Am 16. November 1999 gab es im Kulturzentrum 7stern eine interessante Runde aus Journalistinnen und Frauen aus der "Frauenszene" (ich fühlte mich da natürlich beiden "Seiten" zugehörig). Seitens des Frauennetzwerks Medien berichteten Susanne Scholl (ORF, die Vorsitzende) und Lydia Ninz (Der Standard, Wirtschaftsredaktion), was es an bisherigen Aktivitäten gab und was in nächster Zeit geplant ist. Es ist dabei nicht so einfach, alle Frauen zu erreichen - immerhin sind in Wien etwa 1500 Frauen Journalistinnen, viele davon freie, also nicht in den Kommunikationsfluß von Frauen in Redaktionen eingebunden. Diese Frauen stehen teilweise auch in Konkurrenz zueinander. Das tun zwar Männer auch, nur arbeiten sie eben immer noch unter besseren Bedingungen: sie verdienen im Durchschnitt zwischen 1500 und 2000 Schilling mehr, wenn sie das Gleiche tun wie Frauen. Allerdings gibt es dort, wo hohe Gehälter gezahlt werden, vor allem Männer...
Es gibt hierzulande keine Chefredakteurin einer Tageszeitung - aber ein paar bei Wochen- oder Monatsmagazinen. Wenn Frauen Ressorts leiten, dann sind das meist Ein-Frau-Ressorts, sprich, vor allem sehr viel Arbeitsaufwand. In dieser Situation bedeutet das Netzwerk, einander kennenzulernen, voneinander zu wissen. Etwas, das auch beim seit zwei Jahren bestehenden Netzwerk im Standard wichtig war. Dieses Netzwerk gilt immer wieder als Vorbild und Orientierungspunkt, hat es doch erreicht, daß eine Frau Betriebsratsvorsitzende wurde und dafür gesorgt, daß endlich die Frauen in der Redaktion genauso gut über alles informiert sind wie die Männer mit ihren informellen Kanälen & Seilschaften.
Die Standard-Frauen haben auch Schulungen für sich organisiert, in Sachen Selbstmanagement, Strategie und Auftreten, mit einer Persönlichkeitstrainerin (was fehlt, sind die Kurse für Männer in Kinderbetreuung, haben wir nachher gescherzt, denn ein Mann mit Baby im Arm gilt immer noch als Sensation, und wenn mal einer wegen der Kinder wegmuß, gilt er als Held, während Frauen dann eher unzuverlässig sind...). Lydia Ninz meinte, die Frauen müßten noch lernen, "zusammenzuspielen, ohne sich zu lieben". Sie haben aber eine Regel aufgestellt, wonach sie "Schlechtes", sprich Kritikwürdiges, nicht auch noch verstärken, indem sie mit Männer drüber reden. Stattdessen wird das Positive bei Frauen besonders hervorgehoben.
Das Frauennetzwerk Medien wiederum, so Scholl, mischt sich ein, wenn bspw. die immer im Herbst stattfindenden Medientage rein männlich besetzt sind. Hier verwies Barbara Klein von UFF & Link:* darauf, daß es vom UFF aus früher Aktionen dazu gab - auch dabei war das Medienecho nicht riesig, und geändert hat es, wie frau sieht, leider auch nichts. Später drehte sich dann die Diskussion auch draum, was frau tun kann außer Aussendungen, Anrufe, Mails, Briefe, wenn Medien sich als Männermedien präsentieren. Das Netzwerk will jungen Journalistinnen helfen, die auf jene Aufträge angewiesen sind, von denen sie dank Männerseilschaften kaum Kenntnis bekommen. Deshalb soll es eine Jobbörse im Internet geben, zugänglich allerdings nur für Mitglieder. Das Web soll aber auch genutzt werden, um eine Expertinnendatenbank zu veröffentlichen, damit Journalistinnen wissen, auf welche Frau sie sich beziehen können, wenn es um Fachauskünfte geht. Und, welche Frauen bereit sind, etwa bei Fernsehdiskusionen aufzutreten...
Das Netzwerk möchte regelmäßig Jour Fixes veranstalten, zu aktuellen Themen. Das nächste Mal, im Dezember, wird es um Steuern gehen (zwei Steuerberaterinnen werden eingeladen). Es gibt unterschiedliche Bedürfnisse unter den Frauen, die sich im Netzwerk engagieren - die einen wollen mehr "Service", die anderen eher "Politik".Um ein Zeichen gegen besonderen Chauvinismus seitens der Medien zu setzen, soll ein Preis ähnlich der "Sauren Gurke" in Deutschland vergeben werden. Frau nennt das "Handtaschel des Jahres", und die Anwärter sollen auf der Webseite unter reger Beteiligung aller Interessierten vorgestellt werden. Chancen hat bestimmt die Redaktion von "News", die auch einen Protestbrief bekam, wegen ihres Covers zu den Österreichern und -innen des Jahrhunderts (Sonja Kirchberger nackt, Romy Schneider detto, Bertha von Suttner nicht). In der Reaktion war übrigens davon die Rede, daß man "ja eh" bedaure, daß keine Frauen in der Innenpolitik kommentieren (es wiederholt sich - vgl. dazu das Bedauern des "Kurier", daß keine Frauen Gastkommentare auf Seite 2 schreiben*).
Das Gefühl von schwierigem Vorwärtskommen bzw. Zurückfallen bekommt frau auch angesichts zweier besprochener Beispiele: im Standard gab es am Wochenende eine Frauenkolumne von Eva Linsinger, die im Mai abgeschafft wurde, trotz vieler Unterschriften für den Fortbestand. Nun soll sie zwar wiederkommen, aber was ist, wenn's um Frauen geht, schon sicher, bevor es schwarz auf weiß gedruckt ist....Und bei "Willkommen Österreich" wird, so Susi Riegler von der Redaktion, daran gedacht, die Sendungen umzustruktieren, also den Frauenschwerpunkt am Mittwoch zu streichen. Es war eine Zeitlang möglich, über Frauen nicht als Opfer, sondern als aktiv Handelnde zu berichten. Die Bemühungen der Frauen im Team, immer wieder Frauen als Expertinnen einzuladen, sind zudem umstritten (deshalb sollten sie auch von Frauen, die nicht unbedingt Fans der Sendung sind, anerkannt werden).
Die stattliche Anzahl bisheriger weiblicher Interviewpartner kann und soll aber als Grundlage für die Expertinnendatenbank verwendet werden. Übereinstimmend meinten die Anwesenden, es sei "so mühsam", immer wieder um eigentlich Selbstverständliches kämpfen zu müssen. Frauen von Fraueninitiativen meinten zudem, sie fühlen sich auch von Frauen in den Medien nicht ausreichend wahrgenommen. Die Angesprochenen gaben zu, daß sie sozusagen ihre Arbeitsbedingungen verinnerlicht haben, daß es schwer genug ist, erfolgreich am Kampf um Zeilen und Sendezeiten teilzunehmen, daß es ein noch größeres Abweichen von der Frauenrolle ist, dabei auch immer auf "Frauensicht" Wert zu legen. Es passiert durchaus, daß Frauen auch mal den bequemeren Weg gehen: beim männlichen Experten wissen sie, was er sagt, wie er rüberkommt, es ist zeitsparend und mühelos, ihn zu konsultieren. Es erfordert konsequentes Umdenken, das nicht (mehr) zu tun.
Susi Riegler stellte fest, daß Frauen auch ganz einfach die Produktionsmittel fehlen. Das ist auch wörtlich gemeint, denn in ihrem Medium braucht frau Kamerateams für eine Geschichte. Es gibt in jeder Redaktion ein paar Frauen, die engagiert sind, aber wenn die ausfallen, dann fällt auch der Beitrag oder Artikel aus. Es ist, das betonten die Journalistinnen, nicht Aufgabe der frauenpolitisch aktiven Frauen, die Story möglichst interessant zu präsentieren, denn das können die Medienfrauen. Jede Sache kann so beschrieben werden, daß sie rüberkommt....
Ein Beispiel für die mangelnden Möglichkeiten weiblicher Stimmen, öffentlich Gehör zu bekommen, ist der heiß begehrte "Kommentar der Anderen" im Standard. Dabei liegen immer viel mehr Texte vor als abgedruckt werden können, und sie werden tw. drastisch gekürzt. Allerdings ist es schon so, daß Beiträge angefordert werden, bspw. in der Rassismus-Debatte, die weitgehend frauenlos auch im Standard ablief (gestern nacht lese ich übrigens im Internet die Ausgabe von heute, siehe da eine Frau kommentiert, angekündigt werden u.a. Gender-Aspekte, doch die bestehen aus der Tatsache, daß auch frau kommentieren darf, das war's dann...). Frauenthemen finden schwer in den redaktionellen Teil, weil sie von den männlich dominierten Redaktionen nicht ernst genug genommen werden. Daher sollte frau auch vorsichtig sein beim Einrichten von "Frauenecken".
So ist es aber nicht gemeint, mehr Platz in den Medien haben zu wollen, sondern es geht um den selbstverständlich genauso wichtigen Zugang aus der anderen Lebensrealität als Frau - ebenso, wie die Lebensrealität des Mannes breiten Platz hat. Ich überlege, was denn der Ansatzpunkt ist, und formuliere es dann so: wie auch die Interviews zu den Wahlen zeigen, die ich gemacht habe, vertreten Frauen durchaus überlegte und differenzierte Standpunkte. Diese Nuancen sind aber meist nicht gefragt, sondern Frauen sind nur soweit interessant, daß sie bspw. sagen dürfen, ob sie für Karenzgeld oder Kinderscheck sind. Hätten Frauen die Möglichkeit, differenziert ihre Positionen darzulegen, dann wäre auch klar, wie wichtig und interessant diese Aussagen sind. Da sie aber nicht die Möglichkeit haben, ist das nur wenigen bewußt. Es bedürfte des Umfanges etwa eines "Kommentars der Anderen", den Zusammenhang zwischen Rassismus und Sexismus verständlich darzustellen, das geht nicht in zwei, drei Sätzen...
Zu diesem Thema wollte übrigens Hilde Schmölzer einen Text veröffentlichen, der aber nur als extrem gekürzter Leserbrief abgedruckt wurde. Bekannte Autorinnen sind also auch bloß Leserbriefschreiberinnen, im Gegensatz zu - tw. gar nicht so - bekannten Autoren. Susanne Scholl meint, Journalistinnen bemühen sich sehr wohl um Differenzierungen, nur, gerade in ihrem Medium muß jede/r mittlerweile um jede Sekunde Beitrag kämpfen. Da ist natürlich nicht alles differenziert rüberzubringen, aber der Einwurf stimmt schon, daß es nur ein Wort ist, es nicht "Familientragödie" zu nennen, wenn ein Mann seine Familie ausrottet, oder nicht von "seiner Frau" zu sprechen, die er umbringt, wenn sie bereits geschieden sind. Die Strategien, um Frauen direkt und indirekt, nämlich ihrer Sichtweise und ihren Anliegen, mehr Platz zu verschaffen, können sein: sich mehr als Medienkonsumentin sehen (was ja auch Journalistinnen sind, sobald sie ein anderes Medium lesen, hören, sehen), konsequent regieren, sofort, es nicht aufschieben.
Also beim ORF-Kundendienst anrufen, Mails und Briefe schreiben (diese müssen angeblich beantwortet werden), sich auch untereinander absprechen, wie reagiert wird. Bei Veranstaltungen, wo nur Männer sind, das thematisieren. Die Männer am Podium öffentlich drauf ansprechen - wenn's nicht grad der eigene Chefredakteur ist :-). Männer zu interviewen, wie ich es ja gerne mache, kann auch ein subversiver Beitrag sein....Ein Problem ist allerdings, daß sich viele Frauen in den Medien auch nicht mit Frauen identifizieren. Sie nennen sich "Journalist" und sammeln auch Punkte, ob bewußt oder nicht, indem sie sich von Frauen distanzieren. Aber frau kann, wie wir nachher festgestellt haben, nicht erwarten, daß alle Frauen hinter einer stehen. Vieles von dem, was Frauen heute erkämpfen, wird in 30 Jahren für Frauen selbstverständlich sein. Es muß immer Frauen geben, die sich etwas als erste, zweite oder dritte trauen, und dann ist es vielleicht für die vierte oder fünfte schon nicht mehr so schwer.....
Mein
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