Männlicher Krieg, weiblicher Friede, phallische Raketen? Der Krieg soll männlich sein, der Friede aber weiblich, wird immer noch gerne behauptet, um damit eine Rollenverteilung klarzustellen. An Kriegen, ihrem Zustandekommen oder auch ihrer Vermeidung haben Männer Anteil, während der Frieden Frauensache ist. Wie nach Beginn des Afghanistankrieges ergibt der Blick in eine beliebige Buchhandlung, dass die "großen Analysen" zu Kriegen und Geopolitik meist von Männern stammen, während Frauen Schicksale (von Frauen und Kindern) im Krieg beschreiben. Es wirkt manchmal fast so, als werde eine Art "Kriegsgen" bei Männern angenommen (wie ja auch Gewalt gerne Männern auf diese Weise zugeschrieben wird), was Männer aber zu unentrinnbaren Sklaven ihrer "Biologie" degradiert und Frauen ebenso unausweichlich zu Opfern, die ohnehin nichts verändern können.
Auch Zusammenschlüsse von Frauen gegen Kriege bleiben oft auf der Ebene einfacher Begriffe und Wahrheiten, während Detailwissen mit Argwohn beobachtet wird. Es reicht offenbar, aus dem Bauch heraus wegen der vielen armen Frauen und Kinder Stellung zu beziehen und dabei oft auch alles zu verdammen, was von Männern kommt. Keine Frage, dass Männer, solange sie die Weltpolitik und die Streitkräfte beherrschen, Kriegstreiber sind. Zugleich sind aber gerade auch viele Männer aktive Kriegsverhinderer, wobei sie oft aus dem militärischen Apparat stammen. Dies habe ich Ende November 2001 anhand des Auftretens des "Frauenrates gegen Krieg und Terror" einmal recht deutlich kritisiert und möchte es zitieren, weil die wesentlichen Feststellungen immer noch zutreffen:
frauen wissen meist weniger über "männerthemen" wie krieg, terror, politische zusammenhänge und hintergründe. das ist verständlich, nachdem ihr zugang zu informationen schwieriger ist als jener von männern. es sind männer, die in institutionen gearbeitet haben, wo sie einblick bekommen haben, und da solche einrichtungen immer auch traditionelle männerbilder vermitteln, geben auch dissidenten ihr wissen eher an männer als an frauen weiter. schwieriger bedeutet aber nicht, dass es für frauen unmöglich ist, besser bescheid zu wissen. leider meinen viele frauen, auch solche, die sich als kritisch-feministisch verstehen und von anderen zu ikonen stilisiert werden, dass es ausreicht, zu allem und jedem auch uninformiert stellung zu nehmen, weil frauen ja eh "nicht zu wort kommen", wie es bei der pressevorstellung des "frauenrates" mehrfach hiess. wenn frauen bloss aus dem bauch heraus dinge furchtbar finden, sich aber nicht näher damit befassen und somit auch keine strategien zur verhinderung des furchtbaren entwickeln, dann dienen sie damit der aufrechterhaltung jener strukturen, die permanent das furchtbare hervorbringen. und sie verhalten sich nicht feministisch, sondern gemäss der traditionell weiblichen rolle. ich war erschüttert über die geballte ahnungslosigkeit, die bei den proponentinnen des "frauenrats" zutage trat. aber frau wirft heftig mit klischees um sich: die männer machen die kriege, die frauen sind die opfer. auf die frage, warum eigentlich vor allem männer, die einst selbst kriegstreibenden institutionen angehörten, und kritische männliche journalisten sich gegen diesen krieg wenden und die wichtigsten backgroundinfos verbreiten, kommt nur, dass ja keine männer ausgeschlossen werden sollten. der punkt ist aber, dass frau an diese infos durchaus herankommt, also die wahl hat, ob sie sich wissend oder unwissend äussern will. "nicht zu wort kommen" hat nicht immer damit zu tun, dass frauen die interessen der herrschenden gefährden. sondern es kann auch sein, dass uninformiertes daherplappern schlicht nervt. was ich nachvollziehen kann, weil ich mich immer dafür entschieden habe, wissen zu wollen. und daher auch ganz andere anstrengungen erlebt habe, mich am zu wort kommen zu hindern.
Um dies noch zu erläutern, möchte ich präzisieren, was mit friedenstreibenden Männern in Institutionen und außerhalb gemeint ist. Es handelt sich, im zitierten Anlassfall bezogen auf die USA, um Männer, die Regierungsapparaten, Militär oder Geheimdiensten angehörten oder die noch beim Militär sind. Manche sind schon länger darauf umgestiegen, in Zivilberufen zu arbeiten und veröffentlichen nebenbei. Ihnen gemeinsam ist, dass sie aufgrund der Strukturen, denen sie angehörten und den Kontakten, die sie geknüpft hatten, Informationen und Einschätzungen preis geben können, die außerhalb der direkten Reichweite der allermeisten Frauen liegen. Eine kritische Journalistin kann dieses Faktum einfach akzeptieren, Dinge selbst zu bewerten versuchen und darauf vertrauen, dass sich die Richtigkeit von Informationen sehr rasch herausstellen wird und zudem annehmen, dass diese Männer aus Kompetenz heraus agieren und alles tun, was in ihrer Macht steht, genau wissen, was sie tun - was ich ja so aufgreifen und unterstützen kann, wie ich es möchte.
Da sich sowohl der Afghanistan- als auch der Irakkrieg bereits vorher abzeichneten, arbeiten diese Männer auch strategisch gegen die Realisierung von Kriegsplänen, sodass wir ihr Bemühen in dieser Hinsicht einfach anerkennen müssen. Es bleibt durchaus genug zu tun übrig für Frauen, die keinen direkten Zugang haben zu (männerdominierten) Apparaten. Frau kann kommunizieren, was sie für plausibel hält und Dinge nachvollziehbar darstellen, in einen Diskurs eintreten, wo immer persönliche Gespräche geführt werden, um zu einem differenzierteren Bild beizutragen. Denn das Delegieren DES KRIEGES an DEN MANN impliziert, dass Frauen ohnmächtig sind und gar nichts verändern können, statt jede nur denkbare Gelegenheit zu nutzen, wo sie doch etwas bewirken können. Vielleicht eher im Bereich eines "sanfteren" Paradigmenwechsels, wofür die Erfahrungen von Scilla Ellworthy ein gutes Beispiel sind, die in "Das weibliche Prinzip" (ein etwas irreführender deutscher Titel) beschreibt, wie Frauen hartnäckig erstmals erreichten, dass sie mit Verantwortlichen für die Blockkonfrontation redeten (aus unserer Buchvorstellung):
"Natürlich geht es auch darum, sich gewisser Mechanismen auf meditative Weise bewußt zu werden, doch die Autorin zeigt auch 'wie man sich gegen einen Tyrannen wehrt' und bringt dazu das Beispiel eines von ihr und anderen Frauen initiierten Dialogs zwischen den Supermächten noch in Zeiten der Blockkonfrontation. Es waren Frauen, die genug davon hatten, daß massenweise auch ihre Steuergelder ins NATO-Hauptquartier nach Brüssel flossen, und die deshalb genau dort hingingen, um mit den Verantwortlichen zu reden. 1987 wurden sie endlich empfangen, nachdem dort bislang neben Sekretärinnen und Putzfrauen nur Ms.Thatcher Zugang hatte, und sie konnten ihre Beunruhigung darüber mitteilen, daß es keinen Kommunikationskanal mit der UdSSR gab und daß die Parlamente der NATO-Staaten erst mit großer Verspätung, wenn überhaupt, von NATO-Entscheidungen erfuhren. Auch in den nationalen Parlamenten wurde es von Frauen thematisiert, und schließlich wurde 1988 eine Verbindung zwischen NATO und Warschauer Pakt errichtet. In jenem Jahr wurden auch erstmals Parlamentarierinnen aus NATO-Staaten in Moskau vom Außenminister empfangen....."
Die Frauen von Greenham Common
Ellworthy, die mir auch von der Oxford Research Group her ein Begriff ist, schildert, wie es dazu kam, daß Frauen ihre Eigenmacht verloren haben, und meint zur heutigen Situation, daß viele Frauen mit politischer Begabung sich die Politik nicht antun, weil für sie die Politik zu sehr im negativen Sinne eine Männerwelt ist. So sind nach wie vor unter jenen, die ganz oben die Entscheidungen treffen, kaum Frauen. Weltweit nehmen 650 Personen wichtige Positionen im Bereich von Bau und Kontrolle von Atomwaffen ein - darunter nur fünf Frauen. Sehr praktisch und hartnäckig waren auch jene Frauen veranlagt, die von 1981 bis 2000 beim britischen Nuklearwaffenstützpunkt Greenham Common campierten und damit zeigten, wie dauerhaft ziviler Widerstands sein kann. Das Camp wurde dann geschlossen, die Basis ebenso, und es soll eine Gedenkstätte für die Frauen von Greenham Common geben. Diese Frauen waren entscheidend daran beteiligt, dass Cruise Missiles abgezogen wurden:
"The conduct and integrity of the protest mounted by the Women’s Peace Camp was instrumental in the decision to remove the Cruise Missiles from Greenham Common. Under the Intermediate Nuclear Forces (INF) Treaty, the missiles were flown back to the USA along with the USAF personnel in 91/92. The Treaty signed by the USA and the USSR in 1987, is in accord with the stated position held by women, in defence of their actions on arrest, when it states: “Conscious that nuclear weapons would have devastating consequences for all mankind” A number of initiatives were made by women in Court testing the legality of nuclear weapons. Also, challenges to the conduct and stewardship of the Ministry of Defence as landlords of Greenham Common. In 1992 Lord Taylor, Lord Chief Justice, delivering the Richard Dimbleby Lecture for the BBC, referring to the Bylaws case ( won by Greenham women in the House of Lords in 1990) said ‘…it would be difficult to suggest a group whose cause and lifestyle were less likely to excite the sympathies and approval of five elderly judges. Yet it was five Law Lords who allowed the Appeal and held that the Minister had exceeded his powers in framing the byelaws so as to prevent access to common land’."
Manchmal wurden viele Frauen festgenommen, und ingesamt, über die Zeit verteilt, Tausende. Mary schrieb in ihrem Tagebuch: 29 September, 1982 [day of first eviction]: "Soon everyone was packing up tents and bedding and hiding them, looking for places to put things we would need for the next stage of the camp's life. Saucepans, food, cutlery, cash and bedding were packed into cars; we hid our standpipe very carefully. Meanwhile it rained solidly." Die Frauen von Greenham Common waren der Campaign for Nuclear Disarmament verbunden, die in Grossbritannien seit den 50er Jahren aktiv und die größte Friedensinitiative Europas ist. Ein Artikel der heutigen Vorsitzenden Kate Hudson im Guardian zeigt, wie wichtig der Kampf gegen Nuklearwaffen nach wie vor ist. Auch die International Campaign to Abolish Nuclear Weapons ist sehr aktiv, während etwa Versuche von einzelnen EU-ParlamentarierInnen, einen Abzug von US-Atomwaffen aus Europa zu erreichen, wenig Unterstützung haben (nur in Deutschland wurde die Zahl der Atomsprengköpfe auf 20 reduziert, über die im Ernstfall die Bundeswehr im Rahmen "nuklearer Teilhabe" verfügt).
In Österreich gab es Mitte Mai 1982 eine Friedensdemo mit 70.000 TeilnehmerInnen, an die ich mich noch recht gut erinnere. Im November jenes Jahres wurde dann auch offiziell die "Österreichische Friedensbewegung" gegründet, der kürzlich ein "Journal Panorama" in Ö1 gewidmet war. Irene Suchy meint auf der Ö1-Webseite: "Die Geschichte der österreichischen Friedensbewegung ist eine ungern gehörte. Weder reden die, die dabei waren, heute noch viel drüber - noch will das öffentliche Österreich Dankbarkeit oder gar Kenntnisnahme zeigen." Viele, die sich damals engagierten, haben heute Karriere gemacht und waren einst in ein Tauziehen darum involviert, in welche Richtung die Inhalte der Plattform gehen sollte, die sich ja (wie ähnliche Gruppen in anderen Ländern auch) wegen der sogenannten NATO-Nachrüstung mit der Stationierung von mehr Atomwaffen in Europa gegründet hatte. Vom einstigen Aufbruch der Kulturszene ist jedoch wenig geblieben, da das bis heute fortbestehende Engagement von Konstantin Wecker eine Ausnahmeerscheinung ist.
Ich wurde damals gerade erst 19 und nach dieser meiner ersten Friedensaktion, wo ich von Graz aus mit dem Sonderzug anreiste, noch des öfteren bei Demos, etwa dann später gegen den Golfkrieg und natürlich gegen den Irakkrieg 2003. Als sich der Golfkrieg Anfang 1991 abzeichnete, rief eine Plattform in Wien zur Demonstration auf, für die ich mit Freundinnen einen Kindersarg bastelte, mit dem wir schwarz gekleidet den Demozug anführten. Später verlagerte sich das Interesse von direktem Aktionismus auch auf das Verbreiten von Alternativinformationen im Internet - und hierbei griff ich eben oft auf das zurück, was von "Friedenstreibern", die aus "Kriegsapparaten" stammten, recherchiert wurde. Meine Einstellung hatte sich aber bereits Anfang der 90er Jahre modifiziert, da ich (damals als EU-Referentin bei den Grünen) zu EU-Beitritt und Neutralität recherchierte und dabei auf Dokumente der NATO, aber auch des Militärbündnisses Westeuropäische Union (innerhalb der EU) zurückgriff. Hier stellte ich fest, dass der Begriff Sicherheit mittlerweile recht differenziert betrachtet wurde und man sich dessen bewusst war, dass Menschen ausreichende Ressourcen zur Verfügung stehen müssen, um Konflikte zu vermeiden. Vieles in Grundlagenpapieren, die freilich eher Forschungscharakter hatten und keine Beschlüsse waren, konnte ich als Pazifistin unterschreiben.
Aktion der Campaign for Nuclear Disarmament
Da die WEU ein Bündnis mit Ablaufdatum war, stellten sich die Zusammenhänge zwischen Verträgen und sicherheitspolitischen Papieren so dar, dass die NATO die Verteidigung der EU werden sollte. Zudem war bereits seit Maastricht festgelegt, dass man sich der "Strategie des doppelten Hutes" bedienen wollte, also mal die WEU, mal die NATO als Verteidigung betrachten wollte. Die Verträge der beiden Bündnisse, von denen die WEU im Wesentlichen ein Papiertiger war, die NATO aber Truppen mit integrierten Kommandostrukturen hatte, unterscheiden sich in zwei Punkten entscheidend: die NATO sollte im Vertragsgebiet der Mitgliedstaaten ("nördlich des Wendekreises des Krebses") operieren, die WEU auch out of area, die NATO hatte Beistandspflicht, die WEU militärische Beistandspflicht (zu dem Unsinn, der gerade über den EU-Reformvertrag verbreitet wird, gehört übrigens auch die Behauptung der darin nicht vorkommenden militärischen Beistandspflicht).
Mit all den dann selbst ausgewerteten Informationen war es auch ein ausgesprochenes Vergnügen, zu EU-Diskussionen zu gehen, wo ich auch mit Abgeordneten anderer Parteien auf Podien sass, die merken mußten, dass ich mich u.a. im Bereich Sicherheitspolitik besser auskannte als sie. Ich war sogar einmal beim Bundesheer, sollte eigentlich als Grüne einen schweren Stand haben, aber am Ende waren alle begeistert, da ich immer untermauern konnte, was ich sagte. Es war für Männer gewöhnungsbedürftig, dass sich eine Frau mit solchen Themen auseinandersetzt, für viele Frauen aber geradezu unheimlich (woran sich bis heute nichts geändert hat). Seit damals habe ich auch immer mit Fakten bei derlei Fragestellungen argumentiert und nie aus dem Bauch heraus Krieg und Militär einfach schlecht gefunden oder die Schuld an allem auf "die Männer" geschoben. Es ist mir immer noch lieber, eine Frau weiss, was die NATO eigentlich ist (und welche Bedeutung aufgrund dessen auch der Entwicklung einer europäischen Sicherheitsperspektive zukommt), als sie bleibt beim Mitleid mit afghanischen Kindern stehen und versucht nicht, mehr zu verstehen und zu wissen, um genau das verhindern zu helfen, was dann immer so emotional berührt.
Von "phallischen" Raketen und sexuellen Metaphern - die in Wahrheit Ausdruck von Dominanz sind?
Im Grunde hat wohl das Thema Militär und Sicherheit jedenfalls bei in ihrem Selbstbild verunsicherten Männern etwas mit Sexualität zu tun, sodass hier auch Ängste entstehen, wenn sich Frauen damit befassen. Wohl weil es in diesen Fragen um Dominanz geht, da man(n) einerseits nach einem positiven Männerbild Schutz gewährleisten oder aber Gewalt ausüben kann. Für welche Möglichkeit man(n) sich auch entscheidet, Schwächere müssen sich fügen, sodass sie in der Macht der "Stärkeren" stehen, darauf angewiesen sind, dass diese die richtige Entscheidung treffen und Schutz als Aufgabe wählen. Selbst auf einer abstrakteren, vorgelagerten Ebene, wo die meisten nicht einmal in die Nähe einer Waffe kommen, ist es für viele bedrohlich, wenn auch Frauen mitreden. So ist wohl zu erklären, dass es dauerte, bis auch weibliche Abgeordnete in den Landesverteidigungsausschuss entsandt wurde wurden oder dass die Grünmachos sich von meinen Recherchen in einem der letzten "Männerbereiche" so in Frage gestellt sahen. Einer erkannte erst als ein deutscher Ex-Admiral bei einem Kongress der Grünen genau die Schlussfolgerungen zog, die ich in einem Papier machte (u.a. unter Zitierung der deutschen Verteidigungspolitischen Richtlinien von 1992, einem der wichtigsten sicherheitspolitischen Dokumente der 90er Jahre), dass auch eine Frau bei solchen Fragen richtig liegen kann.
Raketen sind phallisch, Kampfjets ebenso, wird nicht nur in feministischen Auseinandersetzungen betont, sondern findet sich auch in Zeitungskommentaren (die Liste möglicher Links wäre lang, eine kleine Auswahl ist am Ende des Textes). Bei Kampfjets nehme ich an, dass ähnlich wie bei zivilen Flugzeugen die Aerodynamik die Form vorgibt und das schnittigere Aussehen etwas mit den rasch erreichten hohen Geschwindigkeiten und der Wendigkeit zu tun hat. (Wenn man schon psychologisieren will, kann man sich auch fragen, ob eine Passagiermaschine nicht mehr optische Analogien zum Phallus aufweist - allerdings ist sie langsamer und kann keine schnellen Manöver machen.) Zwar ist Intercontinental Phallistic Missile ein nettes Wortspiel, doch haben Raketen aus ballistischen Gründen ein etwas phallisches Erscheinungsbild. Ihre Bezeichnungen sind aber Medium Range Ballistic Missile, Intermediate Range Ballistic Missile und Intercontinental Ballistic Missile. Freilich lassen ihre jeweiligen Namen auch psychologisch tief blicken, etwa Atlas, Titan, Minuteman (da gibt es verschiedene Nummern) oder auch Peacekeeper. Grund zum Schmunzeln ist dies aber nicht, verbergen sich dahinter doch Atomwaffen.
Bei diesen Waffen wird aber ihre Tödlichkeit oft geradezu angebetet, was auch in Begriffen wie Doomsday Clock oder Doomsday Plane zum Ausdruck kommt. Der Tag des jüngsten Gerichts benennt die Atomkriegsuhr des Bulletin of Atomic Scientists, die gerade wieder einmal auf Fünf für Zwölf steht, und das Airborne Command and Control Center des US-Präsidenten, einen in vierfacher Ausfertigung vorhandenen fliegenden Gefechtsstand für den Nuklearkrieg als umgebaute Boeing 747. Auf der anderen Seite der Welt haben die strategischen Langstreckenbomber Russlands Tupolew 95 den netten Zusatz "Bear". Sicher ist der Bär ein Symbol von Stärke (und Männlichkeit?), aber diese "Bären", mit denen seit August 2007 wieder die jahrelang ausgesetzten regelmäßigen Patrouillenflüge entlang des NATO-Territoriums stattfinden, können auch Atomwaffen an Bord haben (ebenso wie die auch eingesetzten Tu-160 "Blackjack"). In Deutschland sind es wiederum Tornados, die mit Missiles bestückt werden können und den Ernstfall üben, bei dem die in Büchel verbliebenen 20 US-Atomwaffen eingesetzt werden sollen. Auch der Eurofighter ist eine Naturgewalt, heisst er doch Typhoon (für Taifun).
Wir sehen also, dass gerne Namen verwendet werden, die Stärke symbolisieren, geradezu "übermenschliche" Kräfte, die bei unberechenbarer Natur Anleihen nehmen oder die verniedlichen wie Peacekeeper. Dann erscheint aber unverständlich, dass die EU bei friedenssichernden Truppen unbeirrbar am Begriff Battle Group festhält, der bei jeder Verwendung erklärt werden muss, um nicht falsche Assoziationen zu wecken. Auf deutsch "Schlachtgruppe" klingt sogar noch schlimmer. Carol Cohn: Sex und Tod in der Welt der Verteidigungsintellektuellen ist eine lesenswerte Analyse einer US-Wissenschafterin, die an sich durchaus netten Männern bei ihrem lockeren Reden über Vernichtungskapazitäten zuhörte: "Wer einmal die Bilder von Hiroshima-Opfern gesehen hat, dem mag es pervers erscheinen, wenn er hört, daß von einer Sorte von Atomwaffen tatsächlich als von 'sauberen Bomben' gesprochen wird; Waffen, bei denen die Kernschmelze die Kernspaltung überwiegt. Ein größerer Anteil ihrer Energie wird als unmittelbare Strahlung freigesetzt, so daß sie weniger radioaktiven fall-out produzieren als Spaltbomben.
'Saubere Bomben' liefern die passende Metapher für die Sprache der Verteidigungsexperten und Rüstungskontrolleure: Diese Sprache birgt eine gewaltige Zerstörungskraft, jedoch ohne den emotionalen fall-out, der entstünde, würde deutlich, daß von Plänen für Massenmord, von zerfetzten Leibern und menschlichem Leiden die Rede ist. Verteidigungsexperten sprechen von 'Gegenwert-Angriffen' anstatt von Städten, die in Schutt und Asche gelegt werden. Im atomaren Sprachgebrauch wird der Tod von Menschen meist auf den 'Begleitschaden' reduziert." Bleibt zu ergänzen, dass der "chirgurische Schlag" im Golfkrieg 1991 vorgaukelte, dass sehr wohl massenweise ZivilistInnen und zivile Infrastrukturen getroffen wurden und dass "sauber" auch ein Begriff für "nicht abgehört" oder "nicht verwanzt" ist. "Feministinnen haben wiederholt behauptet, ein wichtiger Aspekt des Rüstungswettlaufes sei die Anbetung des Phallus. Der 'Raketenneid', um den von Helen Caldicott geprägten Begriff zu entleihen, sei eine bedeutende Triebkraft für den atomaren Apparat. Ich habe diese Erklärung stets für reduktionistisch gehalten und gehofft, meine internen Beobachtungen würden eine komplexere Analyse erbringen."
Diese Erwartung wurde enttäuscht, wie die Erfahrungen Cohns zeigen: "Die militärische Abhängigkeit der USA von Kernwaffen wurde unter anderem mit den Worten: 'Überwältigend! Du kriegst mehr Bums für's Geld' ('more bang for the buck') erklärt. Feierlich wurde doziert: 'Abrüsten heißt, Du verschleuderst Dein ganzes Zeug' ('To disarm is to get rid of all your stuff'). Ein Professor begründete die Unterbringung der MX-Rakete in den Silos der neuesten Minuteman-Raketen damit, daß sie da im hübschesten Loch sind – man nimmt doch nicht die hübscheste Rakete, die man hat, und steckt sie in ein mieses Loch. Andere Vorträge strotzen vor Erörterung über Abschüsse aus vertikal aufgerichteter Position ('vertical erector launchers'), das Verhältnis von Stoß und Gewicht, sanftes Hinlegen, tiefes Eindringen und die Vorteile eines hinausgezögerten gegenüber einem spasmischen Angriff – oder das, was ein Militärberater des nationalen Sicherheitsrates 'Entladen von 70 bis 80 Prozent unserer Megatonnage in einem orgiastischen Stoß' nannte."
Und nun kommt der Hammer: "In der folgenden Woche tauchte eben dieses Bild erneut auf, als ein Dozent spöttisch erklärte, für die Stationierung von Cruise Missiles und Pershing II in Westeuropa gäbe es nur einen einzigen Grund: 'Damit unsere Verbündeten sie streicheln können.' Ein vormals mit Zielanalysen befaßter Pentagon-Mitarbeiter begründete seine Auffassung, der »begrenzte Atomkrieg« sei lächerlich: 'Wissen Sie, Sie müssen das so sehen: Das ist wie Wettpinkeln – man muß damit rechnen, daß die anderen alles rauslassen, was sie haben.' Dieses Bild zeigt wohl deutlicher als jedes andere, daß es sich um eine Männlichkeitskonkurrenz handelt und somit ungeheure Gefahren birgt. Aber gleichzeitig behauptet es, das Ganze sei nicht so ernst zu nehmen – eben etwas, was kleine Jungs und besoffene Männer tun." Bei einer Besichtigung gab es die Gelegenheit, eine Atomwaffe zu "streicheln" - Cohn hätte wohl kaum befremdeter sein können als sie in ihrem Aufsatz beschreibt.
Nicht von der Hand zu weisen ist auch, dass manche der Verteidigungsmetaphern das "männliche Verlangen nach der Macht der Frau, Leben zu schenken" widerspiegeln: "In Los Alamos hieß die Atombombe 'Oppernheimers Baby', in Lawrence Livermore war die Wasserstoffbombe 'Tellers Baby', obwohl jene, die Tellers Anteil an ihr schmälern wollten, behaupteten, er sei nicht der Vater, sondern die Mutter der Bombe. In diesem Zusammenhang sind vielleicht auch die ungewöhnlichen Namen zu verstehen, die man jenen Bomben gab, die Hiroshima und Nagasaki in Schutt und Asche legten: 'Little Boy' und 'Fat Man'. Diese schlimmstmöglichen Zerstörer waren die männlichen Kinder der Atomwissenschaftler.
In der Tat scheint die ganze Geschichte der Bombe durchtränkt von Metaphern, in denen die überragende technologische Potenz der Menschheit, Natur zu zerstören, mit Schöpferkraft verwechselt wird: Metaphern, die die Zerstörungskraft von Männern in ihre Wiedergeburt verwandeln. Laurence schrieb über den Trinity-Test der ersten Plutonium-Bombe: 'Man hatte das Gefühl, man hätte das Vorrecht genossen, bei der Geburt der Welt dabeigewesen zu sein.' General Bruce K. Hollyway, von 1968 bis 1972 Oberbefehlshaber der Strategic Air Command, sagte 1985 in einem Interview, im Atomkrieg gäbe es 'einen großen Knall, wie am Beginn der Welt.' " Brian Easlea, Fathering the Unthinkable: Masculinity, Scientists and the Nuclear Arms Race (1983) ist ein interessantes Buch, das auf Deutsch nicht zu Unrecht den Titel "Väter der Vernichtung" bekam.
"Der Autor, dessen Arbeit von seinen Berufskollegen als 'peinlich' verketzert wurde, versucht darin nachzuweisen, daß die Atombombe das Endprodukt des Männlichkeitswahns sei, der sich aus Neid und Schwäche die weibliche Natur unterwerfen wolle. Er zeigt an der Ausdrucksweise der Forscher, die voller sexueller Anspielungen ist, wie sehr ihre ganz privaten Probleme zur Antriebskraft ihrer grandiosen und zugleich monströsen Leistungen wurden.So ist es für ihn kein Zufall, daß Oppenheimer und Teller als die 'Väter' der Atom- und Wasserstoffbombe bezeichnet werden, daß die Hiroshimabombe 'Little Boy' getauft wurde und Teller auch die erste erfolgreiche Zündung der H-Bombe mit dem Jubeltelegramm 'It's a boy' ('Es ist ein Knabe') meldete. Es war also eine Art Geburtstagsfest, das vor vierzig Jahren in Los Alamos gefeiert wurde, und nur wenige unter den Teilnehmern ahnten damals schon, daß letztlich auch sie selber Opfer ihrer ohne weibliche Hilfe zustandegekommenen
'Geschöpfe' werden würden." (So eine Vorstellung des Buches)
Tödliche Waffe als "Friedensstifter"
"Kastrationsmetaphern tauchten in Verbindung mit technologischer Macht auch im militärischen Sprachgebrauch auf. Britische Journalisten und Politiker sprachen von der Notwendigkeit, die irakischen Streitkräfte zu 'verschneiden'. Militärstrategen betonten die Wichtigkeit des Gewinnens der 'Lufthoheit', statt des strategischen Vorteils in der Luft, da alles andere als die totale Unterwerfung der dritten Welt inakzeptabel war. Generalmajor Julian Thompson sagte 'Es ist lebenswichtig, daß die irakische Luftwaffe impotent ist, bevor die Bodenkämpfe beginnen.' " (Die paranoide Rationalität des Golfmassakers von Les Levidov und ähnlich auch Lloyd de Mause "Die phallische Präsidentschaft") All dies klingt nach sexueller Metaphorik, doch dürfen wir uns nicht dazu verleiten lassen, den Phallus als männliches Geschlechtsorgan mit dem Phallus im übertragenen Sinn zu verwechseln. Ganz wie Freud irrte, als er Frauen Penisneid nachsagte, wo sie doch nur darunter litten, von der Macht und der Möglichkeit der Selbstgestaltung des Lebens abgeschnitten zu sein, die mit "Penisbesitz" einhergingen.
Lassen wir all die Zitate Revue passieren, die so schockierend sind, dass die Liste nicht weiter fortgesetzt werden soll, dann wird auch deutlich, dass die sexuellen Sprachbilder verschleiern und verharmlosen. Somit wäre es auch falsch, sie mit DER männlichen Sexualität gleichzusetzen, da es um Dominanz und die Macht über Leben und Tod geht. Das offenkundige Vergnügen, mit dem sexuelle Äußerungen getätigt werden, erinnert daran, wie sich Männer verhalten, wenn sie einer einzelnen Frau mit frauenfeindlichen Witzen und obszönen Bemerkungen zusetzen. Sie haben die Definitionsmacht, sie bestimmen, ob sie dich gnädigerweise mit ihren Anwürfen verschonen oder nicht - aber auch dies ist nicht Ausdruck von Sexualität. Natürlich ist es ein himmelweiter Unterschied, ob pubertär anmutende Scherze über eine zum Objekt degradierte Frau getätigt werden oder so Nuklearwaffen und damit auch ihr Einsatz verniedlicht werden. Umso wichtiger ist es, bei der Maskierung des "Undenkbaren" nicht länger mitzumachen.
Häufiger findet sich im feministischen Diskurs, aber auch im Mainstream jedoch das Gegenteil: "Sexualität IST Gewalt. Aber das wissen nur die Frauen. Das wissen die Männer nicht. Heterosexualität ist heute eben auf den öden Gebrauch reduziert, den ein Mann von einer Frau macht." Elfriede Jelinek in EMMA (Nov./Dez. 2004, wo es noch einige derartige Aussagen gibt und sie meint, sie habe lange Haare als "Unterwerfungsgeste" - huch, wo ist denn nochmal meine Friseurschere? :-). Seltener liest frau Sätze wie diese: "Sex besitzt die einzigartige Fähigkeit, das Individuum sowohl zu brutalisieren wie zu besänftigen. Wenn wir uns von der Sexualität abwenden, wenden wir uns von uns selbst ab, und auch von anderen; Angst vor Sex heißt Angst vor anderen. Solange wir das Land der Sexualität nicht durchqueren, gibt es eine Menge anderer Territorien, mit deren Erkundung wir noch nicht einmal beginnen können." Schreibt Sally Tisdale in "Don't talk dirty to me", die auch einen schönen Kontrapunkt zu Jelinek setzt: "In der sexuellen Liebe kann es Augenblicke überwältigender Erfüllung geben, Augenblicke einer fast zerstörerischen, beängstigenden Sättigung."
Es sieht so aus, als träfen sich manche Feministinnen mit den von Carol Cohn geschilderten Verteidigungsintellektuellen bei der Vorstellung von Sexualität als Gewalt, als Herrschaftsinstrument gegenüber Schwächeren, eben grundsätzlich einmal gegenüber Frauen. Sowohl die Sprache der Bombenstreichler als auch manch eine plakative feministische Aussage machen den Eindruck von zum Ausdruck kommenden Defiziten, die sich ergänzen. Gewaltfreie Sexualität oder gar die von Tisdale beschriebene "überwältigende Erfüllung" befinden sich in einem Land, das beide Seiten noch nicht erreicht haben und das jenseits aller Kriege und aller Abwehr von Sexualität liegt. Gibt es Kriege aus rein "phallischen" Gründen? Wohl im übertragenen Sinn, da auch der Drang nach Ressourcen Ausdruck von Dominanzstreben ist und in geostrategische Ambitionen eingebettet ist.
Kaum jemand stellt heute noch in Frage, dass Vergewaltigung nicht Ausdruck des Wunsches nach Sexualität, sondern von Macht und Dominanz ist. Aber hier fällt anscheinend schwer, über stereotype Aussagen hinauszugehen. Wenn wir uns von der Vorstellung lösen, dass Kriege etwas mit dem Phallus als männliches Geschlechtsmerkmal zu tun haben, dann sehen wir, dass auch Frauen erstens daran mitwirken können, dass Kriege geführt werden (wie Margaret Thatcher oder Condoleezza Rice) und sie zweitens nicht ohnmächtig zusehen und "den Mann" verantwortlich machen müssen, sondern sich gegen Kriege engagieren können (Seite an Seite mit Männern übrigens, die "phallische Macht" ablehnen). Wir dürfen uns auch nicht vor der historischen Tatsache drücken, dass es sehr wohl Amazonenheere gab (wie neuere Forschungen bestätigen), dass immer wieder Frauen auch in Armeen dienten, dass es Kriegerinnen und Anführerinnen etwa bei den KeltInnen gab und dass jüngst auch entdeckt wurde, dass Frauen im alten Kambodscha kämpften.
Wir mögen uns vielleicht einreden, dass diese Frauen wohl nur aus Selbstverteidigung kämpften, doch sind sicher die Grenzen immer dann fließend, wenn eine Person gleich welchen Geschlechts die Macht hat, von Waffen erfolgreich Gebrauch zu machen. Durch die Zulassung von Frauen zu den modernen Armeen in immer mehr Ländern findet übrigens langsam ein Paradigmenwechsel statt, der durch die Notwendigkeit von Genderpolitiken auch das Selbstverständnis verändern kann. Dies ist aber ebenfalls ein sehr komplexes Thema, sodass wir dazu einmal einen eigenen Artikel bringen werden. Ein Zeichen von Veränderung ist auch daran ablesbar, dass manche Staaten das Verhalten von Soldaten unter UN-Mandat problematisieren und Besuche bei (Zwangs-) Prostituierten nicht mehr dulden, sondern großen Wert darauf legen, dass sich die Truppen gut benehmen und einen positiven Eindruck hinterlassen.
Alexandra Bader
Ähnliches Thema: Gender und Peacekeeping, Bericht von Veranstaltung am 29.11.2007
INFOS:
Phallische Waffen und der Irak
Phallic Missiles
ICBM
Die Namen von ICBM
IRBM
MRBM
Phallische Raketen und Abrüstung als Kastration
Erste deutsche Tornado-Pilotin
Sex and War
"Darüber hinaus ist absehbar, dass jeder militaristische Schub in der Gesellschaft zaghafte zivilisatorische Fortschritte im Geschlechterverhältnis wieder rückgängig macht. Nun sind aber Frauen im Militär auf dem Vormarsch. Mit GI Jane (USA 1997) hat sogar das Votum für Elitesoldatinnen Eingang ins Mainstreamkino gefunden. Der Anteil weiblicher US-Militärangehöriger im Irak beträgt 15 oder mehr Prozent. Gabriele Mischkowski vermutet, 'dass mit der wachsenden Einbeziehung von Frauen ins Militär die traditionelle Verknüpfung von soldatischer Männlichkeit und (sexualisierter) Gewalt ins Wanken gerät.'"
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