Frau möchte meinen, dass es eigentlich nach tausenden von Büchern keine neuen Facetten des Dritten Reiches zu entdecken gäbe. Gudrun Schwarz zeigt in "Die Frau an seiner Seite" aber, dass - nach dem Weltbild der ForscherInnen und AutorInnen - bislang die Rolle der Frau vernachlässigt wurde. Erst in den letzten Jahren gibt es diverse Veröffentlichungen über die weibliche Mittäterschaft. Doch selbst in Publikationen, die Zustimmung bis Mitmachen breiter Bevölkerungskreise zeigen (wie etwa Goldhagens "Hitlers willige Vollstrecker"), behandeln den weiblichen Anteil nur am Rande. Die Autorin des vorliegenden Buches zeigt in vielen Beispielen, wie besonders Ehefrauen von SS-Männern von Anfang an dem Tun ihrer Gatten zustimmten. Vielfach lernte man/frau sich ja auch bereits bei NS-Veranstaltungen seit den 20er Jahren kennen. Und die SS sollte auch eine Art "Zuchtverein" sein, indem Männer "rassisch rein" sein mussten und ebenso ihre potentiellen Gefährtinnen. Was konkret bedeutet hat, dass für eine Ehe massenhaft Dokumente und Ahnentafeln vorzulegen waren, wobei freilich manchmal auch ein Aufschub gewährt wurde. Interessanterweise konnte, wenn jüdische Ahnen vermutet wurden (oder: nicht ausgeschlossen wurden), ein Mann sehr wohl in der SS dienen, seine Schwester aber keinen SS-Mann heiraten.
Was Schwarz so erklärt, dass nach der aberwitzigen Rassenideologie ein Mann quasi seine Gene durch militärische "Heldentaten" verbessern konnte, eine Frau jedoch nur als "Reine" die zukünftigen Generationen gebären durfte. Eine Distanz zum Handeln der Männer lassen die Überlieferungen keinesfalls erkennen - unter anderem deshalb, weil in den Konzentrationslagern auch SS-Siedlungen gebaut oder / und SS-Familien in requirierten Häusern untergebracht wurden. Die Frauen rafften Beutegut an sich, verwendeten Häftlinge für Haus- und Gartenarbeiten, liessen im KZ nähen und verursachten mit Beschwerden über mangelnde Sorgfalt bei der Arbeit der Häftlinge auch im einen oder anderen Fall, dass diese Menschen erschossen wurden. Ebenso wird berichtet, dass die Ehefrauen sozusagen bei Kaffee und Kuchen dem Zusammentreiben von Juden und Jüdinnen zusahen, wobei jene erschossen wurden, die offenbar nicht sehr kräftig waren. Mitunter beteiligten sie sich auch aktiv mit der Peitsche (einem SS-"Werkzeug") daran oder halfen selbst bei Erschiessungen.
Niemand hatte damit Probleme, in unmittelbarer Nähe zur Vernichtung zu leben - auch den bestialischen Gestank der Verbrennungen wollte bei Verhören nach dem Krieg keine der Frauen bemerkt haben. Selbstverständlich wuchsen auch die Kinder in diesen Wahn hinein. So wird vom Sohn eines Lagerkommandanten berichtet, der, um nicht ins Gas geschickt zu werden, immer eine Tafel mit dem Namen des Vaters um den Hals trug, wenn er diesen im Lager besuchen ging. Beliebt war es auch, Kinderhäftlinge in die Luft zu werfen und zum Gaudium der eigenen Kinder dann entweder selbst auf die Kleinen zu schiessen - oder dem Sohn zum Geburtstag Schüsse auf diese armen Kinder zu schenken.
Selbstverständlich brachten die in den besetzten Gebieten wie die Fürstinnen lebenden Ehefrauen der hochrangigen Nazis sich selbst und ihre Gatten mithilfe falscher Papiere oder der Versicherung, Witwe zu sein, nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches in Sicherheit. Was ihnen nicht sonderlich schwerfiel, da sich bspw. in Argentinien eine richtiggehende SS-Gemeinschaft der erfolgreich Geflüchteten um das Nachholen der anderen kümmerte. Und auch in der deutschen Politik selbst gab es Unterstützung, da Adenauer und andere immer wieder bei den Alliierten für doch verhaftete Nazis intervenierten. In Serien in Zeitschriften wurde durch die Berichte der Nazifrauen die "menschliche Seite" der Nazimänner geschildert. Demonstrationen gegen die Bestrafung von Nazis wurden zu regelrechten Aufmärschen mit den Abzeichen von SS und Co. Daran nahm niemand Anstoss, sondern die Veranstaltungen endeten mit feierlichen Empfängen in den Rathäusern...
Gudrun Schwarz: "Eine Frau an seiner Seite - Ehefrauen in der SS-Sippengemeinschaft", Aufbau Taschenbuch, ISBN 3-7466-8050-6, ATS 123.- http://www.aufbau-taschenbuch.de
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