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Amokläufer und andere "geschlechtsneutrale" Täter  

(14.3.2009) Ein 17jähriger deutscher Schüler erschießt 17 Menschen, ein österreichischer "Monster"-Vater hält seine Tochter 24 Jahre im Keller gefangen, vergewaltigt sie und zeugt mit ihr Kinder - das wird "geschlechtsneutral" wahrgenommen, obwohl es die amoklaufende Schülerin nicht gibt und auch nicht die "Horror"-Mutter, die ihren Sohn in ein Verlies sperrt und vergewaltigt (wiewohl Mütter ihre Kinder vernachlässigen oder schon mal in eine Kiste sperren oder lange nicht aus der Wohnung lassen). Vor einem Mysterium steht beispielsweise Presse-Chefredakteur Michael Fleischhacker, der sich in einem Kommentar mit dem "Warum?" befasst, ohne das Kriterium "Mann" zu erwähnen.

Andere Artikel und Meinungsäußerungen gehen der Frage nach, wieweit den Vater des Amokläufers Mitschuld trifft, da er ihn schon früh mit auf den Schießplatz nahm, oder welche Rolle Egoshooter-Spiele haben und warum die Ankündigung der Tat im Internet nicht ernst genommen wurde. JugendvertreterInnen wehren sich in Aussendungen gegen Pauschalbeurteilungen "der Jugend", PsychologInnen kommen zu Wort und alle sind sich wieder einmal - bis zur nächsten grauenhaften Bluttat - einig, dass man Gewalt verhindern und mehr an "die Jugendlichen" herankommen müsse. Es wird sich aber so lange nichts ändern, bis nicht das Kriterium Geschlecht in alle Maßnahmen und Betrachtungen einfließt.

Ein männlicher Jugendlicher ist eben nicht geschlechtsneutral "der Jugendliche", sondern ein in einer männerdominierten, im Grunde auch gewaltverherrlichenden Gesellschaft entsprechend geprägter junger Mann. Das spricht ihn nicht von Verantwortung frei, im Gegenteil - er kann sich entscheiden, wie er mit Frustrationen und Konflikten umgeht. Er muss Aggressionen nicht gegen sich selbst richten, wie es Frauen und Mädchen immer noch beigebracht wird, sondern kann auch lernen, seine Gefühle auszusprechen und gemeinsam mit anderen Lösungen zu finden. Vereinzelung, Unverstandensein, ein Verzweifeln an der Gesellschaft ist ja vielen Jugendlichen beiderlei Geschlechts eigen, und sie können ihre Sprachlosigkeit telen und dadurch beenden, wenn sie sich anderen mitteilen.

Man/frau kann sich auch ganz nüchtern fragen, was eigentlich Mädchen mit ihren Enttäuschungen machen, wie sie mit Frustrationen umgehen. Auch sie haben keine fixe Lehrstelle, auch ihnen stehen Praktika reihenweise in Aussicht, wenn sie studieren, auch sie fühlen sich mitunter verloren in einer von Erwachsenen für Erwachsene gestalteten Umwelt. Auch sie kennen Liebeskummer, Zurückweisung von FreundInnen, leiden unter Mißerfolgen und Verlusten. Und trotzdem laufen sie nicht Amok, sie treten niemanden zu Tode, sie versuchen nicht, einen anderen Menschen vor die U-Bahn zu schubsen. Dass die Gewaltbereitschaft von Mädchen auch etwas zugenommen hat, wird medial oft groß gebracht, was wieder verdrängt, dass Gewalt hauptsächlich männlich ist.

Das Verhalten von Frauen und Mädchen sollte eigentlich die "menschliche Norm" sein, verschwindet aber hinter der angeblich geschlechtsneutralen männlichen Gewalt, vor der dann alle fassungslos stehen, wenn sie das Maß des Alltäglichen weit übersteigt. Aber auch der extremen Gewaltausübung liegt zugrunde, was für ihre weniger spektulären Erscheinungsformen gilt - die Ursache ist die Akzeptanz, die männlicher Gewalt entgegengebracht wird. Männer sind ja selten wahllos gewalttätig, sondern beherrschen sich dort, wo ihr Verhalten unerwünscht ist. Mann verprügelt nicht den Chef, sondern die (abhängige) Ehefrau zu Hause, die mehrmals im Krankenhaus landet, ehe sie ins Frauenhaus flüchtet (sofern sie in Wien wohnt, wo es im Gegensatz zu andern Bundesländern ausreichend Frauenhaus-Plätze gibt).

Die Normalität männlicher Gewalt zeigt sich eben nicht nur in Videospielen oder der Begeisterung für Waffen (die auch m.E. weniger bedenkliches historisches Interesse sein kann), sondern auch in martialischem Auftreten, im Einschüchtern von Frauen (oft auch generelle Aggression gegenüber anderen), in sexueller Belästigung, in Übergriffen und in häuslicher Gewalt. Viele Gewaltverbrecher beginnen ihre Laufbahn bereits in der Kindheit mit dem Einschüchtern anderer und mit Tierquälereien - und lernen bereits früh, dass verharmlost, entschuldigt und beschwichtigt wird. Das wird sich ihr ganzes Leben nicht ändern, da Medien, wenn sie es mit ihren Taten in die Schlagzeilen schaffen, gerne passive Formulierungen verwenden und so die Täter von ihren Veranwortung entlasten. Bei einem Mörder, der beinahe die zweite Freundin getötet hätte, stand gar zu lesen, dass Alkohol und Zeltfeste eine fatale Kombination seien - mann ist also kein gesellschaftlich vollwertiger Mensch, der Herr seiner Sinne ist...

Alexandra Bader

Irgendwie ähnliches Thema: "Haben Frauen Angst vor Männern?" und "Medien auf Monsterjagd"

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