(26.11.2009) Mehr als zwei Jahre hat die Journalistin Elisabeth Horvath an ihrem Buch über Heinz Fischer gearbeitet, der am 23. November seine Wiederkandidatur als Bundespräsident bekanntgab. Nun wurde das Buch in der Wiener Albertina präsentiert, natürlich inklusive einiger Reflexionen Fischers. Autorin Horvath meinte, Fischer habe ihr "sehr persönliche Einblicke" gewährt und sie ohnehin während ihrer Laufbahn immer interessiert, da er ein "bürgerlicher Sozialdemokrat" ist. Sie wollte wissen, woher er kommt und was ihn geprägt hat - und hat wohl recht, dass sie diese Neugier mit vielen anderen Menschen teilt.

Elisabeth Horvath
Zumal Fischer stets verstanden hat, sein Privatleben abzuschirmen, sich also von dem ferngehalten hat, was man heute "Seitenblickegesellschaft" nennt. Wie als ironische Anmerkung des ORF dazu kam nach der Buchpräsentation Society-Reporter Dominic Heinzl, um den Präsidenten kurz zu interviewen. Horvath konnte jedenfalls, was Fischers Kindheit betrifft, an ihre eigene anknüpfen, denn auch sie wurde im Krieg geboren. Das bedeutet bei Heinz Fischer (*9.10.1938), Angst und Bombenangriffe zu kennen und von diesen frühen Erlebnissen auch geprägt worden zu sein. Fischer ging dann auch selbst darauf ein und erinnert sich, dass seine jüngere Schwester Edith immer von Fliegeralarm redete, ohne das Wort noch richtig aussprechen zu können.
Beide wissen noch genau, wie es im Kohlenkeller gerochen hat, der eine Zufluchtsstätte von wohl trügerischer Sicherheit war. Die Kinder wuchsen in einem "harmonischen, liebevollen" und sozialdemokratischen Elternhaus auf. Die Eltern, Jurist und Hausfrau, lernten einander im Esperantokurs kennen. Sie haben Heinz und Edith auch über die NS-Zeit aufgeklärt, jedoch ohne pauschale Urteile über Menschen zu fällen. Biografin Horvath meint zur manchmal geäußerten Kritik, Heinz Fischer sei zu vorsichtig, dass sie diese Einschätzung ohnehin nie nachvollziehen konnte. "Denn Fischer agierte in politischen Grundsatzfragen stets unbestechlich, etwa im Eintreten für die Neutralität Österreichs."
Fischer hat oft die Rolle des Vermittlers, die niemand einnehmen kann, der sich in Konflikte hineinziehen lässt. Er ist derjenige, der einen Ausweg sucht, aber auch ein Stratege und Schauspieler, der anderen vorausdenkt, was sie immer bewundert hat. Für das Buch führte sie viele Gespräche mit WegbegleiterInnen, unter anderem mit der Politikerin und Ärztin Elisabeth Pittermann, in deren Elternhaus der junge Fischer ein- und ausgegangen ist. Immer wieder wird auch erwähnt, welch wichtige Rolle er bei Wirtschaftsdelegationen spielte. Ein Kapitel ist Ehefrau Margit Fischer gewidmet, die immer mehr war als nur die Frau an seiner Seite.
Der Politologe Anton Pelinka (*1941) bescheinigt Heinz Fischer in seinem Statement, dass er beim Thema Populismus keine Chance auf einen vorderen Platz in einem PolitikerInnen-Ranking hätte. Das ist Resultat seines Stils, zu dem auch gehört, Privates nicht öffentlich werden zu lassen. Daher ist dieses Buch besonders interessant, zeigt es doch den Heinz Fischer, den wir nicht aus von ihm selbst verfassten Aufsätzen kennen. Fischers Freunde stammen noch aus der Jugendzeit, in der er sich, da sein Elternhaus ohnehin sozialdemokratisch war, eine intellektuelle Begründung für seine politische Orientierung earbeiten musste.
Heinz Fischer
1968 engagierte sich Fischer für die Überwindung des Kolonialismus, für mehr parlamentarische Demokratie und mehr Mitbestimmung an den Universitäten. Fischer hat "niemals jemandem die Loyalität aufgekündigt aufgrund von Druck, der auf ihn ausgeübt wurde". Er steht "immer auf Seite der persönlichen Freiheit und der sozialen Gleichheit". Fischer kämpfte als junger Mann jahrelang gegen die Selbstverständlichkeit, mit der NS-belastete Professoren unterrichten durften, wie Taras Borodajkewycz an der Hochschule für Welthandel. Dort notierte der spätere Finanzminister Ferdinand Lacina seine antisemitischen Aussagen, die SPÖ.-Klubmitarbeiter Heinz Fischer öffentlich machte.
Fischer wurde von Borodajkewycz geklagt, SPÖ-Abgeordnete verlangen von ÖVP-Unterrichtsminister Theodor Piffl-Percevic die Suspendierung des Professors. Es kommt zu Demonstrationen im Jahr 1965, an denen auch Überlebende der NS-Verfolgung teilnehmen, unter anderem Ernst Kirchweger, der im Konzentrationslager war. Er wurde von Günther Kümel, einem Mitglied der rechtsextremen Burschenschaft Olympia, so schwer verletzt, dass er nach drei Tagen starb. Auch heute ist die Olympia sehr aktiv, stellt sie doch mit Martin Graf (FPÖ) den 3. Nationalratspräsidenten. Der Widerstand gegen Rechtsextremismus wird nun auch über Web 2.0 organisiert, das ja im Wahlkampf von Heinz Fischer eine große Rolle spielen wird.
Fischer wird vielfach als Angehöriger einer aussterbenden Politikergeneration bezeichnet (gar als "der Letzte seiner Art", so ein Kommentar mit einer Titelwahl, die an Berichte über gefährdete Tierarten erinnert). Vielleicht ist er es auch in einem Punkt, den Pelinka aus eigener Erfahrung nochmals betont: Fischer hat ihm persönliche Loyalität gezeigt, als er 1967 seinen Job bei der Zeitschrift "Die Furche" verlor, weil er sich nicht anpasste. Dabei kann man Fischer weder als links noch als rechts bezeichnen, da er sich immer um Verständnis bemüht und auch bereit ist, noch Zweifel zuzulassen. Fischer wurde, meint Pelinka, vor allem durch das Parlament geprägt. Als er 1990 Nationalratspräsident wurde, war dies ein "ehrenvoller Nebenberuf" (allerdings sehr gut bezahlt aus der Sicht "normaler" Menschen mit Hauptberuf oder auf Jobsuche).
Fischer setzte sich für eine Verstärkung des Parlamentarismus ein, er baute den wissenschaftlichen Dienst des Parlaments aus und sorgte für einen internationalen Standards entsprechenden Umgang mit den MitarbeiterInnen. Zum privaten Fischer merkt Pelinka vor allem an, dass er schnelle Autos mag und "beinhartes Fussballspielen". Seit Fischer im Jahr 2004 Bundespräsident wurde, steht er permament im Scheinwerferlicht. Da Fischer offenbar recht erfolgreich Regeln der Stimmenmaximierung negiert, könnten die PolitikberaterInnen einmal sehen, wie er dies macht und von ihm lernen. Der Weg zum Bundespräsidenten wird im Buch übrigens gerade mal gestreift. Pelinka gratuliert abschliessend auch der Republik Österreich zu so einem Präsidenten.
Heinz Fischer kommentiert die Biografie dann auch humorvoll, es "unglaublich faszinierend ist", wenn jemand anderer das eigene Leben beschreibt. Er war "bei manchem überrascht, dass es drinnensteht" und hat bei anderen Bereichen erwartet, dass sie vorkommen, aber das ist eben nicht der Fall. "Ich war immer schon ein Bücherfetischist", sagt er, ebenso seine Schwester, denn beide erinnern sich nicht mehr, wo sie in der Wohnung der Eltern geschlafen haben. Aber was ihnen ganz genau im Gedächtnis geblieben ist, war der Bücherschrank samt Inhalt. Da gab es eine Trotzki-Biografie, die der Vater über den Krieg rettete. In diesem Buch stand eine Vorbemerkung von Trotzki, wonach das schlimmste Gefängnis mit einem Buch, einer Feder und Papier zu ertragen ist.
Anton Pelinka
Fischer erinnert sich, dass sein Vater, als er 12 oder 13 war, auch ein Aufklärungsbuch in den Bücherschrank stellte. Aus seiner Zeit als Politiker sieht Fischer zu seiner großen Freude Episoden, die falsch überliefert wurden, richtig wiedergegeben. Besonders viel bedeutet ihm spürbar, was er an der Seite Kreiskys etwa im Bereich internationaler Beziehungen bewirken konnte. Fischer kennt natürlich Nelson Mandela, aber auch Führungspersönlichkeiten im heutigen Irak, die er vor 30 Jahren als Exilkurden empfangen hatte, darunter der irakische Präsident Jalal Talabani.
In Vertretung von Bruno Kreisky beteiligte sich Fischer 1980 an Gesprächen mit Fidel Castro, damals Vorsitzender der Bewegung der Blockfreien, über Afghanistan, doch diese verliefen ergebnislos. Dass Margit Fischer ein einiges Kapitel gewidmet ist, findet Fischer mehr als gerechtfertigt, wobei es eigentlich zu wenig ist, was ihren Anteil an seiner Arbeit betrifft. Es bietet aber dennoch Einbiicke - und da Frau Fischer ja auch eine eigene Rolle hat. können ihr die Menschen in dieser ohnehin begegnen. Ohne kritische Töne sei die Biografie, berichtet dann die Zeit im Bild im ORF - das hat sie dann aber gemein mit "Offen gelegt", den Erinnerungen von Wolfgang Schüssel über die Zeiten von Schwarzblau....
Infos:
Heinz Fischer hat jetzt ein Personenkomitee
Heinzfischer.at
Hofburg.at
Verlag Kremayr & Scheriau
****
Das Frauenministerium wird Ceiberweiber mit € 5000.- (beantragt: 25.000 wie üblich, bei gestiegenen Zugriffszahlen) unterstützen, sodass ich, um die Seite weiterzubetreiben und meinen Lebensunterhalt (wieder) zu sichern (derzeit lebe ich von wenigen Ersparnissen), Aufträge journalistischer Art brauche, auch ein Teilzeitjob wäre willkommen. Ich kann bswp. von Veranstaltungen berichten, Leute für Projekte interviewen, schreibe gerne Artikel, Kolumnen und Kommentare zu allen Themen (meine Selbstvorstellung mit allen Infos ist hier als doc-Datei). Und überhaupt:
Anregungen, Infos, Angebote, Veranstaltungsankündigungen und Meldungen für die Ceiberweiberseite bitte per Mail an Alexandra Bader
Denn das ist kein Grund aufzugeben (außerdem werde ich von was leben müssen:-) Solidarität für Ceiberweiber - hier nehme ich gerne auch weitere Statements der LeserInnen auf...
Spenden für den Fortbestand von Ceiberweiber nehme ich gerne entgegen: Alexandra Bader Erste Bank 00032875894 BLZ 20111 BIC GIBAATWWXXX IBAN AT592011100032875894
Herzlichen Dank!
Mein
Feedback-Beitrag zu diesem Artikel |
|