(4.11.2009) Es hätte ein toller Coup sein sollen, um Straches Discotouren zu kontern, als Josef Prölls Parteistrategen beschlossen, den Superpraktikanten zu suchen . Gut, es war vielleicht etwas zu dick aufgetragen zu behaupten, es sei das begehrteste Praktikum Österreichs, eine Woche lang gratis für den Vizekanzler zu arbeiten. Josef Prölls Traum begann zunächst tatsächlich traumhaft, denn Maximiliane Audi, die Gewinnerin des Castings, war eine hübsche junge Frau mit langen blonden Haaren. Josef rückte sich die Krawatte zurecht, als er sie sah, und sicherheitshalber auch den Hosenbund. Er wollte Maximiliane beeindrucken, denn es versprach eine angenehme Woche zu werden.
Als Maximiliane, die er und seine Mitarbeiter Maxi nennen durften, an Montag früh im Finanzministerium erschien, kam ein nicht enden wollender Strom von Personen. "600 Tassen Kaffee bitte" sagte Maxi und deutete auf die Menschen: "Wir sind die Facebook-Gruppe Audimax statt Superpraktikant, wir haben das begehrteste Praktikum Österreichs gewonnen", und Josef, der nicht der langsamste Kneisser in der Regierung war, dämmerte, dass Maxi in Wirklichkeit ganz anders heissen musste. "Wir können jeder und jede ein paar Minuten für Sie arbeiten", meinte ein etwas älterer Mann, dessen Studium wohl schon länger zurücklag. "Oder wir begleiten Sie ab jetzt alle", schlug eine Frau mit Piercings vor. Josef stellte sich vor, wie ihm eine Woche lang 600 Menschen überallhin folgten. Fast überall hin, denn auf die Toilette würde er wohl noch alleine können....
Josef sah sich umgeben von Menschenmassen, ständig redete jemand auf ihn ein. 1200 Hände griffen nach den Papieren, die seine Mitarbeiter kopieren lassen wollten. Rund um ihn klingelten Handys, 600 PraktikantInnen erzählten, wie sich "das begehrteste Praktikum des Landes" anlässt. Zum Ministerrat am Dienstag wollte Josef mit dem Dienstwagen flüchten, doch da das Finanzministerium nicht allzu weit vom Ballhausplatz entfernt ist, folgten ihm die 600 bald nach. Sie ließen sich nicht davon abhalten, das Bundeskanzleramt zu betreten, denn als Josef Werner fast flehentlich bat, die Tore schließen zu lassen, meinte dieser nur stirnrunzelnd, dass eine protestierende Menge Praktikanten am Ballhausplatz ja auch kein schönes Bild abgibt.
Nicht nur die Mitglieder der SPÖ-Regierungsfraktion verkniffen sich kaum das Grinsen, als Josef von seine Verfolgern eingeholt wurde. Er hatte es sich schliesslich selbst eingebrockt. Zwar wussten die meisten der 600 bislang nicht, dass zum Ministerrat immer viele Medien kommen, doch alle erfassten die Lage und nutzten die Gelegenheit, Statements abzugeben. Für die JournalistInnen, aber auch für Josef selbst war es eine Chance zu erfahren, wie ganz normale Menschen leben. Die kannte man sonst gar nicht, denn sie waren eine anonyme Masse, an die man nur dachte, wenn es um Sozialleistungen ging, die sie sich auch wirklich verdienen mussten. Sie waren einfach nicht so wichtig wie Banzen, Konzerne und Parteifreunde.
"Ich hatte lange Zeit einen guten Job", erzählte ein Mann. "Und dann habe ich ihn verloren, und nun bietet man mir Praktika an." "Für mich gibt's überhaupt nur mehr Praktika", sagt eine Frau. "Und wenn ich sie annehme, heisst es, ich sei unbeständig. Dabei kann ich mir dann nicht mal die Wohnung leisten, so wenig kriege ich dabei." Ein anderer Mann meint, er habe versucht, sich selbständig zu machen, aber die Konkurrenz ist so gross, es gibt kaum Aufträge. "Ich arbeite im Supermarkt", berichtet eine Frau. "Habe unter 1000 Euro, muss viele unbezahlte Überstunden machen." Josef schwirrt bald der Kopf, die Gesichter verschwimmen vor ihm. Er möchte wegdriften, doch sie umringen ihn, reden auf ihn ein. "was wollt ihr", ruft er, es reicht!
Er kann das alles nicht mehr hören. "Wir wollen den Urlaub in Vorarlberg", sagt Maxi, wie auch immer sie heissen mag. Achja, der wurde dem Superpraktikanten versprochen. Ob ihm die Partei einen Sonderzug und ein Hotel bezahlt, überlegt Josef kurz. Nein, das ist doch etwas zu viel, dies oder das kann man schon irgendwie reinschummeln, aber für 600 Leute?! "Wir besetzen das Bundeskanzleramt!" ruft jemand, den Josef nicht genau erkennen kann. Schon lassen sich mehrere Personen nieder, und Josef sieht, dass sie Schlafsäcke mitgebracht haben. Wie konnte das jemandem entgehen? Er hat das ungute Gefühl, dass ihnen alles entgleitet. Helft mir, versucht er seinen RegierungskollegInnen stumm zuzurufen, doch die stehen nur abwartend und mit verschränkten Armen da.
Man muss doch zusammenhalten...im Ernstfall....und das ist ein Ernstfall! Das Volk hat hier nur am Tag der offenen Tür etwas zu suchen, am Nationalfeiertag - jedenfalls wenn es in Massen kommt. "Wir wollen das Bankenpaket!" - nun beginnen sie auch noch zu fordern. Was auch immer jemand vorschlägt, alle stimmen mit Applaus ein. Vor Josef werden mehrere Fotohandys und Kameras gezückt. Heute kann man damit doch alles machen, befürchtet er, hat man ja bei den Studentenprotesten gesehen. Was, wenn seine missliche Lage im Livestream in alle Welt übertragen wird? Josef erspäht eine Lücke in der Menge und schiebt sich durch, beginnt zu rennen, und rennt und rennt und rennt.... er erwacht schweißgebadet. Nach ein paar Minuten ist im klargeworden, dass er keine 600 PraktikantInnen hat, nein, noch nicht mal einen, und dass das Bundeskanzleramt auch nicht besetzt ist. Er nimmt seinen Blackberry und macht sich Notizen zu einem Entwurf über die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, die entschlossene Menge vor Augen, die "Wir sind das Volk!" skandiert....
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