(22.7.2010) Der deutsche Autor und Journalist Bernt Engelmann (1921 bis 1994) ist durch gesellschaftskritische Recherchen und Bücher bekannt und dadurch, dass er die NS-Verstrickungen manch einer Persönlichkeit des deutschen Nachkriegslebens aufdeckte. Er engagierte sich aber auch zusammen mit seinem Umfeld im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und schildert dies in der zweibändigen Biografie "Bis alles in Scherben fällt". Leider konnte ich mir Band 1, der mit den Erinnerungen an seine Schulzeit beginnt, bislang nicht besorgen. Band 2 (1939-1945) stellt die Zeit dar, in der Bernt Engelmann zur Wehrmacht eingezogen war, aber zusammen mit seiner Mutter und FreundInnen Menschen bei der Flucht aus dem Deutschen Reich half.
Zu Kriegsbeginn war Engelmann auf Sylt stationiert, in einer reichlich schrägen Luftwaffeneinheit, die regelmäßig die Zahl englischer Aufklärer stark nach oben korrigierte. Sein Chef war ein Major Zobel, der sich ausschließlich für die Strandvögel interessierte, da er Verhaltensforscher war, und nur gerufen werden wollte, wenn etwas ansteht. Mitten im eintönigen Dienst kam Herr Desch, ein Schneider, zu Besuch, der Probleme bezüglich Bernts Onkel Erwin lösen wollte, der ein untergetauchter jüdischer Anwalt war (nachdem er half, 200 Kinder ins Ausland zu retten). Ein Wirt, der Whisky aus Dänemark einschmuggelte, sollte den Onkel in Sicherheit bringen, der die Chuzpe hatte, als (angeblicher pensionierter) "Major Elken" auf Sylt aufzutauchen. Zur lebte "Elken" in einer Pension für ältere Herren, musste aber verschwinden, als er denunziert wurde, weil er - wie man es von einem Offizier der alten Schule erwartet - dem SS-Gast der Wirtin Parole bot, als dieser von Gräueltaten in Polen erzählte.
"Major Elken" flüchtete ausgerechnet dann nach Dänemark, als die Nazis dieses Land und Norwegen überfielen, war aber geistesgegenwärtig genug, sich die Uniform wieder anzuziehen, herumzulaufen und dann wieder mit dem Wirt nach Sylt zu fahren. "Elken" schlug sich dann als Milchmann in Berlin durch, nahm auch diese Rolle perfekt an und konnte so Versteckte versorgen, Nachrichten verbreiten und Menschen bei der Flucht helfen. Die Sylter Luftwaffenangehörigen mussten dann auch einen üblen Denunzianten loswerden und sorgten dafür, dass er sich blamierte, als jemand nach Norwegen versetzt werden sollte. Der Denunziant war am 20. April 1940 so im "Führergeburtstagsfieber", dass ihn die anderen über den Zeitpunkt des Appells zu diesem feierlichen Datum täuschen konnten, sodass er bei seinem morgendlichen Strandlauf dort vorbeikam.
An seiner Stelle erhielten sie Verstärkung durch einen Schlagzeuger und Jazzfan, der sich zur Luftwaffe gemeldet hatte, weil er hoffte, so mehr verbotene Sender abzuhören. Er hatte auch ein Grammophon und Jazzplatten mit, und mit diesem und anderem Gepäck mussten Bernt Engelmann und seine Kameraden dann nach Frankreich, weil sie in ein St. Pol versetzt wurden, das sie zunächst nicht fanden. Zu Weihnachten 1940 hatte Bernt Urlaub und fuhr zu Herrn Desch, der berichtete, dass seine Frau und Bernts Mutter (sein Vater musste flüchten und lebt in Australien) "zur Kur" seien, was bedeutet, dass sie neue Verstecke für Verfolgte auskundschafteten. Der Schneider, der auch unermüdlich daran arbeitete, Menschen zu helfen, verbarg immer wieder Juden in Räumen hinter seinem Atelier. Es mussten aber neue Fluchtwege gefunden werden, nachdem Holland kein sicheres Land war, sondern besetzt wurde.
Bernt kontaktiert Hedwig, die früher bei seiner Mutter arbeitete und völlig erschöpft ist von der Tätigkeit in einer Munitionsfabrik, zwölf Stunden am Tag. Da Hedwig Sorbin ist, soll sie das Vertrauen von Slowenen gewinnen und helfen, Flüchtlinge über die Grenze nach Jugoslawien zu bringen. Ihre Reise erscheint dadurch unverdächtig, dass sie angeblich von Geschäftsleuten für Rüstungsarbeiterinnen über das Winterhilfswerk gespendet wird. Später, zurück in Frankreich, erfährt Bernt in einer Postkarte von "Tante Änne", der Inhaberin einer Konditorei, dass Hedwigs Verlobungsfeier (sie ist verheiratet, ihr Mann war im KZ und ist eingezogen zu einem Pionierbataillon) mit 31 Freunden und Verwandten ein voller Erfolg war. Herr Schneider meine aber, solche Feten seien in Zeiten des Krieges nicht mehr möglich (ein neuer Fluchtweg muss gefunden werden).
Engelmann schildert auch ein Mittagessen von ganz und gar brav und harmlos wirkenden guten BürgerInnen bei "Tante Änne", an dem auch deren Mann (in Wehrmachtsuniform), Herr Desch, Fräulein Bonse in schwarzem Kostüm und "Monsigniore Sprüngli" aus der Schweiz teilnahmen. Sie besprachen Fluchtrouten und Alternativen, "Sprüngli", ein Kurier der Kommunistischen Partei meinte, dass die Schweiz nicht mehr Frage käme, weil zu sehr mit den Nazis kooperiert wird. Fräulein Bonse wollte wissen, ob sie die Codes ihrer geheimen Funkstelle ändern oder weiterhin das Gedicht "Die Wallfahrt nach Kevlaar" des verbotenen Dichters Heinrich Heine verwenden soll. Da aber nie der Gesamtzusammenhang abgefangen wird, eben das ganze Gedicht, das zur Entschlüsselung notwendig ist, und nur ein bis zweimal pro Woche gesendet wird, erscheint das Risiko gering.
Die braven BürgerInnen kommen überein, dass Bernt versuchen soll, Wege nach Spanien auszukundschaften. Zuerst macht er noch einen Besuch in Berlin, wo er den "Milchmann" Onkel Erich trifft, der Informationen über Deportationen hat, die "Monsigniore Sprüngli" verbreiten soll. In Frankreich sind sich Bernt und seine Freunde manchmal in Rouen, wo sie das Restaurant der "Marie le Basquaise" besuchen. Sie bewahren deren Sohn von einem Arbeitseinsatz in Deutschland, weil der an Vogelkunde interessierte Major eine Schwäche für die Leiterin der Stadtbibliothek hat und gerne bescheinigt, dass der junge Mann dort unabkömmlich ist, wenn er täglich zwei Stunden Bücher abstaubt. Dafür verspricht seine Mutter, bei einer Reise an die Grenze zu erurieren, wie man Menschen in Sicherheit bringen kann (wobei die Fahrt durch Frankreich eher das Problem darstellt, denn die Basken sind bewährte Schmuggler und haben auf der spanischen Seite auch für die Republikaner gekämpft).
Schließlich erhält Bernt eine Karte von "Tante Änne", dass der Sohn ihrer Kellnerin, Blanche, "mit 35 Banquier worden" sei und dass drei besonders nette (besonders gefährdete) Freunde von Herrn Schneider Karten für Carmen brauchen. Bernt möge doch auch das Lieblingsparfüm seiner Mutter besorgen, Blanche würde beides entgegennehmen und Grüße ausrichten. Die Kellnerin war erst Mitte 20, das Parfum heisst Quelques fleurs, sodass für Bernt klar war, dass Banquier und 35 etwas bedeuten. Ein Stadtplan von Paris brachte die Lösung, denn in der Rue de Banquier 35 war das Hotel Blanche. Nun musste Bernt in die Hauptstadt gelangen, doch der Major brauchte Wäsche für seine Angebetete (und nebenbei ein paar Kathodenröhren aus dem Luftwaffedepot, wenn nicht, macht es auch nichts). Im Hotel Blanche fragte Bernt, wo es "quelques fleurs" gäbe, denn er möchte drei Freunde mit seinem Besuch überraschen.
Die "drei Freunde" sind junge Männer aus Berlin, die zu erzählen wissen, dass es in der Stadt aktiven Widerstand gibt, wenngleich er vor allem darin besteht, Flugblattaktionen zu machen. Sie schaffen es über die Grenze, und Bernt ist im Oktober 1941 wieder auf Heimaturlaub. Da ist auch bei einem Onkel und einer Tante schon gewisse Ernüchterung gekommen, ihnen dämmert, dass die Jubelmeldungen über Siege bei der Eroberung der Sowjetunion nur Propaganda sind. Außerdem wird jetzt begonnen, Material zu sammeln, um für die Soldaten Winterkleidung zu machen, wo der Winter in Russland bereits begonnen hat. Tatsächlich werfen ausgeruhte, gut genährte und gekleidete Divisionen aus Sibirien die erschöpften und frierenden Deutschen vor Moskau zurück.
Im Februar 1942, als Bernt wieder an der Küste war, greifen die Briten eine Funkstelle am Cap d'Antifer an, Fallschirmspringer besetzen ein Versuchsgelände der Luftwaffe, nehmen einen der Physiker und Teile eines Gerätes mit und werden von Schnellbooten aufgenommen. Erwin, Bernts Vorgesetzter, meint, dass dies eine wichtige Aktion war, denn hier ging es um Experimente mit Dezimeterwellen. Die Briten nahmen nun an, auch die Deutschen wurden bei ihren Versuchen mit RADAR mit diesen Wellen arbeiten, die am geeignesten sind. So verdreifachten sie ihre Anstrengungen, kamen aber nach einem halben Jahr dahinter, dass es nur dieses eine Gerät mit Dezimeterwellen gegeben hatte, weil die Deutschen auf Langwellen setzten, sich damit aber auf dem Holzweg befanden.
Die Briten waren mit dem RADAR bald so weit, dass sie es erfolgreich zur Ortung deutscher U-Boote verwenden konnten. Nur dadurch wurden sichere Truppentransporte und letztlich auch die Landung der Alliierten in der Normandie möglich. Erwin bezahlte den Überfall am Cap d'Antifer übrigens später mit seinem Leben, er wurde verhaftet und gefoltert, Bernt konnte ihn kurz noch sehen, wobei er eine Andeutung machte, dass er etwas damit zu tun hatte. An seinen Folterer gekettet sollte Erwin verlegt werden, riess aber ihn und sich selbst auf die Gleise des fahrenden Zuges. Erwins Vater, ein Sozialdemokrat und Gewerkschafter, wurde nach der Machtergreifung der Nazis so sehr misshandelt, dass er sich nie davon erholte und früh starb. Bernt hielt sich dann an einen von Erwin ausgeknobelten Plan zur Entlassung aus der Wehrmacht unter genauer Befolgung diverser Vorschriften. Man musste lange genug im Lazarett sein, ob krank oder nicht, dann wurde man zur Dienststelle nach Hause verlegt.
Dort konnte Herr Desch dann mithelfen, Bernt in einen Betrieb mit "niedrigen Kennziffern" (der Kriegswirtschaft) zu verlegen, wo nebenbei auch Fluchtwege ausgekundschaftet wurden. Herr Wrobel nahm Bernt gerne auf, der sich zwar nicht mit Kohle und Stahl auskannte, aber aus dem Englischen und dem Französischen übersetzen konnte. Einer der MitarbeiterInnen war "unser Haus-Nazi, aber ganz harmlos", man dürfe diesem nur nicht den Glauben an Führer und Endsieg rauben. Die Firma befasste sich vor allem damit, ungeschminkte Berichte für die Nazis über die britische und amerikanische Industrieproduktion zusammenzustellen, wozu auch reichlich vorhandene ausländische Zeitungen dienten. Herr Wrobel hatte aber "für alle Fälle" auch einen Lagerraum, falls jemand kurzfristig versteckt werden musste.
Um die "Warteliste" von Herrn Desch abzuarbeiten, wurde eine Route über Budapest in die Türkei gefunden, die darauf aufbaute, dass man für einen Flug von Berlin nach Instanbul keinen Pass brauchte, wenn man separat buchte, denn Berlin - Wien (erste Zwischenlandung) war ein Inlandsflug. Eine Mitarbeiterin, die offiziell einen türkischen Korrespondenten für Berichte über die Erdölförderung im Mittleren Osten anwerben sollte, berichtete, dass sie eine halbe Stunde im Transitraum blieb und nicht kontrolliert wurde, als sie mit dem zweiten Ticket in die Maschine nach Budapest stieg, die mit Zwischenlandung in Sofia nach Instanbul flog. Bernt, der sich um ein "Lager" in Wien kümmern sollte, war mit dem Zug angereist und beobachtete am Flughafen, ob alles glatt ging. Er selbst traf einen ungarischen Kontaktmann, der für sichere Passage nach Budapest mehrmals in der Woche sorgen konnte.
Zwei "typische" Schicksale von Menschen, denen Bernt und seine Verbündeten halfen, sind die Frau Herz aus Stettin und Frau Rubinstein aus Warschau. Herz musste, da ihr Mann, ein Arzt, früh an den Folgen der Verwundungen aus dem Ersten Weltkrieg starb, allein für ihre Kinder sorgen. Ihre behinderte Tochter wurde Euthanasieopfer, sie lebte schließlich mit ihrem Sohn und einem Hund an ihrem Arbeitsplatz, einem jüdischen Krankenhaus in Berlin. Eines Morgens musste sie Besorgungen machen, und als sie zurückkehrte, wollte sie noch die Zeitung aus einem Laden holen. Die Besitzerin sah sie entgeistert an und zog sie in die Wohnung hinter dem Geschäft, aus der Frau Herz ihren Hund bellen hörte. Sie wollte zum Bahnhof fahren, um ihren Sohn zu retten, doch alle, die abgeholt wurden, waren bereits deportiert.
Die Ladenbesitzerin rief bei einer Freundin an, die Frau Herz einmal gesagt hatte, sie könne sie jederzeit um Hilfe bitten. Es war Bernts Mutter, die ausrichten liess, dass ihr Sohn morgen Frau Herz holen kommen würde. Und so war es, wobei sich Mutter und Sohn ausdachten, dass Frau Herz fortan Rotkreuz-Oberschwester "Maximiliane von Anders" sein sollte. Die nötige Kleidung kam von Bernts Nazi-Onkel, der Zugang zum Luftschutzdepot hatte, lieber nicht wissen wollte, für wen Schwesternkleider gebraucht werden und den Hund übernahm. "Maximiliane von Anders" fürchtete, sofort erkannt zu werden in der ungewohnten Aufmachung, doch es ging alles gut. Bernt reiste mit ihr nach Düsseldorf, wo Herr Desch, extra mit SS-Abzeichen am Revers, sie in Empfang nahm. Wegen einer Razzia musste sie aber weiter nach Krefeld, dort wartete "Tante Änne" mit dem Stock in der Hand, hakte sich bei ihr unter, tauschte ihre Bahnsteigkarte gegen "Maximilianes" Fahrkarte und ging unbekümmert an Gestapo und SS vorbei und stellte ihre Begleiterin ganz nebenbei als ihre neue Pflegerin vor,
Es muss Frau Herz, die viele Angehörige im Holocaust verloren hatte, wohl neuen Lebensmut gegeben haben, dass hier Menschen ohne an sich selbst zu denken ihr Leben für sie aufs Spiel setzten. Man zittert beinahe beim Lesen, wenn dann die Rede ist, dass sie sich auch um das behinderte Kind der Haushälterin kümmerte, deren Ehemann ein fanatischer und brutaler Nazi war (der "nur seine Pflicht" tat). Als "Anders" in Tränen ausbrach, wie "Tante Änne" von Kindern sprach, meinte diese "Weinen Sie nur - Sie haben großen Kummer! Aber Gott hat Sie beschützt und er wird sie auch weiter beschützen, weil er will, dass Sie etwas tun." Zeugnis ablegen, meint Frau Herz im Rückblick, und das tut sie, wie viele andere, in Engelmanns Buch.
Wanda Rubinstein floh als junge Frau in einer wahren Odysee aus Warschau, über Lodz und Starogard, wo sie mit knapper Not entkommen konnte, als betrunkene deutsche Soldaten Frauen erschossen. Sie hielt in höchster Verzweiflung einen Lastwagen an und erzählt dem Fahrer, sie sei aus Lodz geflüchtet und habe alle Angehörigen verloren. Dass sie Jüdin ist, erfährt Kurt nicht, sondern soll annehmen, sie stamme aus einer deutschen Familie. Sie entdecken unterwegs, dass sie sich beide für Musik interessieren, und sprechen darüber, bis Wanda einschläft. Vor Berlin erwacht sie wieder, und ihr wird klar, dass sie ihren einzigen Verwandten dort nur gefährden würde, wenn sie bei ihm auftaucht. Kurt schlägt vor, dass sie ohne Papier bei seiner Mutter sicher ist, denn sie lebt in einem Haus mit Garten und erstellt Horoskope. Dabei half ihr Wanda fast zwei Jahre lang, doch Kurt, dessen Besuche immer etwas Besonderes waren, bis er in Russland fiel, war besorgt.
Schliesslich fiel Wanda nach einem Brand durch eine Stabbombe einem Nachbarn auf, einem SS-Professor, der von ihr sehr angetan war, aber auch rasch feststellte, dass sie nicht gemeldet ist. Wanda musste zu Marianne übersiedeln, die in einer Import-Export-Firma arbeitete, und das ging ein halbes Jahr lang gut, auch wenn sie die Wohnung nie verlassen konnte. Dann versuchte sie es doch bei ihrem Onkel, doch dieser war wie seine Frau extrem ängstlich und eingeschüchtert. Marianne hatte aber inzwischen Verbindung zu Herrn Desch und seinen Freunden aufgenommen, und so war Wanda im selben Zug wie Frau Herz mit einer neuen Identität unterwegs. "Tante Ännes" Mann hatte eine Bescheinigung besorgt, dass die Künstlerin "Uta Wandel" in der Truppenbetreuung eingesetzt ist. Sie kam mit Herrn Desch zum Haus von "Tante Änne", wo sie Gästen als "Konzertpianistin" vorgestellt wurden und der Ehemann der Haushälterin einmal ganz ergriffen ihrem offenbar sehr "arischen" Spiel lauschte.
Herr Wrobel brauchte im Frühjahr 1943 neue "Lager", weil es immer schwieriger wurde, Menschen zu verstecken oder ins Ausland zu retten. Daher sollte Bernt in Niederbayern Erkundungen einziehen, doch er wurde nicht fündig, es war alles wegen der immer heftigeren Bombenangriffe auf die Städte überlaufen. Schließlich versuchte er es in einem Dorf, wo sich seine Mutter um Untergetauchte kümmerte, die sich aber mit ihren falschen Identitäten bestens zurechtfanden. "Major Elken" genoß das Ansehen der Einheimischen ebenso wie Schwester "von Anders" und "Uta Wandel" war wegen ihrer Horoskope beliebt. Ein kürzlich aufgegebenes Forsthaus im Wandl schien ideal, denn die Zufahrt war nur über das Gasthaus möglich, in dem Lisa, als "Negermischling" aus Kesselheim vor der Deportation geflüchtet, als Ehefrau des Wirtes lebte. Sie entkam unterwegs, fand bei Nonnen Unterschlupf, die sich an Fräulein Bonse wandten. Lisa half Bernts Mutter beim Übersiedeln, und sie wohnten beide zuerst in dem Gasthaus, dessen Besitzer sie dann heiratete.
Am 3.März 1944 wurde Bernt in Berlin verhaftet, denn man legte ihm zur Last, Beihilfe geleistet zu haben zum Fluchtversucht des jüdischen Anwalts Bechstein, der in Wien verhaftet wurde, weil er nervös mit zwei Pässen hantierte. Man trug ihn als "RK", römisch-katholisch ein, sodass er bald Besuch von einem Geistlichen erhielt. Dieser tellte ihm mit, dass Tante Martha beerdigt worden sei, aber nicht lange leiden habe müssen, bis auf den einen Schmerz, von dem Bernt bereits weiss. Also sind die anderen, die über die "Balkanroute" flüchteten, in Sicherheit, man legt Bernt nicht mehr zur Last. Ein Kriminalkommissar, der sich schon auf die Zeit danach vorbereiten möchte, will von Bernt bestätigt bekommen, dass er ihn gut behandelt hat. Alle setzen sich für Bernt ein, selbst der "Haus-Nazi" im Betrieb; und Wrobel fragt nach, wann er seine "äußerst kriegswichtige" Tätigkeit wieder aufnehmen könne.
Bernt sollte zusammenfassen, was seine letzten Berichte besagten, doch stimmen diese mit dem Kriegsverlauf nicht mehr über ein, da manch etwas bereits von den Gegnern zurückerobert wurde. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie - diese Information verbreitete sich wie anderes sofort unter den Häftlingen, die über die Heizungsrohre morsten - waren diese Dienste nicht mehr gefragt. Er wurde in zwei Konzentrationslager verlegt, Flossenbrück und Hersbruck (wo gerade erst eines errichtet wurde). Er wurde weniger geschunden als andere Häftlinge, da man ihn als Dolmetscher benötigte, war aber auch am Ende seiner Kräfte und wäre fast an Fieber gestorben, hätte ihm seine Mutter nicht ein Päckchen mit Medikamenten zukommen lassen. Als die Stadt Herbruck bereits befreit war, passierte ein paar Tage nichts, und die Häftlinge befürchteten, nach Dachau verlegt zu werden. Bernt war mit 40 Kilo noch einer der Kräftigsten, aber auch absolut am Ende, als endlich die Amerikaner kamen.
Die eindringlichen Schilderungen von Überleben und Widerstand zeigen, wie "ganz normale Menschen" eine Wahl treffen und sich dafür entscheiden, sich anzupassen, nur ja nichts zu riskieren, nur ja brave Diener des Systems zu sein, oder souverän und mit Zivilcourage zu opponieren. Dieses Verhalten ist - wie Feigheit und Opportunismus - durchaus ansteckend, denn auch überzeugte Nazis halfen Bernt und seinen Freunden im Ernstfall. Erklärbar ist dies wohl, weil Menschen im Widerstand Haltung ausstrahlen, über die man keine Worte zu verlieren braucht. Sie haben auch ganz von selbst Wege gefunden, wie sie sich austauschen und Informationen verschlüsselt übermitteln können, sie ziehen, gerade weil sie in einer vernetzten Gemeinschaft agieren, über Nacht Tarnidenitäten für Gefährdete hoch,
Am schwierigsten war es wohl für die Menschen, die allein agieren mussten, die vielleicht Verbindungen nach draußen hatten, aber ganz auf sich gestellt damit klarkommen mussten, was ihr Risiko für sie selbst bedeutet. Bei uns werden Geheimdienste meistens nur unter kräftiger Verwendung von Klischees oder unter dem Aspekt diskutiert, wo man Personal einsparen kann. Es geht aber auch um ethische Fragen, und da können sich alle etwas abschneiden von Menschen, die mit verdeckten Mitteln arbeiteten, um Menschenleben zu retten. Und die auch das Allerwichtigste beachteten, weil es nicht anders ging: dass sie einander brauchen, dass Aufgaben verteilt werden müssen, dass Menschen nur mit gesellschaftlicher Sicherheit gelassen agieren können. Von den Versteckten ist nicht jeder ein Hasardeur wie Onkel Erich, der sich mit seinen falschen Identitäten nornal in der Außenwelt bewegte.
Die anderen brauchten Bereiche der Sicherheit, wo sie sie selbst sein und nicht permanent für die anderen eine Rolle spielen mussten. Der Aufbau eines Netzwerkes, der als Rückhalt und für die Durchführung der Rettungsoperationen so wichtig ist, war sicherlich auch mit Risiken behaftet, da man ja erst wissen musste, wem man trauen kann. Wenngleich hier eine gemeinsame Abscheu vieler Beteiligter über Hitlers Machtübernahme am Anfang stand, brauchte man doch, um Menschen zu verstecken oder über die Grenze zu bringen, noch andere Mitspieler. Immer wieder bringt Engelmann auch Beispiele. wo Menschen plötzlich in der Situation sind, andere retten zu müssen, und sie tun es ohne zu zögern (die Nonnen, die Lisa beschützen, die Frau vom Laden beim Krankenhaus, die Frau Herz bei sich aufnimmt, Kurt und seine Mutter, die sich spontan um Wanda kümmern). Das Handeln derer, die beinahe schon routiniert Widerstand leisten, und jener Menschen, die sich binnen Sekunden richtig entscheiden müssen und für die es keine Frage ist, greifen ineinander.
Es gäbe wenige Menschen zu retten, wenn nicht immer wieder jemand einen anderen in Gefahr beschützt und zu denen bringen, die sich weiter um ihn kümmern können. "Bis alles in Scherben fällt" zeigt, dass jeder Mensch das Potenzial hat, richtig zu handeln, dass jede couragierte Agieren die Welt ein bisschen besser macht, Hoffnung selbst in dieser düsteren Zeit gegeben hat. Oft sind es Menschen, die keine besondere Stellung in einer Hierarchie haben, was mutiges Handeln vielleicht einfacher macht, da das Denken an "was ist, wenn ich was risikiere" weniger stark sein kann. Aber andererseits zeigt Engelmann, dass auch "wichtige" Personen sehr couragiert agieren können, sich besonders fantasievoll daran machen, all das auszunutzen, was ihre Position mit sich bringt (wie Unternehmer Wrobel mit der "kriegswichtigen" Erkundung und Nutzung von Fluchtrouten). Es ist gut vorstellbar, dass das Gefühl "all diese Menschen haben alles getan, um mich in Sicherheit zu bringen", dabei hilft, den Schmerz über den Verlust von Menschen und andere schlimme Erfahrungen zu bewältigen.
Alexandra Bader
alexandra.bader@chello.at
alexandra@ceiberweiber.at
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Infos:
Bernt Engelmann bei Wikipedia
Wie wir die Nazizeit erlebten
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