Ein Captain der US-Armee bekam am 7. Mai 1945 den Befehl, sich um die Entlausung einer Gruppe von "Displaced People" zu kümmern. Was er vorfand, schildert er in einem Bericht: Er fragt einen Captain nach der Gruppe, der meint, so etwas Schreckliches habe er noch nie gesehen, und ihn zu einem alten Stall bringt, in dem Jüdinnen liegen. Die einstöckige Holzbaracke ist dunkel und mit Unrat angefüllt. "Ein erster Blick auf diese Menschen löste in mir einen tiefen Schock aus, ich konnte einfach nicht glauben, daß man ein menschliches Wesen derart erniedrigen könne, daß es so ausgehungert sein kann, so bis auf die Haut abgemagert, und daß es unter derartigen Umständen noch leben kann." Da die Frauen unter Ruhr litten, waren sie zudem mit Exkrementen beschmiert, zu schwach, um aufzustehen und sich draußen zu entleeren. Er hatte zuerst den Eindruck, es handle sich um 50 bis 70jährige Männer, nicht jedoch um Frauen, teilweise um Mädchen. Die Armee behandelte die Frauen mit Blutplasma und ernährte sie intravenös.
"Während dieser Anfangsphase der Behandlung war der Zustand der Frauen sehr kritisch, und heute, zwei Tage später, ist das noch immer nicht anders. Als Sanitätsoffizier vertrete ich die Ansicht, daß mindestens 50% dieser 118 Frauen innerhalb von 24 Stunden gestorben wären, hätte man sie nicht ausfindig gemacht und bestens gepflegt. Aufgrund meiner Untersuchungen habe ich bei diesen Patienten die folgenden Symptome und Krankheiten festgestellt: 1. extreme Unterernährung 2. Vitaminmangelerkrankungen bei 90% dieser 118 Frauen 3. Bei den meisten von ihnen offene Füße mit einem Lochfraßödem der Kategorie vier plus 4. Schwere Forstbeulen an den Zehen mit trockenem Brand...Ein großer Teil dieser Frauen leidet an schweren Eiterbeulen durch Wundliegen. Etwa 50% leiden an schwerem und andauerndem Auswurfhusten, verursacht durch Lungenleiden..."
Die Frauen sind Überlebende eines drei Wochen dauernden Todesmarsches, der primär von Aufseherinnen aus dem Lager Helmbrechts begleitet wurde, und während dem die meisten erschossen wurden oder erfroren. Die Aufseherinnen waren im Durchschnitt jünger als ihre männlichen Kollegen und haben sich je zur Hälfte freiwillig gemeldet oder wurden dienstverpflichtet. "Sie alle waren Frauen aus der Arbeiterklasse, die nicht der NSDAP angehörten und erst gegen Ende des Krieges Lageraufseherinnen wurden." (Goldhagen)
"Die Beziehungen innerhalb des Wachpersonals waren hervorragend. Obwohl die Frauen erheblich jünger als die Männer waren und in der deutschen Gesellschaft generell einen untergeordneten Status hatten, betrachteten Männer und Frauen einander im allgemeinen als gleichrangig....Unter den Aufsehern entwickelten sich auffallend viele und dauerhafte Liebesromanzen, obwohl sie im Schatten der von ihnen verursachten Grausamkeiten und Leiden lebten." Das eigentliche Gefangenenlager wurde nur vom Lagerkommandanten betreten, der dabei stets von einer Aufseherin begleitet wurde.Ansonsten waren die weiblichen Gefangenen den weiblichen Aufsehern ausgeliefert, die sie brutal behandelten.
Während des Todesmarsches, auf der Flucht vor den herannahenden Alliierten, traktierten die Aufseherinnen die Frauen mit langen Stöcken, da nur die Aufseher Gewehre tragen durften. Sie prügelten die gequälten Frauen, die sich ohne Nahrung und Wasser und ohne warme Kleidung, häufig auch barfuß, durch den Winter schleppten, häufig. Boten DorfbewohnerInnen den Frauen Essen an, so wurden diese auch dafür geschlagen, daß jemand Mitleid mit ihnen hatte. Im Fall dieses Todesmarsches lag sogar ein Befehl Himmlers (der bereits mit den Amerikanern verhandelte) vor, der besagte, die Jüdinnen seien nicht zu töten, die Aufseherinnen sollten ihre Stöcke ablegen. Dies wurde ebenso ignoriert wie der Befehl Himmlers, schließlich alle freizulassen. Von brav Befehlen gehorchenden Mitläuferinnen, die sich nur nicht trauten, gegen ihnen ja eigentlich unmenschlich erscheinende Anordnungen zu befolgen, kann nicht die Rede sein. Umso weniger, als daß niemand bestraft oder gar getötet wurde, der den Dienst in einem Lager nicht mehr aushielt oder der nicht an Mordkommandos teilnehmen wollte (in so einem Fall wurde man versetzt oder entlassen). Die Täterinnen identifizierten sich mit ihrem Handeln ebenso wie die Ehefrauen der Täter mit dem, was die Männer so erzählten, in Briefen schilderten, mit Fotos dokumentierten oder wobei sie ihnen oft auch zusehen konnten.
Infos: Daniel Jonah Goldhagen, "Hitlers willige Vollstrecker"
Alexandra Bader
Mein
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