäle endlich wieder freigegeben werden sollen, damit effizient studiert werden kann. Dass kreativ organisierter Widerstand, der auch im Web 2.0 stattfindet und es als Medium zur Verbreit(er)ung verwendet, nicht so einfach abgetan werden kann, begreifen immer mehr PolitikerInnen, JournalistInnen, WissenschafterInnen und andere AkteurInnen.

Zunehmend sehen auch Menschen, die das ganze einfach interessant finden, aber selber nicht auf der Uni waren oder die Studienzeit hinter sich haben, den Bezug zu ihrem eigenen Unbehagen. Denn die StudentInnen kämpfen für etwas, das als Errungenschaft unserer Gesellschaft einige Jahre akzeptiert war und nun zunehmend abgebaut wird, ohne freilich jemals vollständig verwirklicht zu sein. Es geht um den freien Zugang zu (universitärer) Bildung unabhängig von den Voraussetzungen im Elternhaus. Nach wie vor studiert mehr als die Hälfte der Kinder aus Familien, wo beide Eltern Akademiker sind, während es nur ein paar Prozent aus Arbeiterhaushalten sind.

Je mehr es um Effizienz geht, je schlechter die Universitäten ausgestattet sind, desto eher werden jene auf der Strecke bleiben, die weniger Unterstützung haben als andere. Zudem sollen sich auch in der Bildung Marktkriterien durchsetzen, bei denen nicht mehr zählt, was gesellschaftlich wichtig ist und den persönlichen Interessen entspricht, sondern was als gefragt gilt, wo einmal viel verdient werden kann und Jobs nach dem Studium einigermaßen sicher sind. Wie AsylwerberInnen im öffentlichen Diskurs unterstellt wird, sie würden das System missbrauchen, wenn ihr Antrag abgewiesen wird, nützen jene Menschen angeblich das Sozialsystem aus, die nach Jobverlust auf Unterstützung angewiesen sind.


Im Unibereich sind Menschen, die nicht rasch genug studieren oder verlorene Semester mit Fächern vertun, aus denen sie in andere wechseln, das entsprechende Äquivalent. Man darf nur vergeblich Anträge auf Wirtschaftsförderung stellen (oder als Manager für Spitzengehälter Betriebe in den Sand setzen), um nicht der Sabotage im System der Effizienz bezichtigt zu werden. Was StudentInnen betrifft, so werden viele mit 18 nicht gewusst haben, was mit welchem Studium auf sie zukommt - einen Job dürfen sie aufgeben, das Studienfach aber nicht? Junge Menschen, die heute studieren, wo man ihnen längst nicht mehr wie früher auch Zeit lassen möchte, sich selbst zu finden (das war vor 20 und mehr Jahren noch möglich), stehen ohnehin unter dem Druck, dass sie nicht im Beschäftigung nach Abschluss der Ausbildung rechnen können.

Es wird auf ihre Kreativität ankommen, die sie ja bereits bei den Streiks kultivieren und mit Erfolgserlebnissen verbinden können. Sie sind mit ihrer Absage an die Effizienz um jeden Preis Teil des kollektiven Unbehagens anbetracht von Wirtschaftskrise und Klimawandel. Die Menschen wissen, dass es so nicht mehr weitergehen kann, und immer mehr versuchen, im Alltag Alternativen zu leben. Sie arbeiten anders, sie realisieren Projekte mit anderen, sie setzen sich für die ihnen wichtigen Anliegen ein. Ihre Weltsicht ist dabei keineswegs neu, sondern basiert auf Analysen, die es bereits Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre gab, als viel vom beginnenden Wassermannzeitalter die Rede war.

Dass die Veränderungen erst allmählich passieren und irgendwann den Paradigmenwechsel vollziehen, liegt daran, dass offenbar für die meisten Menschen notwendig ist zu erleben, wie sehr uns das von uns geforderte Leben stressen und unter Druck setzen kann. Wir müssen flexibel sein, immer weniger von uns haben sichere Jobs, wir müssen ständig dazu lernen, wir müssen ein Vielfaches an Informationen aufnehmen und multimedial kommunizieren, und man hämmert uns permanent ein, dass nur die Marktökonomie zählt. Daher sagen viele Menschen, dass sie ihren Alltag so weit wie möglich selbst bestimmen wollen, wenn sie schon mit verstärkten Anforderungen an Leistung und Tempo konfrontiert sind.


Unsere Wirtschaft(spolitik) setzt auf Wohlstand durch Wachstum, wobei wenige am meisten davon haben und für viele andere etwas abfällt, das mehr Konsumgüter für alle bedeutet als vor ein paar Jahrzehnten. Da nicht erneuerbare Ressourcen schwinden und wir dadurch nicht nur im Energiebereich vor Probleme gestellt werden, wenn wir nicht radikal umdenken, kann es keine Wachstumsökonomie mehr geben. Was wir produzieren, muss sinnvoll sein, in vielen Bereichen eher der Allgemeinheit als dem Individuum dienen (Bahn statt Auto etwa). Tatsächlich würde unsere Wirtschaft zusammenbrechen ohne den weitaus größeren nichtkommerziellen Bereich, in dem es um Wert und Qualität und nicht um Profit geht.

Neben der Arbeit in Non Profit Organisationen und im Öffentlichen Sektor sind es Bereiche wie Pflege, Betreuung und nicht bezahlte Arbeit im Haushalt und in der Kinderbetreuung, die letztlich das Rückgrat der Gesellschaft ausmachen. Wir sind soziale Wesen und keine Roboter in automatisierten Fabriken, unserem Menschsein und unserem Bedürfnis, eins zu sein mit dem, was wir tun, geben reine Stückzahlen von etwas nichts, und seien es quer über den Erdball verschobene Spekulationsgewinne. Wir wollen spüren, riechen, schmecken, empfinden, was unser Tun bedeutet, was es auch für andere bedeutet.

Auch wenn vieles in Zahlen zu messen versucht wird, das auf nicht quantifizierbare Weise erarbeitet und rezipiert wird, ist jedes Produkt menschlicher Tätigkeit einzigartig. "Das Bild, das du malst, kannst nur du malen", nennt es der Filmemacher Erwin Wagenhofer (Let's Make Money), der für eine Besinnung auf Werte plädiert. Dinge, Ideen, Projekte, die im Kleinen wirken, haben keine großen "Quoten" zu verzeichnen (an BesucherInnen, LeserInnen, TeilnehmerInnen, HörerInnen; SeherInnen, Mitwirkenden), wirken aber durch das Feuer ihrer BetreiberInnen, der Menschen, die sie mit Leben erfüllen. Wie Wagenhofer sagt, es geht um Authentizität, darum, so zu sein, wie man ist, das zu tun, was man gerne tut.


Wie will man ein Bild messen, eine Hörfunksendung, das Gespräch mit einem alten Menschen, das Spielen mit einem Kind? Wie soll bewertet werden, was ein Vortrag in jenen bewirkt, die ihm zuhören? Wie soll quantifiziert werden, welche Bedeutung offene, ehrliche Unterhaltungen mit den WählerInnen haben (statt Postwurfsendungen oder teure Inserate, nach Auflage der Zeitungen berechnet)? Es wird auf uns, auf jene, die aktiv am Paradigmenwechsel mitwirken wollen, noch zukommen, Menschen klarzumachen, dass wir nicht mehr so weiter konsumieren können. Denn es wäre vergleichsweise einfach, ihnen vorzurechnen, dass sie durch Zuwanderer keinen Job verlieren und nicht um Sozialleistungen kommen. Aber zu sagen, dass alle darauf verzichten werden müssen, mehr und mehr Konsumgüter anzuhäufen?

Das braucht spürbare Alternativen, Menschen, die vorleben, dass man mit weniger Konsum ein glücklicheres und erfüllteres Leben führt. Wohin die unbarmherzige Logik der reinen Marktökonomie führt, in der Beschäftigte ein Störfaktor für Aktienkurse sind, zeigte die France Telecom in den letzten Monaten. Zwei Dutzend MitarbeiterInnen begingen Selbstmord, nachdem ein Teil der Belegschaft entlassen wurde und die anderen unzumutbaren Stress hatten. Zunächst wurde geleugnet, dass ein Zusammenhang besteht, dann stellte man Personal ein, das den Rest der Angestellten beim Zu Rande Kommen mit dem Unerträglichen beraten sollte. Nach heftigen Protesten wurde erkannt, dass nur Entlastung (statt Entlassung zwecks Rationalisierung) ein Ausweg sein kann.

Nachdem so viele Menschen keine andere Möglichkeit mehr fanden, als sich das Leben zu nehmen, weil ihre Hilferufe nicht gehört wurden, weil jene, die es nur ändern hätten können, nicht interessiert hat, dass sie nicht mehr konnten. Wir haben heute für viele auch schlecht bezahlte und mit geringem Prestige ausgestattete Berufe toll klingende englische Namen und verschleiern ja auch die Einführung der Effizienz in vielen Bereichen wie dem Umgang mit Flüchtlingen. Dort übernehmen Firmen, was NGOs mit Empathie verrichteten, und aus dem Schubhaftgefängnis machen wir das Kompetenzzentrum für Aufenthaltsbeendende Maßnahmen.

In dieser Welt möchten wir, dass Frauen und Mädchen die gleichen Berufschancen haben wie Männer und Burschen. Wir werben dafür, dass sie Technikerin und Automechanikerin werden und schütteln ein bisschen den Kopf, wenn ihnen allen Kampagnen zum Trotz Geisteswissenschafterin und Friseurin doch besser gefällt. Warum eigentlich? Weil es wirklich um Chancengleichheit geht und Männer ja auch Geisteswissenschafter und Friseur werden dürfen? Oder weil wir bewerten und jene Berufe höher ansiedeln, die mit Effizienz und Meßbarkeit zu tun haben als jene, wo das Wie der geleisteten Arbeit subjektiv empfunden wird? Wollen wir Malen nach Zahlen, wie es die Akademie der Bildenden Künste auf den Punkt bringt?  Ein Resultat der StudentInnenproteste sollte jedenfalls sein, dass jede/r die Bildung haben kann, die sie/er möchte, in der Uni und außerhalb, und dass das von älteren Herren gerne verwendete Wort der "Orchideenfächer" in den nächsten Container an der Uni entsorgt wird.


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