"Ich habe sehr oft das Gefühl, wir tun viel für Gleichstellung, es wäre aber einfacher und auch kostengünstiger, viel, viel früher zu beginnen." Damit stellte Frauenstadträtin Renate Brauner bei einer sehr gut besuchten Veranstaltung im Wiener Zoom-Kindermuseum klar, warum bereits im Kindergarten angesetzt werden muss. Denn bei der Arbeit mit Mädchen zeigt sich immer wieder, dass stereotype Vorstellungen bestehen, die jedoch auch bei Buben überwunden werden müssen. Für Brauner sind spezifische Ansätze zur Mädchenförderung kein Schritt in Richtung Abschaffung der Koedukation. Doch müssen Freiräume geschaffen werden und es bedarf entsprechender Pädagogik, weil ansonsten die Stereotype bestehen bleiben.

Daniela Orner ist Projektleiterin beim Kindertagesheim Fun & Care im 15. Bezirk, in dem seit 1999 geschlechtssensibel agiert wird. Die vielen Ziele und Vorstellungen des aus Frauen wie Männern bestehenden Kindergartenteams wurden nun professionell evaluiert. Die nun vorliegenden Ergebnisse, ebenso wie das Projekt selbst in einer schönen Broschüre vorgestellt, waren Anlass dieser grossen Präsentation. Bisher war Fun & Care ein Projekt, nun ist es ein Regelkindergarten mit einem besonderen Schwerpunkt. Geschlechtssensibel ist Pädagogik dann generell, wenn sie davon ausgeht, dass das Geschlecht einer Person nicht egal ist für die Ausbildung von Fertigkeiten und den Erwerb von Wissen.
Es handelt sich dabei jedoch nicht um separat stattfindende Projektarbeit, sondern um Alltagsarbeit, die überall stattfinden kann. Dazu sind aber bewusst geschaffene Rahmenbedingungen und ebenso bewusst agierende Personen erforderlich. Während "normalerweise" eher ein Mangel an männlichem Betreuungspersonal herrscht und Kinder, je kleiner sie sind, desto mehr von Frauen betreut werden, steuert Fun & Care gegen. Hier werden die ganz Kleinen - ab einem Jahr - nicht generell in die Obhut von Frauen gegeben. So leicht ist es allerdings nicht, dafür Männer zu finden: "Wir haben viel ausprobiert und viel erlebt", meint Orner vielsagend. Im Team war die Reflexion der eigenen Geschlechterrolle ein wichtiger Bereich.

Die BetreuerInnen ertappten sich immer wieder bei scheinbar banalen Alltags-"Fehlern" wie ein unterschiedliches Begrüssen von Kindern nach dem Wochenende. Buben wurden gefragt, was sie am Wochenende gemacht haben, Mädchen für ein schönes neues Kleid gelobt. Wenn es darum geht, Spielsachen schnell einzuräumen, wendet sich das Personal automatisch an die Bereitwilligen, was natürlich meistens Mädchen sind. Vom Raumkonzept her haben die meisten Kindergärten eine Puppen- und eine Bauecke, in die sich das jeweils andere Geschlecht selten verirrt, auch wenn solche Besuche erwünscht sind. Zudem spielen die Buben in der Puppenecke in der Regel Vater, der weggeht, um zu arbeiten, oder sie sind der Hund. Bei Fun & Care gibt es solche Spielecken nicht, sondern der Zugang zu unterschiedlichen Spielsachen ist offen. Durch Puppenwickelkurse sind die Buben nun später sicher in der Lage, ihre eigenen Kinder perfekt zu wickeln.
Zum Kindergartenangebot gehören auch empfehlenswerte Bücher, wobei sich auch in schönen Bilderbüchern Geschlechtsrollenstereotype verbergen können. Ein guter Anlass aber, die erzählte Geschichte mit den Kindern zu thematisieren und andere Verläufe vorzuschlagen. Wichtig war im Projekt auch, Sensibilität für Sprache zu wecken, wobei die Kinder mit Begeisterung mitmachten. Die Eltern wurden soweit möglich einbezogen und auch hier darauf verzichtet, sich automatisch an die Mutter zu wenden. Immerhin ist die Väterbeteiligung bei Fun & Care grösser gewesen als in einem in der Evaluation herangezogenen Kontrollkindergarten. Mädchen sollten lernen, Nein zu sagen, offensiv auf etwa zugehen, sich zu wehren und zu verteidigen. Buben hingegen, ihren Körper positiv wahrzunehmen, Frustrationen zu ertragen und auch mal Hilfe zu holen, da sie nicht alles alleine schaffen müssen.
Die Ergebnisse der Evaluation stellte Petra Wagner vor, die zunächst betonte, dass jedes Projekt einen "blinden Fleck" hat und oft zu viele Ziele gesteckt werden, besonders bei engagierten Einrichtungen. Es ist immer mutig, sich evaluieren zu lassen, was jedoch die meisten eher scheuen, obwohl es Chancen eröffnet. Interessanterweise waren die in diesem Projekt erzielten Effekte mitunter gar nicht so deutlich im Vergleich zur Kontrollgruppe. Dies erklärt sich aber zum einen daraus, dass Kinder nur zum Teil vom Kindergarten beeinflusst werden, zum anderen resultiert es aus einer erst späteren Ausprägung von Geschlechtsrollen. Dennoch waren in beiden Gruppen die Mädchen eher bereit von Stereotypen abzugehen als die Burschen.
Text & Bilder: Alexandra Bader 9.10.2003
Infos:
Stadt Wien http://www.wien.gv.at
Evaluation: Christiane Spiel, Petra Wagner, http://www.evaluation.ac.at, Institut für Psychologie
Fun & Care: kindertagesheim@fun-and-care.at
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