Interessante Diskussion am 3.12. in Wien - "Hat die Pressefreiheit Grenzen?" und "Wer braucht Privates öffentlich?" waren die Themenstellungen in der Zukunftswerkstätte in Wien im Rahmen der "Journalist Lectures". Zuerst referierte der Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell von der Universität Wien, der betonte, weder einen juristischen Zugang noch einen historischen Abriss geben zu wollen. Er fragte zuerst, ob sich Privates im Kontext der Politik überhaupt von der Politik trennen läßt. Immerhin geht es bei PolitikerInnen um authentisches Handeln, wobei dies daran gemessen wird, ob jemand etwa mit der Betonung traditioneller Familienwerte in den Wahlkampf geht und dann ein ganz anderes Privatleben führt.
In unserer ethisch-moralischen Vorstellung sollten da keine Diskrepanzen bestehen. Es gibt im Übrigen mehrere Bereiche des Privatlebens, über den die PolitikerInnen nichts sagen wollen, wenngleich uns in erster Linie das Liebes- und Sexualleben einfallen. Hausjell analysiert, was für Grenzen der Berichterstattung über das Privatleben spricht und meint, wenn es um spektakuläre Fälle geht, in denen Privates öffentlich gemacht wurde, dann wird man bei uns ohnehin kaum fündig im Gegensatz zu Großbritannien oder Deutschland; auch in Frankreich gebe es wenig angesichts der Größe des Landes. In Österreich fallen uns vielleicht Namen wie Grasser ein, der sein Privatleben immer selbst zum Thema machte, oder Haider, bei dem noch nicht klar ist, ob es ein Thema wird. Dies bezieht Hausjell auf Fotos, die ein Wirt vom Kärntner Landeshauptmann bei einer Party machte und ins Web stellte, die also im exakten Sinne eigentlich nicht journalistisch sind (worum es im Detail geht siehe unser Kommentar).
Soll uns das an der Politik und den AkteurInnen interessieren, will Hausjell wissen, wie sie lieben, ob sie lieben, wie sie nicht lieben (also vermutlich machen auch PolitikerInnen ihre Arbeit besser, wenn sie lieben und geliebt werden, so als Anmerkung :-). Es kann auch sein, dass uns derlei Aufmerksamkeit auch davon ablenkt, was PolitikerInnen in der eigentlichen Tätigkeit machen - schließlich ist der Platz in Medien ebenso begrenzt wie die Menge an Informationen, die wir überhaupt aufnehmen können. Hausjell sieht die Gefahr, dass PolitikerInnen das Private (was auch Hobbys und Vorlieben etc. betrifft) zu bereitwillig thematisieren und nennt hier Familienministerin Andrea Kdolsky und Sozialminister Erwin Buchinger. Am Beispiel Grasser wie auch Kdolsky sei ersichtlich, dass Popularitätswerte oft mit Privatstories zu tun haben, jedoch deswegen ebenfalls rasch wieder absinken können.
Wir alle leben in Beziehungen oder haben Probleme damit, meint Hausjell, und daher ist es tröstlich zu erleben, dass es Ministerinnen und Ministern genauso geht. Spielt da Schadenfreude mit oder geht es um die Erwartung, von den "Vorbildern" PolitikerInnen Hinweise zu bekommen, wie man mit Schwierigkeiten umgeht? Wenn wir "Nebenfrau, Nebenmann, Geliebte und weitere involvierte Personen, auch Kinder" berücksichtigen, dann befinden sich PolitikerInnen in der gleichen Situation wie die Mehrheit der Bevölkerung. Man darf nie vergessen, dass die Scheidungszahlen sehr hoch sind und dass auch viele Nichtgeschiedene von derlei Problematiken betriffen sind. PolitikerInnen sind da insofern in einer etwas anderen Situation, da sie zugleich als Prominente gelten, während sich bei "weniger Prominenten" Medien weniger oder gar nicht dafür interessieren.
Oft werde jahrelang gewartet, was Medien eifrig gesammelt haben und dann wird daraus eine Geschichte gemacht oder auch nicht. Manche PolitikerInnen gehen auch bewußt an die Öffentlichkeit und nicht, weil wirklich jemand etwas schreiben würde. Hausjell nennt einen "unbekannten CDU-Politiker" in Berlin, der seinen Bekanntheitsgrad steigern wollte, in dem er die Story lancierte, dass er eine Freundin hat. Was den CSU-Politiker Seehofer betrifft (Freundin plus Kind neben der Ehe), so wäre es für die Männer in seiner Partei okay gewesen, hätte es keine Komplikationen gegeben. Allerdings kam es nicht so gut in der Öffentlichkeit an, dass er die junge Frau sitzen liess, ohne mit ihr zu reden und sich um das Kind zu kümmern (soweit ich die Sache aus Medien mitgekriegt habe). Hausjell empfiehlt der Politik generell Zurückhaltung, was Privates betrifft, und dies ganz besonders bei Beziehungsgeschichten.
Hier würden sie in Konkurrenz mit "eigentlichen Promis" wie SchauspielerInnen oder der vielzitierten Seitenblickegesellschaft treten, bei der manche weibliche Exponenten keinen anderen Beruf zu haben scheinen. Diese Gruppe beherrscht solche Auftritte nämlich weit besser und sind veritable Konkurrenz (man muss da auch daran denken, welche Fortsetzungsgeschichten mit den Interviews unterschiedlicher Beteiligter lanciert werden, was diese Leute sicher recht dramatisch rüberbringen und auch viel eher zu ihrer Rolle passt). Die Politik agiert an sich ja mit Medienpräsenz, die aber in Sympathie umgemünzt werden soll. Dabei hilft aber nach außen dargestelltes Privates nur bedingt, schadet aber eventuell. Den Weg in die Öffentlichkeit mit Privatem kann man auch übertreiben, wie am Beispiel Grasser gut zu sehen war. Als er dann erkannte, dass Fotos kontraproduktiv wurden, während er sonst nichts gegen die Darstellung seiner Beziehungen hatte, wollte er es abstoppen, doch das war dann schwer möglich.
Hierbei kam zum Tragen, dass er sich zuerst interessant machte und dann sollte es ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr interessieren, was natürlich widersprüchlich wirkt. Soll derlei generell für uns als MediennutzerInnen und JournalistInnen ein Thema sein? Dies sei nicht so einfach zu beantworten, meint Hausjell. Der private Rahmen ist dann legitimerweise ein "öffentliches" Anliegen, wenn er die Politik betrifft. Hier ist in erster Linie der verstorbene einstige Bundespräsident Klestil zu nennen, der ja mit heiler Familie wahlkämpfte, als sie so heil nicht mehr war. Hätte er dieses Bild nicht vermittelt, wären Österreichs Medien gut beraten gewesen, von diesem Thema gänzlich zu lassen. Sicher würden Scheidungen meist publik, was in Ordnung sei, aber auch nicht so sein muss. Es gibt immerhin auch viele PolitikerInnen, wo man nichts über das Privatleben weiss "und wo es uns auch nicht abgeht".
Hausjell spricht von einem "entgrenzten" Journalismus, der nur mehr aus Showelementen und Privatheit bestehe, wo dann wieder beim Beispiel Grasser die Budgetprobleme untergehen und nicht ausreichend thematisiert wurden. Boulevard-Medien haben wir in Österreich nicht so wie in anderen Ländern, aber in derlei Produkten kommt Politik an sich kaum vor, sodass PolitikerInnen dann vor allem im Privatkontext aufscheinen. Die Pressegesetze sind ganz unterschiedlich, sodass manches hier sanktioniert wird und dort gestattet ist. Frankreich hat etwa ein sehr restriktives Gesetz mit sehr starken Schutzrechten, doch man kann nicht behaupten, dass es geringe Demokratie gäbe. Wenn die Grenzen zu weit ausgelegt werden, können Betroffene sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wenden und nach ein paar Jahren unter Umständen recht bekommen. Sicher muss auch bei Promis, welche Öffentlichkeit eher suchen, das Belauern ihrer Kinder für Fotos als Verletzung der Menschenrechte eingestuft werden.
Bei solchen Fragen spielt immer eine Rolle, was eine Person selbst zur Situation beigetragen hat, also wie oft gab es eine Homestory, wie oft nahm sie an einer reinen PR-Sache teil, wie oft hat sie von sich aus ihren Privatbereich thematisiert. Freilich erinnern sich ältere (Ex-) Politiker noch an die "besseren Zeiten" einstmals, in denen ihr Privatleben tabu war, wenngleich es in den Parteien und der Medienszene meist allgemein bekannt war. Trotz Wissens bei einem "gar nicht so kleinen Teil der Journalisten" konnten sie sich darauf verlassen, dass nichts erschienen ist (was auch für das Privatleben von bekannten Journalisten galt, wie später jemand in der Diskussion anmerkte). Dass eine Ehefrau oder Geliebte etwas nach dem Tod einer Person veröffentlicht, gab es auch früher, wobei dies die Regel, einem Toten nichts Schlechtes nachzusagen, nicht verletzte, da eine persönliche Beziehung ja schlicht menschlich ist.
Man sollte, rät Hausjell JournalistInnen, auch ein zweites Mal über die Veröffentlichung privater Details nachdenken, wenn es mittelbar betroffene Kinder gibt. Diese werden in der Schule oder im Freundeskreis mit Dingen konfrontiert, die sie nicht begreifen und sind als Opfer zu verstehen. Ein Tabubruch ist auch das Einschleichen unter falschen Voraussetzungen, was Hausjell am Beispiel von Susi Riegler illustriert, die vor 20 Jahren eine Geschichte "Beichte bei Groer" machte unter dem Vorwand eines Beratungsgesprächs. Dies wurde von den meisten KollegInnen abgelehnt, auch wenn Riegler bereits bekanntermaßen als Flüchtling zu Politikern betteln ging und dabei auch manch eine erhellende Aussage erhielt. Dabei gab es jedoch keinen großen Aufschrei, wobei auch heute das Outing des Privatlebens hochrangiger Kirchenmänner keinen Beifall fände. In Österreich finden nur 20% investigativen Journalismus gut, während es in Großbritannien 80% sind (was dort den Diebstahl relevanter Dokumente einschließt).
Der Experte fragt sich, warum sich JournalistInnen eigentlich so für das Privatleben von PolitikerInnen interessieren, angeblich ja wegen des Publikums. Sofern es Copytests gibt, die das wahre Interesse der KonsumentInnen am Geschriebenen erurieren, bestreiten die Medienleute aber die Ergebnisse, da sie angeblich ganz genau wissen, was ankommt und was nicht. Hausjell sieht hier eine Verbrämung veritabler Eigeninteressen, bei der sich JournalistInnen zum Mass des Publikums machen. Das ist manchmal gar nicht so falsch, allerdings bilden die Redaktionen eben nicht die Heterogenität von LeserInnen ab. Hier findet sich mehr Mittelschicht, es gibt weniger Frauen und kaum ZuwanderInnen. Das "Faszinosum Privates" bei PolitikerInnen erklärt Hausjell in einer gewissen Ähnlichkeit beruflicher Anforderungen, die auch einen privaten Preis kostet. Wir haben unregelmäßige Arbeitszeiten, eine große Streßbelastung, viele Abendtermine und ingesamt kein familien- und kinderfreundliches Arbeitsumfeld auch in den Medien. Dies führt dazu, dass es viele Singles und ein hohes Scheidungsrisiko gibt.
"Wir blicken selten auf die privaten Verhältnisse von JournalistInnen", meint Hausjell etwas ironisch, doch seien dies die Zusammenhänge. JournalistInnen wollen wissen, wie eine vergleichsweise ähnlich belastete Berufsgruppe mit ihrem Privatleben unter solchen Arbeitsbedingungen umgeht. Danach wurde diskutiert, wobei Nina Horaczek vom "Falter" moderierte und sich neben Hausjell auch Ro Raftl (Gesellschaftsreporterin beim "profil" ), Daniela Kittner ("Kurier"-Innenpolitik) und die Psychotherapeutin und Autorin Rotraud Perner beteiligten. Raftl meint, PolitikerInnen wollten (möglichst viel?) in der Öffentlichkeit sein, besonders in Wahlkampfzeiten, es aber selbst steuern. Hausjell findet, dass manche annehmen, sie bräuchten auch Privates in den Medien, obwohl es keine Indikatoren gibt, die einen wirklichen Nutzen belegen. Wer auf Homestories setzt, hat hohe Popularitätswerte, so die Annahme mancher. Das mag zeitweise stimmen, doch kann der Absturz dann auch gewaltig sein, auch weil von Sachpolitik abgelenkt wird, was das Image beschädigt.
Daniela Kittner meint, brauchen würde niemand das Privatleben von PolitikerInnen in den Medien, aber "lesen tun es alle". Es gibt PolitikerInnen, die ihr Privatleben panisch hüten, etwa Vizekanzler Molterer, während es andere geradezu als Werbung verwenden (Ex-Finanzminister Grasser). Wenn jemand bewußt eine heile Familienwelt propagiert, während die Dinge ganz anders aussehen, muss er damit rechnen, dass Medien dem nachgehen. Dann bestehe Informationspflicht, was auch die Berichterstattung über Thomas Klestil erklärte (die damals recht kontrovers aufgenommen wurde hinsichtlich ihrer Berechtigung). Wann man berichten müsse, will die Moderatorin wissen, was die DiskutantInnen nicht so klar beantworten: wenn Menschen merken, dass jemand nicht authentisch ist? Gibt es einen Ehrenkodex? Kommt es auf die Person an? Raftl erinnert sich an "früher", als es "ganz unmöglich" war, etwas Privates öffentlich zu machen. "Man hat alles gewußt, wäre aber nie auf die Idee gekommen, es zu schreiben."
Rotraud Perner spricht von unterschiedlichen Typen, die ihre Strategie im Umgang mit der Öffentlichkeit haben. Erstmal muss eine Auslage vorhanden sein, um jemanden in die Auslage zu stellen. Manche sind schlicht verführbar durch die Aufmerksamkeit von Medien, andere kommen auch "ohne Kasperlgeschichten" durch ihre Arbeit vor und eine dritte Gruppe hat "psychische Probleme" und möchte mit "Celebrities" konkurrieren, die aber, wie wir von Hausjell hörten, die Seitenblicke-Ebene besser beherrschen. Politik ist ein sehr anstrengender Beruf, bei dem Anerkennung oft weder von der eigenen Partei noch von den WählerInnen zu erwarten ist. Diese gibt es nur in der zwischenmenschlichen Beziehung, wobei manche sogar die Gabe haben, eine solche bei kurzem Kontakt mit Menschen bei einer Wahlveranstaltung herzustellen, wenn sie Menschen generell mögen. Andere ersetzen die menschliche Begegnung durch ein Tarnbild, wovor sich jene schützen können, die keine narzißtische Bedürftigkeit haben.
Kittner meint, dem "Kurier" würden sicher keine Familienbilder angeboten, das sei eher schon eine Sache für "News". Das höchste der Gefühle sei es schon, eine Politikerin oder einen Politiker zu bitten, sich doch für ein Sonntagsinterview einmal im Freien fotografieren zu lassen. Grasser inszenierte sich durchaus, bot dem "Kurier" aber nichts an, sondern wandte sich an "News". Bei Klestil wussten es alle schon lange und schrieben auch lange nichts. Was Mutmaßungen über Haider betrifft (die bei der Veranstaltung recht deutlich mehrmals angesprochen wurden, hier aber, da wir ein Medium sind, nicht derart zitiert werden), so hat bislang noch niemand daran gedacht, sie aufzugreifen. Ein weiterer heikler privater Bereich ist die Gesundheit, wo Hausjell daran erinnert, dass erst durch einen Ex-Bildzeitungsreporter, der zu "täglich Alles" kam, ein Tabubruch stattfand, indem Klestil unterstellt wurde, er habe AIDS.
Müssen PolitikerInnen "tausendmal mehr aufpassen", fragt Moderatorin Horaczek, und einigen fällt dazu ein Politiker ein, der im Parlament Promillegrenzen mitbeschlossen hat und dann besoffen autofahrend erwischt wurde, was zu seinem Rücktritt führte. Perner meint, es liege an uns, dem entgegenzuwirken, wenn unzulässiges Privates thematisiert werden soll. Was die Frage der Gesundheit betrifft, erinnert sie an den Respekt und die Rücksichtnahme, mit der einst Kamitz als Notenbankpräsidenten begegnet wurde, als er im Rollstuhl saß und eine Sprechbehinderung hatte. Er war dabei ein sehr guter Präsident, was heute jedoch nicht mehr in dieser Weise zählen würde, da man nun anders damit umgeht und in Frage stellen würde, ob er seine Funktion erfüllen kann. Hausjell meint, der Journalismus sei vielleicht insgesamt etwas "tabuloser" geworden, es handle sich aber um einen langsamen Prozess, der vor allem an Recherchetechniken sichtbar wird. Allerdings haben investigative Methoden nach wie vor geringe Zustimmung.
Angesichts der vielfach mit PR-Apparaten "hochgerüsteten" Politik, die so auch "potemkinsche Dörfer" errichte, sei es auch Aufgabe der Medien, diese niederzureißen und zu sehen, wo die Substanz ist. Keineswegs haben nur Medien das Privatleben von PolitikerInnen im Visier, wie Hausjell angesichts eines Falles aus den 80er Jahren darstellt. Man macht schon mal gerne Mundpropaganda, um jemanden zu demontieren, hier einen schwarzen Landeshauptmann mit Freundin, dem scheinheilig vor seinem Rücktritt (wegen "Herzflimmern") gesagt wurde, ..."wenn das in die Öffentlichkeit kommt...", wohl wissend, dass damals niemand berichtet hätte. Freilich ging es da auch darum, sich als "moralische Schwarze" von den "amoralischen Roten" in Wien abzugrenzen, über die Geschichten kursierten. Raftl meint, dass nichts geschrieben wird, wo nichts dahintersteckt und dass manche erfundenen Stories so alle paar Monate immer wieder an sie herangetragen werden. Sowas wird offenbar gezielt eingesetzt, wobei man erstmal sieht, ob was dran sein kann, dann aber schon weiss, dass es beim nächsten Versuch nicht mehr Substanz hat.
Kittner erinnert daran, wie der "Standard" mit der Konstruktion einer Verbindung zwischen Heribert Scheibner und Margot Klestil-Löffler auch vor Gericht einfuhr; da habe sie es sich nicht verkneifen können, doch ein paar Bemerkungen zu machen. Raftl meint, es hänge vom Medium ab, wie auf doch veröffentlichte private Geschichten seitens der LeserInnen reagiert werde. Bei der "AZ" erlebte sie einst "viele Proteste", während sie betont, dass sie nun beim "profil" immer die Betroffenen vorher um Erlaubnis fragt. Hausjell sieht ein "tröstendes Element", wenn PolitikerInnen dieselben Alltagsprobleme haben wie andere Menschen auch. Kittner meint, in den Redaktionen hätten manche Männer viele Freundinnen, sodass ihre Toleranz auch gegenüber dem Privatleben anderer entsprechend gross ist und sie nichts für erwähnenswert halten. Raftl will zwischen den Strategien auch von Politikerinnen unterscheiden, die von Medien offenbar doch nicht immer anders behandelt werden als Politiker. Außenministerin Ursula Plassnik etwa läßt sich nicht auf Medien ein und bleibt konsequent bedeckt, auch wenn sie in Männerbegleitung gesehen wird. Familienministerin Andrea Kdolsky sei hingegen "so hineingefahren" und ungeschickt damit umgegangen.
"Outen" kommt für Kittner nicht in Frage, weil sie dies auch bisher nie getan hat. Sie nennt aber Kriterien, wann Privatleben ein öffentliches Thema werden könnte. Wenn es um Authentizität geht, wenn jemand Menschen manipuliert oder Wasser predigt und Wein trinkt. Der "Kurier" hat da aber sicher keinen Ehrgeiz, der Erste zu sein. Manche PolitikerInnen haben Talent dazu, auch ihre privaten Seiten herzuzeigen, bei anderen wäre es aufgesetzt. Vizekanzler Molterer plötzlich in den Seitenblicken wäre etwa "furchtbar". Wenn es authentisch sein soll, dann müssen die Menschen etwas von sich hergeben. Politisches Handeln oder Nichthandeln darf man aber nicht durch Homestories zudecken. Senta Ziegler ("News") meinte aus dem Publikum, dass ihr Medium niemanden im Bereich Homosexualität ohne Einverständnis "oute", ebenso keine HIV-Positiven. Was Haider betrifft, so habe man natürlich zu recherchieren versucht, aber nichts Beweisbares gefunden. Außerdem gehe es ja nicht um ein Delikt.
Raftl, Perner, Horaczek, Hausjell, Kittner (Foto: Eichinger, Zuk)
Ziegler zieht auch eine Grenze, wenn Kinder betroffen sind und hat auch große Probleme damit, dass die Tochter des Bundeskanzlers in "News" abgebildet und ein Thema ist. Jüngere KollegInnen sehen dies freilich lockerer und können ihre Bedenken nicht verstehen. Kittner betont, dass Sexualität und Privatleben immer eine politische Dimension haben müssen, um öffentlich gemacht zu werden. Homosexualität wäre dann Gegenstand der Berichterstattung, wenn jemand explizit homophobe Positionen vorantreibt. Wenn keine so eklatanten Widersprüche bestehen, dann ist Privatleben kein Thema. Eine Grenze bildet auch das Medienrecht, denn mit einer nicht exakt beweisbaren Geschichte landet man vor Gericht. Kittner meint, dass auch das Veröffentlichen der erwähnten Fotos von Haider mit trinkenden Jugendlichen teuer werden kann, wenn man keine Urheberrechte hat, weshalb der "Kurier" auch darauf verzichtet hat.
Für Raftl sind Kinder ebenfalls ein Grund, nichts zu schreiben, wenn es sich nicht um "Menschen von allerhöchstem Interesse" handelt. Sicher hat jede Zeitung ihre eigenen Grenzen, doch gibt es auch ganz einfach menschliche Rücksichten, die man nehmen sollte. Ziegler erklärt, dass PolitikerInnen durchaus weniger geschützt sind als andere Menschen und auch mehr aushalten müssen, da sie ja um die Begleiterscheinungen wissen, wenn sie den Schritt in die Öffentlichkeit tun. Eigentlich gilt dies für alle Berufsgruppen, die in der Öffentlichkeit stehen. Hausjell bedauert, dass es kein Gremium der Selbstkontrolle mehr gibt wie den Presserat. Ebenso wenig haben wir ausgeprägte Branchenpublizistik, in der Diskussionen über schützenswerte Rechte geführt werden können. Es müsste aber darum gehen, was legitim ist und wo die Grenzen sind. Zwar gibt es in Großbritannien mehr Zuspitzung auch zwischen den Medien, die einander übertrumpfen wollen, wovon wir weit enfernt sind. Andererseits habe wir starke Medienkonzentration, sodass Kritik zwischen den Medien über die unterschiedliche Berichterstattung kaum stattfinden kann, weil man sich ja den gleichen Verleger teilt.
Nach der Diskussion wollten manche BesucherInnen noch wissen, wieso mit Haider nicht anders umgegangen werde, wo er doch auch nie Rücksicht auf andere nimmt. Das mag stimmen, gerade auch, wenn er ungeschützte Personen angreift, aber es ist immer die Frage, welche Methoden man selbst anwenden will und wie das mit einer generellen Achtung von Privat- und Sexualleben ist. Davon abgesehen geht es auch rein pragmatisch darum, dass Klagen dort vermieden werden, wo damit zu rechnen ist, dass ein Medium mit ihnen überhäuft wird (gerade Haider gilt als sehr klagefreudig). Nicht erwähnt wurde in der sehr interessanten Diskussion auch, dass Mitbetroffene sich ja selbst nicht in die Öffentlichkeit stellen und daher "aushalten" müssen, dass diese ein weiterreichendes Interesse hat. Es ist durchaus vorstellbar, dass Erwachsene damit überfordert sind und nicht nur Kinder, da besonders öffentlichkeitserfahren eben nur PolitikerInnen sind.
Sollen auch sie weniger geschützt sein, also sich nicht voll auf Artikel 8 der Menschenrechtskonvention berufen können? Offen blieb aus meiner Sicht auch, ob es nicht doch sujektivere und willkürlichere Kriterien im Umgang mit Privatleben gibt als behauptet wurde. Ich denke, dass immer noch mit zweierlei Maß gemessen wird bei Politikerinnen und Politikern (Frauen anders rezipiert werden als Männer), dass jemand auch ohne inhaltliche Widersprüche dann in den Focus geraten kann, wenn er oder sie ohnehin im medialen Kreuzfeuer ist und Privates zusätzliche Munition böte und dass das größte Tabu immer noch auf Schwulen und Lesben in der Politik lastet. Jedwede Sexualität müßte aber schlicht als "heterosexuell, na und"? oder "homosexuell, na und?" abgehakt sein - sofern nicht gerade Asexuelle berichten :-)
Alexandra Bader
PS: Die HOSI weist in einer Presseaussendung vom 4.12.2007 bezüglich der vielen Anfragen zu den Haider-Fotos auf eine Dokumentation aus dem Jahr 2000 auf ihrer Webseite hin.
Bericht von der zweiten Veranstaltung zum Thema Macht, Programmatik und Homestory
Anmerkungen im Blog
Interessanter Kommentar in der "Presse" für den Schutz des Privatlebens von PolitikerInnen
INFOS:
www.zuk.at
Mein
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