Vor "Die Nebel von Avalon" waren die Geschichten um König Artus auch für die meisten Frauen Ritterstories, in denen Männer die Hauptrolle spielen, während um Frauen allenfalls gekämpft wird. Oder die böse Zauberinnen waren wie auch in den Prinz Eisenherz-Comics. In den achtziger Jahren, als feministische Literatur immer mehr Frauen erreichte, gab uns Marion Zimmer Bradley eine Neuerzählung der Artussagen aus Frauensicht mit Frauen im Mittelpunkt. Zugleich entwarf sie eine Religion der Göttin, bei deren Ritualen sie Anleihen bei Wicca-Gruppen in den USA nahm. Frauen waren nicht mehr Randfiguren bei Männermythen, sondern Handelnde, deren Entscheidungen grosse Tragweite hatten. Dies siedelte Zimmer Bradley jedoch in einer Zeit an, wo selbst starke Frauen meist nur indirekt über Männer Einfluss nehmen konnten, und stellt einen scharfen Gegensatz zwischen patriarchalem frühmittelalterlichem Christentum und matriarchal geprägter keltischer Religion dar.
Derart krass waren die Unterschiede gerade in Britannien - und Irland - realiter nicht, da die dortige keltische Kirche viel von dem aufnahm, was auf den Inseln an Vorstellungen vorhanden war. Aus der "bösen Hexe" Morgan Le Fey macht Zimmer Bradley die Priesterin Morgaine, die unwissentlich mit ihrem Halbbruder Artus ein Kind zeugt, Modred, der schliesslich im Kampf gegen seinen Vater stirbt. Eine grosse Priesterin ist auch Morgaines Tante Viviane, die vom Merlin Taliesin unterstützt wird in ihren Bemühungen, den alten Glauben zu retten. Dunkle Aspekte sind in Vivianes Schwester Morgause verkörpert, die in ihrem Machtstreben keine Skrupel kennt. Die Rolle der Männer wird wie in vielen Fantasy- und historischen Romanen eigentlich aus dem Hochmittelalter entlehnt, über das ja auch mehr bekannt ist als über das 6. oder 7. Jahrhundert. So beschäftigen sie sich mit Turnieren und pflegen eine ritterliche Ethik aus jener Zeit, in der die Artus-Geschichten in literarischer Form aufgezeichnet wurden.

Nach dem Welterfolg der "Nebel von Avalon" brachte Zimmer Bradley auch Geschichten heraus, die den Weg bis dahin beschreiben: "Die Wälder von Albion" schildert den Stoff von Bellinis Oper "Norma" aus Sicht der Priesterin Eilan, die sich mit dem halb römischen, halb britischen jungen Mann Gaius einliess und einen Sohn gebar. Die römische Herrschaft über Britannien im 1.Jahrhundert wirkt sich auch in einer Entmachtung der Priesterinnen aus, die unter die Kontrolle der Druiden gestellt werden, dies jedoch geschickt unterlaufen. Für Eilan und Gaius bedeuten diese Spannungen aber den Untergang, und ihr Sohn Gawen gehört zu jenen, die vom Heiligtum Vernementon auf die Insel Avalon gebracht werden. Mit den ersten Jahren der neuen Gemeinschaft von Priesterinnen auf der Insel befasst sich dann "Die Herrin von Avalon", eigentlich eine Sammlung von Stories, um die Zeit bis zu Viviane und Morgaine zu berichten.
Interessanterweise nimmt Zimmer Bradley nur am Rande auf jene Frauen Bezug, die nicht nur als Priesterinnen ihren eigenen Weg gingen, sondern mit Waffen gegen die Besatzer kämpften. Boudiccas Aufstand wird erwähnt, obwohl es der Priesterin und Königin beinahe gelungen wäre, die Römer aus dem Land zu vertreiben. Für Zimmer Bradley ist das offenbar keine Möglichkeit einer Frau, die sie ausführen wollte, obwohl sie keine Scheu hat, Kampfszenen zu beschreiben und auch mal eine Priesterin als Heilerin mit den Truppen schickt mittlerweile gibt es auch einen Roman mit Boudicca, "Die Hüterin von Avalon"). Ihre Frauen sind hohen Idealen verpflichtet, was manchmal auch kritisiert wird, obwohl dies den Grundsätzen "moderner HeidInnen" entspricht, da Magie nicht zum eigenen Vorteil verwendet werden darf. Das grosse Glück wird diesen Frauen, da sie doch in einer stark patriarchal beeinflussten Umwelt leben, fast immer verwehrt.
Im letzten "Avalon"-Band, "Die Priesterin von Avalon", verfasst gemeinsam mit Schwiegertochter Diana L.Paxson, gönnt sie Helena, der Mutter des römischen Kaisers Konstantin, jedoch einige Jahre Glück mit Konstantius, dem sie von Avalon aus gefolgt ist, um am Ende ihres Lebens wieder auf die Insel zurückzukehren. Helena war übrigens wirklich Britin mit Namen Eilan, eine Nachfahrin von Josef von Arimathia und eine Ahnin von König Artus, womit sich der Kreis schliesst. (In etwa zur Zeit, in der König Artus von Zimmer Bradley angesiedelt wird, spielt übrigens der Roman "Herrin des Lichts", der das Leben der Einwohner Britanniens genauer widergibt.)
"Eskapismus" wird den LeserInnen von Science Fiction und Fantasy-Literatur zugebilligt und zugleich festgestellt, dass es sich vor allem um niedrigere Bildungsschichten handle. Sowas klingt ein wenig von oben herab, nachdem damit ja Assoziationen von manueller Arbeit, eher wenig ansprechenden Wohnverhältnissen geweckt werden, aus denen frau (und mann) sich in eine erfundene bessere Realität flüchtet. Es fragt sich aber, ob solch klischeehafte Personen bei Arztromanen und Revolvergeschichten besser aufgehoben sind als bei Romanen, in denen Welten mit (gewisser) Frauenmacht beschworen werden. Ist es verwerflich, wenn etwa eine Kassierin in der Welt von Morgaine und Viviane oder in Zimmer Bradleys amazonischem Darkover-SF-Zyklus schwelgt, also daraus vielleicht auch Ermutigung als Frau beziehen kann?

Wenn frau sich heute in Buchhandlungen umsieht, findet sie sehr vieles in Sachen Frauengeschichte und Frauenmacht, ob unter Sachbuch, Belletristik oder Esoterik, doch vor zwanzig Jahren war das Angebot noch sehr überschaubar. Ganz sicher hat Zimmer Bradley da den Weg (mit) geebnet, hat ihr Erfolg auch andere motiviert, die eigenen Geschichten zu schreiben und Verlagen anzubieten. Wenn frau sich auf der Webseite des Literary Works Trust von Zimmer Bradley umsieht, so nehmen dort Tipps für junge AutorInnen einen eigenen Bereich ein. Ablehnungen waren Zimmer Bradley sehr lange vertraut, einer weltweiten Fangemeinde zum Trotz.
Dass AutorInnen nicht wie in Bildbänden leben, wo ihre Domizile (meist postum) gezeigt werden, sollte eigentlich einleuchten. Dennoch ist verständlich, dass die raren journalistischen BesucherInnen bei Zimmer Bradley eher an die Titelbilder von Avalon-Romanen dachten als an eine "Hausfrau im geblümten Kleid". Zimmer Bradleys Lebensgeschichte umfasste mehrere Ehen (mit dem Schreiben eher hinderlichen Männern), mehrere Kinder, dazu noch Adoptierte, und, was keineswegs ungewöhnlich ist bei Autorinnen, jahrelanges Schreiben im Morgengrauen. Wir können uns gut vorstellen, dass Zimmer Bradley dann, wenn garantiert niemand etwas von ihr wollte, an der Schreibmaschine sass und in Stille und Abgeschiedenheit Geschichten von weiblicher Macht festhielt.
Eigentlich hätte sie, nachdem sie damit fulminant erfolgreich wurde, irgendwann auf ein weniger anstrengendes Leben "umsteigen" können, doch wohnte sie weiterhin in einem chaotischen Haus, das eher ihren Teenagern gehörte, während ihr nur ein "Schreibkeller" und ein sehr gut gepflegter Garten als Refugium blieb. Wie hat sie diese Diskrepanz zu ihren Frauengestalten verkraftet? Warum hat sie nicht versucht, sich ihnen stärker anzunähern, nachdem ja auch andere bekannte Autorinnen sich mehr Freiheit erschrieben haben? Wir werden dies wohl nie erfahren, nachdem Zimmer Bradley 1999 im Alter von 69 Jahren starb. Ihr Begräbnis war übrigens, wie die Webseite verrät, ganz traditionell christlich mit Bibelstellen und Requiem von Brahms...
Text: Alexandra Bader
Vorstellung: Die Priesterin von Avalon
Gemeinsam mit Diane L. Paxson ergänzte Marion Zimmer Bradley ihre Avalon-Romane um eine Neudichtung der Geschichte von Helena, der Mutter des ersten christlichen römischen Kaisers Konstantin. Genauer gesagt musste Paxson, die Romane um starke Frauen in der keltischen Tradition verfasst hat, das Buch nach dem Tod Zimmer Bradleys beenden. Über die historische Helena ist nicht viel bekannt, ausser dass sie als alte Frau eine Reise nach Palästina unternahm. Legenden über sie gibt es aber in vielen Gegenden, besonders auch auf der britischen Insel.
Die Autorinnen machten sie daher zur Tochter eines britischen Königs, gezeugt mit einer Priesterin von Avalon, zuerst auf dem Hof des Vaters, dann aber auf der Insel im Nebel erzogen. Eilan, wie Helena damals hiess, litt unter der Abneigung der Herrin von Avalon, ihrer Tante, die das Mädchen für den Tod der Schwester bei der Geburt verantwortlich machte. Da Eilan ihre Zukunft in Visionen voraussieht, weiss sie auch, welchem Mann sie begegnen wird. Als sie dann tatsächlich auf den jungen Römer Konstantius trifft, soll dieser mit einer anderen jungen Priesterin ein Kind zeugen.
Jedenfalls nach dem Willen der Herrin, deren Pläne Eilan aber durchkreuzt. Sie wird von der Apfelinsel vertrieben und folgt Konstantius. Das Kind verliert sie und wird erst nach Fehlgeburten wieder schwanger. Für ihren Sohn Konstantin hat sie aber Zeichen gesehen, die sie beunruhigen, obwohl sie diese zu verdrängen versucht. Nachdem sie einige Jahre mit ihrer grossen Liebe verbracht hatte, muss Konstantius für seine Karriere eine andere Frau heiraten, die junge Theodora.
Für Helena ist es bitter, von deren häufigen Schwangerschaften zu hören. Sie selbst kehrt nach Britannien zurück und sieht Konstantius, der Kaiser wurde, erst vor dessen Tod wieder. Danach begleitet sie ihren Sohn, der seinem Vater nachfolgt, nach Rom zurück. Sie widmet sich der Erziehung ihres Enkels, den Konstantin gezeugt hat, bevor er mit einer Halbschwester seiner Stiefmutter verheiratet wurde. Mit den Jahren wird Konstantin zu einem fanatischen Christen, der auch Angehörige ermorden lässt. Schliesslich kehrt Helena als sehr alte Frau nach Avalon zurück, begleitet von ihrer Urenkelin und deren Mutter....
Ganz reicht dieses Werk nicht an das erste im Zyklus, "Die Nebel von Avalon", heran. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass dieser Band in den achtziger Jahren gerade auch von frauenbewussten Frauen verschlungen wurde. Zeigte er doch mächtige Frauen, deren Handlungen Konsequenzen hatten, und schuf er eine Welt matriarchaler Religion. Heute wissen wir viel mehr über unsere eigene Geschichte und kennen auch viele Romane in der Tradition der Nebel von Avalon.
Das Buch ist erschienen im Krueger Verlag, http://www.krueger-verlag.de, ISBN 3-8105-2618-5, E 25.50, ca. ATS 350.
Biografisches:
http://mzbworks.home.att.net/ (Marion Zimmer Bradley Literary Works Trust)
http://www.feministische-sf.de/einzelne_autorinnen/fsf_marion-zimmer-bradley.html
http://www.lettern.de/spmzb1.htm (Besuch bei Zimmer Bradley)
http://www.lettern.de/spmzb.htm (Interview mit Journalistin, der sie ein seltenes Interview gab)
http://www.hawkmistress.de/mzb/interview.html (schriftliches Interview)
http://www.darkover-guide.de/ - Seite für alle, die die Darkover-SF-Romane lieben
http://www.mittelalter-rollenspiel.de/bibliothek/nebel.html - Kritik der Nebel von Avalon
http://mzbworks.home.att.net/thoughts.htm (Thoughts on Avalon)
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