(28.10.2009) Wer schon mal in den 80er Jahren Besetzungen an Universitäten erlebt hat, wird sich an das Engagement von Studenten beiderlei Geschlechts erinnern. Genauer gesagt, die einen saßen am Boden, Studentinnen wie Studenten, oder organisierten so manches, die anderen führten das große Wort - Männer. Zwar wurde gelegentlich eingeworfen, "lasst doch auch mal eine Frau reden", aber das war dann mehr so nach außen, zu den Medien hin gedacht.
Auf den ersten Blick hat sich wenig geändert, sieht mann / frau davon ab, dass die StudentInnen von heute Laptops in den Bänken des besetzten Audimax an der Wiener Uni mithaben, wobei sich nahezu alle bei Facebook einloggen. Eine erkleckliche Anzahl sympathisierender Angehöriger jener Generationen, die nicht mehr studieren, hat vor / nach den Besuchen auf der Uni via Facebook bekanntgegeben, dass sie / er mal eben Uni schauen geht. Die einlangenden Berichte (in der Regel von Männern) sind dann auch restlos begeistert, als ob man sich etwas vom Elan der "Jungen" abzapfen möchte.
So alt sind wir alle aber auch noch nicht, dass wir das nötig hätten bzw. nicht die größere (politische) Lebenserfahrung sinnvoll einsetzen könnten. Wir sind, wie die nachkommenden Generationen auch, Teil eines Paradigmenwechsels, da wir unsere Art zu Wirtschaften, mit der Umwelt umzugehen, unsere (sozialen) Beziehungen zu gestalten, sprich: zu leben verändern müssen und auch verändern werden. Dabei kann uns helfen, dass wir bereits wissen, dass jeder Protest und jeder Aufbruch seine Kraft und Radikalität verliert, wenn er wie das wird, mit dem man unzufrieden ist.
Ich werde hier sicher keine umfassende Analyse von etwas versuchen, dem ich dauerhaft zusehen müsste (und auch nicht so tun, als könnte ich ohne mehr Insiderblick mehr sagen). Aber mir fiel doch auf, dass sich in der Genderfrage, die immer auch eine Machtfrage ist, im Grunde nichts geändert hat. Ich habe mitten in der Gesellschaft, im Mainstream, bei durchaus im System etablierten Männern und Frauen mehr Gendersensibilität wahrgenommen als bei den BesetzerInnen, der von allen bejubelten neuen Bewegung, die auch stellvertretend für "uns" vielerlei Protest ausdrückt.
Vielleicht ist dieses "Stellvertretend" auch sehr viel Druck zusammen mit den praktischen Anforderungen, eine Besetzung aufrechtzuerhalten, Menschen zu mobilisieren, mit Medien zu kommunizieren. Letztere können differenziert und wohlwollend schreiben oder wegen winziger Details alle Öffentlichkeitsarbeit zunichte machen, hier ein Papier auf dem Boden, dort ein Betrunkener. Es wäre wohl auch hilfreich, wenn all jene Menschen, die nicht mehr studieren, aber die Anliegen der StudentInnen richtig finden, in ihrem eigenen Lebensbereich dort Veränderungen angehen, wo sie die Möglichkeit dazu haben.
Ein Paradigmenwechsel findet so statt und nicht indem ein paar StudentInnen eine Revolutionsfahne am Dach des Wissenschaftsministeriums hissen. Die Verbindung zwischen dem Widerstand der StudentInnen und dem Rest der Gesellschaft kommt in den Flugblättern nicht unbedingt ohne zusätzliche Erläuterungen heraus, besteht aber darin, dass alles dem Markt und der Effizienz unterworfen wird. Die Ausbildung von Studierenden ebenso wie Betreuung, Pflege und andere Bereiche, in denen es um Qualität geht und nicht darum, dass in möglichst kurzer Zeit möglichst viel erledigt wird.
Gesamtgesellschaftlich wird aber die meiste Arbeit dort verrichtet, wo es darauf ankommt, wie sie getan wird - überwiegend wird diese Tätigkeit nicht bezahlt, sie ist aber eine tragende Säule unseres Systems, das ohne sie zusammenbrechen würde. Beispielsweise, wenn für jede geleistete Arbeit Lohn (und zwar guter Lohn) bezahlt werden müsste, was vor allem reproduktive Arbeit von Frauen betrifft. Womit wir wieder beim Gender-Thema wären, das an der Uni so aussieht, dass als eingeladene Vortragende zunächst nur Männer einfallen, die man(n) als "linke Denker" bezeichnet. Nach heftigen Protesten bei Facebook und auf der Besetzungs-Webseite wird dann doch an eine Frau gedacht.
Die Frauen (und nicht nur sie) nehmen bei jenen Männern, die ihnen die Welt erklären sollen, Profilierungssucht wahr, meinen aber oft selbst, dass Aufgaben wie das Betreuen von Infoständen auch wichtig sind. Oder, sich bei der Erste Hilfe zu engagieren, die über den auf den ersten Blick klaren Auftrag hinaus auch das Hinauskomplementieren von Burschenschaftern übernimmt. Das "auch wichtig" hörte ich beispielsweise, als ich die Meinung von Frauen zu einem "typischen" Setting im Plenum im Audimax wissen wollte. Dort gab es zwar vorne eine Art Podium, von dem her auch Frauen etwas ankündigten, in der Diskussion agierten aber fast nur Männer.
Wenn es darum ging, zu etwas Stellung zu nehmen, seine Meinung zu sagen, einen Vorschlag zu debattieren, schritten Männer zum Mikro. Frauen gaben etwas bekannt oder fragten nach, nur eine gab eine Meinungsäußerung ab, als ich das Geschehen (am Nationalfeiertag) beobachtete. Das hatten wir doch schon mal - nämlich damals, als ich an der Uni war, schon lange her, aber sooo lange nun auch wieder nicht. Soll heissen, dass feministische Literatur und Emanzipationsdiskussionen natürlich auch in den 80er Jahren dazugehörten. Und dann müssen Frauen (und Männer) das Rad neu erfinden oder es rennt einfach automatisch so? Hätte sich viel geändert, würde es nicht "automatisch" so ablaufen, wenn etwas spontan passiert, sondern das Spontane würde gleichermaßen von Frauen und Männern getragen werden.
Eines der diskutierten Probleme waren Versuche von Burschenschaftern, im Geschehen mitzumischen, und zwar nicht als solidarische Besetzer, sondern um Stunk zu machen. Es war davon die Rede, dass sie Frauen belästigen und ihnen Tixo auf die Brüste klebten. So klar war nicht, wie man damit am besten umgeht bzw. sie gemeinsam hinauswerfen kann, da anscheinend dann nicht der ganze Hörsaal auf sie zugeht und ihnen klarmacht, dass sie hier nichts verloren haben. Nun kann frau einem Burschenschafter wahrscheinlich schwer Klebstoff auf den Schritt schmieren, aber sich irgendwie wehren, ihnen eine scheuern? Müssen aber auch irgendwie befremdend sein mit ihren seltsamen archaischen Bräuchen. Ich war einmal sehr verblüfft in einem Lokal bei der Uni, wo plötzlich laut gesungen wurde und ein Tisch voller Männer im Nebenraum nackt mit dem Bierkrug in der Hand aufstand (sind das "heimische" Gepflogenheiten? Klärt's mich auf, bin Hobbyethnologin :-).
Die Besetzer(innen) machten sich auch Gedanken darüber, wie sie nach außen auftreten sollen. "Diplomatisch" schlug das Papier eines Mannes vor, das nach Diskussion (von Männern) im Plenum per Abstimmung beschlossen wurde. Man(n) sollte Stereotype und Vorurteile klarstellen und sich mit "anderen sozialen Netzwerken" verbinden (damit wird nicht nur Facebook gemeint sein). Es geht darum, "einen Meinungswandel in der Gesellschaft herbeizuführen", dabei aber die "Geschlossenheit" nicht zu verlieren. Der sich auftuende Widerspruch zwischen Bewegung, also etwas Lebendigem, dem sich ja immer mehr Menschen anschließen sollen, soll so gelöst werden, dass nach außen ein einheitliches Bild präsentiert wird, aber dennoch Vielfalt bestehen soll. "Freie Bildung ist die wichtigste Ressource" sagen die Studenten(-innen) und wollen das Ganze auch "in die Betriebe tragen" (dies nicht im Papier, sondern auf einem der zahlreichen Anschläge am Gang). Manchen der BesucherInnen, die sich vom "Tag der Offenen Tür" angezogen fühlten, braucht aber niemand viel zu erklären: "Es ist gut, dass sich die Studenten wehren" war zu hören....
Fast vergessene Fussnote: Es mutet wie ein Treppenwitz der Politik an, dass die StudentInnen - etwa in der Facebook-Gruppe - den Rücktritt von Wissenschaftsminister Johannes Hahn fordern, der nun in gewisser Weise tatsächlich zurücktreten wird. Er wird ja formal aus dem Amt entlassen, aber um neuer EU-Kommissar aus Österreich zu werden, und erklärt sich, seit das klar ist, doch bereit, mit den StudentInnen zu reden, die am 28. Oktober 2009 um 17 Uhr in Wien und um 15 Uhr in Salzburg demonstrieren. Beim Theater um Hahns neuen Job sehen die Studierenden, die mit zahlreichen Arbeitsgruppen ein Stück anderes Lernen für die Gesellschaft verwirklichen wollen, dass Personalpolitik alles ist - einerseits empören sich Medien darüber, dass so lange wegen EU gezaudert wird (eine "Abwertung" der europäischen Ebene sei das), andererseits wird dann doch seitenlang erörtert, ob da nun Kanzler Faymann (mit leichten Sympathien für die StudentInnen) Vizekanzler Pröll eins auswischte oder nicht...
Infos:
www.unibrennt.at
www.malen-nach-zahlen.at (siehe auch Bericht)
Facebook-Gruppe
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Ganz herzlichen Dank :-)
Mein
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