Als die Ceiberweiber 1996 online gingen, wählten sie den 10.Todestag Simone de Beauvoirs (1908 - 1986) als Startdatum. Natürlich darf "Das andere Geschlecht" auch auf der neuen Ceiberweiber-Seite nicht fehlen. Der 1949 erschiene Klassiker der Frauenbewegung verdient es, immer wieder mal kapitelweise zur Hand genommen zu werden. Schon allein, um zu prüfen, was von Beauvoirs scharfsinniger Analyse nach wie vor zutreffend ist und wo sich glücklicherweise schon einiges geändert hat. Wir haben uns mal den Abschnitt über "Liebe" angesehen, da dieses Thema ja erstens immer aktuell und zweitens mittlerweile Gegenstand einer wahren Flut an - meist von Frauen gelesener - Ratgeberliteratur ist.
"Männer haben zu gewissen Zeiten ihres Lebens leidenschaftliche Liebhaber sein können, es gibt aber keinen einzigen unter ihnen, den man als einen großen Liebenden ansprechen könnte. Selbst in ihrem heftigsten Überschwang geben sie sich nie völlig auf. Selbst wenn sie vor ihrer Geliebten in die Knie fallen, wünschen sie noch, sie zu besitzen, sie an sich zu fesseln. Selbst im Kernpunkt ihres Lebens bleiben sie so etwas wie souveräne Eigenwesen. Die geliebte Frau ist nur einer unter anderen Werten. Die Männer wollen sie ihrer Existenz einverleiben, aber nicht mit ihrer ganzen eigenen Existenz in ihr versinken. Für die Frau dagegen ist die Liebe eine völlige Selbstaufgabe zugunsten ihres Herrn."
Wir dürfen nicht vergessen, daß diese krasse Einschätzung in einer Zeit vorgenommen wurde, als weibliche Berufstätigkeit selbstverständlich nur bei denen war, die arbeiten mußten. Es also auch handfeste ökonomische Gründe für diese Arrangements mit der Liebe gab. Im Kapitel über die Ehe zitiert Beauvoir eine Untersuchung aus Belgien, wonach immer noch ein Teil der Ehen gestiftet werden. Sie nimmt an, daß es in Frankreich noch ebenso verbreitet war, zumal diese Praxis ja in ihrem Land am häufigsten war.
Daß Männer in "hervorragender sozialer Stellung, die es verstehen, der weiblichen Eitelkeit zu schmeicheln, Leidenschaften" erregen, "selbst wenn sie kein verführerisches Äußeres besitzen", erklärt sie damit, daß diese "infolge ihrer gehobenen Situation" das Gesetz, "die Wahrheit an sich" verkörpern. "Ihr Bewußtsein ist Ausdruck ihrer unbestreitbaren Realität. Die Frau, die sie loben, fühlt sich in einen unbezahlbaren Schatz verwandelt." Vermutlich wissen wir jetzt, warum auch heute noch der 70jährige Milliardär die 30jährige heiratet, nicht aber der 70jährige ehemalige Arbeiter bei der Müllabfuhr. Die Eliten der Gesellschaft sind immer noch männlich, und sie machen Gesetz und Wahrheit.
Beauvoir beschreibt, wie sich Juliette Drouet für Victor Hugo aufopfert, und meint: "Solche Züge finden sich bei jeder verliebten Frau. Nötigenfalls tyrannisiert sie sich selbst im Namen des Geliebten. Alles, was sie ist, alles, was sie hat, alle Augenblicke ihres Lebens müssen ihm geweiht sein und so ihre Daseinsberechtigung finden. Außer in ihm will sie nichts besitzen." Um festzustellen, wie zeitgemäß diese Aussage ist, brauchen wir uns nur die Ratgeberspalten von Frauenzeitschriften anzusehen...
"Auch wenn der Mann auf die Dauer der Frau verbunden bleibt, bedeutet dies noch nicht, daß er sie dringend braucht. Das ist es jedoch, was sie verlangt: Ihre Selbstaufgabe rettet sie nur, wenn sie ihr ihre Herrschaft wiedergibt. Man kann dem Spiel der Gegenseitigkeit nicht entrinnen. Sie muß also leiden oder sich belügen. Meistens klammert sie sich zunächst an die Lüge. Sie stellt sich die Liebe des Mannes als die genaue Ergänzung jener Liebe vor, die sie ihm entgegenbringt. Sie ist unwahrhaftig genug, Begehren für Liebe, Erektion für Begehren, Liebe für Religion zu nehmen. Sie zwingt den Mann, sie anzulügen: Liebst du mich? Genau so wie gestern? Liebst du mich immer? Geschickt stellt sie die Fragen dann, wenn die Zeit fehlt, im einzelnen und aufrichtig zu antworten, oder auch, wenn die Umstände es verbieten. Wähend einer Liebesumarmung, nach überstandener Krankheit, unter Schluchzen oder auf dem Bahnsteig will sie Antwort haben. Aus den Antworten, die sie so ertrotzt, macht sie Siegestrophäen. Und erhält sie keine Antwort, dann läßt sie das Schweigen sprechen. Jede wirklich Liebende ist mehr oder weniger eine Paranoikerin."
Und Beauvoir bringt Beispiele von Freundinnen: Eine erklärte beim längeren Schweigen eines fernen Geliebten, daß, wer Schluß machen will, schreibt, um dem Bruch anzukündigen. Als sie aber dann einen "unzweideutigen" Brief erhält, meint sie, wer wirklich Schluß machen will, der schreibt nicht. "Es ist oft sehr schwierig, bei vertraulichen Mitteilungen zu entscheiden, wo das pathologische Irresein beginnt. Das Betragen des Mannes, wie es von der Verliebten in ihrer Panik beschrieben wird, erscheint immer extravagant: Er ist Neurotiker, Sadist, verdrängt, Masochist, ein Teufel, unbeständig, feige oder all dies zusammen....Solche geheimnisvollen Geschichten klären sich auf, wenn der Mann erklärt: 'Ich liebe sie absolut nicht", oder "Ich mochte sie ganz gern leiden, aber ich hätte es nicht ertragen können, einen Monat mit ihr zusammenzuleben." In hartnäckigen Fällen führt der Selbstbetrug zum Irrenhaus: Einer der ständigen Züge des Liebeswahns besteht darin, daß das Verhalten des Geliebten rätselhaft und widerspruchsvoll erscheint. Auf diesem Umweg gelingt es der Kranken immer, den Widerstand der Wirklichkeit zu brechen. Eine normale Frau findet sich mit der Wirklichkeit ab und erkennt schließlich, daß sie nicht mehr geliebt wird."
Sehr nüchtern beendet Beauvoir das Kapitel über Liebe: "Der Mann braucht die bedingungslose Hingabe nicht, die er verlangt, auch nicht die vergötternde Liebe, die seiner Eitelkeit schmeichelt. Er nimmt sie nur unter der Bedingung entgegen, daß er den Forderungen nicht zu entsprechen braucht, die eine solche Haltung für die Gegenseite bedeutet. Er predigt der Frau, sich hinzugeben: Dabei werden ihm die Gaben lästig. Sie ist völlig verwirrt über ihre unnützen Geschenke, über ihre leere Existenz. Sowie es der Frau möglich sein wird, in ihrer Kraft und nicht in ihrer Schwäche zu lieben, nicht um sich zu entfliehen, sondern um sich zu finden, nicht um sich aufzugeben, sondern um sich zu behaupten, dann wird die Liebe für sie wie für den Mann zur Quelle des Lebens und nicht zu einer tödlichen Gefahr werden. Bis dahin faßt sie in ihrer pathetischen Gestalt den Fluch zusammen, der auf der Frau lastet, die in ihre Welt eingeschlossen ist, bedeutet sie die Verstümmelung der Frau, die nicht imstande ist, sich selbst zu genügen. Die zahlreichen Märtyrerinnen der Liebe haben gegen die Ungerechtigkeit eines Schicksals gezeugt, das ihnen als letzte Rettung eine unfruchtbare Hölle zuweist."
1972 im Interview mit Alice Schwarzer
"Ich bin für die Ausschließung der Männer, bis zu einem gewissen Punkt. Das ist eine Frage des Stadiums. Es gibt dafür mehrere Gründe: Zunächst einmal muß man damit rechnen, daß die Männer auch in diesen Gruppen sich die männlichen Reflexionen nicht verkneifen könnten, daß sie sprechen und kommandieren würden. Andererseits haben viele Frauen - und was immer sie auch sagen, und oft wissen sie es auch - ein gewisses Gefühl der Minderwertigkeit, eine gewisse Schüchternheit. Wenn Männer da sind, würden viele es nicht wagen, so frei zu sprechen, wie sie es tun, wenn sie unter sich sind. Besonders wichtig ist es, daß die Frauen innerhalb ihrer Gruppen nicht auf ihren Mann oder Freund stoßen, auf niemanden, an den sie zu sehr gebunden sind, weil sie sich ja gerade auch von ihm befreien müssen. Im Augenblick erlaubt weder die Mentalität der Männer noch die der Frauen eine wirklich ehrliche Diskussion in einer gemischten Gruppe."
"Selbstverständlich ist es zu abstrakt, zu sagen, wie ich es eine Zeitlang gesagt habe, daß man nur gegen das System angehen müsse. Man muß als Frau selbstverständlich gegen die Männer angehen. Schließlich ist man nicht ungestraft Komplize und Profiteur eines Systems, selbst wenn man es nicht geschaffen hat, selbst wenn es nicht von den Männern von heute gemacht worden ist. Ein Mann von dreißig, zum Beispiel, hat diese patriarchalische Welt nicht eingerichtet, aber er profitiert in einer gewissen Weise, selbst wenn er zu denen gehört, die nicht profitieren wollen. Er tut es trotzdem, denn er hat sicherlich eine Menge Dinge verinnerlicht. Folglich muß man einmal gegen das System angehen und zum zweiten den Männern, wenn schon nicht feindlich, so doch mindestens mißtrauisch gegenüberstehen. Die Frauen müssen also gleich das System und die Männer angreifen."
"Als allererstes müssen die Frauen außer Haus arbeiten. Als zweites, wenn möglich, die Heirat verweigern. Ich hätte ja auch Sartre heiraten können, aber ich glaube, daß wir klug waren, es nicht getan zu haben. Denn wenn man verheiratet ist, dann behandeln die Leute einen auch als verheiratet, und zum Schluß hält man sich selbst für verheiratet. Man hat als Verheiratete durchaus nicht dieselben Beziehungen zur Gesellschaft wie eine Nicht-Verheiratete. Die Heirat ist gefährlich für eine Frau. Was aber vor allem zählt, wenn man wirklich unabhängig sein will, das ist ein Beruf, das ist die Arbeit. Den Rat gebe ich allen Frauen, die mich fragen. Das ist die notwendige Voraussetzung, die ihnen erlaubt, sich scheiden zu lassen, wenn sie wollen. So können sie sich selbst und ihre Kinder ernähren, sie sind nicht abhängig und können ihr Leben realisieren. Das heißt, die Arbeit ist auch kein Wunderheilmittel. Ich weiß sehr gut, daß die 4 Mark Stundenlohn einer Arbeiterin oder Putzfrau nicht gerade wirklich unabhängig machen. Ich weiß, daß heute die Arbeit nicht nur befreiend sondern auch entfremdend ist. Folglich müssen Frauen oft zwischen zwei Entfremdungen wählen: die der Hausfrau und die der Berufstätigen. Trotzdem ist die Lohnarbeit die erste Voraussetzung zur Unabhängigkeit."
"Ich glaube nicht, daß etwas Besonderes von der Weiblichkeit zu erwarten ist. Trotz allem ist es doch eine Assimilierung, die wir anstreben und nicht die Entwicklung spezifisch weiblicher Qualitäten. Ich glaube nicht, daß die Frauen, wenn sie die Gleichberechtigung erreicht haben, etwas ganz besonders Interessantes, Poetisches, eben weibliche Werte entwickeln. Es ist eine Tatsache, daß die universelle Kultur, die Zivilisation und die Werte alle von Männern geschaffen wurden. Doch genau wie das Proletariat ablehnt, daß die Bourgeoisie die universale Klasse sei, ohne aber alle bourgeoisen Werte abzulehnen, sondern sie sich aneignet, genauso sollten die Frauen in Gleichheit mit den Männern sich die von den Männern geschaffenen Werte aneignen, statt sie abzulehnen. Beim Schaffen der universalen Werte haben ihnen die Männer sehr oft ihre eigene, virile Note gegeben. Sie haben beides - Universalität und Männlichkeit - auf eine sehr tückische und subtile Weise vermischt. Es handelt sich also darum, das eine vom anderen zu trennen, die Trübung zu entfernen.
Das ist möglich, und das ist eine der Aufgaben, die die Frauen haben. Aber was heißt das denn letzten Endes: das männliche Modell ablehnen? Wenn eine Frau Karate lernt, dann ist das doch männlich. Und ich finde gut, daß sie es tut. Man darf die Welt der Männer nicht ablehnen, denn sie ist gleichzeitig die Welt überhaupt. Und schließlich auch unsere Welt. Die Frau wird ebenso wie der Mann etwas schaffen, das so anders und so neu ist wie das der anderen Männer. Aber ich denke nicht, daß sie neue Werte schaffen wird. Wenn man das glaubt, dann glaubt man an eine weibliche Natur - wogegen ich mich immer gewehrt habe."
Mein
Feedback-Beitrag zu diesem Artikel |
|