(2.11.2009) Was ist so anders an den Protesten der Studierenden? - Nachdem zuerst die übliche Skepsis gegenüber Menschen bestand, die etwas besetzen, verhalten sich nun die allermeisten Medien relativ wohlwollenden gegenüber den StudentInnen, die teils mit Unterstützung der Lehrenden mitterweile in mehreren Städten Hörsäle besetzt halten. Dabei wird aber dennoch auf Klischees nicht vergessen, die hier nicht im Detail zitiert werden sollen, aber vereinfachend gesagt zwei Raster zur Verfügung haben.

Ute Bock im Audimax, 31.10.2009
Hängen "zu viele" Zettel in den Gängen, auf denen Seminare zu Karl Marx angeboten werden, ist die Bewegung "zu links", sind es zu wenige solcher Notizen, dann ist das Ganze "zu pragmatisch" und zu unpolitisch. In erster Linie spiegeln die Bewertungen wieder, was JournalistInnen erwarten und auch, welche Grabenkämpfe zwischen Medien ausgetragen werden. Wenn die einen etwas positiv beurteilen, finden die anderen umso mehr daran auszusetzen und umgekehrt. Da JournalistInnen über das schreiben und richten, was andere tun, schleichen sich leicht StellvertreterInnenkämpfe ein. Viele wären im Grunde gerne beispielsweise PolitikerInnen, also etwas, das mit "Macht" zu tun hat, und verhalten sich zu den AkteurInnen wie LiteraturkritikerInnen zu AutorInnen.
Dafür lernen, arbeiten und leben wir: Denk-Mal im Arkadenhof
Dadurch wird der Filter, den jede Art Berichterstattung bedeutet, weil sie niemals alles zu 100% wiedergeben kann, auch oft zur verzerrenden Zusammenfassung. Dagegen konnte man sich früher kaum wehren, und umso weniger, je "machtloser" man war. Heute aber haben "ganz normale Menschen" durch das Internet und freie elektronische Medien, im Besonderen aber durch das Web 2.0 selbst Mittel in der Hand, um Öffentlichkeit herzustellen, ohne "die Medien" als Vermittler zu benötigen. Als das Audimax an der Wiener Uni besetzt wurde und die Studierenden und Lehrenden an der Akademie der Bildenden Künste ebenfalls in Wien beschlossen hatten, ihre Besetzung fortzuführen, fand beim Festival Elevate in Graz eine Diskussion zur Krise der Medien statt.
no comment :-)
Dort bestritten "etablierte" JournalistInnen traditioneller Medien, dass neue und freie Medien und das Web 2.0 Relevanz haben, während der Pullitzerpreisträger David Barstow (New York Times) voller Begeisterung darüber sprach, wie man mit BloggerInnen und WebjournalistInnen kooperieren kann, welche Bereicherung die Inputs der Menschen bedeuten, die "community based journalism" machen. Ich vertrat dort genau diese neue Mediengeneration und war mit dem Publikum einer Meinung, dass es ganz normalen Menschen reicht, in der Berichterstattung kaum vorzukommen (wenn, dann als Opfer, und vielleicht ein, zweimal, wenn man ein gutes Projekt macht), während sich alles auf PolitikerInnen, BankerInnen, immer die gleichen ExpertInnen und sogenannte Prominente konzentriert.
Uah! (Halloween im Arkadenhof)
Das Credo alternativen Medien-Machens ist es, vom Lebensalltag der Menschen auszugehen und ihn abzubilden, weil herkömmliche Medien das nicht tun. Ein spannnendes Element dabei ist Facebook, das eine Mischung aus Medium, virtuellem Dialog und Möglichkeit zu politischer Mobilisierung darstellt. Dass "die Menschen ihre Medien selber machen werden" findet in der Praxis in sehr beachteter Form statt, seit die Aktionen der StudentInnen immer mehr Unterstützung finden. Die Medienarbeit hat sich so ergeben, da ein Student sich an einem der ersten Tage der Besetzung im Audimax hinsetzte und eine Webseite erstellte, die unter unsereuni.at online ist. Dort sind Bereiche für alle anderen Unis, für Pressemeldungen, Protokolle der Plena, Fotos und Livestream aus dem Plenum und von Diskussionen.
Die Volksküche
Der erste Stream kam über ein Handy und war noch etwas mangelhaft in der Qualität, doch dann wurden Kamera und Laptop eingesetzt. Auch von anderen Unis wird alles übertragen und erfreut sich reger Nachfrage unter anderem bei JournalistInnen. Es sind immer zumindest ein paar hundert Menschen so live dabei, manchmal auch 2000. Um das Wiener Audimax wurde binnen kurzem eine beachtliche Infrastruktur aufgezogen, neben Studium und manchmal auch neben Arbeit, wie die engagierten StudentInnen versichern. Es gibt eine Vielzahl an Arbeitsgruppen, eine Volksküche, in der es Essen und Getränke (aber kein Bier) gibt, einen Ruheraum und PsychologiestudentInnen, die jenen durch Gespräche helfen, die ausgepowert sind.
Eines der neuen Sigel der Uni :-)
Es kann anstrengend sein, den ganzen Tag unter Belastung mit anderen zusammenzuarbeiten, sodass Rückzugsmöglichkeiten auch helfen, Konflikte zu verhindern. Die Struktur der Besetzung besteht darin, dass es keine Struktur gibt und alles basisdemokratisch entschieden wird. Dabei sein kann jede/r und sich auch zu Wort melden, was beispielsweise am Nachmittag des 1. November von einer Gruppe solidarischer ArbeitnehmerInnen genutzt wurde. Für Medien ist es freilich gewöhnungsbedürftig, dass es keine/n SprecherIn der BesetzerInnen gibt, doch im Pressezentrum hiess es, dass dies nur mehr für den ORF ein Problem darstellt.
Über einer Tür zum Audimax
Aber auch nicht für alle dort, denn am Samstag und Sonntag recherchierte ein Team für die Sendung "Thema", das wirklich bemüht ist, den Charakter des Protestes allgemein verständlich rüberzubringen. Der Presseraum, zu dem auch ein Erste Hilfe-Bereich gehört (daneben hat der Arbeiter Samariter Bund Erste Hilfe übernommen), besteht aus vielen Leuten an Laptops, die Schichtdienst machen. Zwar gibt es dafür Listen, doch da alles freiwillig ist und ja auch Vorlesungen zu besuchen sind bzw. Nebenjobs warten, ist das Zentrum nicht immer voll besetzt. Wichtig ist, dass Menschen zur Verfügung stehen, die Fremdsprachen beherrschen, da es viele internationale Anfragen gibt.
Es gab auch Kürbissuppe :-)
Presseaussendungen werden übersetzt, die mittlerweile zahlreichen Medienberichte dokumentiert. Es gibt auch einen Wiki zur Besetzung, in dem beispielsweise die stets auch neu gegründeten Arbeitsgruppen eingetragen sind und wo über den am Wochenende beschlossenen österreichweiten Aktionstag am 5. November ab 11 Uhr informiert wird. Wer im Pressezentrum mithelfen möchte, wird nur kurz gefragt, "kennst du dich mit Twitter und Facebook aus?" und kann sich an einem der freien Laptops betätigen. Wenn Personen Statements gegenüber Medien abgeben oder bspw. zum ORF eingeladen werden, so entstammen sie einer Liste, auf der sich jede/r eintragen kann, die/der sich so etwas zutraut.
Das gabs auch....
Da sich Aussagen an Beschlüssen orientieren und diese basisdemokratisch gefällt werden (also vordiskutiert, im Plenum vorgetragen, dann nochmal diskutiert und abgestimmt), gab es bislang weniger Pressegeschichten, bei denen einzelne StudentInnen im Mittelpunkt standen. Derlei könnte für mehr Verständnis sorgen, da dann breite Bevölkerungsschichten sehen, wer denn die Menschen sind, die protestieren, doch ist auch so das Echo weitestgehend positiv. Deutlich war zu bemerken, dass sich die Stimmung gegenüber den Aktionen veränderte, die ersten Zeitungskommentatoren entdeckten, dass sich hier doch etwas abspielt, dem gegenüber man aufgeschlossen sein könnte. Dann kamen auch Stellungnahmen aus den Bereichen Politik und Gewerkschaft, und mittlerweile kann man sagen, dass Parteien links der Mitte die Proteste unterstützen (Facebook-Gruppe "Audimax-Besetzung", an die 24.000 Leute) und jene rechts der Mitte die Facebook-Gruppe "Studieren statt Blockieren"(18.000 Personen, die aber teils auch in der anderen Gruppe sind), was die (Wiener) ÖVP auch explizit in einer Presseaussendung zum Ausdruck brachte.
Audimax
Neben belehrenden Medienleuten gibt es aber auch einige, die versuchen, differenziert und fair zu berichten bzw. welche die Pressearbeit aktiv unterstützen etwa durch Film- und Fotoaufnahmen. Was die ideologische Zuordnung der Bewegung betrifft, so wollen sich die meisten nicht in gängige Schubladen stecken lassen. Manche der herumhängenden Zettel und Aufforderungen wirken eher verstaubt und aus einer anderen Zeit der politischen Auseinandersetzung stammend. Da ist von "Rätedemokratische Strukturen aufbauen" die Rede (und kaum vorstellbar, dass das viele AnhängerInnen finden wird) oder davon, "den Kampf weiter auf(zu)bauen", indem auf uralte Weise "eigene Öffentlichkeit" geschaffen wird, nämlich mit "Protestzeitungen, Infoständen, Flugblättern". Nun gibt es eine Art Protestzeitung (genannt "Morgen" in Anspielung auf "Heute"), aber Öffentlichkeit wird in erster Linie über das Internet hergestellt.
Beim Besuch von Ute Bock
Zu einem Versuch, den Widerstand neben berechtigter (heute ja von kaum jemandem mehr bestrittener) Kapitalismuskritik anhand alter Vorstellungen auszurichten, gab es die mit viel Beifall bedachte Wortmeldung, dass man doch die gängigen Links-Rechts-Kategorien nicht anwenden möge. Denn mit Erich Fried gesprochen "es ist was es ist" (sagt an sich die Liebe, aber es ist wohl auch bei einer Bewegung passend, die eine neue Qualität darstellt). Zwar haben die Menschen auch außerhalb der Unis verstanden, dass freier Bildungszugang und ein Verweigern des Effizienz-Diktates etwas mit ihnen zu tun hat, doch die Solidarisierungen haben erst begonnen. "Bring your parents" war ein viel beklatschter Vorschlag einer Besucherin im Plenum, nachdem ArbeitnehmerInnen sagten, was sie persönlich mit der Bewegung der StudentInnen verbinden.
Sich volllaufen lassen (was ganz am Anfang manche taten und zu heftiger Kritik führte) und andere volllabern ist jedoch verpönt, wie zahlreiche Zettel an den Wänden zeigen. Nicht ohne Grund wurde als Illustration für den Typen, der sich in erster Linie selbst profilieren will, ein Foto von Rudi Dutschke gewählt, der sein Leben lang nur das analysierte, was andere tun sollten. Genau das wird jetzt eben nicht stattfinden, weder an den Unis noch bei all jenen, die wissen, dass es einen Paradigmenwechsel geben muss, weil unser Wirtschaftssystem gescheitert ist und wir irgendwann die letzten Ressourcen verbraucht haben. Dass die Menschen wissen, was notwendig ist, erkennen wir oft auch dann nicht, wenn wir selbst zu ihnen gehören. Wir meinen, weil wir in "den Medien" kaum vorkommen, dass wir nur vereinzelt Unbehagen empfinden.
Tatsächlich sind wir viele, und wir artikulieren uns auch immer mehr dank Web 2.0. Nun haben wir auch Anknüpfungspunkte, an den Universitäten, wo jene Menschen Freiräume geschaffen haben, die am ehesten als Gruppe etwas gemeinsam auf die Füße stellen können, indem sie ihre Alltagsverpflichtungen ein wenig umdisponieren. Andocken können alle, die gemeinsam Ideen für eine andere Gesellschaft entwickeln wollen, in der wir lernen, arbeiten und leben wollen, denn "Es geht nicht um die Semmeln, es geht um die ganze Bäckerei", so der passende Titel einer Presseaussendung der Akademie der Bildenden Künste, die ein bedingungsloses Grundeinkommen von € 1500 fordert. Längst gehen die Aktivitäten weit über die Forderung nach Verbesserung der Studienbedingungen hinaus, da Filme, Vorträge und Diskussionen alle gesellschaftlichen Bereiche berühren.
Ein Beispiel von vielen ist die Premiere des Films "Bock for President" über Ute Bocks Hilfe für Flüchtlinge, die im Rahmen der Viennale einfach ins überfüllte Audimax verlegt wurde (das anschliessende Plenum forderte dann die Rücknahme der Fremdenrechtsnovelle siehe "Susanne Winter heisst jetzt Maria Fekter"). Was in den Gängen aufliegt und angeboten wird, sind neben Besetzungs-Buttons und der erwartbaren klassischen linken Lektüre auch Publikationen über Asylrecht, Tierrechte, Entwicklungszusammenarbeit. Auf die soziale Situation der StudentInnen wird mit Anschlägen Bezug genommen, die auf die Möglichkeit hinweisen, im Sozialmarkt billiger einzukaufen. Außerdem gibt es eine Kleidertauschbörse, was bei Besetzungen früherer Jahre wohl kein Thema gewesen wäre. Neben allzu Ernstem finden wir aber auch die Arbeitsgruppe "Intergalaktische Angelegenheiten", die einen "Hilferuf an die unendlichen Weiten des Weltalls" geschickt hat und mit der "unterdrückten Freiheitsbewegung auf Pluto" sympathisiert. "Hoch die intergalaktische Solidarität" ist natürlich ein naheliegendes Motto. Was sich hinter der "Aktion Schwarze Katze" verbirgt, die eine "Temporäre Autonome Zone" ab Sonntag abend schaffen will, werde ich noch eruieren :-)
Ein Artikel in der "Presse" (29.10.2009) weist darauf hin, dass die Regierung die StudentInnen nicht unbedingt gewähren lassen muss, denn der Bundespräsident sei "über mögliche Gefahr" informiert worden. Es könnte ja durchaus sein, dass sich die Proteste ausweiten, dass sie zu Widerstand gegen das Wirtschaftssystem inklusive seines Umgangs mit Natur und Ressourcen werden. Außerdem versuchen die österreichischen StudentInnen, jene in anderen EU-Staaten, besonders in Deutschland (wie am Gang zum Trocknen aufgelegte Transparente zeigten) zu eigenen Aktivitäten zu motivieren. Bislang gab es Solidaritätserklärungen und Umbenennungen von Straßen; auch Flashmobs sind geplant. Vielleicht sollte aber Österreich, was die Regierung einschliesst, auch ganz einfach stolz sein auf eine der ersten Web 2.0-Bewegungen in Europa?
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Ganz herzlichen Dank :-)
Mein
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