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Fast ein Tabu: Gewalt gegen ältere Frauen  

Das Leben älterer Frauen abseits von Klischees ist ein wichtiger Schwerpunkt der Wiener Frauenstadträtin Sandra Frauenberger. Darauf wurde auch bei der Veranstaltung "Wiener Meilensteine im Opferschutz" zu 10 Jahre Gewaltschutzgesetz am 22. Mai 2007 Bezug genommen (Bericht über die "allgemeine" Diskussion hier). Drei Referentinnen boten verfügbares Zahlenmaterial (teilweise gar nicht so leicht zu beschaffen) und genug Inputs für spannende Debatten. Eingangs sprach Beate Wimmer-Puchinger, als Wiener Frauengesundheitsbeauftragte sozusagen die "Zuständige" für unsere älteren Mitbürgerinnen. Sie stellte dar, womit "Frau im Alter" üblicherweise in Verbindung gebracht wird: Altersarmut, Pflege, mehr alte Frauen als alte Männer - kurz gesagt, Armut im Alter, Pflege und das Alter selbst sind weiblich.

Zu ergänzen ist das höhere Risiko, Gewaltopfer zu werden (verglichen mit Männern, nicht mit jüngeren Frauen, da diese wiederum ganz einfach öfter einen Partner haben als die vielfach verwitweten alten Frauen). Langlebigkeit hängt wissenschaftlich betrachtet von einer Vernetzung mehrer Faktoren ab, die genetischer und biologischer Natur sind, bei denen Psyche und Persönlichkeit eine Rolle spielen, aber auch Schulbildung, Beruf und sozialer Status. Dennoch (kann frau fast sagen) werden Frauen in den Industrienationen mehrere Jahre älter als Männer. In Ländern wie Indien oder Bangladesh ist nicht nur die Lebenserwartung viel niedriger, es ist auch jene der Frauen kaum größer als die der Männer. Somit spielen also die Lebensumstände doch eine Menge mit. Generell werden Frauen im Alter aktiver (viele hatten zuvor lange die "passive" Rolle des Zuhausebleibens), während Männer passiver und häuslicher werden.

Unabhängig vom Geschlecht wollen alte Menschen aktiv und zufrieden sein und sehnen sich nach Aktivitäten auch außerhalb der eigenen Altersgruppe. Den Verlust an Mobilität. körperlicher Kontrolle  und Unabhängigkeit empfinden beide Geschlechter als sehr einschränkend, doch stellen sich spezifische Frauenprobleme im Bereich der Isolation von anderen, der Pflege und Betreuung und der finanziellen Absicherung. Die ältere Bevölkerung ist ebenso überwiegend weiblich (2/3 der Pflegebedürftigen sind Frauen) wie die Pflege älterer Menschen mehrheitlich von Frauen geleistet wird, egal ob es die ehrenamtliche Betreuung durch Angehörige oder professionelle Altenpflege ist. 91% der Männer werden von der Partnerin betreut (nicht nur, weil manche Männer jüngere Frauen heiraten), aber nur 20% der Frauen von Partnern. 281.000 Frauen und 140.000 Männer pflegen Angehörige zu Hause (wobei hier vermutlich nicht genau definiert wird, was unter männlicher Pflege zu verstehen ist, da manche Männer zur Pflege beitragen, sich um die Rechnungen ihrer Mutter und Behördenkram zu kümmern, während sich die Ehefrau mit konkreten Pflegehandlungen um die Schwiegermutter kümmert - dies als Anmerkung).

Für Männer bedeutet Alter den Verlust von Macht und Einkommen, während von Frauen der Verlust an Schönheit und sexueller Attraktivität als besonders schlimm erlebt wird. So gesehen verwundert auch nicht, dass Frauen ihren Körper und dessen "Verfall" kritischer betrachten und ihren Gesundheitszustand subjektiv unterschätzen. Frauen sind weit öfter verwitwet als Männer, etwa zwischen 60 und 74 Jahren: mehr als ein Drittel bei den Frauen, nur 8% bei den Männern. Auch Männer über 85 sind oft verheiratet, Frauen allerdings kaum. Übrigens sind 20% der Frauen über 50 kinderlos - egal was man uns über angeblich so gebärfreudigere frühere Zeiten einreden will. Frauen, welche die NS-Zeit noch bewußt erlebt haben, wurden mit einem aufopfernden, unterwürfigen Frauenbild sozialisiert und erlebten Hunger und Not, sodass Dulden und Ertragen verinnerlicht wurde und Auflehnung gegen erfahrene Gewalt besonders schwer fällt.

Finanziell sieht es für Frauen im Alter triste aus, da nur 60% über eine Eigenpension verfügen (und damit auch nicht ausgesagt wird, wie hoch denn diese wohl sein mag). 15% haben überhaupt keinen Pensionsbezug, sind also vollkommen vom Bezug des Mannes abhängig. Gesundheitliche Probleme betreffen Frauen oft anders als Männer, und altersspezifisch sind hier Harninkontinenz und Osteoporose anzuführen, wobei Letztere sich gerade im Gewaltkontext dramatisch auswirken kann, da Knochen bei Stürzen leichter brechen (und der Nachweis, dass Gewalt im Spiel war, eben wegen der vielfach geringeren Knochendichte nicht so leicht ist). Dass Frauen mehr unter Einschränkungen des Bewegungapparates leiden als Männer wirkt sich natürlich auf ihre Mobilität aus und ist wohl auch nicht ohne Folgen für die psychische Einschätzung von Beweglichkeit im Umgang mit Situationen.

Darüber hinaus werden die Wechseljahre pathologisiert, sodass frau ab der Menopause als krank betrachtet wird. Gewalt kann Frauen nicht nur durch Ehemänner begegnen, auch wenn sie da am häufigsten auftritt. Bei problematischen Mutter-Tochter-Beziehungen kann sich das Verhältnis in der Pflegesituation umkehren, sodass die Tochter ihre Aggressionen nicht in konstruktive Bahnen lenkt. Medikamentenmissbrauch kommt im Gewaltkontext oft vor, auch weil Frauen so "ruhiggestellt" werden und Gewalt durch Angehörige bequem tabuisiert werden kann.

Barbara Nägele arbeitete früher im Frauenhaus Göttingen und ist nun bei Zoom - Gesellschaft für prospektive Entwicklungen. Sie spricht über Gewalt in Partnerschaften und stellt fest, dass entweder generell Gewalt an älteren Menschen oder allgemein Gewalt an Frauen untersucht wird. Dabei geht man von unterschiedlichen Modellen aus: Gewalt gegen Ältere entsteht in einer Kombination von kognitiven und körperlichen Einschränkungen bei den Betroffenen und Stress bei den Pflegenden. Gewalt gegen Frauen basiert auf gesellschaftlichen Machtunterschieden, die sich in Beziehungen manifestieren. Interdisziplinär wird wenn, dann vor allem im englischsprachigen Raum geforscht.

Fehlendes Datenmaterial wie Gewaltstatistiken, die nicht nach Alter differenzieren, macht Veränderungen nicht gerade leichter. Für eine relativ neue französische Studie wurden etwa Frauen bis 59 befragt, als ob es danach keine Gewalterfahrungen mehr geben könne. In den USA wurden 2006 370 Frauen über 65 befragt, von denen 3,5% in den letzten fünf Jahren Opfer von Gewalt wurden, deutlich weniger als in jüngeren Altersgruppen, wo es allerdings auch viel mehr Frauen mit Partnern gibt. Gewalt im Nahraum geht aber erheblich von Ehemännern aus, woran sich auch in einem Alter nichts ändert, in dem viele Frauen verwitwet sind. Nicht immer sind es langjährige Gewaltbeziehungen, in denen man "gemeinsam" älter wird, da oft der körperliche Abbau als Frustration erlebt wird, die bei einer zum Abreagieren zur Verfügung stehenden Person ausgelebt wird.

Die Betroffenen selbst tun sich oft schwer, Gewalt als solche wahrzunehmen, insbesondere wenn es um die "Legitimität" sexueller Gewalt geht. Ältere Frauen sind häufig isoliert, müssen mit dramatischen gesundheitlichen Folgen von Gewalt rechnen (u.a. Stürze / Knochenbrüche bei Osteoporose), sodass alles in allem (auch unter Berücksichtigung finanzieller Ressourcen) eine Lösung von Misshandler immer schwieriger wird. Wollen Frauen die Gewalterfahrung ansprechen, finden sie häufig keine Unterstützung. Hier kommt Hausarzt/Hausärztin eine Schlüsselrolle zu, da Frauen sich oft ihr/ihm anvertrauen. Auch wenn es für Frauen in höherem Alter generell schwerer ist, sich zu trennen, denken manche doch, dass sie nichts mehr zu verlieren hätten, und schaffen so einen Neuanfang.

Institutionen werden fast nur über Dritte eingeschaltet, entweder Töchter oder die Polizei. Wegweisungen kommen bei älteren Frauen oft nicht zustande (wohin mit einem gebrechlichen Partner? es kommt nur ein Heim infrage und dergleichen Fragen stellen sich da), dennoch ist es für sie sehr wichtig, die Polizei holen zu können und sie fühlen sich in ihrer Wahrnehmung, dass sie sich Gewalt nicht gefallen lassen müsen, bestärkt. Angebote für ältere Frauen müssen niedrigschwellig sein - da ist der Selbstverteidigungskurs für Seniorinnen gut gemeint, aber nicht das, wobei einem die Türen eingerannt werden. Am besten bieten selbst schon ältere Mitarbeiterinnen ein relativ offenes Beratungsangebot an, das thematisch nicht zu festgelegt ist. Neben besserer Zusammenarbeit von Einrichtungen im Gewaltschutz - und Altenbetreuungsbereich ist auch mehr Sensibilisierung der Öffentlichkeit gefordert. Betreuerinnen sollen auch darin geschult werden, zurückliegende Gewalterfahrungen zu erfragen und zu berücksichtigen.

Derzeit bestehende Frauenhäuser sind auf jüngere Frauen mir Kindern zugeschnitten und bräuchten spezifische Wohnmöglichkeiten für ältere Frauen. In der Begleitung geht es dann um die Organisation von Pflege, medizinische Aspekte und um Fragen der Hauswirtschaft - also einen Start in ein neues Leben, der sich in manchen Punkten von dem einer Jüngeren unterscheidet. In den USA hat das Women's Center Milwaukee ein "Older Battered Women's Program", zu dem eine Unterstützungsgruppe gehört, die auch Frauen, welche nicht ins Frauenhaus gehen, viel Kraft gibt. Women's Aid in Schottland dürfte so ziemlich das erste Frauenhaus für ältere Frauen sein, das übrigens auch Berautung für Frauen außerhalb anbietet. In Australien wurde ein Handbuch mit Standards für die Praxis erstellt, welches auch in anderen Ländern eingesetzt werden kann.

Charlotte Strümpel vom Roten Kreuz stellte das Projekt "Breaking the Taboo" (Mai 2007 - April 2009) vor, bei dem im Rahmen des Daphne-Programmes der EU für Gewalt gegen ältere Frauen sensibilisiert werden soll. Man wendet sich an MItarbeiterInnen im Sozial- und Gesundheitsbereich, aber auch an die breite Öffentlichkeit. Auch hier steht man vor dem Problem, dass es wenig Datenmaterial gibt. Immerhin wurde zu diesem Mangel bereits die sogenannte MERI-Studie erstellt (www.own-europe.org). Vorarbeiten gab es auch in Österreich, wo 2005 eine ExpertInnentagung im Sozialministerium stattfand, bei der Gewalt gegen ältere Frauen ein Thema war. Das neue Projekt soll Unterlagen zur Problematik bieten und den Beschäftigten im Sozial- und Gesundheitsbereich Materialien sowie Bewältigungsstrategien für Erfahrungen mit Stress und Gewalt bieten.

Erhebungen finden in den Projektpartnerländern Österreich, Finnland, Italien, Polen statt, ebenso jeweils drei Workshops, bei denen die erwähnten MitarbeiterInnen aus bestimmten Berufen das erstellte Material, u.a. eine Gewalt-Checkliste auf seine Handhabbarkeit "testen". Außerdem sind Konferenzen mit ca. 100 TeilnehmerInnen pro Land geplant und das Verfassen einer Broschüre (das in den Workshops diskutierte Material). Bislang hat man festgestellt, welche Literatur es in den vier Ländern zum Thema gibt - meist nichts Geschlechtsspezifisches, sondern ganz allgemein auf den Bereich Pflege bezogen. In Finnland sind Studien schon vorhanden, es bestehen langfristige Programme gegen Gewalt in der Familie und es gibt bereits spezielle Anlaufstellen für ältere Frauen.

In Polen findet sich hier und da ein Kapitel in Büchern über Gewalt in der Familie, wobei Gewalt als Konsequenz einer Familienstruktur wahrgenommen wird. In Italien ist Gewalt gegen Ältere oft generell ein Thema, selten jedoch frauenspezifisch, wobei es immerhin bereits eine Anlaufstelle gibt. In Österreich gab es im Gewaltbericht 2001 ein Kapitel über ältere Menschen, und der Aspektr der Gewalt gegen ältere Frauen ist in die Plattform gegen Gewalt in der Familie integriert. Generell wird Gewalt nicht immer als solche wahrgenommen, etwa psychische Gewalt oder Vernachlässigung. Auch Pflegepersonal kann Gewalt ausgesetzt sein. Eine offene Frage ist der Umgang mit ökonomisch Benachteiligten oder älteren Migrantinnen. Manchmal ist das Erkennen von Gewalt schwierig, wenn die Opfer verwirrt sind oder sich Verletzungen zuziehen, die auch durch Gebrechlichkeit erklärbar sind.

In der lebhaften Diskussion nach diesen Inputs erfuhren die BesucherInnen beispielsweise, dass die Wiener Frauenberatungsstelle immer wieder von Frauen über 70 angerufen wird, die Angebote also durchaus nicht nur von "Jüngeren" angenommen werden. Praktikerinnen berichteten von dementen Männern in der Geriatrie, die gar nicht mehr wissen, dass sie gewalttätig sind (und wo auch das Personal erst draufkommen muss, da es nicht vorinformiert wird). Gerade bei Demenz als Gewaltfaktor wird vorgeschlagen, Männer tagsüber in Betreuung zu bringen, damit die Frauen wenigstens verschnaufen können. Unrealistisch ist sicher, "übliche" Befreiungswege jüngerer Frauen von Älteren zu erwarten. Allerdings gibt es ein breites Netz an allgemeinen Angeboten für SeniorInnen, wo unverbindlich angeboten werden kann, auch über das Thema Gewalt zu sprechen,

Text / Bilder: Alexandra Bader
 Bilder der Vortragenden siehe Galerie beim  allgemeinen Artikel über die Veranstaltung.
Die Galerie zu diesem Artikel zeigt Einrichtungen, die im Bereich Opferschutz, Sicherheit und Gesundheit helfen.





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