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Meinungsforschung, Homestories und Politik  

Programmatik, Macht und das Private - Bei den "Journalist Lectures" in der Wiener Zukunftswerkstätte am 4.12.2007 ging es um die Zusammenhänge zwischen Macht, Meinungsforschung und Homestories. Eingangs gab der Meinungsforscher Günther Ogris (SORA) einen Überblick über jene Fakten, die für politische Macht entscheidend sind. Über den (realiter kaum wirksamen) Faktor der Homestory machte er sich erstmals für seinen Vortrag Gedanken, wie er dem Publikum gestand. Aus seiner Sicht ist die Entscheidung für Homestories ein Ausdruck von Machtlosigkeit bzw. stellt einen Versuch dar, diese zu kompensieren. Als Beispiel nennt er die Gesundheitspolitik, die in Wahrheit weniger vom Ministerium als von den Gemeinden, den Krankenkassen, dem Finanzausgleich und dem vom Finanzminister zugeteilten Budget bestimmt wird.

Wer in seinem oder ihrem Ressort nur einen schwachen Hebel zur Umsetzung hat, greift gerne zu Bewußtseinskampagnen. Ogris erinnert an den einstigen Gesundheitsminister Michael Ausserwinkler, der eine Kampagne nach der anderen gegen das Rauchen startete, weil er mit Maßnahmen nicht durchkam in der Regierung. Eine Homestory dient ganz einfach dazu, eingeschränkte Macht zu überspielen. Ogris bestreitet, dass die Politik angesichts von EU und Globalisierung so wenig Macht haben soll - dies ist eher eine Ausrede, um sich vor dem Verteilungskampf zu drücken (bzw. ein Vorwurf Politikverdrossener). Tatsächlich kann sie die Verteilung von Wohlstand und Chancengleichheit beeinflussen und es gibt zentrale Bereiche wie die Budgetgesetze oder den Finanzausgleich. Bei einer Staatsquote von an die 50% und einer Sozialquote um die 29% wird klar, welche Steuerungsmöglichkeiten hier bestehen. Gerade beim Sozialsystem ist vieles in Händen nationaler und nicht internationaler Politik. Das Pensionssystem, Gesundheitsausgaben, Forschung, Arbeitsmarkt, Bildung, Aufträge an die Wirtschaft sind wichtige Bereiche, über die wir selbst entscheiden.

"Politik hat Macht", betont Ogris und erklärt fünf Bereiche dieser Macht. Als erstes ist eine Partei ein ausgehandeltes, dauerhaftes Bündnis, bestehend aus Teilorganisationen, die entweder gesellschafts- oder interessenspolitisch orientiert sind. Es ist eine ausgehandelte Programmatik erforderlich, die auch mit einer Mehrheit abgesichert sein muss. "Ohne die Partei bin ich nichts", wie Ex-Bundeskanzler Fred Sinowatz sagte, resultiert aus dieser Facette der Macht. Die als zweites genannte Programmatik versammelt Zukunftsvorstellungen, während Wahlprogramme auch auf Aktuelles eingehen. Es lohnt sich auf jeden Fall, solche Programme und auch die der Regierung zu lesen, denn es sind Handlungsanleitungen. Wenn das Programm zur sozialen Realität passt und Grundstimungen aufgegriffen werden, dann kann es mehrheitsfähig werden. Als drittes gibt es die Macht der Umsetzung, wo durch Expertisen und Ideen dafür gesorgt wird, dass soviel wie möglich vom Programm verwirklicht wird. Einfach ist es nicht, aus Konzepten und Versprechungen Maßnahmen zu machen, doch ist diese Art Macht ebenfalls sehr wichtig.

Als viertes ist der Wille zur Gestaltung und zum Siegen notwendig. Man muss ausdauernd und konsequent sein, was auch bedeutet, Rückschläge einstecken zu können. Ogris hat schon viele Spitzenkandidaten erlebt, die eigentlich nicht gewinnen wollten. Die fünfte Form der Macht ist ganz pragmatisch (oder arithmetisch) die Mehrheit der Abgeordneten, die Mehrheit in der Regierung oder die Mehrheit in der Partei. Manchmal möchte oder muss man auch alle Wahlberechtigten überzeugen, was natürlich besonders schwierig ist. Als Beispiel für Ausdauer nennt Ogris Kanzler Gusenbauer, der bereits 2001 ein verpflichtendes Vorschuljahr forderte, was damals einen Aufschrei besonders bei der ÖVP hervorrief ("Zwangsvorstellung"), aber heute allgemein akzeptiert ist. Inzwischen ist es politische Beschlußlage in der SPÖ und ein Großteil der ExpertInnen ist ebenfalls dafür. Man muss also erste Widerstände und Niederlagen wegstecken können. Zur Frage der Mehrheit ergänzt Ogris noch, dass diese für vieles im System ausschlaggebend ist, und wenn man sie alleine nicht hat wie in der Regierung, dann müssen Kompromisse gefunden werden, mit denen man dann oft schlecht und recht lebt.

Homestories, die keinen Machtfaktor darstellen, tauchen relativ häufig in Wahlkampfzeiten auf. Ogris macht seit 1983 Wahlforschung, was er bis 1999 im Auftrag der SPÖ tat, bevor er dann eine eigene Firma gründete. In dieser Zeit erklärte er der Partei "warum sie Wahlen verloren hat" und erinnert sich, dass Homestories "überhaupt keine Rolle" spielten. Wolfgang Schüssel hat dann seine Aufgaben verändert - erstens die neue berufliche Orientierung und zweitens wurden die Fragstellungen spannender, weil bei Wahlen positive Überraschungen möglich wurden. Vor 2000 hätte niemand geglaubt, dass Herbert Tumpel, der ja nun wirklich nicht der Charismatiker ist und auf Homestories verzichtete, bei der AK-Wahl zuerst die Wahlbeteiligung verdoppelt und 7% zulegt und fünf Jahre später die Wahlbeteiligung hält und nochmal 5% drauflegt.


Günther Ogris

Oder die Landtagswahlen 2004 in Salzburg, wo die ÖVP 60 Jahre lang regierte und alles nach Dauerhaftigkeit aussah, da das Land als konservativ galt. Ogris untersuchte nach dem Sieg der Sozialdemokratin Gabi Burgstaller "das Geheimnis des Lungau", der ein Bezirk ohne Industrie, mit wenig Tourismus und viel Landwirtschaft ist. Die ÖVP agierte auch hier traditionell und übersah eine gewisse Modernisierung auch auf dem Land und übersah, dass sich viele Menschen mit Burgstaller als berufstätiger Frau, die in die Stadt gezogen war, identifizieren konnten. Ein weiteres Beispiel ist die Steiermark, wo Waltraud Klasnic im Jahr 2000 sicher einem Drittel der 900.000 Wahlberechtigten die Hand schüttelte und als unbesiegbar galt, nachdem die ÖVP mit ihr um 11% zulegte. Im Jahr 2005 verlor sie dann 8% und die Steiermark wurde mit Spitzenkandidat Franz Voves rot. Freilich hatte Klasnic auch in den eigenen Reihen Widerstand, da sie es sich mit dem Wirtschaftsbund und der Katholischen Aktion verscherzt hatte.

Besonders interessant ist natürlich die Frage, warum Alfred Gusenbauer Wolfgang Schüssel geschlagen hat, der doch als taktischer Ausnahmepolitiker galt. Gusenbauer hatte den unbedingten Willen zu siegen, meint Ogris, der Sitzungen erlebt hat, wo alle sagten, diese Wahl sei schon verloren. Dazu kamen Umfragen in den Medien, deren Wert freilich gering war, was aber das Publikum nicht weiss, da bei einem Sample von 500 Personen und einer Schwankungsbreite von 2% alles möglich war und eben kein sicherer Sieg der ÖVP. Gusenbauer zeigte programmatische Stärke und trat gegen ein Stimmungsumfeld an, das ihn schon zum Verlierer machte, wobei er auch noch andere mit seinem Elan ansteckte. "Wohlstand gerecht verteilen" war seine Kernaussage, was in vielfältige Forderungen gekleidet wurde und Maßnahmen zum Gegensteuern gegen Ungleichgewichte in vielen Bereichen bedeutete.

Einiges davon ist im Regierungsprogramm niedergeschrieben und wird umgesetzt: Anhebung der Mindestpensionen, reduzierte Selbstbehalte, angehobene bzw. geschaffene Mindestlöhne, höhere Sozialhilfe und die Thematisierung der Bildung der 10 bis 14jährigen (seit einer Gesamtschuldebatte 1975, der dann Schulversuche folgten, ist da nichts Wesentliches mehr passiert). Nun diskutieren wir wieder über gleiche Bildungschancen, was eine zentrale sozialdemokratische Forderung widerspiegelt. Auch für atypisch Beschäftigte gibt es Verbesserungen, und Investitionen im Bereich Verkehr schaffen nicht zuletzt auch Arbeitsplätze. Ogris gesteht, dass sein Institut doch einmal über Homestories gearbeitet hat, wie ihn ein Mitarbeiter bei der Vorbereitung informierte, und zwar im Jahr 2004. Damals wurde festgestellt, dass solche Geschichten von PolitikerInnen der SPÖ bei den eigenen Leuten als sympathisch empfunden werden, jedoch bei ÖVP-WählerInnen unsympatisch sind, was umgekehrt genauso gilt. Das Wahlverhalten wird dadurch nicht beeinflusst und sowas spielt auch keine Rolle bei der Verteilung von Mehrheiten. Es kann allerdings sein, dass die Karriere eines Politikers / einer Politikerin betroffen ist.

Man kann hier auch zwischen "positiven und boshaften" Geschichten unterscheiden, meint Ogris. Etwas Positives ist meist auf gezielte Öffentlichkeitsarbeit zurückzuführen, kann sich aber auch spontan ergeben. Glaubwürdig wird es dann, wenn es Programmatik vermittelt wie "Alfred Gusenbauer umarmt seine Mutter", denn dies signalisiert "jedes Arbeiterkind hat eine Chance, nach oben zu kommen". Während dies stimmig ist, irritiert einige dann aber der Hang zu edlem Rotwein (obwohl man sich diesen ja leisten kann "oben", was bei "Nichtarbeiterkindern" nicht kritisiert wird). Für manch ist hier ein Bruch zu bemerken, da "von ganz unten nach ganz oben" für WählerInnen auch verwirrend sein kann. Ein klassisches Beispiel für Stimmigkeit war Kanzler Viktor Klima, als er während eines Hochwassers die Schauplätze in Gummistiefeln besuchte. Dies signalisierte einen Politiker, der anpackt, was als gelungene Inszenierung zu bezeichnen ist. Klima wird mit "Jobs, Jobs, Jobs" in Verbindung gebracht und war auch erfolgreich in der Schaffung von Arbeitsplätzen. Sein Engagement fand Niederschlag in der Lissabon-Agenda der EU, wenngleich seine Vermarktung mit den "Großen" Blair und Schröder im EU-Wahlkampf nicht gelungen war.

Dank Lissabon müssen Staaten Berichte legen, sodass seit 2005 ein Umdenken in der Politik stattfindet und sich auch die ÖVP zur Vollbeschäftigung bekannte, da sie merkte, dass der Staat doch Arbeitsplätze schaffen kann (und nicht nur "die Wirtschaft"). Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Notwendigkeit der Schaffung von Kinderbetreuungsplätzen werden nun ernster genommen, seit Wirtschaftsminister Martin Bartenstein jedes Jahr wie die anderen Wirtschaftsminister der EU an Benchmarks gemessen wird. Dann gibt es noch "boshafte" Homestories wie jene mit Haider und der "99-Cent-Party" von Jugendlichen. Seine Karriere wird dies freilich aller Aufregung zum Trotz nicht beeinflussen, da das BZÖ sich nicht leisten kann, ihn fallenzulassen. Wir sollten uns auch daran erinnern, dass die Nominierung von Karl-Heinz Grasser als Kandidat der ÖVP im Wahlkampf 2002 sofort 8% mehr in de Umfragen brachte. Seine Homepageaffäre und sein Sozialfonds passten jedoch nicht zu seinem Image, sodass hier ein Bruch feststellbar ist - die Programmatik hat nicht funktioniert.

Auch bei Familienministerin Andrea Kdolsky fand ein Bruch statt, da ihre Beziehung zu einem noch verheirateten Mann nicht mit der Familienpolitik der ÖVP zusammenpasst. Sie hat dadurch weniger Handlungsspielraum, doch hat so etwas selten einen Einfluss auf die Programmatik oder die Verteilung von Ressourcen und Chancen zur Folge. "Ohne Homestory fehlt nichts", ist Ogris überzeugt. Nach seinem Vortrag diskutierten Senta Ziegler ("News"), Stefan Bachleitner (Medienberater Skills Group) und Günther Ogris unter der Leitung des Politikwissenschafters Raphael Sternfeld. Ziegler meinte, nach einer Untersuchung in den USA, die alle als Grundlage nehmen, beruhen 55 % des persönliche Wirkens auf Umfeld, Hintergrund, Äußerem, Verhalten, während zu 38% die Stimme und nur zu 7% reiner Inhalt eine Rolle spielen. Früher hat man gar nichts über das Privatleben von Politikern gewusst, nicht ob Kreisky krank war und ob Raab und Figl Ehefrauen hatten. Es ist dann in den 90er Jahren anders geworden, und seither ist reines Privatleben  das, was sich in den eigenen vier Wänden abspielt, oder auch auf Kur und im Krankenhaus. Außerhalb dieser geschützten Orte wird es nicht mehr so gewahrt. Ein Beispiel sind für Ziegler auch die Hobbies von PolitikerInnen, die früher niemand kannte.

Sie meint, dass SPÖ-Klubobmann Josef Cap (der auch an der Diskussion teilnehmen sollte, aber wegen wichtiger Abstimmungen im Parlament verhindert war) durch das Marathonlaufen Menschen erreicht, die keine rein poiitische Berichterstattung verfolgen. Außerdem kann der Freundeskreis eines Politikers / einer Politikerin in Medien vorkommen oder sein / ihr Gesundheitszustand. Es fragt sich aber, wie bereitwillig jemand Auskunft zu geben bereit ist, da nicht so schwer ist, etwas zu entdecken. Wenn die / der Betroffene einverstanden ist, kann man es darstellend anlegen. Ziegler erwähnt den Ex-Kanzler Franz Vranitzky, der in Privatangelegenheiten nicht kommunikativ war und über dessen Hobby Golfspielen gerade in der eigenen Partei die Aufregung gross war von wegen "Nobelsport". Es kann also selbst die Thematisierung eines Freizeitvergnügens eine zweischneidige Sache sein. Dass Kanzler Gusenbauer seine Tochter ins Lycée schickt, kommt Zieglers Ansicht nach als verwirrendes Signal an, da manche es anscheinend als zu sehr "Aufstieg" betrachten. Allgemein sei es nicht schwer, Menschen zu überreden, etwas von sich zu zeigen, meist unter Weglassung der Kinder.

Auch Wirtschaftsleute lassen Homestories zu um zu zeigen, wie sie leben, wobei die Meinls es ironischerweise immer vermieden, um keine Einbrecher anzulocken, mit denen sie kürzlich trotz dieser Vorsicht konfrontiert waren. Hier interessiert natürlich auch, wie jemand "als Mensch" wohnt. Stefan Bachleitner meint, dass PolitikerInnen mit Homestories auch privat präsent sein wollen (also an unterschiedlichen Stellen von Zeitungen oder in verschiedenen Medien). Manchmal wird dies defensiv verwendet, um Gerüchten entgegenzutreten und heile Familienwelt zu demonstrieren. Sicher möchten viele Menschen das Leben präsenter Personen umfassender kennenlernen - hier bestehe einfach Interesse und Faszination. Auch dieser Bereich kann aber inszeniert werden und einen persönlicheren Zugang zu einer Person nur vorgaukeln. Er rät PolitikerInnen, sehr genau zu überlegen, wo sie die Grenze ziehen wollen, und dann eine No Go-Area zu definieren. Es ist nämlich eine Einbahnstraße, da man bei großzügiger Preisgabe von Privatem nicht plötzlich einen Schlußstrich ziehen und die Regeln ändern, sich abschotten kann.

Für JournalistInnen ist die Homestory sicher ein dankbares Stilmittel, da jedes politische Interview Recherche erfordert, also aufwändiger ist. Freilich geht es auch bei der Homestory nicht nur um die positiven Seiten des Lebens, etwa dann, wenn sich jemand mit heiler Familie inszenierte, als diese längst nicht mehr bestand. Bachleitner sieht auch eine gewisse Grenzerweiterung dadurch, dass man ja nicht nur in herkömmlichen Medien vorkommen kann, sondern beispielsweise auf den Webseiten von Veranstaltern (siehe Haider und die "99 Cent-Party"). Von daher kann man auch schwieriger einschätzen, was man privat halten kann und was öffentlich wird. Moderator Sternfeld meint, Innenpolitik habe ja viel mit negativen Schlagzeilen zu tun, während Gesellschaftsjournalismus eher positiv sei, sodass jene, die Letzteres machen, es eigentlich viel leichter hätten. Dem widerspricht Senta Ziegler, denn sie betreibe keinen "Gefälligkeitsjournalismus" und es ist auch nicht so einfach wie es aussieht, da man Vertrauen aufbauen müsse.

Es geht nicht unbedingt um Fragen, die Menschen gerne gestellt bekommen, da die Themen oft "Dramen" verschiedener Art sind. Günther Ogris meint, Homestories würden keine für Wahlen ausschlaggebenden Sympathiewerte schaffen und könnten eine Politikerin / einen Politiker auch im Freundeskreis zeigen. WählerInnen interessiert nicht, wer besonders sympathisch ist, sondern wie es in Zukunft weitergehen soll. 45% der Menschen verfolgen mehrmals wöchentlich die politische Berichterstattung, 30% tun es zumindest vor Wahlen intensiver, und andere können der Politik in den Gesellschaftsspalten begegnen. Auch Marathonlauf und andere Hobbies erreichen eine andere Zielgruppe und können die Sympathiewerte steigern. Bei einer Wahl zählt aber nicht die vergangene Leistung, außer man vermittelt den Bezug zur Zukunft, und natürlich, welche vorwärtsgerichteten gestaltenden Vorstellungen formuliert werden. Ogris erinnert an den Persönlichkeitswahlkampf 1990 von Franz Vranitzky, der in einer Hochkonjunktur stattfand und wo mit dem Kandidaten in einer blühenden Wiese schlicht Zuversicht ohne allzu viele Inhalte ausgestrahlt wurde.

Die ÖVP entschied sich für einen Themenwahlkampf mit Josef Riegler, wo ein Anliegen nach dem anderen präsentiert wurde. Die Umfragewerte wurden jede Woche besser, aber dann stellte die Partei den Wahlkampf eine Woche vor der Wahl um und verspielte ihre Chancen. Die SPÖ warb hingegen auch mit dem Persönlichkeitswahlkampf an sich, holte sich dazu demonstrativ auch Experten aus Frankreich und überzeugte sowohl die Journalisten als auch die ÖVP davon, dass man nur so gewinnen könne. In Wahrheit ist Programmatik immer gegen reine Sympathie erfolgreich. Ziegler hat den Eindruck, dass Gusenbauer mit Mutter Dankbarkeit, Liebe, Fürsorglichkeit signalisiere und damit ebenso punktete wie mit Programmatik, doch nicht nur für Ogris ist auch das Programmatik, denn Bilder mit der Mutter wären ohne diesen Hintergrund wirkungslos. Bachleitner stellt zur oft gestellten Frage nach Authentizität, dass diese eine unter Druck fortbestehende Integrität bedeutet. Auch Bundespräsident Fischer kommt integer rüber, ohne dass er dazu Homestories brauchen würde, da er viel von seiner Persönlichkeit in die Amtsführung einfließen läßt, sehr menschennah und offen wirkt.


Ogris, Sternfeld, Bachleitner, Ziegler

Ziegler sieht Menschen dann als authentisch an, wenn das öffentlich Vertretene dem real Gelebten nicht massiv wiederspricht und nennt als Beispiel den Fall Groer. Er wetterte gegen Homosexualität als Sünde wider die Natur, bis sich ein ehemaliger Zögling bei Medien meldete. Sie würde bei sich "jede Homestory" zulassen, da sie ein offener Mensch ist und hätte nur Probleme gehabt, als ihre Kinder in der Pubertät waren. Damals hatte sie Angst, dass ihre Tochter mit Drogen in Berührung kommt und dann in den Medien stand, dass die Tochter der bekannten Journalistin am Karlsplatz aufgegriffen wurde. Da wäre für sie beides sehr schlimm gewesen: dass die Tochter Drogen nahm und dann alles auch noch öffentlich breitgetreten wird. Dies hätte ihr "unendlich weh getan" und sie hätte mit dem Journalismus sicher aufgehört. "Es gibt Dinge, wo man Menschen wehtun kann", betont sie, und auch ein Medienrichter riet ihr, nach dem Grundsatz "Was du nicht willst..." vorzugehen. Kinder sind für ZIegler besonders schützenswert, sodass sie entsetzt war, dass ihre KollegInnen in "News" die Tochter des Kanzlers auf einem Titelblatt abbildeten.

Freilich muss niemand "News" lesen, sondern kann zum "Standard" oder zum "Kurier" greifen, wo es diese Art der Berichterstattung nicht gibt. Auch für Bachleitner stellt das erwähnte Titelfoto eine Grenzverletzung dar, bei der er hofft, dass sie zwischen dem Kanzler und "News" zum Thema gemacht wird. Die dazugehörige Geschichte war harmlos, nicht aber, dass das Mädchen abgebildet wurde. Er empfiehlt allen, bei Homestories zu überlegen, ob sie nicht nach hinten losgehen können, da sie sich ganz gut anlassen mögen, wenn man damit beginnt, aber dann muss man damit rechnen, in schwierigeren Zeiten auch mit derlei in der Öffentlichkeit zu stehen. Authentizität ist, wie er betont, eine Frage des Handels und des Tuns und besteht auch darin, einen Weg konsequent zu gehen. Es wäre beispielsweise nicht authentisch, wenn die Regierung wegen des Klimawandels mit einem Sonderwaggon zu ihrer Klausur fährt, dieser aber halb leer ist, weil manche doch den Dienstwagen benutzen. Er warnt aber vor unrealistischen Ansprüchen, da auch authentische Personen nicht immer in der Situation sind, alles perfekt umzusetzen, es dennoch eine insgesamt stimmige Darstellung ist.

Ogris meint, wenn Homestories politisch relevant werden, rückten sie in die Innenpolitik, sodass man sie auch mitbekommt, wenn man nicht den hinteren Teil von "News" liest. Es entgeht einem aber auch generell nicht viel, wenn man 3 oder 4 Wochen keine Zeitungen liest. Authentizität ist "schlecht erforschbar", da Menschen nicht widerspruchsfrei sind und jede/r Brüche in der Persönlichkeit hat. Freilich wünschen wir uns stimmige Menschen in der Politik, die uns Vertrauen vermitteln sollen. Runde Persönlichkeiten erscheinen uns sympathisch, aber dies die ganze Zeit aufrechterhalten wäre unmenschlich, denn jede Person ist mit Ehekrisen oder Versagen oder Niederlagen konfrontiert. Auch in der Gesellschaftsberichterstattung kommt nur ein schmales Segment der Persönlichkeit zum Vorschein, sodass es sich um symbolische Geschichten handelt. Ziegler spricht von "grauen Mäusen ohne Charisma" und erwähnt eben dem bereits behandelten Ex-ÖVP-Spitzenkandidaten Riegler auch Vizekanzler Molterer. Hingegen habe Grasser bewußt den Kontakt zu Medien gesucht und wollte kein grauer Finanzminister sein.

Für Ogris geht es bei der Politik um die Gestaltung der Gesellschaft, wovon man nicht ablenken solle. Man müsse sich auf die wichtigen politischen Fragen konzentrieren, weil das die Menschen selbst auch tun. Früher waren die Programme von SPÖ und ÖVP fast austauschbar, während sie heute deutlich zu unterscheiden sind, Richtungsfrage die Berichterstattung dominieren. Wir erleben eine Repolitisierung der Gesellschaft, die auch ErstwählerInnen umfasst, die sich genau informieren und auch andere beeinflussen. Bachleitner meint, niemand in der Politik wage es, Medien zu beschuldigen, da diese Macht haben. Immer wieder wurden in der Geschichte die jeweils neuen Medien mit Hoffnungen belegt, dass sich dort neues gesellschaftliches Potenzial entfalte, was nie ganz eingelöst wurde. Durch die heute neuen Medien müsse man zunehmend damit rechnen, dass auch Privates den Weg in die Öffentlichkeit findet. Ziegler sieht in unerwünschter Berichterstattung häufig einen "Sündenfall des Gegners" und nennt frei erfundene Beziehungskrisen bei ÖVP-Politikern wie Schüssel oder Schausberger. Für die "weniger unterhaltsame" reine Sachpolitik gebe es genug gute Zeitungen.

Es ist auch ein "Ende der Heuchelei", dass heute nicht mehr so getan werden kann, als regiere ein Bürgermeister, während er in Wahrheit "in der Trinkerheilanstalt" ist. Aggressiven Boulevard gibt es ja eh nur in England, und auch dort ist er nicht demokratiegefährdend. In einer Diktatur würde man nichts über die Herrschenden wissen, während es in einer Demokratie auch Zieglers "Recht als Bürgerin" ist, dass Regierende "Vorbilder" sind. Mit meinen Überlegungen will ich da mal gleich anschliessen: es sollte Vorbild genug sein, dass Regierende regieren, denn sie müssen Anforderungen jenseits des Vorstellungsvermögens von "Normalsterblichen" begegnen. Da ich selber mal lange in einer Partei war, kenne ich auch die andere Seite und wollte als Journalistin immer sensibler mit den AkteurInnen der Politik umgehen, weil ich Härten erahnen kann, weiss, was es bedeutet, für aus eigener Sicht richtige und gute Ambitionen in der Kritik zu stehen. Authentizität kann ich auch dann erkennen, wenn mir nur das politische Handeln bekannt ist, zumal ich wie gesagt aus Erfahrung ebenfalls weiss, dass Politikberichterstattung ein Filter ist, der die "wahren Menschen" nicht unbedingt durchkommen lässt.

Gegenüber den Grünen wurden jahrelang nach dem letzten selbstgestrickten Pullover, der in Versammlungen getragen wurde, noch entsprechende Klischees in Kommentaren und Artikeln angeführt. Es wurden auch Zuschreibungen wie "Fundi" oder "Realo" lanciert, ohne genau zu wissen, was damit inhaltlich abgebildet werden soll. Daher ist für mich leicht vorstellbar, dass auch mit anderen PolitikerInnen nicht anders umgegangen wird, sodass ich lieber näher hinsehe und Menschen selbst beurteile (was mich im Übrigen bezogen auf die SPÖ, von der so viel die Rede war, zu ähnlichen Schlüssen brachte wie Ogris). Aus meiner Sicht sind PolitikerInnen keine ExpertInnen in Sachen Gärntnerei oder Kochen oder gar BeziehungstherapeutInnen, sodass ich politische Integrität, Gestaltungswillen und Beharrlichkeit auch angesichts von Widerständen erwarte und keine Ablenkungsmanöver. Ebenso würde ich von GartenexpertInnen oder guten HobbyköchInnen und auch BeziehungstherapeutInnen nicht erwarten, dass sie anstelle von MinisterInnen politische Akzente setzen....

Alexandra Bader

Bericht von der ersten Diskussion der Veranstaltungsreihe über Politik und Privatleben

Anmerkungen im Blog

Interessanter Kommentar in der "Presse" für den Schutz des Privatlebens von PolitikerInnen

INFOS (und Fotocredits :-)
www.diezuk.at



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