Ende August begannen "Heute" und "Östereich" am gleichen Tag zu berichten, dass Ministerin Andrea Kdolsky "einen Neuen" hätte, mit dem man sie nachts an einer Tankstelle gesehen hatte. Der Status als "Neuer" wurde vom "vertrauten" Umgang der beiden miteinander abgeleitet. "Die Gosse hält Einzug in die Berichterstattung", schrieb dann Andreas Schwarz im "Kurier" (25.8.2007). Bislang war üblich, dass man über das Privatleben von PolitikerInnen schwieg, auch wenn so manches bekannt war.
Ausnahmen gab es, wenn es um Strafrechtsverletzungen ging oder einen eklatanten Widerspruch zu eigenen Positionen oder wenn die politische Arbeit dadurch beeinträchtigt wurde. Das war gestern Usus, "Heute" gilt schon buchstäblich anderes. "Scheidung: Kdolsky tanzt in neues Glück" war nämlich am 24.8. am Titel zu lesen, als Text zu einem Foto, wo Kdolsky auf der Bühne stand. Im Blattinneren wurde wieder ein Bild vom Auftritt als Gräfin Maritza verwendet, um daneben zu verraten, dass sich die Ministerin "klammheimlich" von Ehemann Richard getrennt habe. Und es werde "gemunkelt", der neue Mann an ihrer Seite sei ein zehn Jahre jüngerer Manager.
Aus dem Munkeln im Dunkeln machte auch "Österreich" zeitgleich ein Geschichte, an der man dann dranblieb, um am 26.8. zu fragen ob sich eine Familienministerin scheiden lassen und neu verlieben dürfe. Der "Neue" wird hier bereits mit Namen erwähnt und es sei mit der "Heiligkeit" der Ehe vorbeigewesen, als sie ihn traf. In der ÖVP herrsche helle Aufregung, da Kdolsky "auch eine zweite Ehe zerstört" habe, da ihr "Neuer" verheiratet ist. Die rote Regierungshälfte habe lustvoll getratscht, die Schwarzen seien enerviert über die "Hinweise" aus der Bevölkerung, dass man das Paar immer wieder schmusend und händchenhaltend gesehen habe.
Vor Rücktritt? fragt "Österreich" scheinheilig und stellt Kdolsky damit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache gleich, der sich nicht ehrlich und aufrichtig und vor allem nicht durch unmissverständliches Handeln von seinen früheren Neonazi-Kontakten distanziert, über die "Österreich" laufend berichtet. Die SPÖ lässt der ÖVP per Presseaussendung ausrichten, wie wenig Kdolskys Privatleben zu den Schwarzen passe, als ob sie höchstpersönlich ein wichtiges Wahlversprechen gebrochen hätte. Die Fellnerei stylt Kdolsky ungefragt zur "Ministerin der Herzen", was man jetzt natürlich auch wunderbar gegen sie ins Treffen führen kann, zu viel Leidenschadt und dergleichen.
Geht's euch noch gut? Die Achtung des Privatlebens ist ein Menschenrecht, es geht niemanden auch nur das Geringste an, solange jemand in der Freizeit nicht gerade Kinderpornos sammelt. Kdolsky sprach mit Ö 3, war in "Frühstück bei mir" zu Gast und erweckte dort den Eindruck einer ganz normalen Frau, die etwas erlebte, das in vielen tausenden Beziehungen zugleich passiert, ohne Seifenoper-Dramatik von "Ehezerstörerin". Sie hatte sich mit ihrem Mann bereits auseinandergelebt, da beide viel arbeiteten, oft nicht mehr viel reden wollten und "das Aneinandervorbeigehen nicht bemerkten".
Die Politik hat die Situation nicht einfacher gemacht, war aber nicht der Auslöser. Es war "körperlich spürbar, dass es nicht mehr als Freundschaft" geworden ist, und in Freundschaft trennte man sich auch. Sie habe nie daran gedacht, die Ehe zum Schein der Karriere wegen aufrechtzuerhalten, denn dies sei der falsche Weg und ein falsches Zeichen. Man solle um eine Beziehung kämpfen, solange es geht, aber auseinander gehen, wenn es nicht mehr anders möglich ist. Sie habe nicht vor, Ehemänner zu "sammeln". Ein Mann müsse stark sein, da sie selber stark ist, sie sei weder von anderen als starken Männern angezogen noch andere als starke Männer von ihr.
Alles in allem also kein operettenhaftes Drama, sondern das Leben, wie es ist. Mir fällt nun kein Beispiel eines Politikers ein, der sich trennte und dem es mit Rücktrittsaufforderungen vorgeworfen wurde, außer vielleicht manch heftige Reaktionen auf Bundespräsident Klestil. Allerdings sehr wohl so manches aus Deutschland, wo Politiker selbstverständich bei einer Ehe nach der anderen ebeso tragbar waren wie wenn Ehefrau und Freundin parallel, sogar mal mit Kind als der "Nebenbeziehung" existierten, Parteifarbe spielte beim Verhalten der Männer keine Rolle. Einer sah sich gar, mit schwangerer Freundin und daneben einer Ehefrau, als optimaler Nachfolger Stoibers.
Aber Kdolsky ist doch Familienministerin, mag man einwenden. Ja und? Was ist heute die in den Städten bereits überwiegende Form des Zusammenlebens? Patchwork, Alleinerziehend, homosexuell. Nicht zu vergessen, dass es auch Singles und Wohngemeinschaften gibt, Willkommen im 21 Jahrhundert! Gerade aus der ÖVP hört man immer wieder Geschichten von bedauernswerten Menschen, die der Partei wegen den Schein nach außen wahren wollen. Sie leben in toten Beziehungen, es gibt auch Frauen, die Gewalt erdulden, weil sie meinen, Scheidung würde ihre Laufbahn beenden, Frauen wie Männer dürfen Homosexualität nicht leben.
Wie gerne immer wieder auf Frauen hingehackt, an sie ein besonders strenger Maßstab angelegt wird, zeigt auch Eva Deissen in "Heute" zu Natascha Kampusch (22.8.2007). Sie empfiehlt der jungen Frau eine ganz eigene Therapie; "Wie wär's mit Arbeit? Neun bis fünf - o, wie normal das gleich macht." Deissen, die sicher schon lange nicht mehr so lange arbeiten musste, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, blendet aus, dass Kampusch rein formal keinen Schulabschluss und keine Lehrer hat, also ihr Dasein als ungelernte Arbeiterin bestreiten müsste.
Bar jeder Sensibiltät verkennt sie auch, dass Kampusch traumatisiert ist und nicht ein paar Tage in einem Keller Verstecken spielte, sondern achteinhalb Jahre Gefangenschaft verarbeiten muss. Klar, "Heute" wollte Kampusch aus irgendeinem Grund ans Bein pinkeln, während "Österreich" ihre Geschichte nicht in Frage stellte. Muss sich aber eine Frau, deren bissige Emanzen-Kommentare uns einst erfreuten, für alles hergeben, wenn die Redaktion es befiehlt?
Alexandra Bader
Mein
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