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Gegen Gewalt an Schulen  

Mehr Gewaltprävention gefordert - Als parteipolitischer Missbrauch einer Schule als Veranstaltungsort wurde von manchen hinterher quittiert, dass am 19.11.2007 ein Manifest gegen Gewalt in der Schule im Beisein von Vizekanzler Wilhelm Molterer vorgestellt wurde. Der Wiener Stadtschulrat protestierte, da keine Genehmigung eingeholt wurde, Die Idee für das Manifest kam von der "schwarzen" Schülerunion und soll in ganz Österreich Verbreitung finden. Freilich sind etwa in Wahlkampfzeiten, aber auch außerhalb davon Gruppenbilder mit Kindern unterschiedlichen Alters aus diversen Anlässen durchaus für alle Parteien opportun. Allerdings ist gerade Schule im Moment ein Bereich, wo beide Regierungsparteien Punkte sammeln wollen, sodass Kritik an dem, was der jeweilige Partner tut, nicht überraschen sollte.

Wie dem auch sei, die Initiative dürfte es verdienen, auch mal ohne die Parteibrille betrachtet zu werden, da es ja gerade beim Kampf gegen Gewalt und bei der Gewaltprävention nie genug Impulse geben kann. Dass immer noch neue Felder auf Bewußtseinsarbeit warten, wurde in der Präsentation und den Gesprächen danach nämlich deutlich. Martina Kaufmann von der Schülerunion stellte jedenfalls die Plattform im Gymnasium in der Marchettigasse in Wien-Mariahilf vor und verwies auf Sujets, die einmal ein Mädchen, einmal einen Burschen mit blauem Auge zeigen. Bewußt werden Burschen auch in der Rolle des Opfers gezeigt, was einen bislang weniger diskutierten Bereich berührt, Burschen in einer "nichtmännlichen" Situation (dass derlei Thematisierung bislang selten ist, zeigten meine Recherchen für einen Artikel über Gewalt, an dem ich noch schreibe).


Maria Smahel (Katholischer Familienverband),
Martina Kaufmann, Eckehard Quin (Lehrervertreter)


Die vielfältige Gewalt, die körperlich und seelisch sein kann, ist etwas, wo "immer noch drüber hinweggesehen" wird, meint Kaufmann. In nüchternen Zahlen und Daten geht es bei dieser Frage um "Bullying", was verbalen Druck, körperliche Gewalt, mittelbares Bullying (Mangel an Akzepanz, Ausgrenzung, üble Nachrede), Einschüchterung, Erpressung, Vandalismus (gegen das Privateigentum der Opfer). 12% der SchülerInnen waren im letzten Jahre mindestens einmal Opfer, ebenso viele Täter, wobei 5% sowohl Opfer als auch Täter waren. 71% der Kinder waren unbeteiligt, und dass Burschen häufiger betroffen sind, sollte nicht wundern, da sie auch mehr raufen als Mädchen. (Raufen würde ich im Sinne von Umgang mit Körperkraft und Selbstverteidigungserfahrungen für später bei Mädchen nicht unbedingt ablehnen :-)

In nüchternen Zahlen ausgedrückt rauften 80% der Mädchen nie und nur 3% mindestens viermal, während 42% der Burschen nie rauften, aber 17% viermal oder öfter an Kämpfen beteiligt waren. 41,5% der 11- bis 15jährigen wurden in den letzten paar Monaten  schikaniert, und 40,5% waren im letzten Jahr an einer Rauferei beteiligt. Nur 1,2% gaben an, dass in ihrer Klasse nie eine Störung des Unterrichts durch SchülerInnen stattfinde, während es bei 60,4 % oft bis sehr oft vorkommt. 17,5% meinten, der Umgang  untereinander sei in ihrer Klasse überhaupt nicht respektvoll (31,9% sagten dazu nichts). Für 19,2% ist der Umgangston überhaupt nicht freundlich (35,3% gaben keine Wertung ab). Es gibt ein Alters- (= Macht-) gefälle, da jüngere Kinder häufiger Opfer, ältere aber häufiger Täter sind. In Wien werden ca. 14% der elfjährigen Mädchen und 20% der Buben im selben Alter zwei bis drei Mal im Monat Opfer von Bullying.


mit Vizekanzler Molterer

Als Hauptprobleme in der Schule per Meinungsumfrage erhoben wurden, lag Gewalt mit 55% hinter fehlender Aufklärung über Drogen (55%). Handlungsbedarf besteht also, sodass Martina Kauffmann ausführt, dass Plakate in allen Schulen flächendeckend hängen sollen, es Folder geben wird, in denen Anlaufstellen genannt wird und auch Workshops geplant sind. Erklärtes Ziel ist es, "Gewalt aus der Schule herauszubringen". Die Schule soll ein Ort sein, den man gerne aufsucht, ohne Angst haben zu müssen. Es soll daher flächendeckende Schul-Sozialarbeit geben, Klassen- wie Einzelcoaching, LehrerInnen-Fortbildung zu Gewaltprävention, aggressionsabbauende Kampfspiele im Turnunterricht, Mediation und institutionelle, durch Gesetze abgesicherte Ausbildung. Wichtig ist, dass die Begriffe und Handlungsmöglichkeiten zum festen (Wissens-) Bestandteil von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern werden. So kann sich einbürgern, Gewalt nicht erst dann nicht mehr zu tolerieren, wenn sie sich körperlich manifestiert.

Vizekanzler Wilhelm Molterer verwies auf die erwähnte Umfrage des Bildungsministeriums, nach der Gewalt in der Schule zu den größten Sorgen gehört. Er erwähnt eine Anti-Gewalt-Strategie, die mit Ministerin Claudia Schmied gerade erarbeitet wird und betont, dass jede Initiative wichtig ist (wobei jene der Schülerunion vielleicht ein wenig bewußt parallel zu den Bemühungen der Ministerin steht, in die aber auch Personen eingebunden sind, die bei der Pressekonferenz anwesend waren). Wenn überwiegend gesagt wird, dass LehrerInnen die Möglichkeit bekommen müssen, etwas zu unternehmen, müsse dies als Hilfeschrei verstanden werden. Molterer betonte auch, dass psychische Gewalt nicht übersehen werden darf, wobei er einräumte, dass ihm der Begriff "Bullying" auch neu war. An den Vorstellungen der Schülerunion gefällt ihm, dass die gegenseitige Verantwortung so klar zum Ausdruck gebracht wird. Die Aktion wird "Wellen schlagen", meint er.

Im "Manifest gegen Gewalt an Schulen", das jede/r unterzeichnen kann, werden diese Forderungen aufgestellt:
"Wir legen Wert darauf, dass
* es bei Gewalt an der Schule keine Toleranz geben darf
* die Eltern in die Entwicklung eines guten Schulklimas in der Schule eingebunden wurden
* den Lehrerinnen und Lehrern die Möglichkeit gegeben wird, bei Gewalt an der Schule eingreifen zu können
* der positive Effekt der Arbeit für ein gutes Schulklima durch unsere Maßnahmen langfristig verstärkt wird."



Ist es heutzutage wirklich so arg in der Schule, wollten dann manche in Gesprächen wissen. Nach Beobachtungen gibt es nicht unbedingt mehr körperliche Gewalt, aber es werden keine Grenzen mehr eingehalten. "Früher" hörte man auf, wenn jemand am Boden lag, heute macht man dann noch weiter und setzt manchmal auch Waffen ein. Hier können LehrerInnen durchaus früh präventiv agieren, denn es fällt ja auch im Vorbeigehen am Gang in den Pausen auf, wie SchülerInnen miteinander umgehen. Besonders das Mobben Einzelner als AußenseiterIn bemerkt man rasch und kann so den Opfern auch vermitteln, dass sie Hilfe erwarten können. Zugleich ist frühes Eingreifen auch ein klares Zeichen dafür, dass Grenzen gesetzt werden und Spielregeln gelten. Wichtig ist ebenfalls, dass vereinbarte Regeln für alle gelten, sodass auch LehrerInnen ihre Verpflichtungen einhalten. LehrerInnen sind aber oft verunsichert, sodass sie Diszplinarprobleme erst dann thematisieren, wenn bereits sehr vieles vorgefallen ist.

Mir wurde das Beispiel einer Klassenreise nach England erzählt, wo große Schwierigkeiten entstanden, weil ein paar Schüler Rückspiegel an Autos abknickten und die Polizei dahinterkam, wer es war. Hätte man gewusst, dass sie das bereits zu Hause immer wieder getan haben, hätte man sie warnen können, dass sie nur dann mitkommen dürfen, wenn sie sich benehmen. Ein Faktor ist auch das veränderte familiäre Umfeld, da es viele Burschen gibt, die in die Pubertät kommen praktisch ohne je einem männlichen Erwachsenen nahe gewesen zu sein, der ihnen eine Orientierung hätte geben können, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Für Mädchen ist ein rein weibliches Umfeld (Mutter Alleinerzieherin, Großmutter, jahrelang nur Lehrerinnen) nicht so problematisch wie für Burschen. Anregungen werden dann aus (gewalttätigen) Filmen bezogen, aus dem Internet oder von Handyvideos, die sich Jugendliche schicken, auf denen mehrere Teenager auf einen anderen Menschen einprügeln.

Die Eltern können mit ihren Kenntnissen meist nicht mit der technischen Entwicklung Schritt halten, sodass sie die Gefahren auch nicht abzuschätzen vermögen. Mittlerweile ist ja durchaus akzeptiert, dass Medienkonsum Jugendlicher doch einen Einfluss auf ihr Verhalten hat - wohl weil er nicht mehr eingebettet in die Welt des elterlichen Medienkonsums stattfindet und die Kids keine Begleitung haben. So gesehen war es "früher" wirklich noch vergleichsweise überschaubar, erwachsen zu werden - wo hätten wir Drogen herbeikommen sollen außer einmal einen Joint in einem bestimmten verrufenen Beisel mitrauchen, in das wir uns dann doch nur "bloss so" einmal trauten (meine erste Bekanntschaft mit einem Joint fand dann ganz woanders statt)? Und was gab es schon an Medien: vielleicht hatte man den alten Schwarzweißfernseher, den die Eltern durch einen neuen ersetzt haben, dazu Radio, Recorder und Plattenspieler, Zeitungen und Bücher. Der Umgangston war sicher anders, auf seine Weise durchaus auch mal brutal, aber ohne reihenweise "du Schlampe", "du Nutte", was leider auch Mädchen übernehmen, um sich von anderen Mädchen abzugrenzen. Mobbing bestand darin, dass Streber verlacht wurden und dass ein bestimmtes Mädchen immer Schnee in den Ausschnitt bekam, weil sie dann so schön kreischte, was den Buben besonderen Spass machte.

Text und Bilder: Alexandra Bader

INFOS:
www.schuelerunion.at



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