über den Umgang mit Andrea Kdolsky und mit anderen MinisterInnen - Seit sie seit bald einem Jahr im Amt ist, wird Gesundheits- und Familienministerin Andrea Kdolsky immer wieder mit unfairer Kritik bedacht. Man bestreitet, dass sie ihren Aufgaben als Ministerin nachkommt, weil sie auch bei Events anzutreffen ist, die der Kamera von "Seitenblicke" oder den Gesellschaftsspalten nicht entgehen. Ahnung von Ressorts und Aufgabenbereichen sollten zumindest die JournalistInnen haben, aber auch manche der PosterInnen, die sich dann im Web empören.
Jüngster Anlass war die Präsentation eines Schweinebratenkochbuchs zugunsten des Hilfswerks am 17.12.2007 in Wien. Es sollte auf den ersten Blick klar sein, dass es hier um Selbstironie und nicht um das Predigen ungesunder Lebensweise geht, sprach die Ministerin doch nach dem Amtsantritt davon, auch manchmal Schweinebraten zu essen. Dass eine auf Spenden angewiesene Organisation nicht still und leise mit Prominenten zusammenarbeitet, ist allgemein üblich und kann daher auch nicht als "Profilierungsdrang" einer Ministerin verstanden werden. Offenbar wird eine Ministerin, die auch in den "Seitenblicken" vorkommt, mit jenen Frauen in einen Topf geworfen, die tatsächlich nicht viel anderes zu tun haben, während bei Männern angenommen wird, dass sie auch einen Job haben, dem sie sich voll widmen.
Andrea Kdolsky leidet wie andere MinisterInnen auch darunter, dass vielfach undifferenzierte Kritik geübt wird, die jede Kenntnis über Ressortbereiche, Kompetenzen und jene Interessensvertretungen vermissen lässt, mit denen auch eine "mächtige Politikerin" kooperieren muss. Daraus wird dann leicht der Vorwurf eines Versagens, obwohl gerade in der Gesundheit Wesentliches Ländersache ist und eine Ministerin oft zu Bewusstseinskampagnen greifen muss, um die Bevölkerung direkt zu erreichen.
Wo meine Sympathien liegen, klingt sicher manchmal bei meinen Texten durch, doch lässt sich vieles auch ganz allgemein feststellen, da es auf rote wie schwarze Regierungsmitglieder zutrifft. Alle finden als Rahmen ihre Kompetenzbereiche vor und haben manchmal Ministerien unter sich, in denen andere Parteifarben mitunter richtiggehend traditionell stärker vertreten sind als die eigene Farbe. Hier ist mit Obstruktionen dort zu rechnen, wo BeamtInnen nicht in erster Linie an das übergeordnete Interesse denken. Generell muss sicher auch die BeamtInnenebene von der / dem Neuen an der Spitze erst einmal überzeugt werden.
MinisterInnen sollen außerdem versuchen, das Koalitionsabkommen zügig umzusetzen und zudem noch eigene Akzente setzen, die aus der Programmatik der Partei und eigenen Schwerpunkten abgeleitet werden. Medien und Opposition können, zugleich oder hintereinander, mit verzerrten Darstellungen ordentlich zusetzen, die bis zum Lancieren von Falschmeldungen gehen können. Manchmal steigt, sozusagen als Draufgabe, auch der Koalitionspartner über das unvermeidliche Parteisekretärsduo Missethon-Kalina oder über Länderchefs und Abgeordnete in die Debatte ein.
Sind MinisterInnen bei all diesen Anforderungen aber nicht auch noch genug für die Parteibasis und die WählerInnen da, wird von den einen bald Verrat an der eigenen Sache und von den anderen Abgehobenheit diagnostiziert. Besonders bei Frauen, aber abgeschwächt auch bei Männern scheint der grösste Fauxpas neben grossen inhaltlichen Schnitzern darin zu bestehen, auch zu Events zu gehen und ein wahrnehmbares Privatleben zu haben. Wer übrigens eine ungefähre Orientierung über den Arbeitsalltag eines Regierungsmitgliedes haben möchte, sei auf den Blog von Sozialminister Erwin Buchinger verwiesen. Für die anderen Ministerinnen und Minister ist es natürlich nur "in etwa" ähnlich, da jedes Ressort auch spezifische Anforderungen mit sich bringt.
Notwendig erscheint auch, die Aufgaben des Bundeskanzlers klar zu stellen, der sich wie alle anderen Regierungsmitglieder an die Bundesverfassung halten muss. Da er keine Richtlinienkompetenz hat, kann er beispielsweise nicht von Innenminister Günther Platter einfordern, Arigona Zogaj humanitären Aufenthalt zu gewähren. Wohl nimmt Gusenbauer inhaltlich Stellung, wie auch die MinisterInnen Doris Bures und Erwin Buchinger meinten, sie hätten an Platters Stelle anders entschieden. Platter handelt aber rechtlich korrekt im Rahmen seiner Ressortkompetenzen, was auch immer man moralisch davon halten mag.
Manche KritikerInnen hängen aber überhaupt utopischen Vorstellungen an, die nicht nur verkennen, was eigentlich die Aufgaben einer Regierung sind, sondern auch noch ignorieren, dass keine Partei eine absolute Mehrheit aufweisen kann. Viele wiederholen insbesondere Kritik an der SPÖ gebetsmühlenartig auch gegen Jahresende, die im Jänner des Jahres durchaus ihren Sinn hatte, als noch nicht klar war, ob die SozialdemokratInnen auch Akzente setzen werden können. Dass es ihnen gelingt, ist an vielen Beschlüssen und Massnahmen ebenso absehbar wie an der Konsequenz und dem Engagement, mit denen einzelne Regierungsmitglieder ihren Standpunkt auch bei gravierenden Anfeindungen beibehalten.
Ebenso wenig kann man der ÖVP vorwerfen, sie habe sich und ihre Grundsätze verkauft, auch wenn es hier ebenfalls bei annähernd gleich starken Partnern schwierig ist, etwas richtiggehend durchzusetzen und die wahrscheinlichste Lösung immer der Kompromiss ist. Da aber eine Repolitisierung und Reideologisierung stattfindet, sind gerade die Themen sehr spannend, bei denen es unterschiedliche Herangehensweise gibt (zumindest wenn sie nicht den Parteisekretären allein überlassen werden :-). Man kann mit Vorstellungen und Visionen so umgehen, dass vieles Illusionen bleiben muss, weil keine strategischen Teilschritte gesetzt werden. Oder man agiert pragmatisch und sieht zu, soviel wie möglich zu verwirklichen und bei anderem auf Erprobungsphasen zu setzen, mit denen auch der Regierungspartner einverstanden ist.
Andrea Kdolsky und die Doppelstandards
Soweit ganz allgemein zur "Situation Regierung" und nun konkret zum Umgang mit Regierungsmitglied Andrea Kdolsky. Zuerst wurde es auch medial als erfrischend empfunden, dass Kdolsky unkonventionell und bunt wirkte unter ein paar anderen Frauen und der anzugtragenden Männermehrheit (bei der frau aber Erwin Buchinger als Anzugvermeider unter Outfitaspekten als Ausnahme bezeichnen muss). Rasch wurde ihr aber alles zum Vorwurf gemacht, das sie nicht sofort ändern oder durchsetzen konnte oder dass auch eine "mächtige Ministerin" verhandeln musste. Dabei diente auch als Vehikel. dass sie gerne bei Events ist, die durchaus eine Möglichkeit sein können, die Inhalte einer Person zu transportieren. Die Meinungsforschung sieht den Effekt allerdings zwiespältig, gesteht aber ein, dass nicht bei allen Aufgabenbereichen ein vollkommener Verzicht auf diese Ebene möglich ist, was mit weniger oder mehr "realer Macht" zusammenhängt.
Was wurde Kdolsky nicht alles vorgehalten: "Rubensfigur", Kinderlosigkeit, Rauchen, Schweinebraten, Charity-Auftritte - und dann im Sommer das Bekanntwerden der Trennung von ihrem Ehemann. Die Ministerin wurde gar als männerverschlingende "Ehezerstörerin" hingestellt, weil sie nicht monatelang in Trauer herumlief und nicht über Jahre hinweg neben dem zeitaufwendigen Beruf Regierungsmitglied mit ihrem "Neuen" ins Kino ging, um sich so langsam anzunähern. Moralapostel in Boulevardmedien, in deren Redaktionen es ebenso immer wieder neue Beziehungen gibt wie anderswo auch, taten so, als müssten Ministerinnen erstens perfekte Menschen sein und hätten zweitens einen Alltag, in dem wirklich Zeit für Beziehungen bleibt und nicht abgeknapst werden muss.
Im aktuellen "News" vom 20.12.2007 verrät die Ministerin, dass die Angriffe wegen ihres Privatlebens der Punkt waren, an dem sie wirklich daran dachte, alles hinzuschmeissen. Sie sagt zu Recht, "es gibt eine private und eine intime Ebene". Sie habe nur deswegen (in einem Ö 1-Interview, das ihr dann auch noch vorgeworfen wurde, obwohl es sympathisch und menschlich war) Stellung genommen, weil der Druck auf ihre Familie zu gross war. Verständlich, überboten sich doch "Österreich" und "Heute" mit Spekulationen.
Wobei gerade bei "Österreich" in der bereits vorher seltsamen Behandlung Kdolskys Assoziationen zu "anhaberigen" Typen in Beisln gerechtfertigt erscheinen: Zuerst wurde Kdolsky dort zur "Ministerin der Herzen" gemacht (worum sie sicher nicht gebeten hat und wo sie auch nicht gefragt wurde, ob ihr das recht ist), dann zum "Herzchen", das alle enttäuscht hat. Ich musste da an Männer denken, die absolut desinteressierte Frauen anbaggern wollen und beim fünften "ver*** dich!" endlich kapieren und nun einen Schwall an Beschimpfungen loslassen auf die depperten Weiber, die einem ja sowas von gestohlen bleiben können. Ich war mir sicher, mit keinem Mann wäre bei aller möglichen Tiefe der Berichterstattung je so umgegangen worden. Immerhin haben die Bezeichnungen etwas Unangemessenes, Aufdringliches und gehen in den persönlichen Bereich.
Verständlich, dass die Erfahrungen mit öffentlicher Doppelmoral von Ministerin Kdolsky erstmal verkraftet werden mussten und noch nachwirken: "Mich hat die Dimension der Aufregung und die Art der Diskussion wirklich getroffen. Was mich als Frau sehr erschüttert hat, dass Frauen und Männer im 21. Jahrhundert immer noch so unterschiedlich bewertet werden." News fragt: "Sie meinen, bei einem männlichen Minister hätte eine Trennung nicht für solche Aufregung gesorgt?" Und Kdolsky erwidert: "Es stellt leider immer noch einen Unterschied dar, ob eine Frau oder ein Mann sich trennt. Bei einem Mann ist es egal, ob er dreimal denselben Anzug an hat, ein bisschen mehr oder weniger frisiert ist, einen Dreitagebart hat oder nicht. Bei einer Frau in meiner Position geht es plötzlich um das optische Erscheinungsbild. Da geht es um meine Frisur, meine Konfektionsgröße und ob ich nach der neuesten Fashion angezogen bin."
Kdolsky hat recht, was die unterschiedlichen Kriterien betrifft, wobei die auf Frauen angewendet dadurch nicht besser werden, wenn sie nun auch für Männer gelten sollen. Zwar bedeuten Anzüge den Vorteil, dass man (n) nicht viel falsch machen kann, sie sind aber sicher langweilige Bekleidung im Vergleich zu jener von Andrea Kdolsky oder Ursula Plassnik. Rein subjektiv sei auch angemerkt, dass es manchen Männern sehr gut steht, etwas zerzaustes nicht glattfrisiertes Haar zu haben und nicht frisch rasiert zu sein. Frau sollte ja auch nichts dagegen einzuwenden haben, wenn auch Männer gut aussehen wollen. Natürlich wird auch weiterhin in die Bewertung einer Frau noch der optische Aspekt einfliessen, statt dass es wie bei Männern nur um Leistung geht. Als Susanne Riess-Passer Vizekanzlerin war, kam nach ihren TV-Auftritten bei Männern nicht bekanntes Feedback per Telefon ins Bundeskanzleramt. Es drehte sich zu 90% um ihr Äußeres, ob das Halstuch passte oder nicht und dergleichen mehr.
Kdolsky stellt auch fest: "Bei einer Frau wird auf einmal die Trennung fast als Todsünde hingestellt, während man bei einem Mann einfach nur sagt: Ja, er hat eine neue Partnerin." Diese Ungerechtigkeit habe sie "verärgert, getroffen und schockiert", was sehr gut nachvollziehbar ist. Als Christin in einer christlichen Partei war sie auch mit einer Unterschriftenkampagne von selbsternannten Moralaposteln konfrontiert, die kein Wort über einen deutschen CSU-Politiker verloren, der hier die Ehefrau hatte und dort die Freundin, von der er nichts mehr wissen wollte, als sie sein Kind zur Welt brachte. Für Ministerinnen müsste das Gleiche gelten wie für Minister, und wenn bei Männern das Privatleben respektiert wird, gibt es keinen Grund, es bei Frauen anders zu handhaben.
Außer man glaubt an doppelte Standards, was im Fall einer Ministerin oder anderen Politikerin bedeutet, dass ihr privates Leben und damit auch ihr Menschsein eingeschränkt wird. Alle anderen Menschen dürfen sich nämlich wie NormalbürgerInnen weiterentwickeln, ohne dass die Person zwingend eingeschlossen werden muss, mit der der Weg bisher beschritten wurde, neu verlieben und neu binden inklusive. Unterschiedlich wird aber auch die politische Arbeit von Frauen und Männern bewertet und, wie bereits erwähnt, der Stellenwert der äußeren Erscheinung. Andrea Kdolsky hat nicht nur beim Umgang mit ihrem Privatleben die Sympathien vieler Frauen hinter sich, sondern auch, wenn sie zu ihrer Figur steht.
Dies bringt sie im Interview etwa so auf den Punkt: "Es schockiert mich eher, dass diese Vorwürfe öfters just von Frauen kommen. Dass darüber medial diskutiert wird, ob ich jetzt Konfektionsgröße 44 oder 46 habe, oder dass ich als plumpes Wesen dargestellt werde, das nicht elfengleich und zierlich über die Sommerwiese läuft, richtet sich von selbst." Schlimm sei aber, was Mädchen da für eine fatale Botschaft vermittelt wird, meint die Ministerin, deren Kampf gegen Magersucht sie kürzlich nach Berlin zur Diskussion mit dem Ministerinnen Ursula van der Leyen und Anette Schavan und mit Alice Schwarzer führte.
Zwar gibt es auch Frauen, die gerade das ebenfalls an Kdolsky imponiert, aber die Kritik vor allem von Frauen ist durchaus vorstellbar. Erklären kann man sie wohl damit, dass Kdolsky es anscheinend leichter hat als Frauen, die sich dauernd irgendwelche Diäten antun: sie macht Karriere und hat sogar einen neuen Freund, der, solche Frauen fassen das nicht, jünger ist als sie! Sprich, all die Mühen, die mit sich selbst überkritische Frauen auf sich nehmen, bringen offenbar nichts. Vor allem zeigt es auch, dass zwar gesellschaftliche Vorstellungen und Medien eine Rolle spielen, es aber letztlich auf die Einstellung jeder Frau zu sich selbst ankommt und auf die Entscheidungen, die sie trifft.
Abgesehen von irgendwie einfach strukturierten oder in Wahrheit beziehungsunfähigen Männern wird keiner behaupten, für ihn käme nur eine superdünne Partnerin in Frage, da aufgrund ganz anderer Eindrücke gewählt wird. Zwar haben Männer wie auch Frauen gewisse Bilder im Kopf, die aber wohl selten dazu führen, sich für eine charakterlich unpassende, vielleicht durchaus superdünne Person zu entscheiden. Dass frau "auch mit Rubensfigur" Erfolg haben kann, hat wohl etwas mit dem Begriff "gstandene Frau" zu tun. Eine Frau, die nur an ihr Gewicht denkt und durch Diäten und permanente Kontrolle auch körperlich schwach wird, kann sich wohl kaum durchsetzen und Power rüberbringen. Und Lebensfreude und Leidenschaft schon gar nicht - das ist Frauen vorbehalten, die das Gewicht haben, das ihrer natürlichen Konstitution entspricht.
Alexandra Bader
Siehe auch Vorweihnachtsgedanken im Blog
und zum "Profil"-Jahresrückblick: Peinliche Frauen, tolle männliche Unternehmer
Doppelstandards werden auch auf die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller angewandt, der fehlende Schwesterlichkeit vorgeworfen wird, als ob bei Politikern jemals Brüderlichkeit gegenüber Männern eingemahnt würde.
Mein
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