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Volkskrankheit soziale Unterschiede  

(11.11.2009) Auf Facebook wird munter ein Artikel aus der "Zeit" gepostet, wo sich ein deutscher Universitätsprofessor darüber auslässt, dass Depressionen zunehmen und quasi schon zur "Volkskrankheit" geworden sind. Inzwischen sind Politik und Interessensvertretungen unbeirrt in der üblichen, auch über Presseaussendungen ausgetragenen Auseinandersetzung, in der Begriffe wie "Arbeitswilligkeit" (bei einer ÖGB-Diskussion) vorkommen und für und gegen die Gleichstellung von ArbeiterInnen und Angestellten Position bezogen wird. Mehr Geld für Bildung finden die einen richtig, die anderen falsch, und ehe man es sich versieht, werden Ansprüche gegeneinander aufgerechnet.

Sofern jemand registriert, dass die gesunde Reaktion von Menschen auf beengte Lebensumstände stigmatisiert wird, ist es jedenfalls nicht wichtig genug, um Stellung zu nehmen. Das macht das Volk allerdings ohnehin selbst, denn die Menschen sagen, wie es ihnen im Überlebenskampf geht und wie sehr sie sich wünschen, angesichts von Hürden wie Arbeitslosigkeit, Krankheit von Angehörigen oder Mobbing endlich einmal über reines Überleben hinauszukommen. Viele wisse nicht, wie lange sie noch über die Runden kommen können, und da ist noch der geringste Stich, immer nur das Allernötigste einkaufen zu können, sich nie etwas zu gönnen, Angst vor dem Kaputtwerden von Geräten, vor Rechnungen und Unvorhergesehenem zu haben. Denn was wirklich schlaflose Nächte bereitet ist die Frage, wie lange Menschen noch zu Essen und ein Dach über dem Kopf haben.

Im Austausch mit anderen ist mir niemand begegnet, dessen Lebensziel darin besteht, vom Staat versorgt chipsfutternd auf dem Sofa zu sitzen und sich das gesamte Kabelfernsehprogramm reinzuziehen. Wohl aber Menschen, die alle Kraft und Kreativität aufbringen, die immer wieder Neues versuchen, die oft auch Kinder alleine erziehen (oder der Bauer, der Angst um seinen Hof hat, das Zuhause seiner Kinder). Es wäre etwas nicht in Ordnung, wenn Menschen die von der Gesellschaft signalisierte Wertlosigkeit und Unzulänglichkeit verinnerlicht hätten und selbst meinen, es sei richtig, dass sie wenig haben, wenige andere sehr viel und dass jene, die über die Rahmenbedingungen für die  Bevölkerung entscheiden, gut verdienen und einander alles zuschanzen können. Auch ExpertInnen, die durchaus guten Willens sein mögen, agieren aus der Perspektive des Abstrakten, wenn ihre Lebensrealität nichts mit dem "Untersuchungsgegenstand" zu tun hat.

Was verdient wohl der Herr Professor, wie und wo wohnt er, wie fährt er auf Urlaub. welche Nebeneinkünfte hat er? Dieselbe Frage kann man auch dem Wirtschaftskammerpräsidenten stellen, der seine Weisheiten über das, was arbeitenden Menschen zusteht, zum Besten gibt und dessen beeindruckende Liste von Nebenfunktionen, die er wohl nicht aus reiner Nächstenliebe innehaben wird, in der Facebook-Gruppe der Audimax-BesetzerInnen gepostet wird. Wie würden Professor, Kammerpräsident, Minister jeden Morgen aufstehen, wenn sie nicht wissen, wie lange sie noch ein Bett und ein Frühstück haben? Wie würde es ihnen gehen, wenn nicht Meetings mit ehrerbietigen Menschen bevorstünden, sondern der Gang zum Arbeitsamt, zum Sozialamt, zu einem niedrig bezahlten Job, oder Versuche, in Eigenregie durch Herumfragen an Jobs zu kommen? Wenn sie nicht Anerkennung und Wertschätzung seitens der Gesellschaft erleben, die sie nicht mal verdienen müssen, weil Funktionsträgerin vielfach mit Unterwürfigkeit begegnet wird, sondern, dass sie, weil sie am Boden liegen, nur noch mehr getreten werden?

Funktionsträger können auch bis an ihr Lebensende unreif, feige, verantwortungslos und unerwachsen sein, denn für sie ist bestens gesorgt. Frauen, die ihre Kinder alleine großziehen, Menschen, die den Job verlieren und einen Wettlauf mit der Zeit antreten, um nicht zu verarmen, können sich das nicht leisten. Wer ist hier stark, wer ist hier schwach? Die Quittung dafür bezahlen alle, denn Funktionsträger unter sich tun sich leicht, Bankenpakete zu schnüren, dann aber Menschen, die sozial schwach gemacht wurden, Unterstützung zu verweigern. Sie gehen den Weg des geringsten Widerstandes - von Ihresgleichen hätten sie Proteste zu erwarten, von vielen Menschen, die sich oft auch ihrer Lage schämen und meinen, es liege an ihnen, sicher nicht. Bezeichnend ist, dass es der Sozialdemokratie nicht auffällt, wie sich soziale Unterschiede auswirken, wie sie die Menschen belasten, dabei wurde die Bewegung einst genau deswegen gegründet. Heute redet man Menschen, die um ihre Existenz kämpfen, ein, dass sie depressiv sind (sprich es helfen Therapie und Medikamente, die genau Null an der ökonomischen Situation und der fehlenden Wertschätzung der Gesellschaft ändern), früher hielt man es für erblich bedingt (auch vor der NS-Zeit).

Wie würde es den Menschen wohl gehen, wenn ihnen tagtäglich vermittelt wird "du bist ein Mensch, du bist es wert", was eine der Botschaften der Krönungswelle für das Bedingungslose Grundeinkommen ist?!  Allein die Vorstellung, dass es so sein kann, hebt die Stimmung, wie bei den Krönungsaktionen in Wien zu erleben war. Und das bedeutet auch, dass das BGE mit jedem Menschen, der gekrönt wird (wenn jeder sein eigener König ist, muss niemand der König des anderen sein"), näherrückt. Es ist eine machtvolle Vorstellung, die sich umso mehr durchsetzen und mehrheitsfähig wird, je mehr Menschen schon "als ob" denken und auch zu leben versuchen. Was Politik und Interessensvertretung betrifft, wäre aber ein anderes Experiment angebracht, und das nicht "als ob": ohne Nutzung bisheriger Kontakte von Sozialhilfe leben, in kleiner Wohnung, im Sozialmarkt einkaufen und versuchen, aus dieser Lage mit "Arbeitswilligkeit" und "Leistungsgedanken" wieder herauszukommen.

Dazu wird wohl auch gehören, dass man sich wundert. wie man plötzlich in diese Lagegelangen konnte, man kann ja nichts dafür. Ja, genau wie die Menschen, denen so gerne von Politik und Co. unterstellt wird, sie suchten ja nur eine "soziale Hängematte", ein "Faulbett zum Nichtstun". Fairerweise, damit sie auch wirklich in der gleichen Situation wie Normalos sind, müssten auch einige von ihnen Gewalt und andere Schicksalsschläge erfahren haben, die ja oft der Auftakt dazu sind, dass Menschen, denen dann auch die Gesellschaft nicht mitfühlend die Hand reicht, sondern sie ebenfalls zu Dreck stempelt, Arbeit und Wohnung verlieren. Heilung im Sinne von "du hast Wert, weil du Mensch bist" kann ihnen nur ein normaler Alltag geben.Wer sich nicht aus eigener Kraft befreit, was sicher auch deswegen sehr schwer ist, weil die Gesellschaft auf solche Menschen oft gedankenlos hintritt, wird halt in der Situation bleiben müssen. Wäre kein sonderlicher Verlust, denn die Plätze in Politik und Interessensvertretungen nehmen jene nur zu gerne ein, die wissen, wie das Leben aussieht ohne die Hängematten der Netzwerke, Seilschaften und Karriereschienen....

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