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Ulrike Meinhof
das Leben als Theaterstück
 

m Kosmos-Frauenraum wird traditionellerweise immer am Montagabend das Leben einer widerspenstigen historischen weiblichen Persönlichkeit szenisch dargestellt. Am 13.11. 2000 las und spielte Julia Köhler unter der Regie von Dana Csapo die Journalistin und spätere Terroristin Ulrike Meinhof (1934-76). Sie begann mit einem Text von Meinhofs Tochter Bettina Röhl - die schildert, wie sie im Alter von 13 Jahren aus dem Radio erfuhr, dass ihre Mutter sich in der Zelle in Stuttgart-Stammheim erhängt haben soll. Sie konnte es nicht begreifen - auch, weil ein Mythos wie ein "grosses, schwarzes Monster" um die Mutter gelegt wurde. Sie konnte nicht weinen, und auch Ulrike Meinhof weinte nicht, als sie ihre Mutter im Alter von 14 Jahren verloren hatte. Meinhof kam aus einer Familie von Frauen, die sich geschworen hatten, nie wieder von Männern abhängig zu sein, stark zu sein. Und die Freundin der Mutter Meinhof, Renate Riemeck (sehr aktiv gegen Atomrüstung in den 50er Jahren), erzog Ulrike und ihre Schwester zu starken Frauen. Ulrike wehrte sich gegen autoritäre Lehrer und wurde als Studentin zur Sprecherin der Bewegung gegen Atomrüstung. Sie lernte mit 24 Klaus Rainer Röhl kennen, den Herausgeber von "konkret" (heute gehört er zur rechten Szene), was auch der Beginn ihrer journalistischen Karriere ist.

1962 kommen die Zwillinge Bettina und Ringe zur Welt, und bei Ulrike Meinhof wird ein Blutschwamm im Gehirn entdeckt, der nicht operabel ist und ihr ständige Kopfschmerzen bereitet. 1968 lässt sie sich von Röhl scheiden und zieht mit den Kindern nach Berlin - mitterweile ist sie gefragte Mitarbeiterin mehrerer Medien. Die Kids kommen in einen der ersten Kinderläden, und Bettina erinnert sich in ihrem Text daran, dass ihnen viel über die politischen Aktionen der Erwachsenen erklärt wurde. Wenn Ulrike Meinhof "nassgespritzt von den Wasserwerfern" nach Hause kam. Sie wurde DIE Berichterstatterin der StudentInnenbewegung, bei der es nach dem Attentat auf Rudi Dutschke zu Ausschreitungen kommt. Besonderes Interesse löst bei ihr der Prozess zum "Kaufhausbrand" in Frankfurt aus, für den unter anderem Andreas Baader und Gudrun Ensslin verantwortlich sind: es ist für sie der Schritt von der Theorie zur Praxis, den die TäterInnen als erste gewagt haben. Die Kinder spürten, dass ihre Mutter nicht glücklich war, und sie sagte auch öffentlich, dass sie darüber nachdenke, die Mädchen zu verlassen.

Ensslin und Baader wurden aus der Haft entlassen, als ihr Verfahren in Revision ging, und arbeiteten mit Jugendlichen. Als sie wieder festgenommen werden sollen, fliehen sie und schlüpfen bei Meinhof unter. Schliesslich wird Andreas Baader verhaftet (übrigens durch den Spitzel des Verfassungsschutzes Peter Urbach verraten, Anm.) und von Ensslin und Meinhof, die "freudig erregt" waren, weil sie nun ein Ziel hatten, befreit. Und zwar, als sich Baader wegen einer angeblichen Recherche mit Meinhof unter Bewachung in einer Bibliothek treffen darf. Dazu engagierte Ensslin allerdings einen Ex-Häftling, der den Institutsleiter mit einem Schuss schwer verletzte. Ulrike Meinhof, so die Tochter, hätte sich da noch offenhalten können, in den Untergrund zu gehen oder nicht. Sie sprang aber mit den anderen aus dem Fenster und flüchtete. Dann hingen Plakate in der Stadt, "Mordversuch", Foto von Meinhof, die keine Waffe trug, was die Polizei wusste, und Belohnung für Hinweise DM 10.000. Die Kinder brachte sie dann nach Sizilien, und sie sollten später in ein palästinensisches Waisenhaus kommen und dann zu Partisanen erzogen werden. Meinhof hatte wohl Sehnsucht nach den Kindern, überschätzte auch deren Stärke (die Mädchen waren damals acht Jahre alt). Nach vier Monaten hatte Klaus Rainer Röhl herausgefunden, wo sie sich befanden, und holte sie "zum Glück", wie Bettina meint.

Die Mutter bildet mit den anderen die "RAF", begeht mehrere Banküberfälle, Auto- und Dokumentendiebstähle, um sich mit Waffen und falschen Papieren auszustatten. 1971 tritt dann die "RAF" mit einem Papier an die Öffentlichkeit, das sich an Marighellas "Stadtguerilla" für Brasilien und Lateinamerika orientiert. Nach sechs Sprengstoffanschlägen (US-Army Corps, Münchner Landeskriminalamt, Augsburger Polizeibehörde, US-Army Europahauptquartier, ein Bundesanwalt) im Mai 1972 wird die "RAF" nach wenigen Wochen Fahndung verhaftet. Ulrike Meinhof befindet sich für ein dreiviertel Jahr in Isolationshaft, was "soziale und sensorische Deprevation" bedeutet und zu Desorientiertheit führt. Die Kinder sehen die Mutter nach zweieinhalb Jahren wieder, und sie kam im Gefängnis unsicher auf sie zu. 1974, nach der Verlegung nach Stammheim, brach sie den Kontakt zu ihnen ab - weder Bettina noch andere wissen, warum.

Julia Köhler liest einige Texte von Meinhof aus "konkret": so beklagte sie 1958 die Rehabilitation der NS-Prominenz und die Wandlung Deutschlands zur Atommacht. Sie vergleicht die Werte der NS-Zeit mit denen der Ära Adenauer und meint, nicht mehr das deutsche Wesen, sondern die Deutsche Mark soll die Welt retten. Heinrich Bölls öffentliches Schreiben an Meinhof von Anfang 1972 (als sie im Untergrund war) stellt fest, dass sie der Welt den Krieg erklärt hätte. Und fragt, wer ihr sagen kann, was sie jetzt tun solle - wenn sie sich stellt, wird sie als klassische "rote Hexe" gebrandmarkt. Er verweist immer wieder auf die "Bild"-Zeitung mit Schlagzeilen wie "Baader-Meinhof-Bande mordet weiter!". Für das Bild ist "Opfer" nicht das nachgewiesene Opfer (damals eines), sondern auch jene, bei denen es nicht erwiesen ist - sogar zwei erschossene "RAF"-Mitglieder werden dazugezählt. Die Zeitung sei nicht bloss kryptofaschistisch, sondern "nackter Faschismus", "Verhetzung, Lüge, Dreck" und "Aufforderung zur Lynchjustiz". Er schlägt eher polemisch vor, "xy-Zimmermann" doch mal nach einem Naziverbrecher statt nach der "RAF" fahnden zu lassen. Und sieht einen Krieg von "sechs gegen 60 Millionen", wobei "praktisch alle Mitglieder der RAF praktische Sozialarbeit" geleistet haben. Sie wissen daher, welche Gegensätze es in diesem Land gibt, und auch, dass Adenauer reihenweise verurteilte Kriegsverbrecher aus den Gefängnissen entlassen hat.

1961 setzte sich Meinhof unter dem Titel "Hitler in euch" mit dem Tabuisieren des Nationalsozialismus auseinander: der Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem brachte viele StudentInnen dazu, sich der Verantwortung für etwas bewusst zu werden, das sie nicht verschuldet hatten. Gerade StudentInnen aber hatten eher den Zugang zu Quellen als NormalbürgerInnen - und die Verantwortung resultierte auch daraus, dass die Studentenschaft bereits in der Weimarer Republik antisemitisch war (also: Journalisten, Anwälte, Beamten und Eltern der 60er Jahre). Meinhof geht es um die Freiheit, "wo sie heute bedroht ist", die totale politische Freiheit für den politischen Gegner. "Die Antworten auf den Ausschluss jüdischer Studenten 1933 sind nicht Polizeiaktionen gegen farbige Studenten 1961." Und, so wie die Jugendlichen jetzt die Eltern nach Hitler fragen, "werden wir einst von unseren Kindern nach Franz Josef Strauss gefragt werden".

Was Meinhof 1966 zu Emanzipation und Berufstätigkeit schrieb, ist heute noch genauso aktuell: Erwerbsarbeit "erlaubt der Frau, als selbständige Konsumentin aufzutreten", was in einer Konsumgesellschaft natürlich als erstrebenswert gilt. Frauen sind aber "in der Klemme" zwischen Erwerbstätigkeit und Familie, denn ausserhäuslicher Erwerb und Kinder sind nicht vereinbar. Die Öffentlichkeit und die Gesellschaft müssten dafür einstehen, tun sie aber nicht. Statt den Frauen zu helfen, kritisiere man sein über 100 Jahren die Mütter. Diese werden durch schlechtere Löhne gedemütigt und verdächtigt, sich falsch zu verhalten. "Mutterschaft kennt keine sozialen Unterschiede", meint sie, denn der psychologische Druck sei der gleiche. Die Situation, selbst die Kinderbetreuung organisieren zu müssen, sei auch "praktisch gleich" (wenngleich für die Frau mit mehr Geld nur ein vorübergehendes Problem). 1968 schreibt sie zu den Studentenprotesten, dass diese durch den Tod von Benno Ohnesorg 1967 durch die Weltpresse gingen (der Theologiestudent wurde am 2. Juni bei der ersten Demo seines Lebens, als er von Polizisten festgehalten am Boden lag, von einem anderen Polizisten erschossen, der dann freigesprochen wurde, Anm.). Endlich werde nicht mehr "alles Ärgerliche vertuscht", denn die studentischen Aktionen haben die Widersprüche der Gesellschaft wieder erkenntlich gemacht. Die Kommentare der Medien enthüllen aber von "Spiegel" bis "Bild" die Verschleierungsmechanismen. So zieht sich ein "Schock über die Verletzung bürgerlicher Wohlanständigkeit" durch. Studenten sollten sich anders benehmen, heisst es, und schon lässt man lieber die Opposition zusammenschlagen als dem "Polizeisstaatschef" (Schah von Persien) die Huldigung zu versagen.

Wenn die Studenten als "Wirrköpfe" bezeichnet werden, will man unterstellen, sie würden nicht nachdenken, bevor sie protestieren. Doch die Presse fühlt sich ja ganz wohl unter den bestehenden Verhältnissen. Zum "Kaufhausbrand" meint sie im selben Jahr, sowas hebe die Konsumwelt nicht aus den Angeln, und könne ausserdem Menschen gefährden. Es ist keine "antikapitalistische Aktion", sondern eine konterrevolutionäre. Das Revolutionäre liege im Gesetzesbruch, weil das Gesetz nicht die Menschen, sondern das Eigentum schützt. Sie unterscheidet zwischen Protest und Widerstand: Protest bedeutet zu sagen, das und das passt mir nicht. Widerstand heisst, dafür zu sorgen, dass es nicht mehr geschieht. Protest: ich mache nicht mehr mit. Widerstand: dafür sorgen, dass auch andere nicht mehr mitmachen. Für Meinhof ist die Grenze zwischen verbalem Protest und physischem Widerstand nach dem Attentat auf Dutschke überschritten worden: es flogen nicht mehr Tomaten, sondern Steine, und es hat auch gebrannt. Die Medien schrieben nicht über Folter im Iran und in Südafrika, sondern hetzten gegen die Studenten. Nun müssen Gewalt und Gegengewalt "neu und von vorne" diskutiert werden. Allerdings, so kritisiert Meinhof damals Steinewerfen und dergleichen, "Gegengewalt läuft Gefahr, zu Gewalt zu werden"....

Ungemein beklemmend dann der Abschluss: Julia Köhler stellt dar, wie Meinhof die Isolationshaft empfunden hat: sie hatte das Gefühl, dass die Zelle "fährt", dass die Sonne "stehenbleibt". Sie erlebte sich "wie ferngesteuert, wie wenn der Kopf platzt". Beim Schreiben sei die Syntax nicht mehr zu kontrollieren, sie verstummt innerlich. Schlimm ist die rasende Aggressivität, für die es kein Ventil gibt. "Besuche bedeuten nichts", sie sind schon nach einer halben Stunde nur mehr mechanisch rekonstruierbar. Sie sieht keine Überlebenschance und fühlt sich wie in einem "Verzerrspiegelraum". Einzig Baden ist eine Erholung, die das Körpergefühl für ein paar Stunden zurückgibt. "Die Würde des Menschen ist antastbar."

Text: Alexandra Bader November 2000

INFO: Die "Rote Armee Fraktion" ist nur für ihre ersten beiden Generationen ("Baader-Meinhof" einerseits bis 1972 und die NachfolgerInnen bis Anfang der 80er Jahre) an Personen festzumachen. Die "dritte Generation", die ab 1985 vor allem Persönlichkeiten aus dem Bereich der deutschen Wirtschaft tötete, mordet mit professioneller Präzision, ohne Spuren zu hinterlassen - was unabhängige Experten als Zeichen für militärischen oder geheimdienstlichen Hintergrund werten. Dazu kommt noch, dass Menschen mit Personenschutz, vor deren täglichen Wegen auch das Gelände routinemässig kontrolliert wurde, diese Schutzmassnahmen nichts halfen. Im Gegenteil, PassantInnen sahen wohl Attentatsvorbereitungen, nicht jedoch darauf geschulte Polizeikräfte. In den "Bekennerschreiben", die von den Behörden stets für "authentisch" erklärt werden, ist meist die Rede von einem Kampf gegen ein starkes "Deutschland / Westeuropa", was Rückschlüsse auf die wahren Urheber eigentlich zulassen müsste. Da einige kritische Autoren sich mit der "RAF" auseinandersetzen, mehren sich die Veröffentlichungen, die auch an einer wirklich autonom agierenden "RAF" der 70er und frühen 80er Jahre Zweifel anmelden. Schliesslich ist bekannt, dass bereits bei Beginn der Studentenbewegung ein Spitzel des Verfassungsschutzes für Eskalation sorgte, indem er Molotowcocktails anbot (er verriet auch Baader 1970 an die Polizei).

Dazu kommt, dass Andreas Baader aus München auftauchte, ohne in der linken Szene bekannt zu sein. Interessanterweise kannte Baader, was seine letzten Gespräche in der Haft zeigten, die Thesen des Londoner Konfliktforschungs-Instituts von Brian Crozier - zu einem Zeitpunkt, als noch nicht bekannt war, dass es sich um eine CIA-Einrichtung handelt. Dieses Institut schlägt zur "Aufstandsbekämpfung" vor, terroristische Organisationen zu unterwandern und deren Anführer zu isolieren und auszuschalten. Entsprechend der "Strategie der Spannung", die im Rahmen der Errichtung der Gladio-Strukturen in den westeuropäischen Ländern einschliesslich der neutralen Staaten linke Kräfte neutralisieren sollte. Dadurch, dass deren Aktionen durch Gewalt diskreditiert werden, und dass durch Attentate etc. einerseits unliebsame politische Führer entfernt werden, andererseits aber durch die Verunsicherung der Bevölkerung einer Rechtsentwicklung der Boden bereitet wird. Die Kombination eines "zündelnden" Verfassungsschutz-Spitzels mit einer Presse, die verfälschend über die Studentenproteste berichtet, kann auch als erfolgreiche "Strategie der Spannung" angesehen werden.

Die von der zweiten "RAF"-Generation durchgeführte Entführung und spätere Ermordung des Industriellenpräsidenten Hanns Martin Schleyer 1977 weist zudem deutliche Parallelen zur Entführung und Ermordung von Aldo Moro ein Jahr später durch die Roten Brigaden. In beiden Fällen gab es bald Hinweise der Bevölkerung auf das Versteck der TerroristInnen, die stets irgendwo versickerten, sodass ihnen nicht nachgegangen wurde. Erst diesen Sommer wurde die Entführung eines Lufthansa-Flugzeuges 1972 durch ein "palästinensisches Kommando" in einer ARD-Sendung als Inszenierung der deutschen Bundesregierung bezeichnet, um so die restlichen Olympia-Attentäter im Austausch loszuwerden. Der Journalist Gerhard Wisnewski meint, es erinnere ihn an die Enführung eines anderen Lufthansa-Fliegers 1977, um die "RAF"-Gefangenen freizubekommen (als dies scheiterte, da die Antiterror-Einheit GSG 9 die Maschine stürmte, wurden Baader und Co. tot in ihren Zellen gefunden). Als letztes Jahr in Österreich eine Frau als "RAF-Terroristin" verhaftet, ein Mann bei der Festnahme erschossen wurde, checkten die hiesigen Behörden 200 ungeklärte Raubüberfälle durch, fanden aber keine Beweise für die Täterschaft der beiden. Andrea Klump wurde von einem drogen- und tablettenabhängigen, mehrfach in die Psychiatrie eingewiesenen V-Mann des Verfassungsschutzes beschuldigt, der seine Aussagen bereits 1992 widerrief. Klump und Meyer hatten spätestens seit 1996 Kontakt zum Verfassungsschutz und bekamen Geld von einem "Onkel aus Deutschland", als sie in Wien lebten. Die Verhaftung von Klump und der Tod von Meyer erinnern an Bad Kleinen, wo im Juni 1993 "RAF"-Mann Grams erschossen und "RAF"-Frau Hogefeld festgenommen wurde... (siehe auch http://www.raf-phantom.de und Infos auch in "Im Namen des Staates" von Andreas von Bülow)




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