Am Anfang war die Frau gilt auch, wenn es um Utopien und Science Fiction geht. In Sachen Utopie denken die meisten, zuerst sei Thomas Morus gekommen, der seine fiktive Gesellschaft "Utopia" nannte nach dem griechischen Wort "utopos" für kein Ort. Vor ihm entwarf aber Christine de Pizan im "Buch der Stadt der Frauen" im 14. Jahrhundert die erste "utopische" Stadt, ein Leben, in dem Frauen im Gegensatz zu den realen Beschränkungen in der Gesellschaft einander gegenseitig unterstützen können. Übrigens praktizierte de Pizan dies auch selbst, in dem sie Aufträge bevorzugt an Frauen vergab. Auch Science Fiction begann mit dem Werk einer Frau, "Frankenstein" von Mary Wollstonecraft Shelley im 19. Jahrhundert. Hier wird der damals moderne Schauerroman verwendet, um eine technokratische Entwicklung zu einer Horrorvision zu gestalten, als Kritik an seit dem 17. Jahrhundert von aufgeklärten Männern gepflegte Visionen einer technisierten Gesellschaft. Klarerweise läßt Shelley einen Mann zum Schöpfer des lebendig gewordenen Alptraumes werden und formuliert so als erste Frau Kritik am Wahn der Männer, alles für beherrschbar zu halten und sich die Natur untertan zu machen.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwarf Mary E. Bradly Lane mit "Mizora" die erste Utopie einer nichtpatriarchalen Welt. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die ins Erdinnere reist, wo sie eine rein weibliche Gesellschaft vorfindet. Es gibt keine Kriege, keine Gewalt, kein Verbrechen, reine Harmonie und die Mutter-Tochter-Beziehung als Vorbild aller Beziehungen. Mizora konnte aber nur entstehen, indem die Frauen alle Männer töteten. Anfang des 20. Jahrhunderts schuf Charlotte Perkins Gilman mit "Herland" eine Frauengesellschaft, die vom Rest der Welt durch eine Naturkatastrophe abgeschieden ist. Auch hier mussten sich die Frauen von den Männern befreien, die zuerst die alten Frauen töteten und sich die jungen dienstbar machten. "Herland" ist ebenfalls eine friedliche Gesellschaft, wobei die Autorin das Einssein mit der Natur besonders betont und daher auch Vorläuferin der gegenwärtigen ökofeministischen Utopien ist. Amüsant zu lesen ist der Roman durch die Perspektive, aus der wir "Herland" erleben: drei Männer gelangen durch Zufall in diese fremde Welt, mit deren Regeln sie überhaupt nicht zurechtkommen, auf die sie unterschiedlich reagieren....
"Moving Mountains" ist ein weniger bekanntes Werk von Gilman und eine humanistisch-sozialistische Gesellschaft von Männern und Frauen, die sich gegen die Technologie richtet. Die Frauen protestieren gegen die Kriegsmaschinerie und weigern sich, vergiftete Lebensmittel zu konsumieren. Sie schaffen Kooperativen und weibliche Arbeits- und Lebensgemeinschaften. Gilman stellt die Familie zwar nicht in Frage, verlagert Hausarbeit und Kinderbetreuung aber in die Gemeinschaft, da Mutterschaft eine Pflicht von Männern und Frauen und der Gemeinde sei. Wie bei Gilman ersichtlich und bereits bei de Pizan zutreffend bestehen enge Verbindungen zwischen politischem Engagement für Frauenrechte und dem Entwerfen von Utopien. Dies zeigt sich auch bei heute kaum bekannten Werken im Zuge der deutschen Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Magda E. Trott stellte in "Vor der Gründung des Frauenstaates" eine Frauenversammlung dar, bei der eine Rednerin um Unterstützung für den Plan wirbt, die Lüneburger Heide als Frauenland zu erwerben. Ellen Key veröffentlichte "Die Frau in hundert Jahren", eine Story, wo aus der Perspektive von 1909 die technische Entwicklung antizipiert wird. Alles wird heute auf Knopfdruck elektrisch erledigt, auch die Betreuung von Kindern, die kurz nach der Geburt in Kinderheimen abgegeben werden. Auch die Frage der Fortpflanzung der Menschheit ohne Elternschaft ist fast gelöst, womit Key gar nicht so unrecht hat bezogen auf den Beginn des 21. Jahrhunderts.
Spätere Utopien werden auch mit Entwürfen totalitärer Gesellschaften in Verbindung gebracht wie "Brave New World", "Animal Farm" oder "1984" und damit als "Männersache" angesehen. Kaum jemand kennt aber Karin Boye, die 1941 aus Verzweiflung über den Aufstieg von Faschismus und Nationalsozialismus Selbstmord beging. "Kallocain" ist in einem "Weltstaat" des 21. Jahrhunderts angesiedelt, der sich im Krieg mit einem anderen Staat befindet. Die Menschen sind sich dessen durch Militärdienste, Übungen der Luftwaffe, eingerollte Tarnplanen auf den Dächern der Häuser und dadurch bewusst, dass es besonders streng verboten ist, "geografische Gerüchte" zu verbreiten. Leo Kall, dessen Bericht wir lesen, dient diesem totalitären Staat als Chemiker, und ist absolut loyal, bis er im Alter von etwa 40 Jahren die Wahrheitsdroge "Kallocain" erfindet. Trotz "Polizeiohr" und "Polizeiauge" in den Wohnungen, trotz Berichtspflicht von Dienstmädchen über die Familien und trotz von Beruf und Diensten erfülltem Alltag ist die Überwachung noch nicht perfekt. Kall möchte auf die Gedanken der Menschen zugreifen und experimentiert zuerst mit Angehörigen des "Freiwilligen Opferdienstes", was Personen bezeichnet, deren Job es ist, bei Versuchen eingesetzt zu werden. Zutage fördert er nur Jämmerliches - Selbstmitleid, Angst, geheime Illoyalität gegenüber dem Staat, diverse Gelüste.
Heute ist das Angebot an weiblicher wie männlicher Science Fiction nahezu unübersehbar, sodass hier auf einige wenige Werke hingewiesen wird. Pamela Sargent stellt in "Das Ufer der Frauen" eine Welt dar, wo nach einem Atomkrieg die neue Zivilisation nach einer langen Zeit in Schutzbunkern von Frauen geschaffen wird. Sie leben in voll technisierten Städten von bis zu drei Millionen Einwohnerinnen, während die Männer draussen in der Wildnis überleben müssen - schliesslich sind sie dafür verantwortlich, dass die Erde beinahe zerstört worden wäre. Die junge Laissa gehört zu einer "Kaste" von Frauen, den "Müttern", die sich für den Weiterbestand der Menschheit insofern opfern, als dass sie auch Buben gebären, die dann ihren Väter an die Mauer gebracht werden. Die einfachen Frauen bringen hingegen nur ihresgleichen zur Welt und sind sich allenfalls verschwommen der Existenz von Männern ausserhalb der schützenden Städte bewusst.
Manchmal machen Autorinnen Ausflüge in die SF, die eigentlich für anderes bekannt sind, wie Christa Reinig mit "Die Witwen", wo ein Virus nur Männer, nicht aber Frauen befällt. Zunächst sind die Folgen des Todes der Männer schlimm, da viele Berufe kaum von Frauen ausgeübt werden, Strom und Versorgung deswegen versagen. Die Frauen finden sich aber mit der neuen Situation zurecht und schätzen es, nun alles tun zu können, was ihnen bisher verwehrt war. Sie ziehen aufs Land, um sich mit dem zu versorgen, was aus der Erde kommt - nicht zufällig ein Naturbezug, der bei weiblicher SF oft vorkommt. Geschlechterrollen spielen immer eine Rolle in derlei Romanen, doch wenige gehen bei deren Auflösung so radikal vor wie Ursula K. Le Guin in "Winterplanet". Hier leben menschenähnliche Wesen, die nur in ihrer sexuell erregbaren Phase ein Geschlecht annehmen, sodass es natürlich nie die üblichen patriarchalen heterosexuellen Beziehungen geben kann.
Joanna Russ entwirft in "Eine Weile entfernt" vier Welten mit vier "Heldinnen": Ein Amerika, das nie in den Zweiten Weltkrieg eintrat, die realen Siebziger Jahre, eine nicht so ferne Zukunft, wo Krieg zwischen Männern und Frauen stattfindet, und die Welt Whileaway, wo Männer schon lange vergessen sind. Natürlich treffen die vier Protagonistinnen mit ihren Sichtweisen aufeinander.... "Die Maerlande Chroniken" von Elisabeth Vonarburg stellen hingegen eine Welt dar, wo nach Kriegen nur mehr wenige Männer geboren werden, die lediglich als Samenspender interessant sind. Die Gesellschaft wird von Frauen dominiert und ist kein reines Paradies, da Vonarburg die Außenseiterin Lisbeï in den Mittelpunkt stellt.
"Das Geheimnis des Mandelplaneten" von Françoise d'Eaubonne handelt in einer Welt, aus der Männer per Mutation verschwunden sind. Eine Expedition will den bislang unbekannten Mandelplaneten erforschen, der die Teilnehmerinnen fasziniert und erschreckt. Zu seinen rätselhaften Phänomenen gehören Seen, die nachts bedeckt sind oder ein Megalith, der sich manchmal pulsierend in die Höhe richtet. Die Frauen werden mehr und mehr vom Wesen dieses Planeten in Bann gezogen und haben das Gefühl, etwas unwiderbringliches verloren zu haben. Margaret Atwood liess sich für "Der Report der Magd" vom Umsturz im Iran und von christlichen Fundamentalisten in den USA inspirieren. Im Männer-Gottesstaat Gilead wird freie Ausübung von Sexualität anhand von Bibelzitaten mit dem Tod bestraft; die Leichen hängen zur Abschreckung an einer Mauer. "Retroaktive" Verbrechen wie Abtreibung vor der Machtübernahme der Fundis werden ebenfalls geahndet.
Auch Männer sind im starren System unterdrückt, doch die Kontrolle über die Frauen ist lückenlos. Eine "Magd" soll der unfruchtbaren Ehefrau eines Kommandanten ein Kind schenken, indem sie regelmäßig im Beisein der Frau Sex mit dem Mann hat. Die "Mägde" sind auch einander Spionin, da sie nur paarweise in die Stadt gehen dürfen, Einkaufen in Geschäfte, wo Bilder Schriftzeichen ersetzen, die Frauen nicht lesen dürfen. Selbst wenn die "Magd" schwanger wird, werden oft als Folge von Radioaktivität und Umweltzerstörung "Unbabies" geboren. Im "Planet der Habenichtse" von Ursula K. Le Guin treffen eine pazifische und eine gewalttätige patriarchale Gesellschaft aufeinander, während Nicola Griffith in "Ammonit" einen von Frauen bewohnten Planeten wiederentdecken lässt. Das gemischte Expeditionsteam wird bald durch Krankheiten dezimiert, ein paar Frauen überleben und können daher die weibliche Welt entdecken.
Marge Piercy schreibt gerne mithilfe von SF-Elementen und entwirft komplexe, detailreiche, dennoch spannende Romane. In "Er, Sie und Es" treten wir in eine durchorganisierte Welt des 21. Jahrhunderts ein, wo die Menschen in Konzernstädten leben. Shira kämpft mit Ex-Ehemann Josh um das Sorgerecht für ihr Kind, welches in einer Tagesstätte versorgt wird, während sie arbeiten. Der Konzern bestimmt alles, auch die Religion der Angestellten, sodass sich die beiden Juden als "Marranos" fühlen; spanische Juden, die während der Inquisition vorgaben, Christen zu sein, um zu überleben. Mit Shiras Geschichte wird die Legende vom Golem verbunden, den Rabbi Loew im Prager Ghetto geschaffen haben soll. Somit sind wir wieder bei einem Vorläufer von Mary Shelleys Frankenstein...

Diskussion über weibliche Utopien
Am 18. Jänner 2006 wurde auf Einladung von Wiens Frauenstadträtin Sonja Wehsely in der Nationalbibliothek darüber gesprochen, welche Zukunftsvisionen Frauen einst hatten und heute haben. Ansatzpunkt "früher" war Bertha von Suttner, deren Biografin Laurie Cohen den Jetztbezug der Ideen der Friedenskämpferin darstellte. Zunächst sieht sie eine Parallele zwischen der heutigen Abwertung von "Utopien", die etwa auf eine sozial gerechte Welt abzielen, und den einstigen Reaktionen. "Sie sind eine Träumerin!" wurde von Suttner oft beschieden, und "Utopist" galt damals als Schimpfwort. Cohen betont, dass es nicht nur um reine Vorstellungen von einer anderen Welt geht, sondern auch darum, etwas Konkretes in diese Richtung zu unternehmen.
Es sei immer schade, wenn Menschen ohne Träume und Visionen leben, denn dann unternehmen sie auch nichts. Utopie hat grosse Kraft als Vorstellung von einer anderen Welt und kann als Wegweiser dienen; sie muss keine verbindliche detaillierte Vision sein. In Sachen Geschlechtergerechtigkeit freut sie sich, dass nun mehr Frauen an der Spitze von Regierungen stehen, wie jüngst in Deutschland, Liberia, Chile und wieder in Finnland, doch ist die Medienaufmerksamkeit dafür auch ein Signal, dass es eben nicht selbstverständlich ist. In Tschechien sind bald Wahlen, doch wird eine neue Frauenpartei dabei nicht kandidieren, erklärt Eva Ferrarova, Direktorin der Prager Magistratabteilung für Internationale Beziehungen. Diese Partei wird eine andere Partei unterstützen, wahrscheinlich die Grünen. Frau sein allein sei eben kein Programm, so sehen es auch die Frauenpartei-Frauen.
Für sie ist die Geschlechterfrage aber eines der wichtigsten politischen Kriterien, doch sind Frauen keine homogene Gruppe, sodass man meist nicht etwas für "die Frauen" verändern kann. Interessanterweise lehnte Bertha von Suttner auch ab, für "die Frauen" zu sprechen, wie Cohen an einem Beispiel zeigt. So äußert sie sich im Artikel "Weltfrieden vom Standpunkt einer Frau" dazu, dass sie schlicht "Weltfrieden!" als Titel gewählt hätte. Sie behandelt Friedensfragen nämlich nicht ausschließlich oder auch bloss bevorzugt aus der Frauenperspektive. Natürlich ist alles, was eine Frau schreibt, auch vom Standpunkt einer Frau aus verfasst. Von Suttner war jedoch mit ständiger Reisetätigkeit zu Kongressen und wichtigen Gesprächen beinah wie eine Politikerin tätig - als Frauen hierzulande noch gar kein Wahlrecht hatten. Und sie war die einzige Präsidentin einer der damals zahlreichen Friedensgesellschaften.
Ferrarova weist darauf hin, dass es zumindest eine Gemeinsamkeit in Utopien von Frauen gibt - Frieden. Es geht mehr oder weniger immer um Frieden, und auch in der Politik sind Frauen, die keinen Frieden wollen, stets Teil von Strukturen, die nicht auf Frieden basieren, also deren Nutznießerinnen. Da Geld und Macht auch für Frauen eine Rolle spielen, plädiert sie dafür, Zusammenhänge zwischen den Utopien von Frauen und Männern zu suchen, eben weil es auf den individuellen nicht geschlechtergebundenen Standpunkt ankommt. Cohen betont doch gewisse Unterschiede und zitiert Ute Scheubs Satz "je frauer, desto Frieden", der auch "no women - no peace" lauten könnte.
Frauen hätten, meint Cohen, mehr "Neigung" zum Frieden, dennoch gibt es weniger weibliche Friedensnobelpreisträger. Frieden war stets wichtig bei Frauenkongressen, und wir wissen auch, dass Friedensverhandlungen dort erfolgreich verlaufen, wo Frauen beteiligt sind. Deutlich zeigt sich dies beim weltweit höchsten Frauenanteil in einem Parlament von fast 50%, der nicht wie zu erwarten in einem skandinavischen Land besteht, sondern in Ruanda. Dies deshalb, weil alle erkannt haben, dass die Beteiligung von Frauen Frieden bringt. Ferrarova bringt die Diskussion auf die Frage, welche Gesellschaft wir wollen, wenn wir gleiche Löhne und gleiche Rechte fordern.
Sollen unsere Ziele in dieser Gesellschaft oder in einer ganz anderen erreicht werden? Für andere Werte und Strukturen spricht auch, dass es auch heute so viele Kriege gibt. Konkrete Veränderungen im Denken gehen jedoch langsam vor sich und setzen bei Bildung an. In Prag wurde bei den BeamtInnen begonnen, die mit Chancengleichheit vertraut gemacht werden sollten. Entsprechende Schulungen wurden Pflicht, sind heute selbstverständlich und werden durch Seminare und Projekte ergänzt, um auch breitere Kreise damit zu erreichen....
Text & Bilder: Alexandra Bader, Jänner 2006
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