(27.9.2009) Anita Zieher verkörpert die Friedenskämpferin hautnah und berührend. - Das Portraittheater setzt außergewöhnliche Frauen auf besonders eindringliche Weise um und hat nun nach Hannah Arendt und Simone de Beauvoir Bertha von Suttner in den Mittelpunkt eines Theaterabends gestellt. Zu Reaktionen des Publikums "Zieher ist Bertha von Suttner", weil sie auch im Äußeren sehr an sie erinnert, meint Regisseurin Brigitte Pointner, dass sie ebenso Arendt und Beauvoir war.
Die Umsetzung der historischen Frauenfiguren erfolgt stets mit passenden, aber sparsamen Mitteln, die aufwändige, teure Inszenierungen aber ohne weiteres an die Wand spielen. So wird Bertha von Suttner von Udo Bachmair von Ö 1 interviewt, dessen Stimme aus dem Off zu hören ist. Auf diese Weise führt sie komprimiert durch ihr abwechslungsreiches Leben, was 17 Seiten Text entspricht, der von Pointner und Zieher auf Basis von Originalaussagen zusammengestellt wurde. "Zu 80 bis 90% stammen die Worte von Suttner selbst", erklärt Zieher nach der Vorstellung. Der Rest hat aktuelle Bezüge oder empfindet nach, wie Suttner etwas zusammenfassen würde.
Bertha von Suttner hätte eigentlich, wie es adeligen jungen Damen zusteht, eine gute Partie machen, aber ganz sicher nicht ihren Lebensunterhalt selbst verdienen sollen. Sie wurde 1843 als Tochter eines Grafen Kinsky geboren, der schon recht alt war und vor ihrer Geburt verstarb. Ihre junge Mutter war eine Bürgerliche, die sich schliesslich an Spieltischen durchschlug und mit ihrer Tochter durch Europa reiste, wobei das Mädchen immerhin Sprachen lernte und sich selbst Bildung aneignete. Da nur Berthas Vater adelig war, galt sie nicht als "hoffähig" und konnte auch wegen der finanziellen Situation ihrer Mutter nur darauf hoffen, dass sie ein älterer Mann mit Geld heiratet.
Das war aber keine Option für sie, sodass sie sich dazu entschloss, zu arbeiten. Damit begann ihr Glück, sagt sie, denn sie trat eine Stelle als Gouvernante der vier Töchter von Baron von Suttner an. Bald war sie die beste Freundin der Mädchen, die sie vormittags unterrichtete. Den Sommer verbrachte man in Harmannsdorf, mit Festen und Tanz im Schüttkasten beim Schloss (PEACE PLEASE wurde auch im Schüttkasten gespielt, was für alle ein ganz besonderes Erlebnis war). "Jeder war von Arthur entzückt", sagt sie über ihre große Liebe, den Sohn des Barons, der 23 und damit sieben Jahre jünger als sie war. "Allmählich war es über uns gekommen", dass aus der Freude, einander zu sehen, mehr wurde.
"Es war eine schöne Zeit, nicht ohne Wehmut", meint Bertha, denn ihnen war klar, dass eine lebenslange Verbindung nicht möglich war. Arthurs Schwestern deckten das Liebespaar, doch nach drei Jahren kam die Baronin dahinter. Arthur galt als gute Partie, "alle Mädchen schwärmten von ihm", sodass Bertha in ihrer Verzweiflung über das Ende nur weit weg wollte. Die Baronin gab ihr eine Annonce, in der ein gebildeter Herr in Paris eine sprachen kundige Sekretärin sucht. Bertha nahm Kontakt auf und fuhr mit dem Zug zu Alfred Nobel, der mit dem von ihm erfundenen Dynamit ein Vermögen gemacht hatte. Sie hielt es gerade zwei Wochen aus, in denen "die Sehnsucht nach dem Mann meines Herzens ins Unerträgliche wuchs".
Als Arthur dann telegrafierte "Kann ohne dich nicht leben!", veräußerte sie ein Schmuckstück, um Nobel die Kosten für die Reise nach Paris zu erstatten und wieder nach Wien fahren zu können. Dort trafen sich Bertha und Alfred in einem Hotel, ließen in den nächsten Wochen alle Kontakte spielen, trauten sich dann heimlich in einer Pfarre in der Gumpendorferstrasse und gingen 1876 nach Mingrelien im Kaukasus. Dort gaben sie zunächst Deutschunterricht, mussten jedoch auch Phasen des Hungers erleben, als wegen des Russisch-Türkischen Krieges kaum jemand daran Interesse hatte, sich auch alles auf "Sammeln für arme Krieger" konzentrierte, wo es doch "besser wäre, sie nicht hinauszuschicken" in den Krieg.
Arthur begann, mit Berichten für Zeitungen zuhause über den Krieg Geld zu verdienen, sodass Bertha es auch mit Artikeln versuchte. Nach neun Jahren kehrten sie heim und söhnten sich mit Arthurs Familie aus, auf die sie finanziell auch nicht angewiesen waren. Bertha veröffentlichte mit "Das Maschinenzeitalter" ihr erstes Buch, wohlweislich aber nicht unter ihrem Namen, sondern als "Jemand". Es wurde eifrig rezensiert, doch niemand kam auf die Idee, dass es von einer Frau stammen könnte. Sie schildert amüsiert eine Tischgesellschaft, bei der heftig darüber diskutiert wurde, und als sie meinte, sie müsse sich dieses Buch doch auch besorgen, sagte einer "das ist keine Lektüre für eine Frau".
Bertha engagierte sich zwar nicht in der Frauenbewegung, sympathisiertr aber mit ihr, da sie selbstverständlich Feministin war. Ihrer Ansicht nach hat jeder Mensch ein Recht auf Freiheit, Würde und Ansehen, wobei zwischen Unfreiheit und Unbildung ein enger Zusammenhang besteht. Genau daher rührt auch der "instinktive Widerwille" gegen die Bildung der Frauen und der "niederen Klassen". Frauen wird außerdem unterstellt, sie seien gefühlvoller, friedfertiger, könnten nicht logisch denken - so lange, bis sie selbst und alle anderen das glauben. Frauen müssen schön sein und Männern gefallen, sonst nichts - "und dann wird das Gefallen-Wollen jenen vorgeworfen, die zum Gefallen-Müssen erzogen werden". Gleichberechtigung bedeutet, dass "das Weib bekräftigt, der Mann gemildert" wird, und sie wird über Bildung und Berufstätigkeit erreicht.
Vielen wenig bekannt ist das Engagement von Bertha und Arthur gegen Antisemitismus, mit dem sie vielfach auf Ablehnung stießen. Man meinte, es sei am besten, solche Tendenzen zu ignorieren, aber "Schweigen, das Verachtung ausdrückt, ist selbstverächtlich", auch Unbeteiligte müssen Unrecht entgegentreten, das anderen zugefügt wird. So wurden die Antisemiten dazu ermutigt, munter weiterzuagitieren, und sie inszenierten ein "bedrohtes Christentum" - wie "Abendland in Christenhand", meint die aktuelle Bertha in Anspielung auf den EU-Wahlkampf der FPÖ. Es ist "nichts leichter, als auf andere Menschen zu hinzutreten", warnt Bertha, denn "nationaler Fantasismus ist ein Element des Krieges". GegnerInnen von Nationalismus und Verhetzung sollten ihre Leidenschaft aber für Versöhnung aufbringen, die Menschen zu selbständigem Denken ermutigen.
"Die Waffen nieder!", Berthas bekanntestes Buch, ist als Familiengeschichte angelegt, die sich um eine junge Frau dreht. Es gibt "keine soldatischen Heldentaten", sondern das menschliche Leid wird beschrieben, das durch Krieg verursacht wird. Die Reaktionen auf den Roman zeigten Bertha, dass "das wahre Wort, die aufgedeckte Wirklichkeit als schamlos und frevelhaft" empfunden werden, nicht aber die Taten, die geschehen dürfen, die man aber nicht benennen darf. Nun wird Bertha zu einer Ikone der Friedensbewegung, auch weil es in Österreich noch keine Friedensgesellschaft gibt. Abseits der Politik, wo oft versprochen wird, sich für den Frieden einzusetzen, dann aber nichts geschieht, haben sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in vielen Ländern private Organisationen konstituiert.
Auf einen Aufruf von Bertha in der Neuen Freien Presse melden sich hunderte Menschen, sodass 1981 die erste österreichische Friedensgesellschaft gegründet wird, deren Präsidentin sie wird. Sie soll nun zu einer Konferenz nach Rom fahren und dort eine Rede halten; wir sehen sie in einer Filmsequenz mit einem Koffer in die U 4 einsteigen, natürlich an der Haltestelle Friedensbrücke. Im Interview wird Bertha auch gefragt, wie denn der Alltag einer Friedensaktivistin aussieht. Sie wird ironisch, indem sie süßes Nichtstun und an das Elend der Welt denken ausmalt - aber dann sagt, wie es wirklich ist, dass es keinen Augenblick Stillstand gibt.
Sie hat mit Journalisten zu tun, die teils seltsame Vorstellungen haben, wie ein Musikjournalist, der meint, die Welt sei vom Krieg zu heilen, wenn nur alle Kinder lernen, im Chor zu singen. Dauernd müssen Kontakte geknüpft werden, es muss Geld gesammelt werden, sie schreibt auch viel - so lebt sie bis zu ihrem Tod im Juni 1914, unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ihre Rastlosigkeit wird von Zieher dadurch dargestellt, dass sie zuerst kleine, dann große Hanteln stemmt. Das permanente Engagement Berthas erinnert an eine Landsfrau zwanzig Jahre später, nämlich an Irene Harand, die früh und leider vergeblich vor Hitler warnte, auch oft lächerlich gemacht und verspottet wurde.
Beide Frauen mischten sich politisch ein, was wohl zu "undamenhaft" war und selbst heute mit einem anderen Maß gemessen wird als bei Männern. Sehen wir uns gegenwärtig Inhalte und Präsenz von Politikerinnen und Politikern an, dann dominieren Männer in der Bandbreite der Aussagen und in der Häufigkeit des Vorkommens. Keine Frau ist Vordenkerin, Parteiideologin oder Strategin, selten beginnen Frauen mit Initiativen, die nicht eng auf ein Thema begrenzt sind (das ihnen zugeordnet ist). Eine Pointe der Geschichte Berthas ist wohl, dass der antisemitische Bürgermeister Karl Lueger nach wie vor Namensgeber der Ringstraße vor dem Parlament ist, während Bertha in Wien nur Patin einer Sackgasse im 22. Bezirk ist.
Vom 1000 Schilling-Schein wanderte sie außerdem auf die 2 Euro-Münze. Immerhin ist, was vor Jahren von einer Plattform durchgesetzt wurde und eine Initiative von unten war, eine Brücke in Graz nach ihr benannt - und damals wurde auch der Kriegssteig auf den Schloßberg in Friedenssteig umbenannt. Das Stück klingt damit aus, dass Udo Bachmair bei manchen Vorstellungen auf die Bühne kommt, weil Bertha sein Handy hat. Er holt sie ab, sie möchte noch schnell eine SMS schicken und zeigt ihre Seite bei Facebook. "Sind Sie auch bei Facebook?", fragt sie ihn.
Er ist da noch skeptisch, aus Datenschutzgründen. Plaudernd verlassen sie das Theater, Bertha hat dem Reporter noch so viel zu erzählen. Unweigerlich denkt mann / frau daran, was sie wohl heute tun würde, denn ihre Art Aktivismus wäre in der NGO-Szene zuhause. Dass man diese auch "Zivilgesellschaft" nennt, weist ja sofort auf einen Gegensatz zum Militärischen hin. In ihrer Zeit war das Militär neben der Kirche eine gewichtige patriarchale Institution, was es bis heute bei allem Bekenntnis zur Demokratie und zu gesellschaftlichem Wandel noch nicht ganz abgelegt hat.
Bertha von Suttner würde aber auch einen Parallele zwischen dem vergeblichen Kampf gegen den heraufdämmernden Ersten Weltkrieg und der weltweiten Bewegung gegen den Irakkrieg 2003 erkennen. Sie würde heute wohl auch mit dem vor 6 Jahren geschaffenen internationalen Symbol der Pace-Flagge auf Demos gehen und diese Fahne von ihrem Balkon wehen lassen. Anbetracht von 40 bewaffneten Konflikten und von Kampfrhetorik gerade eben zwischen dem Iran und dem Rest der Welt ist Einsatz für den Frieden so notwendig wie eh und je (iranischer Raketentest war heute die erste Meldung in den Nachrichten, nachdem bei der UNO ernsthaft über nukleare Abrüstung diskutiert wurde).
Infos:
Portraittheater
Bertha von Suttner bei Facebook
Bertha von Suttner bei Wikipedia
Bertha von Suttner-Ausstellung
Theater in der Drachengasse
Danish Peace Academy
Ned Med Vaabnene (Lay Down Your Arms) ist eine dänische Verfilmung von Suttners Buch, in der die Autorin zu sehen ist (es sind die einzigen Filmaufnahmen von ihr, sie entstanden im April 1914 und werden im Stück gezeigt)
Lay Down Your Arms! (Buch als Free Download)
Gender, Krieg und Raketen
Gender und Peacekeeping
Zu "Abendland in Christenhand"
Pace-Flagge
Geschichte der Pace-Flagge
Das Leben von Irene Harand
Weitere Aufführungen von PEACE PLEASE!
15. Oktober 2009, 20 Uhr, AKKU Kulturzentrum Steyr
24. Oktober 2009, 20 Uhr, Stadttheater Bruck an der Leitha
30. Oktober 2009, 19 Uhr, Optimum Matzen
Fotos: Armin Bardel
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Mein
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