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Nach dem Papstbesuch: Kardinal Schönborn attackiert Fristenregelung  

Benedikt XVI selbst äußerte sich in Sachen Fristenregelung nur so, dass er an die Politik appelliert, sie im Strafrecht zu belassen. Tatsächlich gibt es Forderungen, unter anderem von den SPÖ-Frauen, den Schwangerschaftsabbruch aus dem Strafrecht zu streichen. So gesehen wären die Papst-Aussagen bei einer Kirche alter Männer zu erwarten und nicht sonderlich überraschend. Kaum sass Benedikt XXVI aber wieder im Airbus nach Rom, zündelte Kardinal Schönborn in der ORF-Sendung "Im Zentrum" am 9. September 2007. Dort sassen Geistliche, darunter eine evangelische Pfarrerin, weiters eine katholische Religionspädadogin und zwei Journalisten, keine/r mit rudimentärem medizinischen Grundwissen. Und auch, kann man sarkatisch hinzufügen, ohne kirchengeschichtliches Wissen, da der Kampf gegen Abtreibung erst seit dem 19. Jahrhundert geführt wird, also wenn von Gott gegeben doch eine relativ späte Idee des Herrn hoch oben sein wird.

Abbruch findet in Österreich in der Regel einige Zeit vor der 12. Schwangerschaftswoche statt, wenn es sich um einen "Zellklumpen" handelt, der maximal der Keim zu einem neuen Menschen ist, ohne Garantie, dass er sich auch ungestört so weit weiterentwickelt, dass daraus ein lebensfähiges Kind entsteht. Was bekamen wir aber widerspruchlos im Fernsehen zu hören? Zuerst ritt Schönborn auf dem Wort "Tötung" herum, dann verwendete er zunehmend "Töten von Kindern", faselte etwas von Wien als sicherer Stadt, in der nur Ungeborene "gefährdet" seien und brachte alles mit dem Papst-Statement von einem Europa in Verbindung, das "arm an Kindern" geworden sei. Österreich hat in den letzten Jahren einen Bevölkerungszuwachs verzeichnet, sodass wir damit eigentlich nicht gemeint sein können. Schön borniert hat der Herr Kardinal keine Ahnung davon, wie sehr viele Frauen in Wien gefährdet sind - nicht bloss gezeugte, sondern bereits Geborene, die Gewalt in Beziehungen ausgesetzt sind, die von Ex-Freunden oder auch Unbekannten gestalkt werden oder vergewaltigt worden sind. Immerhin hat die UNO Österreich dafür kritisiert, dass Gesetze, die Frauen schützen sollen, von Polizei und Gerichten zu lax umgesetzt werden. Übrigens ohne dass sich Vertreter der Männerkirche betroffen geäußert und Frauen wenigstens verbal gegen Gewalt in Schutz genommen hätten.

Die kritische Theologin Ute Ranke-Heinemann meinte im Interview (Standard:, 7.9.2007): "Papst Benedikt XVI. hat zwar auf dem "Weltkongress gegen die Todesstrafe" in diesem Jahr in Paris am 15. März dazu aufgerufen, die Todesstrafe abzuschaffen. Aber die Kirche selbst befürwortet die Todesstrafe nach wie vor: Weltkatechismus 1992, Nr. 2266, lateinische Fassung 1997, Nr. 2267 und Kompendium des Katechismus von Benedikt XVI. 2005, Nr. 469. Statt nur zur Abschaffung der Todesstrafe "aufzurufen", hätte er beim Papstbesuch von Bush am 10.6.07 auf einer Abschaffung der Todesstrafe bestehen sollen. Aber er und Bush gehen vor nach dem Motto: je ungeborener, ja ungezeugter der Mensch, desto schützenswerter ist er. Und deswegen wurde auch bei diesem Bushbesuch der Irakkrieg nicht einmal erwähnt.

Ich bin als Pazifistin gegen Tötung und Abtreibung. Aber ich glaube nicht, dass der Sprung in das Individuum (= Unteilbares) "im Augenblick der Empfängnis" geschieht. Bis 1869 gab es eine Frist von 40 Tagen (Männerseele) bzw. 80 Tagen (Frauenseele) in Anlehnung an die Sukzessivbeseelung (Nach-und-Nach-Beseelung) bei Aristoteles. Aber da es "der Jungfrau Maria unangemessen" sei, nicht "vom ersten Augenblick an eine vernunftbegabte Seele" gehabt zu haben, so der Leibarzt des Papstes Innozenz X. Paul Zacchias 1661, wurde diese Frist schließlich von Pius IX. abgeschafft (Bulle Apostolicae Sedis 1869) und das Kirchenrecht geändert. Ein Jahr später erklärte er die Unfehlbarkeit des Papstes (also seine eigene) zum Dogma.

Die Menschwerdung des Menschen entzieht sich jeder Berechnung und Fixierung und vollzieht sich in einer geheimnisvollen Unnahbarkeit, in einer trotz aller Nähe fremden Ferne. Aber die Menschwerdung auf den Augenblick der Empfängnis festzulegen und sogar jede Verhütung, z.B. Kondome usw. "gleichermaßen zu verdammen" (Pillenenzyklika Humanae Vitae 1968, Kapitel 14., von Kardinal Karol Wojtyla eingeflüstert), das geschieht nicht aus Sorge um Menschenleben, sondern aus 2000-jähriger Sexual- und Frauenfeindlichkeit." Und sie betont auch, dass der Zölibat gar nicht so lange üblich ist: "Das Konzil von Trient, bis heute wesentliche Grundlage katholischer Lehre, erklärt am 11. November 1563: "Wenn jemand sagt, es sei nicht besser und gottseliger, in der Jungfräulichkeit und dem Zölibat zu bleiben, als zu heiraten, der sei verdammt". Statt dessen will der Papst in seiner Frauen- und Sexualfeindlichkeit Gott, den Schöpfer des Universums, korrigieren. Mit dem Vatikan als dem Ideal-Biotop für keusche Homosexuelle, als einem frauenlosen Terrarium, ist ein uralter religiöser Menschheitsirrtum zu seinem krönenden Abschluß gelangt."

Anders gesagt: ein Hort älterer, asexueller Männer, sei es im Vatikan oder von diesem rund um die Welt verteilt, hat weder Staaten noch in Beziehungen lebenden Menschen etwas dreinzureden. Und überhaupt: würden sich die Herren in den Frauenkleidern, die zur "Großen Mutter" beten, sie aber Maria nennen und einem abstrakten "Gott" unterordnen wollen, von anderen
etwas dreinreden lassen in Vorgänge in ihrem Körper? Auch das Gesäusel von "mehr Hilfe für betroffene Frauen" sollte man nicht einfach so als Akt der Nächstenliebe hinnehmen (und sich vielleicht einreden lassen, dass auch Zwangsberatung für Schwangere, natürlich per Gesetz vorgeschrieben, doch sinnvoll wäre).

Denn eine Schwangerschaft nur deswegen austragen, weil einen jemand pro forma niedrig bezahlt anstellt (wie es manche Grupppen von Abtreibungsgegnern im kleinen Rahmen machen), oder weil man sich wo ausheulen kann und einen Stapel Babywäsche bekommt, ist ja wohl eine absurde Vorstellung. Ebenso, dass eines Tages wirklich jede Frau, die schwanger wird, sich vor Glück kaum einkriegt und alles ganz locker in den Griff kriegt. Auch fehlende Berufsausbildung oder fehlende Partnerschaft sind ein Klacks, wenn Kirche und Co. eifrig helfen, möchte man fast schon meinen. Nebenbei: es kann auch sein, dass eine Frau, die einen Abbruch machen läßt, Unterstüzung braucht - unsere Gesellschaft ist nun mal nach wie vor diskriminierend, auch dank Jahrhunderten christlich geprägten Patriarchates...

Alexandra Bader

siehe auch "Der Papst besucht die Isis Noreia" - vorchristliche/"heidnische" Bezüge seiner Reise




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