Politik | Termine | Kultur | Kommentar | Initiativen | Wissenschaft | Life | Herstory | Sitemap | Suche
 InnenpolitikInternationalEuropaFrauenrechteWirtschaft & ArbeitMedienzurück zur Übersicht
Startseite  »  Artikel » Politik » Frauenrechte » Tage gegen Gewalt
 
Tage gegen Gewalt  

Wie jedes Jahr gibt es auch heuer wieder Veranstaltungen gegen Gewalt um den 25.11., den Internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen. Wir bringen, da sich an der Thematik leider wenig ändert und wir diesen Bereich bereits bisher sehr differenziert aufgearbeitet haben, hier unseren Bericht von einer sehr eindrucksvollen Veranstaltung der SPÖ-Frauen am 21.11.2007 nochmals - und verweisen darauf, dass es noch weitere Artikel bei uns gibt. Da es im November 2008 massive zum Glück nun ausgestandene Serverprobleme gab, müssen die Bilder, die ab ca. September 2007 auf die Ceiberweiber-Seite gestellt wurden, erst rekonstruiert werden, sodass einige noch fehlen bzw. hier zur Illustration schnelle Schnappschüsse vom 13.11.2008 verwendet werden in Erinnerung daran, dass zur Aktion auch Kerzen gehörten (damit sei auch klargestellt, dass bei anderen Texten ebenfalls Bilder fehlen). Nun, nach wie vor lesenswert und absolut aktuell ist wie gesagt unser Text von vor einem Jahr:

Im Rahmen der Internationalen Tage gegen Gewalt haben die SPÖ-Frauen Menschen dazu eingeladen, ihnen Texte zu schicken, die bei Straßenaktionen verlesen werden. Es haben sich sowohl Frauen als auch Männer daran beteiligt, wobei manche lieber anonym bleiben wollten und es auch negative Beiträge von Männern in der Art gab, dass Frauen eh selber Schuid seien an Gewalt. Am 21.11.2007 waren Abgeordnete in der Wiener Kärntnerstraße, um bei recht frischen Temperaturen eine große Bandbreite an Beiträgen vorzustellen. Frauenvorsitzende und Nationalratspräsidentin Barbara Prammer,  Bundesfrauengeschäftsführerin und Abgeordnete Bettina Stadlbauer, Frauen- und Gleichbehandlungssprecherin Gabriele Heinisch-Hosek, Entwicklungssprecherin Petra Bayr und die SPÖ-Abgeordnete Beate Schasching waren dabei und hatten am Ende klamme Finger.


Vor den Rednerinnen brannten einige Kerzen, die jene 7235 Wegweisungen symbolisieren, die es im letzten Jahr gab. Barbara Prammer betonte, wie wichtig (ökonomische) Eigenständigkeit von Frauen auch unter dem Aspekt der Gewaltprävention ist. Sie betonte, dass psychische Gewalt nicht unterbewertet werden dürfe, da sie oft als "Einstiegsdroge" für körperliche Gewalt fungiert. Die Opfer leiden oft mindestens ebenso sehr darunter wie unter physischer Gewalt. Leider wird immer noch sehr wenig gegen diese Gewalt unternommen, da die Bevölkerung auch noch nicht sensibel genug ist, das hier bestehende Verletzungspotential zu erkennen. Prammer erinnerte daran, dass das Gewaltschutzgesetz mit dem vorbildhaften Wegweiserecht vor 10 Jahren in Kraft trat und nun auch mehr Möglichkeiten für Angehörige, Freunde und Nachbarn zur Hilfe für Gewaltopfer bestehen.



Die Frauenhelpline gegen Männergewalt verzeichnet täglich etwa 80 Anrufe, während die Interventionsstellen von 2001 bis 2006 um fast 110 Prozent mehr Betreuungsfällen, aber keine damit Schritt haltende Budgeterhöhung hatten. Frauenministerin Doris Bures stellt den Interventionsstellen nun um 60 Prozent mehr Budget zur Verfügung, was bedeutet, dass das Angebot ausgebaut werden kann. Die Koordinationsstelle für Opferhilfe, die vom Weißen Ring geführt wird, bietet seit dem 1.Juli 2007 rund um die Uhr juristische und psychosoziale Betreuung unter der gebührenfreien Nummer 0800-112-112. Das ist besonders in ländlichen Gegenden wichtig, wo Hilfseinrichtungen oft nur schwer erreichbar sind. Opfer werden in Zukunft auch mehr Rechte bei Verfahren haben, da sie in der neuen Strafprozeßordnung, die am 1.1.2008 in Kraft tritt, mit dem Recht auf gesonderte Vernehmung und Prozeßbegleitung berücksichtigt sind.

Das Wegweiserecht soll nun ausgeweitet werden, da die bislang mögliche Maximaldauer von drei Monaten in der Praxis zu gering ist, da Orientierungsphasen länger dauern. In Zukunft soll die Wegweisung bis zu sechs Monate betragen können. Justizministerin Maria Berger möchte mit einem neuen Straftatbestand die vielfältigen Formen von Gewalt in Beziehungen erfassen, da bislang nur einzelne Tatbestände wie Nötigung, Körperverletzung oder Drohung geltend gemacht werden konnten. Nun soll die mehrfache und dauerhafte Gewalt erfaßt werden, der die Opfer über Jahre hinweg ausgesetzt sind, mit einem Strafrahmen von sechs Monate bis fünf Jahre Haft. Wie notwendig solche Maßnahmen sind, zeigten die dann verlesenen Texte, von denen manche wirklich beklemmend waren - insbesondere ein eher kurzer, gedichtartiger über den sexuellen Mißbrauch eines Kindes.


Mit ebenfalls dann etwas klammen Fingern habe ich mir einige Stichworte zu den Texten notiert, die im Übrigen auch auf der Webseite der SPÖ-Frauen abrufbar sind. Eine Einsendung geht darauf ein, dass Frauen Gerechtigkeit und keine Unterdrückung wollen, dass sie "oft Überdurchschnittliches" leisten und dafür dann so wenig Anerkennung bekommen. Gewalt wird in einer Zusendung als "vielschichtig", "unglaublich" und "unfaßbar" bezeichnet. Schweigen beherrscht aber den Alltag, sodass bekannte Zahlen und Fakten "schrecklich" erscheinen, die unbekannten aber "unfaßbar". Andrea Wiesauer (Frauenberatungsstelle BABSI) fragt, was denn Gewalt sei oder ob Frauen "empfindlich" sind, die keinerlei Gewalt tolerieren wollen. "Ist es Gewalt, wenn mich jemand von oben herab behandelt? Oder bin ich nur empfindlich?" Sie zählt einiges auf, das viele Menschen mangels Sensibilität nicht als Gewalt bezeichnen würden, und endet mit: "Nein, ich bin nicht empfindlich. Abwertungen und Diskriminierungen sind Gewalt."

Michaela Pree, die bei der Lesung auch anwesend war, schrieb einen "Brief der Tochter an ihre Mutter", einen sehr eindringlichen Text, der nach persönlich Erfahrenem klingt, wozu sie mir aber nichts sagen wollte (was ihr gutes Recht ist). Die Mutter läßt sich vom Vater schlagen und schikanieren, die Tochter klagt, dass die Mutter sich nicht wehr und nicht weggeht: "Ich fühle: Den Zorn des Vaters. Deine Angst und Ohnmacht und Unterwerfung. Die Angst der Geschwister - der Kleinen. Den drohenden Streit und Konflikt. Die eigene Angst und Ohnmacht." Pree endet damit, dass die Tochter ambivalente Gefühle der Mutter gegenüber hat, die sie wegen ihrer Schwäche verachtet, aber doch lieb hat, wobei sie sich selbst ganz unbedeutend vorkommt. Die Vorstellung ist beklemmend, dass diese Geschichte für so viele andere steht und dass mit der Tochter eine neue Generation Frauen als Folge von Ambivalenz und sich unwichtig vorkommen Gewalterfahrungen machen wird.



Ein Text verwehrte sich dagegen, Gewalt als kulturelles Problem zu betrachten (und damit auf andere Kulturen zu schieben, als ob wir keine Spuren des Patriarchats in Österreich hätten, die für viele Frauen weniger spürbar, für viele mehr aber traurige Realität sind). Strukturelle Gewalt wirkt auch auf Migrantinnen ein, die diskriminierenden Rahmenbedingungen unterworfen werden. Sie haben keinen unabhängigen Aufenthaltsstatus, sondern sind von jenem des Ehemannes abhängig, haben keinen Zugang zum Arbeitsmarkt und müssen sich, wenn sie dies überhaupt können, auf ausbeuterische Arbeitsverhältnisse einlassen, da sie ansonsten um ihr Aufenthaltsrecht bangen müssen. Derlei Migration wird noch zunehmen, wozu auch die Einwanderung via Menschenhandel gezählt wird (Arbeitssklaven und Frauenhandel). Migrantinnen sind von wichtigen sozialen Leistungen ausgeschlossen, sie sind eher armutsgefährdet und können schwerer aus Gewaltbeziehungen ausbrechen, wenn sie nicht ausreichend rechtlich und sozial abgesichert sind.

Eine Einsendung forderte das Recht jeder Frau auf ein Leben in Freiheit und ohne Unterdrückung ein. Es lohne sich, für jedes einzelne (Frauen-) Leben zu kämpfen. Die Ambivalenz von Frauen in Gewaltbeziehungen und die Ambivalenz der Gesellschaft gegenüber Gewalt waren auch immer wieder Thema. "Könnte ich nur auf jene hören, die immer sagen, dass ich ihn verlassen soll" ist ein Zitat aus so einem Text. Auch ein Satz von Simone de Beauvoir, der verwendet wurde, sollte nicht unerwähnt bleiben: Niemand ist aggressiver und herablassender als ein Mann, der sich seiner Männlichkeit nicht bewußt ist. Ein Text befaßte sich mit dem Wegschauen und Wegreden bei Gewalt unter Kindern, denn es sind immer die anderen, die eigenen sind ja angeblich so brav. Und es wird gefragt, woher die erhöhte Gewaltbereitschaft bei Kindern kommt. In einem Beitrag gibt es vielleicht eine Antwort darauf: die "Helden" unserer Kinderbücher sind verschwunden gemessen an der Präsenz von "Helden", bei denen es nur um Kampf, Sieg und Durchsetzung geht, man der Beste, Stärkste, Coolste sein muss.



Eine der Texte stammte von mir: Gedanken über Gewalt gegen Frauen

Gewalt ist immer Ausdruck von Ungleichgewicht und Defiziten. Ungleichgewicht, da der gewalttätige Teil damit rechnet, mit seinem Verhalten davonzukommen. Defiziten, da die Ursache von Gewalt darin liegt, dass sich jemand unzureichend fühlt und dadurch wieder Kontrolle über sein Leben erringen möchte, dass er jemand anderen unterdrückt. Dies wird bei häuslicher Gewalt verschleiert, weil der Zuckerguss "Liebe" drüberkommt.

"Liebe" spielt hier aber nur unter Anführungszeichen mit, da sie nur dann bestehen kann, wenn Menschen sich selbst und andere bedingungslos anerkennen. Nur vollständige Persönlichkeiten können lieben, die ihr Wachstum nicht einschränken oder beschneiden lassen oder auf andere Personen schieben, was sie nur in sich selbst finden können.

Leider werden uns nach wie vor auch von Medien Trugbilder vermittelt, die sich auch in der Bezeichnung "Familientragödie" für Morde verbergen, als ob es sich um ein Stück mit verteilten Rollen handelt. Männer sollen "männlich" sein, was aggressive Durchsetzung, breite Schultern und das Leugnen fürsorglicher und zarter Regungen beinhaltet. Frauen sind "weiblich", wenn sie große Brüste haben und sich fürsorglich, sanft und ausgleichend geben.

Was ist aber wirklich "männlich", was "weiblich"? Wenn es um Eigenschaften geht, die wirklich zählen, sind es innere Werte wie Integrität, Toleranz oder Loyalität, die Männer wie Frauen entwickeln können. Ich bin davon überzeugt, dass sich Frauen und Männer nur auf solch einer Basis gewaltfrei und gleichberechtigt begegnen und ihre Potentiale voll leben können, was solche Beziehungen auch viel reicher macht als jene, in denen "weiblich" und "männlich" genau festgelegt sind. So gesehen habe ich als Feministin wohl auch ein viel positiveres Männerbild als viele, für die Feminismus tendenziell "männerfeindlich" ist.

Alexandra Bader

PS: Die Aktion wird in fast allen politischen Bezirken Österreichs durchgeführt, ebenfalls auf öffentlichen Plätzen, da hier Menschen vorbeikommen, die Veranstaltungen nicht unbedingt besuchen würden.

INFOS:
www.frauen.spoe.at (die übrigens sicher auch 2008 etwas veranstalten)
www.aoef.at (stets alle Termine österreichweit)



Mein Feedback-Beitrag zu diesem Artikel

>>  Frauenrechte

 



Home
| Impressum | Kontakt | Forum | Downloads | Links |Archiv 1998-2006 |
   
Niederösterreich Wien Burgenland Kärnten Salzburg Steiermark Vorarlberg Tirol Oberösterreich