Wer mitunter Diskussionen mit unserer Regierung kritisch gegenüberstehen TeilnehmerInnen besucht, die/der erlebt dabei meist, dass Rotgrün als Alternative zum Bestehenden betrachtet wird. Dies manchmal mit Skepsis, manchmal mit Optimismus, aber doch als das Einzige, was es anstelle von Schwarzblau geben könnte. Unter anderem deshalb sei dieses Buch empfohlen, in dem Jutta Ditfurth, Grüne der allerersten Stunde (im Gegensatz zu Joschka Fischer und anderen), die Entwicklung ihrer einstigen Partei akribisch nachzeichnet. Sie bezieht persönliche Erlebnisse ein, kann jedoch alles exakt belegen. Auch das politische Umfeld wird dargestellt, aus dem eine grüne Partei überhaupt entstehen konnte. Grossen Anteil daran hatte die Anti-Atom-Bewegung, die Menschen in Massen auf die Strassen brachte und auch ursprünglich sehr bürgerliche Leute radikalisierte.
Schritt für Schritt kamen aber auch Opportunisten - je mehr Eintreten für die Partei auch bedeutete, Karriere machen zu können. Dieser Gefahr waren sich die GründerInnen durchaus bewusst, konnten aber nicht ahnen, dass der Anpassungsprozess wesentlich schneller als befürchtet erfolgen würde. Was vielleicht auch andere Ursachen hat, wie Ditfurth andeutet: so gab ihr als Parteisprecherin nach erfolgreicher Bundestagswahl 1987 das US-Aussenministerium zu verstehen, man wolle sie "näher kennenlernen", was sie als eine ihrerseits "äusserst unerwünschte" Kontaktaufnahme der CIA verstand. Schliesslich wurde eine Vortragsreise Ditfurths in den USA genützt, bei der sie einmal vor einem "sonderbaren Publikum" referierte - unter anderem VertreterInnen der Deutschland-Abteilung der CIA, von NATO- und US-Militär, von republikanischen Think-Tanks und State Department. Sie sprach NATO-kritisch über deutsche und US-Aussenpolitik und wurde dann von einem hohen Offizier "angebrüllt": "ohne Zustimmung der USA hätte es die Grünen nie gegeben!" (wie sich die Bilder gleichen - österr. RegierungsvertreterInnen wurde ja von der Österreich-Abteilung der CIA erzählt, die grösste Gefahr in Europa bestehe in einer radikalisierten Grünbewegung....).
Ditfurth und die anderen, medial und seitens der "Realos" als "Fundis" titulierten Vorstandsgrünen wurden dann im nächsten Jahr durch einen angeblichen Finanzskandal zu Fall gebracht. Tatsächlich hatte sich niemand etwas zuschulden kommen lassen, aber die Medien machten bei der Skandalisierung mit. Nach dem Motto "Wo Rauch ist, muss Feuer sein" - etwas, das den "Fundis" auch in den österreichischen Grünen als gegen sie angewandte Strategie bekannt vorkommen muss. Sie schildert die Machtübernahme durch Fischer und seine "Gang" als Karriere der Opportunisten, die sich selbst niemals für etwas engagiert haben, aber zur Stelle waren, sobald Basisinitiativen etwas in Bewegung gebracht haben. Diese durchaus polemische Darstellung liest sich aber gerade deswegen recht erfrischend, weil Ditfurth auch mit der schrankenlosen Bewunderung von Medienmännern (und manchen Frauen) für Fischer, Cohn-Bendit und Co. aufräumt. Wobei das Wohlwollen der Journalisten auch darauf zurückzuführen ist, dass es sich ja um alte Kumpel handelt....
Abstrahiert frau die Notwendigkeit einer besonders starken Anti-Atom- und Anti-NATO-Bewegung, die in Deutschland natürlich viel stärker war, dann werden die Parallelen zur österreichischen Entwicklung deutlich. Auch hier sprangen jene auf, die vorher nichts mit Grünen zu tun haben wollten, und die negativen Bezeichnungen für gesellschaftskritische Positionen und deren VertreterInnen wurden von Deutschland übernommen. Manches wurde bei unseren Nachbarn zuerst probiert - etwa: was wäre mit schwarzgrün? geht das bei der Basis rein? -, anderes wiederum erstmal bei uns - z.b.: wie wäre es mit einer US-NATO-Militärintervention in Bosnien? Die zwar beschlossene, aber medial und innerparteitlich stigmatisierte Programmatik war auch ähnlich: NATO-kritisch (BRD: raus aus der NATO, Ö: neutral bleiben), EG-kritisch, für Umverteilung etc. Wenig Berühungsängste nach rechts bis rechtsextrem kann Ditfurth mit vielen Beispielen belegen - etwas, das zum Glück bisher auf Einzelfälle hierzulande beschränkt ist (bspw. bestimmte TierschützerInnen).
Von den zentralen Forderungen der BürgerInneninitiativen und der aus ihnen 1980 entstandenen Grünen ist nahezu nichts übriggeblieben, was in der Atompolitik besonders krass wird. Die deutsche Atomindustrie hätte sich einen auf Jahrzehnte aufgeschobenen Ausstieg unter der CDU/FDP-Koalition nicht träumen lassen. Bezugskürzungen für Arbeitslose, restriktiver Umgang mit dem Asylrecht und Studiengebühren werden bei uns mit Schwarzblau assoziiert, sind für Ditfurth aber Merkmale skrupelloser neoliberaler Politik von Rotgrün. Und manches wäre den Vorgängern vielleicht gar nicht in den Sinn gekommen oder hätten sie nicht so leidenschaftlich verkauft, wie die Beteiligung am NATO-Angriff auf Jugoslawien - oder die Annäherung an den angeblichen "Reformkurs" des Iran, wo immer noch gesteinigt wird und Frauen sich verschleiern müssen. Ditfurth beschreibt auch, dass sich deutsche Medien wundern, ob Washington einen "Ex-Revoluzzer" als Aussenminister akzeptieren würde. Was wiederum US-Medien amüsierte, denn eine Sprecherin des State Department meinte, die Grünen seien für "uns" keine unbekannte Grösse, und Fischer keine Überraschung. Man hat ihn also, folgert Ditfurth, längst durchleuchtet - was man mit ihr ja auch versucht hatte - wobei sie es als "Sache der linken Überzeugung und der persönlichen Würde" sieht, "sich dieser Anmassung nicht zu unterwerfen".
Jutta Ditfurth: "Das waren die Grünen", ISBN 3-612-26704-3, Econ Taschenbuch (inzwischen vermutlich vergriffen)
Alexandra Bader
Mein
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