(2.11.2009) Inspirieren und Anregen ist das Ziel der Lebens- und Sozialberaterin Regina Thurner aus dem burgenländischen Mattersburg. Sie versteht sich nicht als Beraterin, da dies ein von oben herab impliziert, sondern möchte Menschen beim Spazierengehen von sich erzählen lassen. Da stellt sie dann "Fragen, die sich diese Frauen und Männer nicht selbst zu stellen trauen" und hilft so, Klarheit zu erlangen. Wer von ihr Beratung als Dienstleistung erwartet im Sinne von an eine andere Person delegierte Entscheidungen, wird enttäuscht werden. Doch sie stellt ohnehin bereits beim ersten telefonischen Kontakt klar, wie ihre Gespräche ablaufen.
Regina Thurner nimmt sich einen halben oder einen ganzen Tag Zeit und wandert dann stundenlang mit der Frau oder dem Mann durch die Natur, zu der/dem sie gerade eine Gesprächsbeziehung eingeht. Sollte es heftig regnen, kann es schon auch mal eine Therme sein; wichtig ist, dass man rauskommt aus den eigenen vier Wänden, "und dass es auch nicht so eine Beratungssituation in einem Büro gibt". Wenn man körperlich in Bewegung ist, kommt man auch geistig in Bewegung - das bringt Thurner mit "move your ass and your brain will follow" auf den Punkt. In der Landschaft findet sich auch "Arbeitsmaterial" wie ein Ast, den man in die Hand nehmen kann (Assoziationen zu "etwas anpacken" sind naheliegend).
Oder man kommt an eine Wegkreuzung und kann mehrere Alternativen ausprobieren: wie fühle ich mich, wenn ich diesen Weg wähle / diese Entscheidung treffe? Wie geht es mir, wenn ich eine Weg ins Ungewisse nehme, wo ich mir gar nicht genau vorstelle, was kommen könnte? Es ist, meint Thurner, etwas ganz anderes, sich Möglichkeiten durchzudenken oder auch im Gehen vorzustellen. Die eventuellen Entscheidungen sind dann nicht "nur theoretisch im Hirn", sondern man kann Erlebtes abrufen, weil man die Varianten auch gegangen ist. Am Ende des Spazierganges fasst die Frau oder der Mann die Quintessenz in einem Satz zusammen. Diesen schickt sie/er Thurner dann per Mail und erhält ihn in zwei oder drei Wochen zurück "als Erinnerung an den Entschluss, mit ein paar persönlichen Sätzen".
Thurner, die maximal drei Menschen pro Woche auf diese Weise besuchen will, legt Wert darauf, auch weiterhin Kontakt zu halten. Bei ihrer Art zu arbeiten kann sie nur ein bestimmtes Quantum an Beziehungen zu anderen eingehen, da es ja nicht um eine allgemeinere und unverbindlichere Beratungs- oder Coachingsituation geht. Im einem Café in Mödling, das von Wien wie von Mattersburg nicht allzu weit entfernt ist, schildert mir Regina Thurner eine typische Gesprächssituation. Zur ihr kam eine Frau, die verheiratet ist, ein Kind hat, gemeinsam ihrem Mann auch Schulden, die immer Affären hatte, in der Ehe nicht glücklich ist und nun eine Affäre hat, die sie tiefer berührt. "Sie hat es zuerst als Entscheidung zwischen zwei Männern gesehen", sagt Regina. "Wir sind dann eineinhalb Stunden durch den Wald gegangen, bei einer Rast auf einen Kaffee eingekehrt, und ich habe sie immer erzählen lassen, dazwischen Fragen gestellt.
Als wir wieder auf dem Heimweg waren, meinte sie plötzlich, dass es keine Entscheidung zwischen zwei Männern ist, sondern stets nur um sie selbst ging." Solche Klärungsprozesse sind "wie Babuschkas, bei jedem Schritt bricht eine Schale, eine Puppenhülle weg". Reginas Aufgabe ist es dann, die Frau in ihrer Entscheidung zu bestärken. Besonders wichtig war die Frage "wie geht denn das finanziell?". Sie haben darüber geredet, und sie hat ihr auch noch gemailt, was ihr nach dem Gespräch dazu eingefallen ist. Am Schluß kamen sie an eine Wegkreuzung, und die Frau konnte abschreiten, was dieser oder jener Aspekt für sie bedeutet. Sie wußte dann, dass sie das Kind bei sich haben möchte, und dass es "nicht lustig" sein wird, den Dialog mit den Mann zu führen, denn er wusste bis dato nicht, dass sie unglücklich ist.
Sie entschied sich dafür, nicht mehr mit verdeckten, sondern mit offenen Karten zu spielen. "Das ist kein leichter Weg, aber sie steht zu sich", beschreibt Regina die Haltung der Frau, die auch körperlich ganz anders dastand, aufrecht. Regina meint, sie sei so etwas wie eine "Gesellschaftsdame oder enge Vertraute" für die Frauen und Männer, die sich an sie wenden. Das Wort "Seelengesellschaft" trifft es für sie besonders gut. Ein "Musentag" nimmt sie voll in Anspruch, denn "ich mag es, dass es mich beschäftigt", sie zeigt sich auch als Mensch und lässt es zu, dass ihr auch sehr persönliche Fragen gestellt werden. Um Reginas Zugang gerecht zu werden, wird hier das Wort "KlientIn" vermieden. Dass von Frauen und Männer die Rede ist, entspricht ihren Erfahrungen. Es kommen beide Geschlechter zu ihr und mit den gleichen Problemen.
Auch Männer reden sich gerne alles von der Seele, widerspricht sie öden Klischees, die in Zeitschriftenartikeln immer noch so gerne über die angebliche männliche Sprachlosigkeit aufgewärmt werden. Bei Männern, die sich entschieden haben, das Gespräch zu suchen, "ist oft sehr berührend, wie offen und menschlich sie sind". Männer haben "sehr viel auf dem Herzen, können es aber durch das Rollenverständnis oft nicht zeigen". Sie stehen unter größerem Druck, unter anderem wegen der Anforderung, doch "Karriere" zu machen, aber auch, weil sie viel mehr in sich selbst unterdrücken müssen. Von Frauen wird Offenheit eher erwartet, während Männer oft lange sehr unter Druck stehen, ehe sie sich eingestehen, dass sie kurz vor dem Burn Out sind. "Vom Gefühl her sind sie oft fast schon tot", sagt Regina, doch sie wollen aussprechen, wie ihnen zumute ist.
Es geht ihnen darum, in ihrem Schmerz und ihrer Unsicherheit ernstgenommen zu werden. Dazu gehört auch das Gefühl, nicht zu wissen, wie es weitergeht. "Man hat ihnen beigebracht, für alles ein Werkzeug, ein Tool zu haben", meint Regina, aber oft sind Situationen nicht so mechanisch zu lösen, sondern man(n) muss sich darauf einlassen, dass er nicht jedes Risiko abschätzen kann, wenn er zu sich selbst und anderen ehrlich ist. "Männer können nicht damit umgehen, an der Wand zu stehen", eben auszuhalten, dass sie nicht wissen, wie es weitergeht, ohne sich deswegen als Versager zu fühlen, die nur noch nicht das richtige Tool gefunden haben. Männer "leben oft über Jahre mechanisch, ihr Leben besteht aus dem Abspulen von Handlungen", sie "stehen unter dem unbewussten Druck, sich dauernd selbst überholen zu müssen", wobei sie wissen, dass das gar nicht geht.
Regina ist dafür, Herrschaft auch so zu bezeichnen, statt beim diffuseren Begriff der Macht zu bleiben, denn "Macht hat die Natur" und Macht hat auch mit der Eigenmacht zu tun, aus der heraus wir alle agieren sollen. Sie möchte den Menschen sagen, dass sie schon in Ordnung sind, wie sie sind - es fehlt ihnen nichts, sie haben alle Kräfte in sich, die sie brauchen. Niemand ist ein defizitäres Wesen, weil sie/er nicht auch noch dieses Seminar besucht oder dieses Ratgeberbuch liest. Macht bedeutet, dass eigen-mächtige Wesen zusammenkommen, was ohne Hierarchie funktioniert (und gerade viele bei den StudentInnen so erstaunt, die Hörsäle auf Unis besetzen und eine Vielzahl von Arbeiten gemeinsam erledigen, ohne dass es "Anführer" gibt). Herrschen impliziert, dass es einen Herrscher und Untertanen gibt, oder "was wäre ein Herrscher ohne Untertanen"?.
"Die anderen", all die Menschen, die einfach nur als ganz normale Menschen sinnvoll leben und arbeiten wollen, wissen noch nicht, dass sie "so viele" sind, meint Regina. Und manchmal ist es auch Bequemlichkeit, es nicht zu erkennen, nicht die Initiativen anderer wahrzunehmen. Als "Muse" mobil zu sein, ist zwar Reginas Konzept und Credo, aber auch ganz pragmatisch die einzige Art und Weise, wie sie ihre Tätigkeit ausüben und in Mattersburg leben kann. Denn nach sechs Jahren hat sie nur Anschluss an andere "Zugereiste" und weiss von einer Künstlerin, die erst jetzt, mit 70, nach 30 Jahren von "Einheimischen" akzeptiert wird. Regina, die auch früher schon einmal im Burgenland lebte, ist vor 6 Jahren nach Mattersburg gezogen, das 7000 EinwohnerInnen hat. Ihr soziales Umfeld sind nur andere "Zugereiste", und es war anfangs sehr hart, als sie diese Menschen noch nicht kannte.
Mit den Müttern der MitschülerInnen ihrer Tochter würde sie aber schon deswegen wenig anzufangen wissen, weil diese allen Ernstes bei den Schularbeiten ihrer Kinder sitzen wollen. Wenn sie dazu meint, "ich kann schon schreiben, lesen und rechnen", also warum sollte sie, reagieren sie verständnislos. In dieser Welt, die sich gegen andere so abschottet, zählen für die Frauen nur "mein Mann, meine Kinder", sagt sie. Die Kids machen die Aufgaben in den Pausen, um so nicht am Nachmittag mit der Mutter lernen zu müssen, doch es bleibt denen nicht erspart, denen die Schule nicht so leichtfällt. Dei Mütter bauen den Vater auch gern als den Strafenden auf, "ich sag' ihm das und das, wenn er heimkommt", und untergraben so eine gute Beziehhung zwischen Vater und Kindern. Viele Frauen würden sich die Frage "wie definiere ich mich selbst?", die auch bei den Musen-Gesprächen auftaucht, nicht einmal stellen, weil sie sich nicht von Mann / Kinder /Familie als Mensch mit Bedürfnissen unterscheiden können.
Für die Kinder kann das ebenso die Hölle sein wie für Männer, "die viel Zeit im Job verbringen und im Auto leben", also möglichst viel unterwegs sind, um dem Moment hinauszuzögern, wo sie das Gefängnis mit klammernder Ehefrau betreten. Männer sind der Mittelpunkt des Universums dieser Frauen, die sich wohl auch kaum vorstellen können, dass ihre Gluckenhaftigkeit jeden Menschen, der als eigenständige Persönlichkeit gesehen werden will, todunglücklich macht. Regina kennt auch von früher typische Gasthausszenen - sie unterhält sich blendend mit ihren Freundinnen, am Nebentisch sitzen Paare, "die Männer reden, die Frauen lächeln lieb und bewundern". Weibliche Eigenständigkeit "provoziert" da schon mal fast drohende Untertöne, denn als Regina noch verheiratet war, sagte mal einer am Wirtshaustisch "Sie können es sich leisten, so zu reden, weil Ihr Mann so viel verdient".
Regina meint, dass es natürlich sehr viel Fassade, Scheinheiligkeit und Unglück gibt, aber auch viel Angst vor Veränderung. Gerade die Frauen wollen an Bedingungen festhalten, unter denen sie sich und ihre Bedürfnisse (weil sie beides ja oft nicht einmal bewusst wahrhaben) anderen unterordnen. Es geht am Land nicht nur um Strukturelles wie ausreichend Kinderbetreuungseinrichtungen oder Zugang zu Mobilität - wir setzen beides, wenn erfüllt, gerne mit nahezu automatischer weiblicher Berufstätigkeit gleich. Wie ungemein erstickend und beklemmend es sein muss, elementare Wünsche und Lebensregungen zu unterdrücken, an Menschen gebunden zu sein, mit denen eine/n innerlich nichts mehr verbindet, mag man daran ermessen, dass die so sehr "geschnittenen" Zugereisten ganz normale Menschen sind, die nur ehrlicher mit sich selbst und anderen sind. An Regina ist nichts "Extravagantes" und das wird auf ihr selbst geschaffenes Umfeld ebenso zutreffen.
Es geht um ganz normale Menschen, die im 21. Jahrhundert leben, die in einigen Regionen Österreichs aber fast wie Fremde sind, die in ein vergessenes Pyrenäen-Bergdorf kommen, in dem es noch keinen Strom gibt. Am Land ist, meint Regina, halt wunderschön, dass man sofort draußen in der Natur ist, stundenlang mit dem Hund spazierengehen kann. Ich habe als Städterin auch Natur vor der Tür, kann also im Grunde beides kombinieren, doch dass "Stadtluft macht frei" nach wie vor gilt, wird einmal mehr klar. Manches mag schwieriger sein, weil man anonymer lebt, dennoch scheint es besonders für Frauen oft auch keine Alternative zur Stadt zu geben. Es ist nachvollziehbar, wenn Frauen, die auf dem Land aufwuchsen, den Umzug in die Stadt häufig als befreiend beschreiben. Der Anonymität der Stadt steht ja nur dann Nachbarschaftshilfe und Zusammenhalt auf dem Land entgegen, wenn man nicht "zugereist" ist.
Und auch in der Stadt helfen Menschen einander, sie tun es vor allem auch auf eine tolerante Weise dem jeweiligen individuellen Sein gegenüber. Das gemütliche Café in Mödling strahlt jedenfalls vom Publikum her "Leben und Leben Lassen" aus und an der Bushaltestelle in Wien kommen Menschen intensiv ins Gespräch, die sich nicht kennen - wäre das auch auf dem Land so unbefangen denkbar? Diese Anmerkungen sollen niemanden abwerten, nur Bedauern darüber ausdrücken, dass "Leben und Leben lassen" nicht überall das Motto sein kann: eigenständigere Frauen, die ihre Kinder nicht überbehüten, sondern erwachsen werden lassen, die Männer nicht ersticken, sondern sich selbst für etwas interessieren, Männer, die modern genug sind, um Gluckentum gar nicht erst aufkommen zu lassen - eben Menschen, die miteinander fair und offen umgehen und für die eigenständig agierende Menschen keine seltsamen Fremden, sondern ganz normale andere Leute sind.
Infos:
www.mobilemuse.at
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Ganz herzlichen Dank :-)
Mein
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