Jeffrey Masson erschütterte in den 80er Jahren den Glauben an die Psychoanalyse, indem er nachwies, dass Freud sehr wohl wusste, dass seine Patientinnen nicht als Teenager ältere Männer verführen wollten, sondern belästigt und missbraucht wurden. Er leitete damals das Freud-Archiv und wandte sich daraufhin von Psychonanalyse und Psychotherapie ab. Ähnlich konsequent waren seine Schlussfolgerungen aus der langjährigen Beschäftigung mit dem Gefühlsleben von Tieren: er ist Veganer geworden und setzt sich für Tierrechte ein. Masson macht keine Unterschiede, ob uns Tiere nahe oder fern stehen - Schafe sind ebenso Gegenstand seiner Bücher wie Hühner, Elefanten, Pinguine, Hund ("Hunde lügen nicht") oder Katzen ("Katzen lieben anders").
Viele dieser Bücher wurden zu Bestsellern, jedoch hielt sich bei "Wenn Väter lieben" die Nachfrage in Grenzen. Zu Unrecht, denn hier finden Väter jede Menge an tierischen Vorbildern, da die Aufzucht von Kindern keineswegs von Natur aus Sache weiblicher Wesen ist und dass auch bei Tieren nicht nur Instinkte, sondern Gefühl und Entscheidung eine Rolle spielen. Etwa beim Kaiserpinguin, wo die Väter das Ei monatelang auf ihren Füssen balancieren und wärmen, während die Mütter sich im Meer stärken. DIe Väter bilden eine enge Gruppe, um sich gegen die eisige Kälte zu schützen, wobei es ganz innen am wärmsten ist und die Formation langsam rotiert, sodass jeder einmal in die Mitte kommt. Kleine Pinguine werden von beiden Elternteilen umsorgt und bilden später selbst "Kindergärten", welche die Eltern aufsuchen, um ihre Kinder zu füttern.
Viele Fischarten, denen man ja, sofern sie nicht überhaupt nur als Nahrung betrachtet werden, kaum Intelligenz zubilligt, kennen männliche Brutpflege im Maul des Vaters, was der sicherste Ort ist. Konrad Lorenz beobachtete einen hungrigen Fischvater im Aquarium dabei, wie er sich zwischen dem in Sicherheit bringen eines kleinen Fisches und dem hineingeworfenen Wurm entschied: er liess das Fischkind aus dem Maul, frass den Wurm und nahm das Kind wieder auf. Seepferdchen, eigentlich Fische, kennen männliche Schwangerschaft und einen wunderschönen rituellen Tanz, mit dem sich Männchen und Weibchen jedesmal begrüssen. Auch Frösche sind für Väterlichkeit zu rühmen, da sie beispielsweise Kanäle graben, wenn der Tümpel in der Hitze austrocknet, um ihrem Nachwuchs Kühlung zu bieten. Dass Väterlichkeit durch Domestizierung verloren geht, zeigt der Hund, der genetisch noch ein Wolf ist, sich aber kaum jemals für seinen Nachwuchs interessiert.
Wohl verhält er sich väterlich gegenüber jungen menschlichen Mitgliedern des Ersatzrudels, während man einem Wolf sicher keine Kleinkinder anvertrauen sollte, so zahm er sich auch immer verhalten mag. Andererseits ist der Wolf eines von wenigen Raubtieren, die nicht einmal ganz selten Menschen anfallen, und Legenden wie jene von Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt überlebten, bezeugen unser instinktives Gefühl einer Verwandschaft mit diesen Tieren. Ohne Väter kommen Elefantenrudel aus, da Bullen außer zur Paarung gemieden werden, sie jedoch in der Regel keine Gefahr für kleine Elefanten bedeuten. Auch Löwinnen schützen ihre Welpen gegen Löwen, sind aber, da sie keine grossen Rudel bilden, dabei weniger erfolgreich als Elefanten. Es gibt Löwen, die sich von Welpen alles gefallen lassen, aber auch solche, die ihnen gefährlich werden, was jedoch selten beobachtet wird.
Insgesamt ist Infantizid für Tierkinder eine weit geringere Bedrohung als Raubtiere oder der Mensch. Bei Bibern hat man schon sehen können, dass die Väter Kinder in einen neuen Bau in Sicherheit bringen, wenn die Mutter verletzt ist und sterben wird, die Reise vom alten Bau über mehrere Dämme hinweg nicht mehr antreten kann. Bei Präriehunden, die eigentlich eine Murmeltierart sind, haben Jungtiere Narrenfreiheit und können bei allen Muttertieren in den weitverzweigten unterirdischen "Städten" saugen, während männliche Tiere sie hingebungsvoll putzen. Die Warnrufe jener Tiere, die als Wächter aufpassen, sind so differenziert, dass sie Menschen oder "Mensch mit Waffe" unterscheiden (und diese Bezeichnung auch dann wählen, wenn ein Mensch nach ein paar Monaten wieder auftaucht und diesmal keine Waffe dabei hat).
Masson mit Ehefrau Leila, Hunden und Katze
Rätselhaft erscheint das Verhalten von Wallvögeln, die bezogen auf ihre Größe riesige Bauten anlegen, in denen ihre Eier unter optimalen Temperaturen brüten. Jeden Morgen prüfen die Väter, ob alles in Ordnung ist oder ob sie Veränderungen am Bau vornehmen müssen. Wenn die Jungen schlüpfen, würdigen sie ihre Eltern keines Blickes: sie sind bereits fertig ausgebildet können fliegen und sich Nahrung suchen. Vielleicht vermenschlichend fragt hier wohl ncht nur Masson, ob die Vogeleltern nach all der Mühe nicht enttäuscht sind. Bei Schwarzschwänen wurde beobachtet, dass homosexuelle Paare, bei denen ein Part ein Weibchen zum Brüten brachte und dann vom Ei verjagte, in der Aufzucht erfolgreicher sind als heterosexuelle. Ebenso ist möglich, dass weibliche Tiere mit Jungen, etwa Wale, sich zusammentun und auch aus purem Vergnügnen zusammensind, über die gemeinsame Aufzucht des Nachwuchses hinaus.
Auch Adoptionen sind möglich, wie Strausse zeigen, bei denen manche Paare eine aus unserer Sicht unglaubliche Menge an Kindern hüten. Jane Goodall erlebte einmal, wie ein verletzter Wildhundwelpe vom Rudel immer wieder versorgt und mitgenommen wurde, bis das Hundemädchen erschöpft zusammenbrach. Goodall rettete es und päppelte es auf, wollte das Rudel wieder finden, was ihr jedoch nicht gelang. Doch ein fremdes Wildhundpaar mit eigenen Jungen nahm das Kleine an. Bei diesen Wildhunden wurde auch beobachtet, dass die Männchen Junge aufziehen, wenn die Weibchen umgekommen sind. Männliche japanische Affen sind sogar bekannt für ihre Adoptionen, ebenso Geparden und Silbermöven, die sich um Küken kümmern, deren Eltern vertrieben wurden.
Im August 2007 zeigte die ARD einen Dokumentarfilm über Mustangherden, wo ein Hengst gezeigt wurde, der ein hinkendes Fohlen beschützte, dessen Mutter tragend in seine Gruppe gekommen war. Masson, der sich ja auch sehr mit Katzen befasste, bestreitet deren Väterlichkeit, kennt aber meinen Kater Athos nicht, der ganz aufgeregt war über einen jungen Kater draussen im Dickicht und ihn kurzerhand adoptierte. Wenn der Kleine spazierenging, eilte Athos ihm nach und war bald vor ihm, er bestimmte, wie weit der Kater gehen durfte und war, als er wegen einer Operation Hausarrest hatte, in der Gegenwart des Kleinen sofort ruhig, Ebenso wirkte er sich beruhigend auf den Kleinen aus, der im Laufe der Zeit viele Verhaltensweisen vom "Papa" abschaute (bis zum Imitieren von dessen Begrüssungsruf).
Alexandra Bader
Siehe auch: "Katzen lieben anders" bei uns vorgestellt
INFOS:
Webseite von Masson
Jeffrey Masson bei Wikipedia
Massons Forschung zu Freuds "Verführungstheorie" - er entdeckte einen Briefwechsel, in dem Freud davon spricht, dass seine PatientInnen sehr wohl sexuell muissbraucht wurden
Zur Rehabilitierung von Freuds Patientin "Dora"
"Mit Freud fing es an"
Interview mit Masson: "-....so many men do not like having cats for that very reason: you cannot control them".
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