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Wie ein Tier
von Horst Borsetzky (ky)
 

Der Berliner Soziologieprofessor Horst Bosetzky ist unter dem Namen -ky einer der erfolgreichsten Autoren deutscher Kriminalromane, widmet sich in "Wie ein Tier" jedoch Tatsachen, die zugleich ein Stück Zeitgeschichte bedeuten. Während des Zweiten Weltkriegs lebten viele Frauen in hinsichtlich Bombardierung sicheren Laubenkolonien in Berlin-Friedrichsfelde, oft allein mit und ohne Kinder, während der Ehemann Kriegsdienst leisten musste. Allerdings stellte sich dies als scheinbare Sicherheit heraus, da in den Jahren 1939 bis 1941 zuerst Übergriffe, versuchte Morde und Vergewaltigungen, dann Morde die Frauen terrorisierten.

-ky schildert eindringlich, unter welchen Bedingungen die Frauen von ihren Schichten in Fabriken (wo sie Männer ersetzten bzw. "kriegswichtig" produzierten) nach Hause fuhren und gingen. Aufgrund von Verdunkelung gab es nur minimale Beleuchtung in Blau, sodass selbst die S-Bahn-Fahrer permanent Angst hatten, jemanden zu überfahren, der/die nicht realisierte, dass ein Zug kam. Auf den Wegen zu den Lauben gab es überhaupt kein Licht, und das Innere der Bahngarnituren bestand aus unübersichtlichen, düsteren Abteilen. Der S-Bahn-Mörder benötigte unter diesen Bedingungen nur die Fahrzeit von wenigen Minuten zwischen zwei Stationen, um seine Opfer zu töten und aus dem fahrenden Zug zu werfen.

Dem Autor lagen die Protokolle der damaligen Ermittlungen vor, doch um die Arbeit der Kriminalpolizei und die Suche nach dem Täter besser zu vermitteln, fügte er Personen in die Handlung ein. Zum Beispiel den Kriminalkommissar Gerhard Baronna und seine Assistentin Grete Behrens, die -ky als eigentliche Heldin bezeichnet. Er lässt sie den Zusammenhang zwischen Morden an Frauen, Vergewaltigung und dem ausgeprägt patriarchalen NS-Staat durchschauen und thematisieren. Freilich kommt der Leserin vieles bekannt vor, wie das anfängliche Nicht-Ernstnehmen der "Vorfälle", als das erste Opfer Anzeige erstattet. Diese Frau überstand die Attacke samt Sturz aus dem Zug nämlich de facto unverletzt, was offenbar ihrer Glaubwürdigkeit schadete.

Bald ist klar, dass der Täter wohl im Bereich der S-Bahn arbeitet, genauer gesagt in einem Betriebswerk, von dem auch das bei einer Tat verwendete bahninterne Telefonkabel zu stammen scheint. Die Polizei lässt einen der Ihren, der früher Elektriker war, dort undercover arbeiten. Auf Eigeninitiative studiert dieser Mann die Aussagen seiner Kollegen und macht Strichlisten, wenn sich jemand verdächtig äussert. Er präsentiert der Kriminalpolizei auf diese Weise vier Verdächtige, unter anderem den tatsächlichen Täter Paul Ogorzow. -ky schildert dessen Leben von der Kindheit her, die von Gewalt, Frauenverachtung und unterdrückter Sexualität geprägt ist. Keineswegs untypisch für damalige Landarbeiterkreise, und auch nicht so aussergewöhnlich, dass derlei Prägungen in einem Männerstaat wie der NS-Diktatur extreme Auswirkungen zeigen.

-ky meint, dass der Täter, im NS-Staat verheiratet mit einer an ihm desinteressierten Frau und stets bereit, sich anderswo sexuelle Befriedigung zu holen, heute mit seinem Triebleben zurande gekommen wäre, ohne zum Massenmörder zu wehren. Horst Bosetzky wurde 1938 geboren, lauschte als Kind stets den Erzählungen der Verwandten über die NS-Zeit, auch einem Onkel, der lange Zeit im KZ war. Mit sieben Jahren war er dabei, als Frauen brutal vergewaltigt wurden, was ihm noch viel später, als er sich mit dem S-Bahn-Mörder beschäftigte, schlaflose Nächte bereitete. "Ich hasse diesen Mann", schreibt er im Nachwort zu seinem Buch, "weil ich - um aller Frauen wegen, um die ich Angst habe - Menschen wie ihn irgendwie aus der Welt haben möchte." Zugleich erschrickt er aber vor diesem Denken, das ihm faschistoid vorkommt. Übrigens hoffte der Massenmörder bis zuletzt, seine in der NS-Hierarchie aufgestiegenen Jugendfreunde könnten ihn vor der Hinrichtung retten.

Der Autor versteht das Buch als "Plädoyer gegen alle Männerbünde militärischer und paramilitärischer Art, denn Paul Ogorzow war kein Einzeltäter, sondern nur einer, der, abgesprengt von seinen Kameraden, vom Heere derer, die die wahren Massenmörder waren, seine Verbrechen beging. Er wurde enthauptet, die meisten anderen durften mithelfen, das neue Deutschland zu bauen und wurden nicht ins Jenseits, sondern in höchste Ämter und Funktionen befördert." Weil individueller Massenmord nicht den Vorstellungen vom "gesunden Volkskörper" entsprach, waren auch ziemliche geistige Verrenkungen notwendig, um dennoch auf intensive Tätersuche mit teilweise grossem Polizeiaufgebot zu gehen. Modern formuliert entsprach es nicht dem kreierten Image des deutschen "Übermenschen", dass zu diesem "Herrenvolk" auch Individuen wie Ogorzow gehörten. Andererseits konnte man(n) der um sich greifenden Panik der Frauen auch nicht tatenlos zusehen....

Alexandra Bader

"Wie ein Tier" ist erschienen im Argon-Verlag, ISBN 3-87024-292-2, und hat 336 Seiten




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