(1.10.2009) Die Grünen machten in einer Pressekonferenz darauf aufmerksam, dass Personenunternehmen beim Bezug von Kindergeld stark benachteiligt sind. Frauensprecherin Judith Schwentner und Angelika Hörmann (Grüne Wirtschaft) wiesen darauf hin, dass es sich bei Personenunternehmen, die Dienstleistungen als Gewerbe anbieten, sehr oft um Frauen handelt, die vielleicht nicht einmal eine weitere Angestellte beschäftigen. Solche Gewerbe (beispielsweise Fußpflegerinnen, Masseurinnen) sind sehr auf die Persönlichkeit der Betrieberin zugeschnitten, sodass es sowieso schwer ist, für eine Babypause zurückzustecken.
Davon abgesehen können aber gerade so kleine Unternehmen auch sehr schwer ihren Gewinn so abschätzen, dass sie keine Probleme mit der Zuverdienstgrenze bekommen. Zuerst können sie acht Wochen vor und nach der Geburt rund 770 € pro Monat an Wochengeld, müssen aber eine Betriebshelferin einstellen, die mindestens 20 Wochenstunden tätig ist. Diese Person muss betriebsfremd sein, was gerade bei Ein-Personen-Unternehmen ein Problem darstellt, da diese Kleinstbetriebe von einer Person abhängen, sodass eine Vertretung gar nicht möglich ist.
Judith Schwentner, Angelika Hörmann
Beim anschließenden Kinderbetreuungsgeld müssen Unternehmerinnen als Zuverdienstgrenze 16.200 € oder 60% des Vorjahreseinkommens einhalten. wobei sich beides sehr schwer abschätzen lässt. Gewinne aus Kapitalerträgen werden nicht einbezogen in die Berechnung, sodass es Unternehmerinnen mit Kapitalgesellschaften einfach haben. Personenunternehmen haben aber als Gewinn nur den Ertrag aus den Dienstleistungen, welche die Inhaberin anbietet. Diese Benachteiligung von Personenunternehmen ist, meinen die Grünen, ohnehin nicht haltbar, da sie gegen den Gleichheitsgrundsatz verstößt.
Die Grünen bringen auch Beispiele zur Illustration wie das einer Seminarveranstalterin, die ihr zweites Kind bekommt und keine Betriebshilfe einstellen kann, da sie in ihrer Branche für 20 Wochenstunden mehr als das Wochengeld (770 €) bezahlen müsste. Sie konnte sich im Unternehmen ihres Mannes anstellen lassen, sodass sie wie alle Unselbständigen 100% des Letzteinkommens an Wochengeld erhielt. Viele Frauen wählen Umgebungslösungen und tricksen herum, um beim Kindergeld nichts wegen der Zuverdienstgrenze zurückzahlen zu müssen.
Angelika Hörmann findet es ärgerlich, dass Frauen nicht die Möglichkeit zu sauberen, verständlichen Lösungen geboten wird, die sie auch einhalten können. Überhaupt wird nach wie vor zu wenig getan für Unternehmerinnen, denn bei ihnen muss man berücksichtigen, dass sie meistens kleine Betriebe haben, oft auch aus der Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit wechseln. Es gibt, weiss Hörmann aus ihrem Bundesland Tirol, auch sehr gute Kooperation zwischen AMS und Schuldnerberatung, da viele Frauen den Ausweg wählen, sich selbstständig zu machen. Sie erhalten dann 9 Monate lang normales Arbeitslosengeld und werden zusätzlich in der Gründungsphase betreut. Mit diesen Programmen, die es nicht nur in Tirol gibt, sind alle Seiten sehr zufrieden.
Statistisch sind 37% der gewerblich Selbständigen Frauen, was 107.000 Unternehmerinnen entspricht. Da der EU-Schnitt nur bei 30% liegt, ist Österreich hinter Portugal und Luxemburg recht weit vorne. Allerdings sind die Unternehmen von Frauen oft sehr klein und liegen schwerpunktmäßig im Bereich Dienstleistungen (Unterricht, Gesundheit, Soziales, Gastgewerbe). Gewerbe und Handwerk (42% Frauen) und Tourismus und Freizeitwirtschaft (40%) liegen ganz weit oben, während es im Bereich Transport und Verkehr nur zu 14% Unternehmerinnen gibt. Das sind dann aber auch Frauen, die Taxi fahren oder die Transporte für Hilfsorganisationen auf dem Land übernehmen.
Gewerbe kann im Tourismus auch bedeuten, dass eine Frau in drei verschiedenen Hotels als Scheinselbständige putzt, weiss Angelika Hörmann aus dem Fremdenverkehrsland Tirol. Die Grünen kritisieren ohnehin, dass sich die Wirtschaftskammer der Scheinselbständigen und Freien DienstnehmerInnen, des Prekariats nicht annimmt, während es seitens der GPA zumindest gewisse Bemühungen gibt. Freilich befinden sich diese Menschen, deren Anteil an denen, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen, immer größer wird, in einer Grauzone und werden auch oft vergessen. Jüngstes Beispiel sind lobenswerte Forderungen im Bereich SPÖ und ÖGB, das Arbeitslosengeld von 55% auf 70% anzuheben - ohne sich auch zu überlegen, was man für Menschen tun kann, die keine soziale Absicherung haben und die oft nicht einmal Sozialhilfe beziehen können, weil sie noch etwas besitzen und noch nicht hungern.
Unter den GründerInnen sind mittlerweile bereits 40% Frauen, doch zeigen viele Branchen sehr hohe Frauenanteile, die an typische Frauenberufe bei den Unselbständigen erinnern. Bei FriseurInnen finden sich zu 90% Frauen, bei FußpflegerInnen, KosmetikerInnen, MasseurInnen sind es 84,7% und im Bereich Druck 73,6% (gemeint sind vor allem Buchhändlerinnen), gefolgt vom Direktvertrieb (73.3%). Die Grünen kritisieren, dass Konjunkturpakete in der Krise von Männern für Männer gemacht werden, es vor allem um große Unternehmen und um Industrie geht. Auch im Dienstleistungsbereich kam es zu Einbrüchen, die noch zunehmen werden (wovon auch Dwora Stein von der GPA ausgeht), doch hier wurde bislang noch nicht reagiert.
Dabei haben es selbständige Frauen ohnehin schwerer, da sie weniger Eigenkapital zur Unternehmensgründung haben. Nicht ohne Grund hatten wir gerade den Equal Pay Day, denn umgerechnet bekommen Frauen und Männer bis Ende September Lohn für ihre Arbeit und danach nur mehr die Männer. Jahr für Jahr um ein Viertel weniger an Ressourcen wirkt sich eben in jedem Lebensbereich von Frauen aus. Längst ist man draufgekommen, dass auch in entwickelten Ländern Mikrokredite für Frauen notwendig sind, sodass die Women's World Bank diese etwa im New Yorker Stadtteil Brooklyn vergibt. An sich sind die Erfahrungen mit Gründerinnen allerdings so, dass Banken von sich aus sehr an ihnen interessiert sein müssten, denn sie gelten als zuverlässiger als Männer.
Die Grünen fordern daher die Schaffung eines Gründerinnenfonds und von speziellen Haftungsinstrumentarien, die Frauen den Zugang zu Krediten erleichtern. Außerdem müssen die Kreditvergaberichtlinien statt Hard Facts mehr Soft Facts berücksichtigen, da gerade viele Unternehmerinnen keine Großbetriebe mit viel Gewinn schaffen wollen, sondern ein stark von ihnen geprägtes Kleinunternehmen. Unabdingbar sind auch Konjunkturpakete für "weibliche Branchen", gerade weil hier der Anstieg der Arbeitslosigkeit noch kommen wird und zudem zu befürchten steht, dass ideologisch und in der öffentlichen Debatte Druck auf Frauen ausgeübt wird, doch nicht unbedingt arbeiten zu wollen (auch Dwora Stein hält dieses Szenario für möglich).
Was das Kindergeld betrifft, so muss die Regelung der Zuverdienstgrenze der Tatsache angepasst werden, dass Kleinstbetriebe stark schwankende Gewinne haben, was bedeutet, den Durchschnitt von drei Jahren statt nur ein Jahr heranzuziehen. Das Wochengeld muss so angehoben werden, dass auch Unternehmerinnen 100% ihres monatlich verfügbaren Einkommens, zumindest aber 1000 € erhalten. Unternehmerinnen brauchen außerdem eine unabhängige Servicestelle, da "Frau in der Wirtschaft" aus Sicht der Grünen nur ein verlängerter Arm der ÖVP ist und daher für viele Frauen von wenig wirklichem Nutzen.
Infos:
www.gruene.at
www.gruenewirtschaft.at
Reaktion von "Frau in der Wirtschaft"
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