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Der Fall F. und das alltägliche Leiden der Kinder  

(19.3.2009) Es gibt, besonders wenn frau sich mit Fragen der Gewaltprävention und der Rolle der Medien befasst, gute Gründe, nicht allzu viel Aufmerksamkeit auf den Medienhype um den Fritzl-Prozeß zu lenken. Es ist bei uns an anderer Stelle ausgeführt, warum dies kontraproduktiv für die Situation von Gewaltopfern ist, daher nur eine Anmerkung dazu: Der Blick auf den "großen" Horror verstellt oft die Sicht auf den "kleinen", der für die Betroffenen und Überlebenden alles prägt und sie nie wirklich losläßt, welche Strategien sie auch entwerfen mögen. Immerhin melden sich die Opfer von einst aber in zahlreichen Postings zu Wort, worauf mich Manfred Feier aufmerksam machte, der mir diese Zusammenstellung schickte:

Das normale Autoritäre im Fall F.
Österreich ist trotz allem kein notorisches Nazi-Land - es hat andere Probleme

Sollen wir versuchen, Josef F. zu verstehen, um etwas aus dem Fall Amstetten zu lernen?" lautete der Titel einer BBC -Radio-Talkshow Dienstagabend. Die Meinungen gingen zunächst weit auseinander, bis eine Anruferin aus London sinngemäß sagte: Man müsse vor allem verstehen, dass die Verbrechen von Amstetten nur auf Basis der Nazi-Vergangenheit Österreichs passieren konnten. Für den Rest der Talkshow diskutierten die Teilnehmer dann nichts anderes mehr.
Weiterlesen: derstandard.at/?id=1237227648811
 
Ausgesuchte Kommentare:
 
Fürsorgezögling
 
Diese Behörden-und Nachbarsblindheit hat Tradition.
 
Jahrelang wurde ich von "Pflegeltern" derartig mißbraucht,dass ich bis heute damit zu kämpfen habe. Die Jugendwohlfahrt/Fürsorge teilte jeweils zwei Wochen vor dem "Besuch" mit dass sie kommen würde. Zwei Wochen lang gab es keine Hiebe mit dem Ochsenziemer und dem Holzprügel, keine Faustschläge ins Gesicht und keine Fußtritte in den Unterleib. Dann begann wieder alles von vorne. "Niemand" hat mein Angst-und Schmerzgebrüll gehört, "niemand" hat etwas gesehen. "Letzter Dreck" nannte man mich, wer wohl dieser "letzte Dreck" war, das interessiert bis heute keine offizielle Stelle. Eine Wegschauernation, warum auch immer.
 
Edina Monsoon
 
Ich frag mich wer hier rot gibt? Kopfschüttel!!! (= rotes Stricherl fürs Posting)

Dass die Fürsorge ihre Besuche vorher ankündigt hab ich auch schon gehört, eine absolute Frechheit. Ist das heute auch noch so?

Ihnen liebe(r) Fürsorgezögling wünsch ich aus ganzem Herzen alles Gute.

Fürsorgezögling

Danke.

Ob es heute auch noch so ist kann ich nicht sagen. Bei mir geschah dies in den Jahren 1957 bis 1963, ich sehe noch die blassblauen Kuverts die der Briefträger brachte. Das leere aufgeschnittene Kuvert bekam ich zum zeichnen, was ich gerne tat, das grobe Papier ließ die Tintenstriche zerrinnen. "Post aus der Stadt", hieß es damals, und ich höre noch heute den grauen Puch 500 der Fürsorgerin den Berg hinaufhusten.

robinsons freitag

Warum sind Sie nicht abgehauen? Ich (männl.) habe das (bei unvergleichlich geringerem Leid) mit 15 gemacht. Heute bin ich halber Euromillionär.

Fürsorgezögling

Eingefangen...

und dies mit immer großer Freude. Von Gendarmerie, Polizei, Fürsorge. Es war für die Beteiligten außer mir, eine rechte Hetz. Die Prügel die es jedesmal! danach setzte waren gewaltig. Entweder brachte mich Gendarmerie zum jeweils aktuellen "Pflegeplatz" zurück, später wurde ich vom Heim-Bus von den Wachstuben abgeholt. Als Erwachsener habe ich Einblick in meinen Fürsorgeakt genommen..., nein, da gibt es nichts schön zu reden.

Fürsorgezögling
 
Das x-fache!! abhauen (7-11 Jahre) hat mich in geschlossene Erziehungsanstalten (11 bis 18einalb) gebracht - aber auch von dort bin ich abgehauen - und wieder zurück - bis man mich mit achtzehneinhalb "unerziehbar" entlassen musste. Kein Reisepass, immer wieder beim illegalen Grenzübertritt (D und I) erwischt, so verging die Zeit - Pech gehabt :-) - und bin heute leider kein halber Euromillionär sondern darf mich als chronisch Kranker mit der PVA um die Pension streiten. Österreich ist noch immer dieselbe arrogante kalte Brutstätte wie damals. Wenn sie angefangen haben dich als kleines Kind zu treten, dann sch. sie dir auch noch auf den Sargdeckel.

Bestenfalls!!! heißt es "Übertreibung", oder "du wirst es schon verdient haben". In der Regel aber :"Lüg' nicht". Falls es überhaupt jemanden interessiert. Fall überhaupt da ist der zuhören möchte. Falls überhaupt jemand da ist, dem man derartiges anvertrauen konnte. Zur Hölle mit den Rotstrichlern in dieser Angelegenheit.

safran100

ja

in dem Haus in dem ich aufwuchs, hat jeden Tag ein Junge geschrien, weil er so geschlagen wurde, es hat sich niemand eingemischt. Keiner von den Erwachsenen hat diesen Grossvater, der das mit dem Gürtel machte, angesprochen. Und es war eine kleine Hausgemeinschaft. Ich glaube, sie dachten alle, der Bub hat es verdient. Sie sind dann ausgezogen. In den Keller sperren war auch eine durchaus gängige Strafe. Es reichen ein paar Stunden um ein Kind zu traumatisieren. Wenn ich versuche, mir 24 Jahre vorzustellen, unfassbar, das kann man nicht.

hell freezes over

Mich zerreißt es fast, da ich die Argumentation "du wirst es schon verdient haben" immer von meiner Mutter zu hören bekam, nachdem mich mein Vater grün und blau geschlagen hatte, weil ein Mädchen einfach absolut brav sein muss und eine Frau immer zu ihrem Mann hält. Kein Wort des Trostes oder ein in den Arm nehmen - nein - wenn ich zu laut geheult hab, setzte es von muttern noch Ohrfeigen.

All das fällt mir immer wieder ein, wenn ich lese, dass Rosemarie F. sagt, sie hat nichts mitbekommen. Es gibt/gab soviele Frauen, die für ihren psychopathischen Ehemann ihre eigenen Kinder in Stich gelassen haben. Zusätzlich wurden die Kinder noch zu abnormen oder entarteten Kreaturen erklärt. Auch das soziale Umfeld hat kräftig mitgemacht.

Anmerkung von http://sprachlos.besser-web.net

Ja ja .... Wir haben endlich den Mut auch über unangenehme Dinge zu sprechen! 

Endlich....  Man kann nur hoffen, dass nun auch die 68-Themen (Emanzipation von Staat, Familie und Tradition) bei uns in Österreich Eingang finden und wohin Obrigkeitsdenken und Autorität auch hinführen können!  Spät aber doch ....

Anmerkung von Alexandra Bader: Die BBC übertreibt natürlich, aber ein Zusammenhang zur Rechtlosigkeit von Menschen in der NS-Zeit und zur damaligen Brutalität besteht schon - hierzu sei auf die Arbeiten von Alice Miller verwiesen, aber auch auf Tilman Moser und andere (wobei auch die Schweiz ein dunkles Kapitel der Gewalt gegen Kinder hat, in der Behandlung der Jenischen). In Deutschland und Österreich wurden aber Kriegstraumata mit der Verstrickung in Mittäterschaft und Gewalt gegen Wehrlose an die Kinder weitergegeben, wenn diese Erfahrungen nicht verarbeitet und in die Persönlichkeit integriert wurden. Dazu kommt immer auch die der nächsten Generation angetane Gewalt, wenn Kinder mit Einschüchterung, Triebunterdrückung und Strafen erzogen wurden. In einem Land, das autoritäre Tradition hinter sich hat. scheint das Leid der Kinder lange zu dauern, spät beendet zu werden.

Man/frau muss eigentlich heftig frösteln angesichts der Postings, die deutlich zeigen, wie sehr Kinder ihrer Umgebung ausgeliefert sind, wenn die absolute Verfügungsgewalt über sie selbstverständlich ist. Bei der Meldung von "safran" muss ich an eine Hausmeisterfamilie denken, wo der Vater Polizist war und die Kinder auch mit dem Gürtel schlug; jeder hasste ihn auch dafür, doch alle gingen sehr vorsichtig mit ihm um, fast als wären sie selbst eingeschüchterte Kinder (ich glaube, nur die Ehefrau eines damaligen Jungpolitikers in der ÖVP wollte etwas unternehmen, fand aber keine Unterstützung).

Willkür gegenüber Kindern war auch bei Jugendlagern üblich, von denen ich einmal eines erleben durfte, an das ich mich noch gut erinnere: als Strafe mussten die Kinder nachts in einer kalten Burg am Gang stehen, sie wurden gezwungen, ekliges Zeug wie Hühnerherzen zu essen (auch als Erbrochenes). Da die Leiter dieser Lager sich in der Evangelischen Kirche engagierten, die auch Veranstalterin war, dauerte es trotz der Horrorgeschichten, die alle Kinder den zu Besuch kommenden Eltern erzählten, einige Zeit, bis das Paar nicht mehr beschäftigt wurde. Es war halt "normal", Kinder zu disziplinieren, da diese ja an allen Maßnahmen zur Unterwerfung und Einschüchterung selbst "schuld" waren.

Es ist halt sehr beklemmend, dass auch heute noch lange tatenlos zugesehen wird, seltsame Vorgänge in der Nachbarschaft ignoriert werden, dass all das Bewußtsein über das Ausmaß an Gewalt gegen Kinder und das Wissen über Stellen, die Kindern helfen, nicht dazu führt, dass Kinder sicherer und besser leben. Im Gegenteil, man braucht schon Eyeopener wie den Film "Wir sind doch Kinder!", um zu begreifen, was wirklich vor sich geht. Und deshalb ist mediale Konzentration auf einen unter irgendwelchen Kriterien außergewöhnlichen Fall auch wenig Hilfe für jene, die jetzt gerade Opfer sind und leiden, ohne dass man sie aus ihrer Lage befreit....
 
Gerne schreibe ich auch für andere Medien, zu jedem Thema, recherchiere oder arbeite in Projekten mit oder betreue Webseiten - Mailen Sie mir bitte! Alexandra Bader

Mail von Manfred Feier zum Artikel (danke sehr für eine so ausführliche Reaktion, der nichts hinzuzufügen ist):

Hallo Alexandra!
 
Ich habe deinen Artikel gelesen!
 
Aber ich würde nicht nur von Kindern sprechen, sondern auch von Eltern, die selbst wieder von Opfer zum Täter werden oder wurden;
es fehlt/e oft die Selbstreflexion und das Bewusstsein etwas Falsches zu machen, da man es nicht anders kennengelernt hat!
 
Man ist sein eigener Gefangener seiner Erziehung. Es ist oft ein Kerker ohne Fenster (Perspektive), der gerade Frauen verzweifeln lässt. Aus diesem Teufelskreis der Dualität von Täter und Opfer herauszukommen, bedarf professioneller Hilfe!
 
Meine Forderung.
 
1.) Psychologische Betreuung für Familien, Kinder und eine Elternschule!
 
2.) Aktive Rollengestaltung für Jungen und Mädchen in ihrer Sozialisierung
 
3.) Erziehung und Bildung in Kindergarten und Volksschule von beiden Geschlechtern – eine
Männerquote, damit Vorbilder geschaffen werden, die eine gelebte Emanzipation für eine zukünftige Gesellschaft ermöglichen, die auch auf Chancen- und Einkommensgleichheit basiert.   
 
Gerade in Krisenzeiten (Arbeitslosigkeit, Scheidung oder auch Armut) ist so oft Gewalt anzutreffen, die sich zu oft gegen Unschuldige richtet, da sie wehrlos sind und leicht als Opfer misshandelt werden können( Frauen und Kinder sowie Randgruppen – leider zu oft auch Ausländer)
 
Buchtipp: „Verletzte Seelen – Der andere Umgang mit Gewalt“ Autor: Ria Herdina Lindner  ISBN 3-222-12686-0
 
Aktueller Fall Josef Fritzel und das psychologische Gutachten: derstandard.at/?id=1237227648811
 
Anmerkung: Dieser Fall zeigt wieder einmal, wie schnell aus Gewaltopfern auch gewaltbereite Täter werden, die ein Doppelleben führen und die Perversion einer fehlgeleiteten Moralvorstellung dann in einer Form ausleben, die mit nichts zu rechtfertigen ist!
 
Also wenn wir eine Lehre aus Amstetten ziehen, dann mehr Prävention durch psychologische Betreuung und die Bereitschaft von Nachbarn, Behörden und Sozialämter nicht so oft wegzuschauen!
 
Die Verschärfung von Gesetzen ist hier nicht wirklich hilfreich! Ist wieder nur ein Placeboeffekt der Politik! Mehr Populismus als Ursachenforschung!
 
Wenn man sich in diesem Fall Joseph F noch klarmacht, dass es ein Zufall war, der diesen grausame Misshandlung aufdeckte, kann man nur hoffen, dass es nicht mehr Fälle in Österreich gibt und es vielleicht an der Zeit für uns alle wäre, in unseren Kellern nachzusehen!
 
http://sprachlos.Besser-web.net  der Anwalt der Jugend und gegen das Vergessen! Wir haben in unserem Land noch sehr viel Bedarf, über so viele Dinge zu sprechen.
 
Schade das dieses Land so kaputt ist und kaum Alternativen aufgezeigt werden und dieses Klein – Klein und der Neid so bestimmend ist. Man braucht sich ja nur das politische Alltagsgeschehen genauer anschauen....
 
Frau Elizabeth T. Spira: "Österreich ist mir unheimlich"
 
Die Leute hierzulande sprechen vieles nicht offen aus, sie lächeln feig und schweigen. Ich habe immer das Gefühl, es könnte jederzeit losgehen, nur weiß ich nicht was, wie, wo und warum. Aber ich bin immer auf der Hut. Die Österreicher fühlen mehr, als sie denken. Deshalb hab ich auch weniger Angst vor den Deutschen. Die denken mehr, als sie fühlen. Die haben über ihre Vergangenheit nachgedacht, vielleicht sogar ein bisserl zu viel. Die Österreicher haben immer so getan, als ob es sie alles nichts anginge. Nur: Adolf Hitler war Österreicher, nicht Deutscher.
 
Und sie ist auch eine Frau, die viel Leid erfahren hat!  Gewalt und Terror! Aber vielleicht ist das auch der wahre Grund für Faschismus und der Wunsch nach einfachen Lösungen, die zu oft in der Suche nach einen Sündenbock enden. Die Ethnisierung sozialer Probleme!
 
Es wird langsam Zeit, das sich was ändert?


 



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