Die Reisen der Frauen wurden immer schon zum Abenteuer, wenngleich dieses meist nicht selbstgewählt war. So brachen die Goten zur langjährigen Völkerwanderung auf, um in ihrer nördlichen Heimat nicht zu verhungern, und die Wikinger siedelten sich sozusagen "mit Frau und Kind" in Dublin, Island und dem nordamerikanischen Vinland an. Freiwillige Reisen, sei es als Pilgerinnen, als Begleiterinnen des Ehemannes, auf der Suche nach dem verschollenen Mann oder wirklich aus Lust am Abenteuer sind ebenso überliefert.
Eine der ersten namentlich bekannten Reisenden war Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, die als schon recht betagte Frau im 4. Jahrhundert nach Christus Palästina bereiste. Sie suchte Stätten aus der Bibel auf, die sie oft auch historisch korrekt zuordnen konnte. Das Leben der als Elaine in Britannien geborenen Helena wurde übrigens von Marion Zimmer Bradley in ihren Avalon-Romanen verewigt, einschliesslich der Reise ins Heilige Land.
Ebenfalls im 4. Jahrhundert machte sich die Nonne Egeria auf den Weg und verbrachte nachweislich drei Jahre in Jerusalem. Sie besuchte auch Ägypten und den Sinai, um dort jenen Berg zu besteigen, auf dem Moses die Zehn Gebote empfangen haben soll. Wir wissen über ihre Reisen deswegen Bescheid, weil sie Berichte darüber für die Schwestern ihres Heimatklosters niedergeschrieben hatte, die im 19. Jahrhundert in einem italienischen Kloster zur Hälfte gefunden wurden. Egerias Geschichte zeichnet sich dadurch aus, dass sie heute die beste Quelle für die damalige Kirche im Osten und die Topografie des Heiligen Landes zu dieser Zeit darstellt.
Erst nach der Zeit der männlichen Kreuzfahrer gab es im frühen 19. Jahrhundert mit Lady Hester Stanhope wieder eine überlieferte Reisende in Palästina. Die britische Exzentrikerin verliess ihre Heimat 1810, um dann in einer verfallenen Burganlage im Libanon bis zu ihrem Tod zu residieren. Sie trug Männerkleider, war sehr gastfreundlich und reiste ausgedehnt im Orient herum. Dann wird von Mary Eliza Rogers berichtet, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Bruder, einen Diplomaten, nach Palästina begleitet. Über seine Beziehungen hatte sie auch Zugang zu den Harems, sodass sie das Leben der Frauen kennenlernen und beschreiben konnte.
In den Jahren 1878 und 1879 bereiste Lady Anne Blunt, die Tochter der "Computerpionierin" Lady Ada Lovelace, mit ihrem Mann Wilfried die Arabische Halbinsel. Lady Anne ritt auf ihren Orientreisen tausende Kilometer im Damensitz, lernte arabisch, schrieb Berichte, die sie selbst illustrierte, und erwarb arabische Pferde, die der Grundstock der Zucht dieser Pferde in England wurden. Von einer ihrer Stuten, die von Beduinen auf Kriegszügen eingesetzt wurde, stammen fast alle heute lebenden Araberpferde einmal oder mehrmals ab.
Die Historikerin, Schriftstellerin, Geografin und Archäologin Freya Stark folgte in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts den Spuren Alexanders des Grossen, lernte dann ebenfalls Arabisch und bereiste Syrien und den Libanon. Auch im 19. Jahrhundert wurde nicht jede Frau freiwillig zur Abenteuerreisenden: so wurde Florence Baker von ihrem späteren Mann Samuel bei einem Sklavenmarkt im heute bulgarischen, damals türkischen Vidin aus einer Gruppe gefangener Ungarn herausgekauft. Sie gingen 1861 gemeinsam nach Afrika, um die Quellen des Nil zu erforschen. Samuel schrieb über Florence, sie sei "als Afrikareisende erfreulich kaltblütig und neigte nicht zum Gekreisch". Er verdanke ihr seinen Erfolg und sein Leben. Florence war auch zäh genug, um nach drei Jahren Expedition am Ziel beim Albertsee trotz zu überstehender Krankheiten zu einzutreffen.
Mary, die Ehefrau des Afrikaforschers David Livingstone, starb hingegen an einem Fieber. Alexandrine Tinnè, eine junge Holländerin, reiste mit Mutter, Tante, Zofe und Dienstboten einen Nebenfluss des Nil hinauf. Samuel Baker fand es anstössig, wie ungezwungen sich Tinnè inmitten von "Eingeborenen" bewegte, obwohl ihre Reise durchaus ernstzunehmen war. Ihre Mutter erlag 1863 einem Fieber, und Alexandrine wurde bei einer späteren Reise 1869 in der Wüste ermordet.
Die französische Expedition des Mathematikers La Condamine sollte im 18. Jahrhundert die Frage klären, ob die Erde am Äquator einen Wulst aufweist. In Südamerika schloss sich ihm auch Isabella Godin samt Ehemann an. Sie musste ihre Reise aufgrund von Gesundheitsproblemen zunächst unterbrechen, setzte sie aber 1749 fort. Sie wollte die Mündung des Amazonas in den Atlantik auch dann erreichen, als alle ihre Gefährten gestorben waren und sie sich selbst nur mühsam weiterschleppen konnte. Schliesslich wurde sie von zwei Indianern gerettet.
Manchmal suchten Ehefrauen auch, ganz wie im Roman von Jules Verne von der Reise zum Mittelpunkt der Erde, nach ihren verschollenen Ehemännern. So war es der Fall bei Jane Franklin, deren Gatte John 1845 per Schiff in die Arktis aufgebrochen war. Als man nach drei Jahren noch immer nichts von ihm hörte, wurden mehrere Expeditionen ausgeschickt, eine davon von Jane. Man fand zuerst die Gräber von Franklins Gefährten und nahm an, auch er sei tot, doch Jane begnügte sich nicht damit. Sie rüstete eine weitere Expedition aus, die Gewissheit über seinen Tod erhielt.
Diplomaten früherer Jahrhunderte reisten meist nicht in Begleitung ihrer Familien, auch weil das Fortkommen langsam und strapaziös war. Lady Mary Montagu machte zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Ausnahme, indem sie ihren Mann mit ihrem kleinen Sohn nach Konstantinopel begleitete. Das Reisen war zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig bequemer geworden, da es gefederte Kutschen und Stationen zum Pferdewechsel und zum Übernachten gab. Dennoch konnten Unwetter und Kälte den Reisenden gewaltig zusetzen.

Isabelle Eberhardt und Ida Pfeiffer
Erste Station war Wien, wo sich die Montagues lange genug aufhielten, dass Lady Mary scharfzüngige Beobachtungen wie diese festhalten konnte: "Es ist für jede Dame eine eingeführte Gewohnheit, zwei Männer zu haben, einen, der den Namen führt, und einen anderen, der dessen Pflichten verrichtet." Die erste Berührung mit der islamischen Welt hatte Lady Mary in Belgrad, das damals zum Osmanischen Reich gehörte. Wenig begeistert war sie allerdings davon, dass die Frauen abgeschieden von der Welt der Männer leben mussten.
Als Marys Mann nach London zurückbeordert wurde, reisten sie per Schiff nach Genua und dann auf dem Landweg weiter, wobei die Überquerung der Alpen als beschwerliches Unterfangen geschildert wurde. Mary hatte im Orient die Pockenimpfung kennengelernt und wollte sie, da ihr Bruder an dieser Krankheit gestorben und sie selbst sie von Narben gezeichnet überlebt hatte, in England einführen. Auch als sie ihre Kinder öffentlich impfen liess, blieben Widerstand und Skepsis bei den Ärzten bestehen. Doch noch zu ihren Lebzeiten setzte sich die Impfung durch, die vielen Menschen das Leben rettete. Mary selbst zog es in den Süden, sodass sie, getrennt vom Ehemann, die letzten Lebensjahre in Italien verbrachte.
Die Wienerin Ida Pfeiffer war lange Zeit in einer schlechten Ehe mit ständigen finanziellen Problemen gefangen, sodass sie als bürgerliche Frau heimlich arbeiten musste, um ihre Kinder durchzubringen. Im Alter von 39 Jahren sieht sie bei der Familie eines Onkels in Triest erstmals das Meer, wodurch, wie sie später schreibt, eine "kaum zu bewältigende Reiselust" erwacht. Mit 44 erfüllt sie sich schliesslich den Traum und reist nach Palästina, wobei sie vorgibt, eine Freundin in Konstantinopel zu besuchen, als Angst, die Umwelt könne ihr wahres Ziel für "überspannt" halten. Auf ihrer Reise muss sie, die noch nie auf einem Pferd gesessen ist, auch längere Strecken reitend bewältigen.
Die "Reise einer Wienerin in das heilige Land", basierend auf ihrem Reisetagebuch, erscheint zuerst anonym und wird ein voller Erfolg. Doch Ida Pfeiffer gibt sich erst mit der vierten Auflage 1856 als Autorin zu erkennen. Nach zweieinhalb Jahren in Wien, wobei sie Englisch und Dänisch lernte und sich in die neue Kunst der Daguerreotypie einweihen liess, brach sie mit dem Honorar aus dem Reisetagebuch nach Norden auf. Ihr Ziel ist Island, das sie sich wie "das wahre Arkadien" mit idyllischem Landleben vorgestellt hat, sodass sie ziemlich enttäuscht wird. Auch wird sie als Ausländerin nicht sonderlich beachtet, denn man müsse, so notiert sie, entweder reich oder Naturforscher sein, um dort aufgenommen zu werden.
Immerhin ist sie die erste, die Fotografien von der Insel anfertigt, und die Pflanzen und Tiere wie Krebse und Schnecken mitbringt. Mit dem Verkauf solcher Naturalien kann sie auch später ihre Reisekassen füllen, und sie lernt in Museen, wie frau fachgerecht sammelt und präpariert. Das nächste Ziel ist Südamerika, wo sie einen Überfall übersteht und ohne ihren schwer verletzten Gefährten weiterreist. Sie scheut auch vor der gefährlichen Seereise um das Kap Hoorn nicht zurück, wobei ihr Schiff in einen Sturm gerät. Aus Chile kann sie mit einem holländischen Schiff nach China gelangen, was sie sich keinesfalls entgehen lassen will. Auch Indien hat sie gesehen und Kurdistan, wo eben sensationelle Ausgrabungen gemacht worden sind.
Ihre Aufzeichnungen werden stets publiziert, sind jedoch eher oberflächliche, oft von Vorurteilen geprägte Betrachtungen, weil sie sich nicht mehr die Mühe macht, sie kritisch zu redigieren. Schliesslich hat sie schon das nächste Ziel im Visier und kratzt das Geld für die Reise zusammen. Im Laufe der Zeit findet sie durchaus die ersehnte Anerkennung in der männlichen Welt der Geografen, auch wenn sie heute in Büchern zur Erforschung der Erde kaum erwähnt wird. Ida Pfeiffer starb 1856 an den Spätfolgen der Malaria, mit der sie sich vier Jahre zuvor in Sumatra infiziert hatte.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Gertrude Bell erstmals in Jerusalem, um Arabisch zu lernen, und reiste dann in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg durch die Wüsten. Sie schrieb darüber mehrere Bücher und fotografierte auch archäologische Fundstätten, an denen sie selbst gegraben hatte. Die wohl bekannteste Orientreisende ist Isabelle Eberhardt, deren in den achtziger Jahren in der "neu frau"-Reihe wiederaufgelegte Bücher "Sandmeere" I und II zur Lektüre vieler junger Frauen (unter anderem von mir) gehörten.
Sie wuchs in einer russischen Emigrantenfamilie in der Schweiz auf, wobei ihr Vater eigentlich der Hauslehrer der Kinder war, welche die mit einem reichen Adeligen verheiratete kränkelnde Mutter Nathalie nach Genf begleiteten. Isabelle fühlte sich als Aussenseiterin und verstand sich als Reisende, lange bevor sie in den damals in französischen Salons verklärten Orient aufbrach. Ihr Vater und Lehrer brachte den Kindern viele Sprachen bei, darunter auch Arabisch und Türkisch. In seiner Bibliothek las sie nicht nur zeitgenössische russische Literatur, sondern auch Reisebeschreibungen der russischen Schriftstellerin Lydiy Paschkoff, mit der sie später korrespondierte.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zieht Isabelle mit der Mutter nach Bone in Algerien, sodass die junge Frau im geliebten Orient leben kann. Nach zwei Monaten stirbt de Mutter und hinterlässt ihrer Tochter nichts, sodass Isabelle nun ganz auf sich allein gestellt ist. Sie ersucht den tunesischen Freund Ali Abdul Wahab um finanzielle Unterstützung, da sie sich dem Schreiben widmen will. Mit 22 Jahren kehrt sie nach Nordafrika zurück und nimmt bei ihren Reisen durch Tunesien und Algerien den Namen Si Mahmoud Saadi an, kleidet sich wie ein Mann und nimmt an, dass niemand sie als Frau erkennen würde. Arabische Frauen interessieren sie nicht, bis auf eine Begegnung mit der einzigen arabischen Gelehrten dieser Zeit, Leila Zeyneb, da diese Frauen sich Männern unterordnen.
Einmal wird ihr ein Schlafplatz bei den Frauen zugewiesen, und sie schreibt an Ali: "Das war nicht gerade das, was ich suchte. Luft zum Ersticken, plärrende Kinder, törichtes Geschnatter von Frauen." Sie wechselte ins Freie und schlief bei Wache haltenden Studenten, die ihr den "sanften brüderlichen Respekt" erwiesen, den "Araber vor gebildeten Frauen haben". In Algerien ging Isabelle eine Beziehung mit Slimene Ehnni, einem Leutnant bei einem einheimischen Regiment im Dienste der französischen Kolonialverwaltung ein. Was sie weiteren Anfeindungen aussetzte, nachdem sie, die Arabisch spricht und als Europäerin von Sheikhs respektvoll behandelt wird, wieder einmal bewies, dass sie Araber Europäern vorzieht.
Sie wurde als "Frau von sehr zweifelhafter Moral" denunziert, und über ihr Geschlecht konnte auch ihre Verkleidung als Mann nicht hinwegtäuschen, da sie eher zart gebaut war. Isabelle möchte mit Slimene in El-Oued leben, wird jedoch von den Franzosen ausgewiesen, während ihr Freund in eine andere Region versetzt wird. Später heiratet sie ihn, lebt jedoch meist von ihm getrennt und reist die letzten zwei Jahre ihres Lebens als eine Art schreibende Nomadin herum. Sie arbeitet für die zweisprachige Kolonialzeitung L'Akhbar, für die sie 1903 von Zusammenstössen zwischen französischen Truppen und algerischen Rebellen an der Grenze zu Marokko berichtet. Im Oktober 1904 stirbt sie, von Malariaschüben geschwächt, in einem nach einer Überschwemmung eingestürzten Haus in Aïn-Sefra.
Und heute? Führen Pauschalreisen in Gegenden, die noch als exotsch galten, als unsereins "Sandmeere" las. Aber vielleicht gilt immer noch, was Lady Montagus feministische Freundin Mary Astell 1724 feststellte: "Ich bin, ich bekenne es, boshaft genug zu wünschen, dass es die Welt sehen möge, wie die Damen weit besseren Nutzen aus ihren Reisen zu ziehen wissen als die Herren; dass, da die Welt mit Männerreisen bis zum Ekel überladen worden ist, die alle in dem nämlichen Ton geschrieben worden und mit denselben Kleinigkeiten angefüllt worden sind, eine Dame die Fähigkeit hat, sich eine neue Bahn zu eröffnen, und einen abgenutzten Stoff mit einer Mannigfaltigkeit von neuen und zierlichen Bemerkungen zu verschönern."
Text: Alexandra Bader
Infos:
"Grosser Atlas der Entdeckungen", Naumann & Göbel, ISBN 3-625-10747-3
Roberta L.Harris "Das Zeitalter der Bibel", Econ, ISBN 3-430-14053-6
Susanne Härtel/Magdalena Köster (Hg.) "Die Reisen der Frauen", Beltz & Gelberg, ISBN 3-407-78795-2
Bilder: aus "Die Reisen der Frauen"
Erschienen 2002
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