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Anmerkungen zum Club 2 "Meinungsfabriken" 12.12.2007  

Warum er ohne unsere Beteiligung stattfindet - Zuerst bekam ich am 10.12.2007 eine Mail vom ORF und las später diese Ankündigung bei derstandard.at: " 'Die Meinungsfabriken – wer bestimmt, was wir denken", lautet das erste Thema des "Club 2" am Mittwoch um 23 Uhr, Diskussionsleiter wird Rudolf Nagiller sein. Als Gäste finden sich Mediaprint-Aufsichtsrat Michael Grabner, "Heute"-Chefin Eva Dichand, Medienphilosoph Frank Hartmann, eine namentlich noch nicht genannte Kulturschaffende und ein ebenfalls noch unbekannter Internet-Experte ein." Offenbar wollte man bei mir von wegen "Internet-Experte" anfragen, sei es, dass ich von der persona non grata der Medienszene plötzlich zur Eingeladenen mutiere oder dass man von mir Tipps erwartet, wer sonst kommen könnte.

Internet als Medium der politischen Berichterstattung, die kein Ableger der Printausgaben von Tageszeitungen ist, findet aber in Österreich eigentlich nur bei uns statt. Wie dem auch sei, ich musste gerade anbetracht des Umganges der Medienszene mit mir, der in den letzten Monaten besonders ignorant und verletztend war - was nach dem Fall Arigona seinen Höhepunkt erreichte - erst einmal in Ruhe darüber nachdenken, wie ich mit Einladung oder Beiziehung umgehen soll. Im ersten Moment freut man sich natürlich, wieder dazuzugehören, zumal ich ja als einzeln agierende Journalistin KollegInnenkontakte bei anderen Medien haben will und brauche. Aber nach allem, was vorgefallen ist, will ich sicher kein Alibi sein oder erleben, dass die Versuche zu "bestimmen, was wir denken" anderntags ungebrochen weitergehen, nachdem mir vielleicht sogar versichert wurde, dass am einen oder anderen Kritikpunkt schon etwas Wahres dran sein könnte.

Abgesehen von persönlicher Betroffenheit durch die Behandlung in einem erweiterten Arbeitsumfeld bin ich auch noch schockiert über so manche Inszenierung, die außer bei uns kaum wo reflektiert, sondern meist bedenkenlos mitgetragen wurde. Beinahe das Schlimmste war der Versuch, um den 20. und 21.11.2007 eine konkrete Bedrohung für Regierungsmitglieder herbeizureden durch ein Terrorvideo, bei dem niemandem auffiel, dass die Behauptung, man habe "noch nicht besonders viele" österreichische Soldaten in Afghanistan getötet, absoluter Schwachsinn ist. Tatsächlich wurde, wie man leicht feststellen kann, kein Österreicher getötet und erfreuen sich die vier Stabsoffiziere, die derzeit bei der ISAF sind, bester Gesundheit. Erstens hätten "die Medien" darauf eingehen müssen und zweitens sich dann fragen, wer hier in aller Hast noch etwas zu einem gegen Deutschland gerichteten Video hinzugeschludert hat.

Stattdessen wurden Terror (hysterie) experten zitiert, die in jedem Satz betonten, dass sich jemand animiert fühlen könnte, ein Regierungsmitglied zu attackieren. "Österreich" grenzte dann die Auswahl auch noch ein auf vier extra abgebildete MinisterInnen. Ich fragte mich nicht nur damals, ob das noch Medien sind oder Instrumente, die gegen eine demokratisch legitimierte Regierung gerichtet werden, sie schwächen und einschüchtern sollen. Oder die Arigona-Inszenierung, wo Normalsterblichen, aber auch mir klar war, dass davon wenig auf dem Mist einer 15jährigen gewachsen sein kann. Alle machten aber mit und sorgten für massive Stimmung gegen die Regierung und gegen Innenminister Platter, und niemandem fiel auf, dass die Selbstmorddrohung bei einer der eingesetzten Botschaften vergessen wurde. Platter wurde in Kommentaren schon präventiv die Schuld an einem etwaigen Tod des Mädchens gegeben.

Gerade hier setzte ich einen entscheidenden Kontrapunkt, indem ich den Fall als Versuch darstellte, die Regierung über eine Inszenierung zu stürzen, wobei ich auch Überlegungen anstellte, wie weit diese Inszenierung gehen soll. Selbstkritik ist in der Medienszene bislang weder in Sachen Terrorhysterie noch Operation Arigona noch in anderen Fällen zu bemerken, wo Berichterstattung eindeutig Kampagnencharakter erhält und den Rahmen der Aufgaben von Öffentlichkeit verläßt. Man kann beinahe schon Kriterien aufstellen, die sich weniger an den Inhalten orientieren, die eine Inszenierung bekommt, sondern am Verhalten der JournalistInnen. Etwa regelmäßiges Auftauchen von Falschinformationen, Sprachrohr-Funktion für Extremisten jeglicher Art, emotionalisierende Negativdarstellung von im Visier befindlichen Personen in Kommentaren, massiver Aufwand für Agitation gegen diese Personen inklusive längerer Auslandsaufenthalte von RedakteurInnen zu diesem Zweck und dergleichen mehr. Auf diesem kurz dargestellten Hintergrund antwortete ich dem Club 2-Team:

Liebe Frau Schermann,

Was auch immer Sie von uns möchten wegen des geplanten Club 2 “Meinungsfabriken” am 12.12.2007, eine Teilnahme wie im Betreff der Mail oder einfach Infos – ich möchte folgendes festhalten, das auch für die tatsächlichen TeilnehmerInnen bestimmt ist:

Es ist natürlich erfreulich, konsultiert oder gar eingeladen zu werden und damit auch ernstgenommen zu werden.

Es wäre aber in gewisser Weise alibihaft, da ich gerade wegen meiner fehlenden Bereitschaft, an einer “Meinungsfabrik” teilzunehmen massiven Anfeindungen ausgesetzt war, ohne dass KollegInnen in anderen Medien anders als mit schlichter Ignoranz reagiert hätten. Dies ging so weit, dass ich beim Journalistinnenkongress 2007 selbst nach einer Preisverleihung von fast allen geschnitten wurde, die ich seit langem kenne. Besonders verletzend ist daran, und ich fühle mich auch heute noch sehr betroffen, dass ich als vor allem in Eigenregie arbeitende Journalistin auf Kontakte zu KollegInnen bei anderen Medien auch im Sinne von Feedback, Netzwerken, Infoaustausch und ein gewisses Gemeinschaftsgefühl angewiesen bin. Mittlerweile werde ich immerhin wieder gegrüßt, was doch einen Fortschritt darstellt (wenngleich natürlich ausgeklammert wird, was da alles passiert ist).

Nun soll, so verstehe ich meine Beiziehung, alles wieder in Ordnung sein und ich wieder in die große Medienfamilie aufgenommen? Tatsächlich habe ich ja gerade journalistische Ethik sehr ernst genommen, indem ich mich nicht an Inszenierungen und Kampagnen beteiligte und auch weiterhin nicht beteilige und immer wieder auf den ersten Blick als falsch erkennbare “Informationen” thematisiere, die andere anscheinend nicht durchschauen wollen oder dürfen. Dass man sich damit in unserer Medienlandschaft in eine kritische Randposition bringt, war mir durchaus schon länger bewußt. Dennoch verstehe ich unter journalistischer Verantwortung, dass Menschen, die sich in ihrem Beruf dem Sammeln von Nachrichten und der Recherche widmen, genau dies tun und Informationen verständlich und nachvollziehbar aufbereiten sollten und nicht mehr. Auf den Punkt gebracht bedeutet es, dass Medien die vierte Macht im Staat sind, die der Politik, der Verwaltung, den Institutionen sehr genau auf die Finger sehen und differenzierte Kritik üben soll, aber niemals als vierte Macht gegen den Staat agieren darf. Wenn dies geschieht, verlieren Medien ihre moralische Reputation und die Politik wird zur reinen Abwehr solcher Inszenierungen und kann die Akzente kaum mehr setzen, für die es in einem demokratischen Staat Parlament und Regierung gibt.

Ich müßte lügen, wünschte ich mir nicht ein gutes Verhältnis zu KollegInnen in anderen Medien, auch weil ich ja vieles von deren Arbeit durchaus schätze, wenngleich mich in anderen Bereichen doch einiges trennt, gerade weil andere Menschen an “Meinungsfabriken” mitwirken offenbar ohne dies näher zu reflektieren. Ich kann ganz sicher nicht nüchtern und ruhig mit ihnen egal wo diskutieren und für “aufgeklärten, idealistischen” Journalismus werben, wenn ich genau weiss, dass manche vielleicht das eine oder andere doch ein wenig berechtigt finden, dann aber in den nächsten Ausgaben oder Sendungen wieder Kampagnen inszeniert werden, an denen sich alle beteiligen. Da bräuchte ich schon das Wissen um eine ernsthafte Abkehr vom “Kampagnenjournalismus”, der ja auch in ORF-Gremien kürzlich kritisiert wurde. Und wie gesagt, es wirkt noch nach, bei massiven Verleumdungen, die meine Existenz rauben sollten, von allen im Stich gelassen worden sein. Das Ganze bekommt dann den Charakter eines widerwillig-freundlichen Umgangs mit einer, die allem zum Trotz doch überlebt hat.

Ein Beispiel für diese Art Journalismus mit durchaus aktuellem Bezug sind die Aussagen, die Verteidigungsminister Darabos im Sommer über die Pläne für einen US-Raketenschild tätigte. Rein nach der Verfassung übte der Minister sein Amt als Repräsentant eines souveränen Staates souverän gegenüber allen Staaten aus. Tatsächlich wurde er in den Medien zu 100% negativ kommentiert, was ich wiederum bei den Ceiberweibern mehrmals thematisierte. Da der Raketenschild für die USA ein Interesse der nationalen Sicherheit ist (kürzlich auch auf orf.at zu lesen), kann man sich leicht vorstellen, welche Kräfte da auf den Plan traten, bei denen man jetzt spekulieren kann, welchen Einfluss sie auf unsere Medien nehmen können. Ich habe auch deswegen darüber geschrieben, weil ich sehr wohl aus ziemlich bitteren Erfahrungen wusste, wie brutal und perfide diese Kräfte unter anderem durch Inszenierungen gegen aufrechte integre und ihnen dadurch unbequeme Menschen vorgehen können. Wenn man immer wieder selbst erlebt hat, wozu sie imstande sind und dabei integer und ungebrochen blieb, hinterläßt dies zwar unzählige unsichtbare Narben, die einen Menschen für immer von anderen unterscheiden, doch darf man niemals zulassen, dass einem auch noch die Menschlichkeit, die unverletzbare Seele, die Fähigkeit zu Mitgefühl geraubt wird.

Aus diesem Grund war für mich auch selbstverständlich, nachempfinden zu können, was für Minister Darabos die heftigen Reaktionen dieser Kräfte bedeuten und mich auf meine Weise einzumischen, nicht zu wollen, dass ein anderer Mensch meine Erfahrungen machen muss. Es war mir klar, dass der Minister davon überrascht war, wer gegen ihn auf den Plan tritt, und dass er da Solidarität von jemandem wie mir brauchen kann, egal welche Retourkutschen ich wiederum eventuell riskierte. Wenn wir den Bogen zu heute spannen, wo die Diskussion um den Tschad-Einsatz wiederum bedeutet, dass Minister Darabos mit wechselnden, stets leicht durchschaubaren Inszenierungen konfrontiert ist, sehe ich hier ein ideales wichtiges Anliegen, bei dem die KollegInnen beweisen können, dass sie sich ernsthaft von den “Meinungsfabriken” abwenden – und danach auch eine echte Gesprächsbasis mit mir hätten.

Angesichts der Tatsache, dass der Minister bereits “nationale Sicherheitsinteressen” der USA "verletzt" hat, steht bei jedwedem Angriff, der über das Artikulieren differenzierter Kritik hinausgeht im Raum, dass eine Attacke gesteuert ist. So betrachtet schadet es dem Image von Medien, aber durchaus denkbar auch Oppositionspolitikern, mit Hysterie, Desinformationen, Öffentlichkeit für spezifische Drohungen oder was auch immer noch kommen kann zu tun zu haben. Journalismus, der ethischen Ansprüchen und der großen Verantwortung von Medien gerecht wird, sollte verbindlich erklären, sich auf differenzierte inhaltliche Kritik zu beschränken und auch darauf verzichten, die Person eines Ministers durch Untergriffe welcher Art immer zu desavouieren. Gerade weil besonders im Fall von Minister Darabos massives Interesse von außen an entsprechender medialer Negativzeichnung besteht, ist dieser Anspruch natürlich keine Kleinigkeit. Es erfordert Mut und Rückgrat von JournalistInnen, nicht den Weg des geringsten Widerstandes, des Opportunismus, der Vergünstigungen zu gehen. Es bedeutet aber, mit der Wahrung der eigenen Würde auch die eines anderen Menschen zu wahren. Und es ist ein Pfad, den man beschreiten kann, ohne unterzugehen.

Herzliche Grüsse
Alexandra Bader www.ceiberweiber.at

(Vielleicht notwendig als Erläuterung: die Erwähnung nationaler Sicherheitsinteressen gilt im internationalen Sprachgebrauch als Schlüsselfeststellung für den Einsatz von Geheimdiensten.)

siehe auch Blogeintrag Medien-Macht

PS: Man könnte ja tatsächlich, auch wenn es keinen Presserat mehr gibt, eine Art Code of Conduct für JournalistInnen und Medien aufstellen (der Begriff ist u.a. vom Peacekeeping entlehnt):

* sachliche, differenzierte Berichterstattung ist angemessen
* unterschiedliche, inhaltlich begründete Positionen darstellen ist angemessen
* berechtigte, auch mal polemische, aber nicht die Gesamtpersönlichkeit des/der Genannten unzutreffend infrage stellende Kritik ist angemessen
* Bekenntnis zur Republik Österreich ist angemessen, was differenzierte Kritik an ihren Organen im Sinne demokratischer Öffentlichkeit und Kontrolle beinhaltet und als Auftrag bedingt
* Gendersensibilität ist angemessen, eine Darstellung von Frauen und Männern als AkteurInnen abseits von eindimensionalen Rollenbildern
* umfassende Standpunkte sind angemessen, Zivilgesellschaft und engagierte Einzelpersonen haben ebenfalls Stellenwert, nicht nur PolitikerInnen
* Recherche ist angemessen, ehe man Artikel oder Kommentare verfasst

* Kampagnen und Inszenierungen sind unangemessen
* gezielte Diskreditierung von AkteurInnen u.a. durch negative Stereotype, die die reale Person leugnen, ist unangemessen
* das Verbreiten von Falschinformationen ist unangemessen; sollte es doch passieren, so muss in der nächsten Ausgabe oder Sendung eine angemessene Klarstellung erfolgen, um Schaden für etwaige Betroffene zu minimieren
* Einspannen lassen für die Interessen eines fremdes Staates ist unangemessen (einschliesslich entsprechender finanzieller Zuwendungen)
* eindimensionale Rollenbilder sind in Berichterstattung und Kommentaren unangemessen
* Ausschluss von Menschengruppen und Zivilgesellschaft aus fairer Darstellung ist unangemessen
* Artikel und Kommentare ohne Recherche und bestmögliches Wissen über eine Materie und über unterschiedliche Zugänge sind unangemessen

Außerdem sollte es eine Medienbeobachtung geben, die am besten per Webseite realisiert wird, da hier alle nachvollziehen können, wer besonders viele Falschinformationen bringt und wer sich an Kampagnen beteiligt. Auf diese Weise kann dann auch ein Qualitätsindex erstellt werden, der KonsumentInnen Orientierung bietet.


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