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Frauen, Männer und Gewalt  

So vielschichtig ist Gewalt - Ich wollte eigentlich eine Menge an Material sammeln, Bücher zum Thema Gewalt nochmals lesen (die ich sicher in den letzten Jahren schon zumindest ein Mal zitiert hatte) und dann etwas schreiben, das sich auch ein wenig kritisch mit dem "weiblichen" Opfersein (bei allem Verständnis) auseinandersetzt. Dann startete ich aber eine Internetrecherche und gelangte dabei von einem Input zum anderen, sodass es doch umfassender wird und Gewalt unter Männern einbezieht. Freilich kann auch ein möglichst offener Ansatz niemals alle Formen von Gewalt erfassen, da ja zur physischen und psychischen Gewalt noch die strukturelle Gewalt hinzukommt.

So gesehen ist es dann auch schwer, irgendwo anzufangen, da man, wenn man am Ende des Artikels aufhört, so vieles eigentlich noch sagen müßte. Ansonsten ist möglichst vollständige Berichterstattung mein Thema, doch hier werden noch viele Fragen offenbleiben. Beginnen wir einmal mit der relativ gut "faßbaren" häuslichen Gewalt und sehen uns die Zahlen der umfassenden deutschen Gewaltstudie an, für die mehr als 10.000 Frauen befragt wurden. Dabei näherte man sich indirekt, da manche Frauen jedes Zugeben von Gewalterfahrungen vermeiden, wenn sie direkt darauf angesprochen werden. Die Studie spricht von einer "Mindestanzahl" von 37% der Frauen zwischen 16 und 65 mit körperlicher Gewalt (ein Drittel "leichtere" Formen, zwei Drittel schwerere oder / und lang anhaltende Formen von Gewalt).

Sexuelle Gewalt war oder ist für 13% der Frauen Realität, und wenn bedrohlichere Formen sexueller Belästigung hinzugerechnet werden, dann kommen wir auf 34% Betroffene. Sexuelle Belästigung an sich ist mehr als der Hälfte der Frauen vertraut. Psychische Gewalt ist für 42% Alltag in Arbeit, Schule oder Ausbildung und für 20% im Privatbereich (hier ein Drittel "leichte" oder einmalige Formen von Gewalt, ein weiteres Drittel "mittlere" Formen, das letzte Drittel schwere systematische Gewalt). Stalking, was endlich ein Begriff für anderswie nicht oder kaum erfaßte Gewalt ist, kennen 20% der Frauen, und zwar meist mit Ex-Partnern oder auch zurückgewiesenen Verehrern, die auch ganz einfach Wildfremde sein können. Zwar ist die Studie ausdifferenziert, bestätigt aber in groben Zügen kleinere Studien und Schätzungen: jede zweite bis dritte Frau hat Erfahrungen mit körperlicher Gewalt, jede dritte bis siebte mit sexuelle Gewalt und jede vierte Frau ist Gewalt in Paarbeziehungen ausgesetzt.

Die Tatorte sind meist der häusliche Rahmen, wenn es um Gewalt in Beziehungen geht. Frauen fürchten sich aber eher im öffentlichen Raum vor Gewalt, obwohl dort auch die Opfer von Gewalt meistens Männer sind. Besonders nachts wird, offenbar allen stadtplanerischen Maßnahmen unter Genderaspekten zum Trotz, die Straße zum unheimlichen Ort. Jede dritte Frau fühlt sich dann nicht sicher, jede vierte hat in öffentlichen Verkehrsmitteln Angst. Dies führt zu einem Vermeidungsverhalten nächtlichen Ausgehens, was sich anscheinend nicht geändert hat, als es beispielsweise vor Jahren in Wien für eine Ausstellung thematisiert wurde, an die ich mich noch gut erinnere und die viel in Bewegung brachte im Bereich Kommunalpoltik mit Frauenaspekten (heute sagt man da natürlich Genderaspekte). Besonders gefährlich sind Partner, denn bei ihnen als Täter ist das Verletzungsrisiko mit 64% am höchsten, was auch bei sexueller Gewalt zutreffend ist (und ein neues Studienergebnis ist, da bisherige Erhebungen andere Ergebnisse brachten, vielleicht nicht genug in die Tiefe gingen, um diese wohl besonders demütigenden Gewalterfahrungen zutage zu fördern).

Schon bisher ist es nahezu unerträglich, all diese Zahlen zu zitieren und sich das dahinterstehende Leiden vorzustellen, doch nun wird es noch schlimmer: jede fünfte Frau hat Verletzungsfolgen zu beklagen, die oft auch psychische Konsequenten beinhalten. Besonders werden Depressionen, Essstörungen und Selbstmordgedanken genannt. Damit nicht genug, versuchen viele Frauen eine Neuorientierung, indem sie mit ihrem Umfeld brechen. Und dies, wie wir alle wissen, bei den geringeren Einkünften von Frauen, wobei diese Gewaltopfer natürlich auch noch unter den Folgen der Gewalt leiden, Kopfschmerzen und  Magenprobleme beklagen und zu Medikamenten, Alkohol und Nikotin greifen. Die WHO hat eine Liste zur Selbsteinschätzung des Gesundheitszustandes entwickelt, bei der von Gewalt betroffene Frauen mehr als doppelt so oft wie andere Frauen mehr als 11 Beschwerden ankreuzten.

Die Studie wurde durch Gruppendiskussionen ergänzt, bei denen psychische Gewalt als "Gehirnwäsche" beschrieben wurde, als ständiger Druck, der das Selbstbewußtsein der Frauen zerstört und dazu führt, dass sie die Täterperspektive übernehmen. Die Täter trieben hierbei ein perfides Spiel, indem sie den Frauen einredeten, sie seien verrückt und bildeten sich die Gewalt nur ein. Was Umstände wie Alkohol oder Arbeitslosigkeit betrifft, so spielen sie manchmal eine Rolle, manchmal aber nicht, sodass es bei solchen Faktoren keine so klaren Schlußfolgerungen gibt. Somit taugen also auch Ausreden nicht, die immer noch gerne ins Treffen geführt werden. Bildung und Schichtzugehörigkeit spielen nur dann eine Rolle, wenn Frauenhaus-Statistiken herangezogen werden, da Frauen aus höheren Schichten das Frauenhaus als Abstieg empfinden und auch finanziell andere Möglichkeiten haben.


"Stimmen gegen Gewalt" der
SPÖ-Frauen am 21.11.2007 in Wien

Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend sind ein wichtiger Faktor, da man so auch lernt, Ambivalenz zu entwickeln und Gewalt in Beziehungen für "normal" zu halten. Eine Frau ist dann zwei- bis dreimal öfter Opfer häuslicher Gewalt, während sexueller Mißbrauch in der Kindheit dazu führt, als Erwachsene zweimal häufiger Opfer sexueller Gewalt zu werden. Was die Täter betrifft, so können sie beruflich erfolgreich sein oder sich machtlos fühlen, die Rollenverteilung in der Beziehung kann traditionell sein oder es sind gerade emanzipatorische Bestrebungen, die  Gewalt eher zu- als abnehmen lassen. Ist Gewalt Einstellungssache oder wird weibliche Eigenständigkeit in höheren Bildungsschichten "sanktioniert"? Wie bei anderen Indikatoren gibt es auch hier keine sichere Richtschnur.

Interessanterweise werden Männer meist unabhängig vom Erwerb der Frau als Ernährer gesehen, der Ansprüche erfüllen oder verweigern kann. Die Beziehungsqualität ist hingegen Frauensache, die Rollen beider ergänzen sich (und überschneiden sich nicht oder kaum). Eine Person soll die Bedürfnisse der anderen vollkommen erfüllen, was in vielen Beziehungen den Weg zur Isolation ebnet, zu Kontrolle und letztlich zu Gewalt führen kann. Als "Liebe" gelten da Kontrolle und Eifersucht, doch in Wahrheit handelt der unterdrückte Part bald ganz vorsichtig aus Angst vor Verletzungen. Die fehlende psychische Bereitschaft, solche Partner zu verlassen, wird mit Rollen wie "verkindlichte Frau" oder "Übermutter" beschrieben. Letztere tun sich besonders schwer, da sie sich für aus vielerlei Gründen problematische Männer aufopfern.

Drastisch wirken sich Rollenstereotype auch beim Erkennen sexueller Gewalt aus, da es hier ein Beuteschema gibt mit einem aktiven und begehrenden Mann und einer nur begehrten passiven Frau. Sexuelle Akte können daher auch ohne Einverständnis der Frau "durchgeführt" werden. Gewaltfreie Sexualität gibt es aber nur bei gegenseitigem Begehren, das auch von beiden Partnern verstanden wird. Was hier so wissenschaftlich-nüchtern klingt, ist "ganz einfach" die untrennbare Verbindung von Liebe (ohne Anführungszeichen, also auch ohne Kontrolle, Eifersucht und Dominanz) und Begehren, die interessanterweise auch dazu führt, dass Männer wie Frauen eine/n andere/n mit jeder Faser ihres Seins auch schützen und verteidigen wollen, also die "Übermütter" in den Schatten stellen (die nebenbei bemerkt ohne Defizite bei den Partnern wenig zu "bemuttern" hätten). Liebe mit Begehren ist so überwältigend, dass sie stärkste Kräfte in uns freisetzt und zugleich die Bereitschaft zu unendlicher Hingabe. (Soweit einige unwissenschaftliche Anmerkungen :-)

Die Annahme, dass die Frauen ausschließlich Opfer sind, schweigt darüber,
wie sie aus der Position derer, über die gehandelt wird,
in die Position von Handelnden kommen können. Frigga Haug, 1980


Eigentlich passt dieses Zitat auch zu den "unwissenschaftlichen Anmerkungen", da Opfer ja passiv sind, statt aktiv die Bedingungen selbst zu gestalten zu versuchen. Mir sind immer wieder Frauen begegnet, die eigentlich "Schlimmes" erlebt hatten, mehr als andere, aber dennoch kraftvoll und in gewisser Weise ungebrochen wirkten. Freilich ist immer subjektiv, was die Eine umhaut und für die Andere nur ein ärgerliches Zwischenspiel ist, und das Leiden unter Gewalt muss aus der Sicht der Opfer verstanden werden und ist nicht einteilbar. Ist es aber gut, Opfersein insofern zu kultivieren, als dass die Erlebnisse wieder und wieder reflektiert werden? Es kann Situationen geben, wo eine Frau gar keine Zeit hat, wirklich unter ihrem Leiden zu leiden, und wenn sie wieder über den Berg ist, muss sie nichts verdrängen, sondern ist froh, es hinter sich gelassen zu haben.


"Einiges spricht deshalb dafür, dass die gesellschaftliche Bereitschaft, Frauen das Feld "Männergewalt" - wenn auch zu selbstausbeuterischen Konditionen - weitgehend eigenverantwortlich beackern zu lassen, sich genau jenem Zusammenhang verdankt, der innerhalb der Frauenforschung schon früh in die Kritik geriet: Handelt es sich bei der geschlechtsspezifischen Zuschreibung von Opfer- und Täterrolle nämlich um eine Konstruktion, die der Verfestigung der herrschenden Verhältnisse dient, so ist nachvollziehbar, warum Frauen gerade der Opfer-Bereich so bedenkenlos überlassen werden konnte - zumal das Soziale ihnen traditionell ja ohnehin zufällt." Artikel in Freitag

Harte Worte? Aber durchaus zutreffend, da ich des öfteren ein wenig ennerviert lausche, wenn abstrahierte Ergebnisse aus der Gewaltforschung oder Frauenhaus-Berichte vorgetragen werden. Manchmal machen sich die Helferinnen nämlich automatisch größer als jene, denen geholfen wird, und beginnen auch, sie zu verniedlichen, also im Opferstatus zumindest in ihrer Wahrnehmung zu behalten. Keine Frage, dass schwer traumatisierte Frauen Schonung und Verständnis brauchen, aber irgendwann geht das Leben weiter und bedarf positiver, selbstermutigender neuer Bilder in den Köpfen der Frauen. Besonders fatal ist es aber, wenn Männergewalt wirklich nur von Frauen zum Thema gemacht wird. Erstens wird es rasch plakativ (Männer = potentielle Täter, Frauen = potentielle Opfer) und zweitens fehlt die Auseinandersetzung von Männern mit Männergewalt.

Zwar wird diese kritisch eingemahnt, doch unter dem Aspekt, dass es um "die Gewalt" "der Männer" gegen "die Frauen" geht. Das Opfersein von Männern wird ausgeblendet, obwohl es doch den Weg zu einer Sensibilisierung für jedwede Gewalt weisen kann. Zu fühlen lernen, was Männer als angebliche Indianer, die keinen Schmerz kennen, über Jahre hinweg einsteckten (meist psychische Gewalt und oft gerade im beruflich erfolgreichen Bereich), zuzulassen, auch Demütigungen und Tiefschläge als das zu erleben, was sie bedeuteten, kann zu gewaltfreien oder -freieren Handlungsweisen führen. Wenn das aber kein Thema sein darf, wird mann wieder auf den Holzklotz reduziert, der nichts fühlen darf, weil Schmerz immer nur anderen bewußt sein soll. Dabei leiden, wie Forschungen zeigen, beide Geschlechter auch unter der Gewalt nach der Gewalt gleichermaßen, der Viktimisation, bei der Betroffene für das verantwortlich gemacht werden, was ihnen zugestoßen ist.

"Dass es dennoch Frauen sind, die mit power die 'Weiße-Schleifen-Kampagne' auf den Weg bringen, findet Hafner, der als Psychologe gewalttätige Männer berät und soziale Trainingskurse für verurteilte Männer durchführt, nicht verwunderlich: 'Frauen sind ungeduldiger beim Thema Männergewalt, Männer gehen schneller zur Tagesordnung über. Sie spüren diese Gewalt durchaus, aber anders als Frauen, indirekt. In meinen Gewaltgruppen erlebe ich Männer, die erst unter den Folgen ihrer Dominanzansprüche leiden, wenn ihre Ehen zerbrechen, die Kinder sie meiden.' Doch in der Regel wird über die Alltäglichkeit von Männergewalt hinweggesehen, weil die Vorstellung herrscht, 'mich betrifft das nicht. Ende der neunziger Jahre haben Männergruppen auf dem Kudamm eine Aktion gestartet, eine Art 'Führerscheinprüfung für künftige Ehemänner, bei der wir die Gewaltneigung testeten'." (Artikel über Männer gegen Männergewalt)


"Wenn Liebe weh tut" - Kampagne der Wiener Frauenhäuser

Tatsächlich meinen viele Männer, sie würden sich eh nicht machohaft verhalten und meinen, damit sei schon alles erledigt, sie selbst nicht beteiligt an Unterdrückung und bereits alles getan, was sie machen könnten. Mit dem Effekt, dass andere Männer so weitertun wie bisher und kein breites "neues Männerbild" entsteht. Nur wenige Männer distanzieren sich bewußt und artikuliert von alten Männlichkeitsrollen und betonen dies auch dann immer wieder, wenn ihnen deswegen (von der verunsicherten Machopartie) Etikette des Schwachseins umgehängt werden. Leider gibt es auch nicht so viele Frauen, die dieses Männerverhalten dezidiert ansprechen, unterstützen und sich ebenfalls von den alten Machobildern distanzieren. Männer haben es auch jahrzehntelang geschafft, "weibchenhaftes" Getue bei Frauen in manchen Arbeitsumfeldern zu belohnen, doch Frauen bringen es nicht zuwege, Machos konsequent zu behandeln und "neue Männer" zu fördern.

Wobei viele Frauen auch schon lange keine Lust mehr haben, sich allzuviele Gedanken um das Verhalten von Männern zu machen oder gar darüber, wie frau Veränderungen forcieren könnte. Irgendwie schon recht so, waren wir doch lange Zeit immer die "Therapeutinnen", zuständig für "Beziehungsarbeit". Kürzlich diskutierte eine Frauenrunde beim Cocktail im Club Alpha in Wien über das "Anspruchsvollsein", das Frauen heute nicht zu Unrecht und berechtigt nachgesagf wird. Na sicher sie nicht "anspruchslos", sondern wissen viel mit ihrer Zeit anzufangen, haben berufliche Ambitionen, Interessen, dies und das... Und dass dies manch einen Mann verunsichert, ist irgendwie nachvollziehbar. Schon allein, wenn er in eine derartige Frauenrunde geplatzt wäre, die überall in Österreich vielfach stattfindet. Erstens das Thema, zweitens die ein wenig männerfeindlichen bzw. sehr frauenfreundlichen Sprüche an der Wand, und dann die süffisanten Bemerkungen zu Cocktailsticks in mehreren Farben, die nackte Männer darstellten: wer will schon einen orangen? nein, den grünen nehm ich nicht, vielleicht einen roten?

Zum Teil ist auch schon Illusionslosigkeit und Nüchternheit eingekehrt, und die Frauen im Pensionsalter haben sowieso die Erfahrung gemacht, dass bei Männern in ihrem Alter dieses und jenes einfach nicht passt. Wenn wir uns die Gewaltstatistiken vom Beginn dieses Textes ansehen, müßte ohnehin allgemein zynisch gewarnt werden, dass Heterosexualität unsere Gesundheit gefährden kann. Gar nicht zu reden davon, sich all diese Gewaltopfer wirklich vorzustellen, im Alltag, voll Angst, im Schock, mit blauen Flecken, durch Medikamente gedämpft, mit der Furcht vor der Heimkehr des Partners, all den vollgeweinten Taschentüchern, und den Ratschlägen der Umgebung, diesen Kerl doch endlich zu verlassen. Dass so viele Frauen "ihm" immer wieder "verzeihen" oder nach monatelanger Betreuung im Frauenhaus wieder zu "ihm" zurückkehren, hat schon Generationen von Helferinnen verzweifeln lassen.

Früher wurde manchmal auch vermutet, Frauen seien eben masochistisch, obwohl dieser Begriff im eigentlichen Sinn Freiwilligkeit und Einverständnis beinhaltet, während im Kontext der häuslichen Gewalt schlicht Angst, Verunsicherung, Verlust des Selbstwertgefühls, fehlende finanzielle Ressourcen eine Rolle spielen. Es ist wohl das fehlende vollständige Selbst, das diese Frauen sich so gering schätzen läßt, dass sie "nichts Besseres verdient" haben, auch wenn sie sich das so nicht eingestehen. Allein leben, eine Zeitlang, und dies gerne, und sich auch dann annehmen, wenn frau nicht die Maße eines Magermodels hat - all das meiden sehr viele Frauen, so lange sie können, und wissen daher niemals, wie es ist, auf sich selbst angewiesen zu sein. Einem Du kann ich mich aber nur dann wirklich zuwenden, wenn ich das Ich schon gefunden habe. Sonst muss das Du nach meinen Vorstellungen agieren, und wird wiederum versuchen, mich zu formen.


"Wenn Liebe weh tut"

Besonders fatal sind jene Beziehungen von Anfang an, wo ein Teil massive Kontrolle ausübt und meist eine passende Partnerin findet, die echte Zuneigung nicht von zwanghaftem Verhalten unterscheiden kann und über so viel Aufmerksamkeit ganz geschmeichelt ist. Womit wir bei jener Definition von "Liebe" sind, die (leider) auch in der Werbekampagne der Wiener Frauenäuser zum Ausdruck kommt, die sicher die gute Absicht hat, Frauen dort abzuholen, wo sie stehen. Allein der Slogan "Wenn Liebe weh tut" - auch Liebe kann genug weh tun, beim Verlust von PartnerIn, Schicksalsschlägen, wenn eine/r von beiden in Gefahr ist, wenn schwere Krankheiten kommen, wenn man sich bei alldem machtlos fühlt, dem geliebten Menschen zu helfen. Aber hier wird "Liebe" gezeigt, symbolisiert durch ein Brautpaar, bei dem die Frau ein blaues Auge hat. Wenn wenigstens ein Riss zwischen den beiden Personen wäre, aber nein, sie bleibt trotz Gewalt bei ihm, bei der Hochzeit. "Liebe" und was eine Frau alles deswegen aushält oder tut oder doch wieder versucht hören die Mitarbeiterinnen der vier Wiener Frauenhäuser sicher zur Genüge.

Auf dem zweiten Sujet umarmt das Gewaltopfer den Täter und blickt in die Ferne, statt sich von ihm zu trennen. Fast könnte man es mit dem Wehtun bei einem Streit vergleichen, nach dem man sich so halbherzig versöhnt. Hier ist aber von Gewalt die Rede, sichtbar an der Lippe der Frau. Hat er sie "aus Liebe" verletzt? Er hat damit ein Bedürfnis abreagiert, vielleicht Ärger am Arbeitsplatz, vielleicht behauptet er auch, sie habe ihn "provoziert", indem sie nicht so wollte wie er. Aus Liebe ohne Anführungszeichen handelt man aber nicht zur Erfüllung eines eigenen Bedürfnisses, sondern tut etwas für die andere/ den anderen. Weil es dieser anderen Person hilft, weil sie es braucht, weil man ihr etwas Gutes tun will - weil man sie liebt. Einmal habe ich das Buch von Robyn Davidson "Spuren" über ihre Wanderung durch Australien mit Kamelen gelesen, wo mich ein Satz ambivalent berührt hat, den ich sinngemäss noch weiss: Liebe ist, wenn du dem anderen das Beste wünscht, auch wenn es dich ausschliesst. Sie schrieb ihn nach der Begegnung mit einem Mann, der sie nicht begleitete.

Sowas ist tatsächlich möglich, erfordert aber viel Stärke - da ist mir ehrlich gesagt schon lieber, sich nicht auszuschliessen. Womit wir bei sehr emanzipierten Ansichten von Beziehungen wären, also fast schon dort, wo "Männerfeindlichkeit" und "zu viel Emanzipation" vorgeworfen wird. Dies konnte ich noch nie nachvollziehen, da die emanzipierte Frau selbst ein ganzer Mensch sein möchte und dies auch Männern zutraut. Was könnte männerfreundlicher sein? Der Höhepunkt männlicher Emanzipation in Beziehungen ist aber sicher, wenn ein Mann es nicht nur aushält, sondern sich darüber freut, wenn eine Frau etwas tut, das selbst für Männer ungewöhnlich ist. Die meisten Männer müssen derlei moderne Abenteuer einer Frau aber kleinreden oder leugnen, weil ja eigentlich sie diesen Part hätten übernehmen sollen, aber zögerten oder gar nicht wußten, wie sie etwas anpacken sollen. Kehren wir noch einmal zu unseren Bildern zurück und hoffen, dass die engagierten Mitarbeiterinnen der Wiener Frauenhäuser die Sujets wirklich zum Abholen der Frauen verwenden und dann auch gleich diese Art "Liebe" thematisieren.

Es wirkt sich auf die gesamte Gesellschaft aus, wenn abertausende Frauen auch deswegen Gewalt ausgesetzt sind, weil sie nicht lernten, sich selbst wertzuschätzen, weil sie eigene Ansprüche denen anderer unterordnen und allzu leicht eine rosarote Brille aufsetzen, sobald ein Typ am Horizont erscheint. Während andere weiterleben wie bisher, gibt es mitten unter uns Angst, Verzweiflung, Verletzungen seelischer und körperlicher Natur, können so viele Menschen sich deswegen nicht voll entfalten und büßen dabei auch ihr Recht auf Selbstverwirklichung ein. Viel ist davon die Rede, dass körperliche Gewalt mittlerweile doch geächtet wird, aber psychische Gewalt immer noch vielfach abgetan und verharmlost wird. Ich vermute, dabei spielt eigene Betroffenheit eine Rolle, die abgewehrt ist, um sich nicht einzugestehen, dass es ganz und gar nicht erträglich ist. Gewaltprävention, die hier ansetzt, würde dazu beitragen, auch viel körperliche Gewalt zu verhindern...

Alexandra Bader

INFOS:
Umfassende deutsche Gewaltstudie (Bericht von einer Vorstellung der Studie in Wien)
Zur deutschen Repräsentativstudie
Gender Datenreport (BRD, Gewalterfahrungen Frauen und Männer im Vergleich)
Kampagne "Gewalt ist nie privat"
Statistik der Frauenhelpline gegen Gewalt
Deutsche Pilotstudie Gewalt gegen Männer
Studien zu Gewalt
Forum Muslimische Frauen Österreich (auch zu Gewalt gegen Frauen)
"Kollektive Einschüchterung der Männer durch Wegweisung" (Papa-Forum)
Ambivalenz bei misshandelten Frauen
"Was sie für Liebe hielt"
Gegen die Opferbeschuldigung
Neue Wege in der Hilfe für Gewaltopfer
Forumsdiskussion über Gewalt gegen Frauen
White Ribbon Campaign Österreich
Männer gegen Männergewalt (Minister Buchinger, White Ribbon)
Männer als Opfer (Gewalt gegen Männer im Konnex Krieg oder als psychische Gewalt wird nicht so ernstgenommen)
Wir sinds leid (Christen gegen Männergewalt)
Projekte gegen Gewalt durch Männer
Plattform Halt! Gewalt!
Gewalt in und durch Medien
Rotraud A. Perner zu Sozialkompetenz und Gewalt
Love & Control
Relationship Advice Domestic Violence
Love is Respect (neue Hotline für Teenager)
Domestic Violence Cycle
Love and Stockholm Syndrome
Emanzipation und Beziehungen



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