Perner meint, es besteht zum Teil erschreckendes Unwissen über die Bedürfnisse von Kindern, was vielfach eine Frage der Bildung ist. So werden kleine Kinder immer wieder von dummen Erwachsenen in die Luft geworfen in der Annahme, es mache ihnen Spass, dabei werden sie so in Angst versetzt (und manchmal auch verletzt). Leider gilt es immer noch als wünschenswert, Kinder einfach so zu bekommen (und am besten mehrere hintereinander), ohne sich gross Gedanken darüber zu machen, ob sie wirklich erwünscht sind. Hingegen müssen Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen, genau Rechenschaft ablegen und sich gegen den Vorwurf der Leichtfertigkeit zur Wehr setzen. Warum kann nicht beides gleichermaßen als ernste Angelegenheit betrachtet werden, die niemand so einfach en passant entscheiden kann? Wenn ein Kind nämlich nicht, wie die Ideologie fordert, als "große Beglückung" empfunden wird, erfährt es Ambivalenz und kann schlimme Erfahrungen machen, sodass eine nächste Generation negativ geprägt ist.
Ich möchte von Rotraud Perner auch wissen, was sie über die Veröffentlichung der Bilder von Luca und seinen Misshandlungen denkt. In die Medien sollen sie nicht, meint sie, aber unbedingt in die Akte, die vom Jugendamt geführt wird und in die schriftliche Darstellungen der Verletzungen durch behandelnde Ärzte aufgenommen wurden. Über den Tod eines kleinen Buben, der nur 17 Monate alt wurde und vom bestehenden Hilfssystem nicht gerettet werden konnte, kann man eigentlich kaum "ruhig" reden. Das Schlimmste, sind wir uns einig, ist der kaputte, gebrochene Blick von Luca, der so klein und so chancenlos war, allem hilflos ausgeliefert. Wir vergleichen mehrmals mit dem Netz an Opferhilfe für geschlagene Frauen, wo durch das Wegweiserecht rasch eingegriffen wird und ein Bündel an Maßnahmen wirksam wird. Undenkbar auch, dass Verletzungsfotos hier (oder nach Vergewaltigungen) nicht in die Akten und damit auch zur Staatsanwaltschaft gelangen. Kann es wirklich sein, dass Kinder auf weniger Schutz hoffen dürfen als erwachsenen Frauen, die sich immerhin selbst an die Polizei, die Interventionstellen oder das Frauenhaus wenden können?
Aus ihrer langjährigen Erfahrung sagt Perner, dass viele Menschen, auch Mütter, "jahrelang vor sich hinvegetieren", keine Ahnung haben, wie etwas "richtig" oder "normal" aussieht und daher auch nicht wissen, was Kinder brauchen. Viele dieser Menschen wurden selbst misshandelt, was auch für Täter zutrifft, die Kinder schlagen und quälen, oder sind psychisch krank, was aber auch Folge von dramatischen Kindheitserfahrungen sein kann. Perner fordert, was auch die AkteurInnen in der Praxis wollen, eine "schnelle Eingreiftruppe", die Kinder aus häuslichen Gefahrenzonen schafft und z.B. junge Mütter mit ihren Kindern in Notwohnungen unterbringen kann. Lucas Mutter hätte weder ins Frauenhaus noch in ein Mutter-Kind-Heim gehen können, schon allein, weil immer Bürokratie drumherum wirkt, die Soforthilfe unmöglich macht. Perner schüttelt auch den Kopf darüber, dass niemand an das Battered Wife Syndrome dachte, wonach geschlagene Frauen emotional so abhängig von den Tätern sind, dass sie sich nicht an Vereinbarungen mit den Behörden halten. "So einer Frau darf der Staat ein Kind nicht zurückgeben", meint Perner.
Sie ärgert sich darüber, dass in der breiten Masse, verstärkt durch Berichterstattung mit simplen Schuldzuweisungen, die Ansicht besteht, dass SozialarbeiterInnen das Kind doch einfach wegnehmen hätten sollen. Derlei gibt es aber nur in Fernsehserien, während es in der Praxis viel komplizierter ist. SozialarbeiterInnen sind meist sehr umfassend ausgebildet, haben Grundkenntnisse im Bereich Recht und Verwaltung, Gesprächsführung und Psychotherapie (und da oft noch Zusatzausbildungen), sodass ihre Möglichkeiten zur Einschätzung einer Situation ausreichend sind. Es macht nur für Gerichtsverfahren Sinn, auch noch extra PsychologInnen einzuschalten, die Diagnosen über angeklagte Elternteile erstellen, was in der akuten Lage keine positive Wirkung bringt. Es geht ja darum, zu helfen und Kinder zu schützen. Perner findet es gut, dass Familienministerin Andrea Kdolsky sich alle bisherigen Abläufe und Kompetenzen ansehen möchte und nicht mit vorschnellen Patentrezepten kommt.
Zum vermuteten sexuellen Missbrauch, der zu Lucas Qualen hinzukommt, meint Perner, dass bei den Tätern die Grenzen zwischen "den Finger wo reinstecken" und Missbrauch fließend sind. Das Kind wird nicht als eigenständiges Wesen mit Individualität und Grenzen gesehen, sondern verdinglicht. Leider wissen viele Menschen nicht einmal Grundlegendes, wenn es um psychologische Fragen geht, kämen nie in eine Beratung oder gar Therapie, sondern denken gleich an Psychiatrie und "ich bin doch nicht verrückt, das brauche ich nicht". Perner empören Versuche a la Eva Hermann, die alte Mutterideologie wieder zu forcieren, nach der das ganze Glück einer Frau darin besteht, allein mit einem Kind (Kindern) zu Hause zu sitzen. Hier wirken nicht nur Isolation vom Leben der anderen, sondern auch fehlende Unterstützung und das alleine klarkommen Müssen mit einem schreienden Kind.

Perner arbeitete in den 80er Jahren ehrenamtlich imZentrum Bassena in der Per Albin Hansson Siedlung in Wien-Favoriten und erinnert sich an eine Frau, die das Jugendamt zu ihnen schickte. Sie wirkte verwahrlost, hatte aber genug Geld, um auf niedrigem Niveau für sich und ihre zwei Kinder zu sorgen. Offenbar übernachtete sie alle paar Tage bei anderen Bekannten. Man mußte ihr beibringen, wie man Kinder pflegt, da die beiden wunde Stellen hatten. Die Bassena konnte diese Frau auffangen, sie badete dort und man besorgte ihr Kleidung. Dafür ist das Jugendamt nicht selbst da, und Eltern oder Großeltern fehlen vielfach. Rotraud Perner bildet BeraterInnen aus, wobei sie oft zu hören bekommt, sie spreche "immer nur negativ" über Sexualität, obwohl sie positive und negative Erscheinungsformen der Sexualität und positive der Liebe thematisiert. Von einer "heilen Welt der Sexualität" hat aber niemand etwas, die/der Menschen bei den Problemen helfen will, die sie nun einmal haben.
Man sollte vorher wissen, was alles kommen kann, ebenso wie es wichtig ist, Menschen in Krisensituationen beizustehen, damit sie nicht die Nerven verlieren. Dabei hilft es, Verhalten einzuüben, so wie man ja auch weiss, das bei Feuer ein Notruf zu tätigen ist. Also mit anderen Worten: nicht nur Schwangerschaftsgymnastik vor der Geburt eines Kindes, sondern auch "mentale Krisengymnastik". Frauen und Männer denken aber nicht daran, dass es Situationen geben kann, mit denen sie überfordert sein werden. Auch dies ist ein Bildungsproblem, ebenso wie fehlendes Wissen über Hilfseinrichtungen, wobei selbst ein Anruf bei der doch allgemein bekannten Telefonseelsorge überfordern kann, wenn Menschen Dinge nicht in Worte fassen können. "Liebe" vs. Liebe zu verdeutlichen ist Perner auch, siehe Zitat über Spiegelnervenzellen, ein wichtiges Anliegen. Sie stört gerade ein Radio-Spot der Volkshilfe, wo im Kontext Pflege Sätze gesagt werden wie: "Ich liebe es, wenn sich jemand um mich kümmert", wobei immer abwechselnd Frauen- und Männerstimme sprechen und Pflegende/r und Gepflegte/r dargestellt werden.
Hierbei geht es um Mitgefühl, Fürsorglichkeit und vielleicht noch Zärtlichkeit, wobei diese auch in den sexuellen Zusammenhang gehört. Menschen lernen Zuwendung und Liebe durch Zuwendung und Liebe. Die Gehirnzellen der empfangenden Person reagieren verzögert und passen sich an die der gebenden Person an und geben ihr Resonanz. So entsteht Gegenseitigkeit, die sich immer weiter im positiven Sinne verstärkt und das Potenzial beider Personen beständig erweitert. Den absoluten Kontrast dazu bilden verrohte Menschen, die letztlich auch durch Spiegelung lernten, die eine brutale Lebensform pflegen und ständig aufs Geld aus sind. "Liebe geht nicht mit Gewalt" war einmal ein guter Slogan für eine Kampagne, während Perner "Wenn Liebe weh tut" nicht für so gelungen hält. Ein blaues Auge als Symbol für häusliche Gewalt, das auf einem Sujet der Kampagne bei einer Braut zu sehen ist, stellt eigentlich eine Verharmlosung von Gewalt dar, da die meisten Frauen, die ins Frauenhaus kommen, weit mehr an Verletzungen aufweisen.
Kürzlich wurde Perner an der Donauuniversität Krems von einem Kollegen in seine Vorlesung gebeten, um GesundheitsjournalistInnen zu erklären, warum ihre Artikel nicht mit sexistischen Bildern illustriert sein sollen (halbnackte Frau als Symbol für Gesundheitsthemen jeder Art usw.). Solche Degradierungen von Frauen zu Objekten begleiten die Erfahrungen von Frauen, weniger wert zu sein als Männer, was im Extremfall dazu führen kann, so wenig "wert" zu sein, dass man sie auch schlagen kann. Perner, die immer wieder auch journalistisch tätig ist, stellt aber immerhin fest, dass die jüngere Generation an Journalisten, oftmals junge Väter, viel weicher ist als die alte Garde, die ihre Kinder nur von fern sah und alles an Frauen delegierte. Auch in der Politik gibt es ja solche Generationswechsel, wobei aber ironischerweise früher mehr tiefergehende Enquetten stattfanden, um Themen komplex und ohne den Druck von Presseaussendungen zu betrachten.
Heute vermisst sie nicht nur solche Enquetten u.a. zu Fragen der Gewalt, sondern erinnert daran, dass es die letzte Gewalt und Frauen-Studie für Österreich Mitte der 90er Jahre gab. "Schreib, dass ich eine neue fordere", meint sie, und ich frage nach, ob wir es dann so präzisieren können, dass die deutsche Repräsentativstudie aus dem Jahr 2005 als Vorbild dienen kann. Hierbei wurden Interviews mit mehr als 10.000 Frauen geführt, Gewalt zunächst nicht direkt abgefragt, es gab zusätzlich auch Gruppendiskussionen und einen Focus auf Migrantinnen. Durch die Fragetechnik und die umfassende Aufgabenstellung kamen sehr viele präzise und vielfach auch ganz neue Daten zustande (etwa, dass auch bei sexueller Gewalt Partner die größte Tätergruppe ausmachen). Zu angeblichen Studien, dass Männer ja auch oft Opfer von Gewalt seien, die von Frauen ausgeht, meint Perner, es gäbe keine von einer Frau krankenhausreif geschlagenen Männer.
"Gewalt" ist hier schlicht, dass eine Frau zum Beispiel einem Mann, der sie festhält, eine auflegt. Nach Vorträgen hat Perner mehrmals erleben müssen, dass Männer im Publikum aufstanden und von ihren Vergewaltigungserfahrungen erzählen wollten. Dabei hatten sie ganz einfach Probleme mit sexueller Verweigerung durch eine Frau. Leider herrscht der Glaube, dass Männer Recht haben, auch bei vielen Frauen noch immer vor. Viele behaupten auch, sie hätten gar keine Probleme, was jedoch oft nur dann zutrifft, wenn es noch keinen Konflikt gab. Manche Frauen versuchen, partnerschaftlich zu agieren, aber die Männer wollen sie dominieren und zetteln Machtkämpfe an. Sich hier selbst zu behaupten hat wenig mit einer gleichberechtigten Beziehung unter Ebenbürtigen zu tun, wo der Gedanke an Dominanz beiden Partnern fern ist.
Alexandra Bader
Siehe auch
Der 'Fall Luca' und das Battered Wife Syndrome"
INFOS:
www.perner.info