Ché Guevara, geboren 1928 in Argentinien, ermordet 1967 in Bolivien, wäre am 14. Juni 2003 75 Jahre alt geworden. Anlass unter anderem für die Wiener Floridita-Bar, einiges zum Gedenken zu veranstalten. Nach einem Geburtstagsfest gab es die Eröffnung einer Ausstellung mit Fotos von Raúl Corrales in der Kunsthalle am Karlsplatz, selbstverständlich in Anwesenheit des Künstlers, der eifrig Plakate signierte. Bei Mojitos konnten mehr und weniger berühmte Aufnahmen bestaunt werden: vom damals 29jährigen Chè in Kampfmontur, von Fidel Castro mit Hemmingway, von durch den Urwald ziehenden Rebellen, darunter auch eine Frau.
Bereits am 14. Mai (Geburtstag laut Biograf Jon Lee Anderson) feierte die deutsche "taz" Chés Geburtstag, unter anderem in einem Interview mit Jean Ziegler, der Guevara im Jahr 1964 in Genf begleitete:"Comandante, ich möchte mit euch gehen". Ziegler bewunderte Ché, fand seine Begeisterung jedoch nicht erwidert, auch weil Ché "Schwierigkeiten mit Menschen" hatte. Ziegler wollte sich der Guerilla anschliessen, doch Ché erteilte ihm eine Abfuhr und meinte, er müsse in der Schweiz gegen "das Gehirn des Monsters", also Banken und Co. kämpfen. Er hatte damit recht, doch Ziegler fühlte sich "natürlich tödlich beleidigt". Ziegler meint mit dem Franzosen Règis Debray, der mit Guevara gekämpft hat, dass Castro irrigerweise als kalter Diktator, Guevara aber als warmherziger romantischer Held dargestellt wurde. Im persönlichen Umgang war Fidel jedoch immer herzlich und aufmerksam, Ché aber distanziert, also ein Mann, den man(n) respektiert, mit dem man aber nicht Freundschaft schloss.

Ziegler reiste dann auch dem letzten Weg Guevaras in den bolivianischen Urwald nach. Er stellte fest, dass die Guerilla einmal an einen Punkt kam, wo sie leicht verschwinden hätte können, doch Ché befahl dort, umzukehren. Für Robert Misik, der in österreichischen Zeitungen meist offizielle amerikanische Versionen zu imperialistischen Kriegen verbreitet, ist Ché ein "Kalter Posterboy der Revolution". Auch er zitiert Debray, nach dem eine "unendliche innere Distanz" zwischen Ché und seinen Leuten bestand. Die Symbolfigur sei "unsympathisch und bewundernswert"gewesen. "Sehr herrisch" nannte ihn Alberto Korda, der das bekannteste aller Chè-Bilder aufnahm. Ché wurde bald zur Ikone und ist nun, siehe Flaggen und T-Shirts bei den (von Misik offenbar misstrauisch beäugten) Friedensdemonstrationen, wieder in Mode gekommen.
Sein Mythos sei nicht gering "Selbstmythologisierung", meint Misik, der dabei jedoch vergisst, dass Ché sich selbst etwa zwei Jahre vor seinem Tod in einem Brief an die Eltern mit Don Quijote verglich. Sein Weg ist, was Misik zu Recht kritisiert, gepflastert mit Leichen, da Guerillatruppen im Erschiessen von Feinden nicht zimperlich waren. Ebenso wenig wie ihre Gegner, wobei der Kampf der Rebellen im Kontext ausbeuterischer Oligarchen und fremder Interessen vor allem der USA gesehen werden muss. Es fragt sich, ob unter diesen Bedingungen jemand Chancen für das sehen konnte, was wir heute friedliche Konfliktlösung nennen. Noch dazu wuchs Ché in Argentinien auf, wo es praktisch am laufenden Band Diktaturen gab. Seine Eltern waren von der Herkunft eher dazu prädestiniert, der herrschenden Schicht anzugehören, verloren jedoch ihr Geld in glücklosen Plantagen-Unternehmungen. Die Mutter Celia gab sich zudem Schuld daran, dass Ché mit zwei Jahren seinen ersten Asthma-Anfall hatte, weil sie ihn bei kaltem Wetter zum Schwimme mitnahm.

Castro und Hemmingway
Sie band ihn sehr stark an sich, wodurch sich Vater Ernesto und die anderen vier Kinder vernachlässigt fühlten. Chés politische Einstellung geht, so nachzulesen unter anderem in Daniel James "Ché Guevara - Mythos und Wahrheit eines Revolutionärs", vor allem auf Celias Einfluss zurück. Sie brachte ihrem Sohn nicht nur Französisch bei und unterrichtete ihn, als er wegen des Asthmas nicht zur Schule gehen konnte, sondern vermittelte ihm auch ihre Vorstellungen, die immer weiter nach links tendierten. Für Misik endet dies alles in einem Revolutionär, der die Sowjetunion wegen einer zuwenig konsequenten Haltung in der Kuba-Raketenkrise von 1962 kritisierte. Er selbst hätte wohl Atomsprengköpfe über New York gezündet. - Als Ché 1967 in Bolivien gefangengenommen wurde, lag seine Zeit als Minister in Kuba zurück, und ihm war sicher klar, dass ihn ein Schicksal erwartet, welches er immer wieder auch anderen zuteil werden liess.
Am 9. Oktober wurde er vom bolivianischen Militär hingerichtet, nachdem er mindestens im Beisein von Vertratern der CIA verhört worden war, wenn er nicht, wie manche behaupten, auf deren Betreiben gejagt und exekutiert wurde. Und welche Rolle spielten eigentlich Frauen bei all dem heute wieder so gerne zitierten Revolutionsmythos? Auf einem der Fotos von Corrales sehen wir eine Kämpferin, doch ansonsten scheint es eine Männerwelt zu sein. Die allerdings real kaum länger ohne Frauen funktionieren kann, schon allein, weil jemand Kinder versorgen muss und sich um Nahrungsmittel kümmert. Als kämpfende Frau berühmt würde Tamara (Tania) Bunke, eine kubanische Agentin, deren Jeep im März 1967 mit Dokumenten entdeckt wurde, aus denen die Polizei Chés Operationsbasis erkennen konnte.

eines von Corrales`Ché-Porträts
Tamara Bunke wurden nicht nur Einrichtungen in der DDR und in Kuba gewidmet, auch heute noch werden Projekte nach ihr benannt. Eine Internetsuche ergibt vor allem spanischsprachige und russische Seiten, die sich mit ihr befassen, aber auch ein paar Quellen auf Deutsch: Bunke Bider, Haydée Tamara klingt nach biografischen Daten, die da wären: Sie wurde am 19.11.1937 in Buenos Aires geboren, als Tochter deutscher Kommunisten, die vor dem Faschismus geflohen sind (allerdings nicht gerade in das richtige Land, denn in Argentinien hatte der Faschismus mehr Zuspruch als sonstwo in Lateinamerika). Tamara lebte von 1952 bis 1961 in der DDR und dann drei Jahre in Kuba. "War in La Paz, Bolivien, für die Guerilla tätig. Von der bolivianischen Armee am 21. 3. 1967 enttarnt, kämpfte sie daraufhin in der Guerilla an der Seite Che Guevaras. Gefallen in Puerto Mauricio am Rio Grande am 31. 8. 1967, sieben Tage später wurde ihr Körper am Ufer des Rio Grande gefunden."
Wir erfahren ausserdem, dass sie als kleines Kind Tamarita gerufen wurde, aber nur "Ita" aussprechen konnte, sodass sie auch zu einem kurzen Namen kam, den sie ihr Leben lang beibehielt. Auch in der DDR hatte sie stets Sehnsucht nach ihrer Heimat und traf 1960 erstmals auf Ché Guevara, der als Leiter einer kubanischen Wirtschafts- und Handelsdelegation nach Berlin kam. Bei einem Treffen zwischen Ché und StudentInnen arbeitete Tamara erstmals als Dolmetscherin für ihn. Die Mutter Nadja Bunke meint dazu, dass sie und ihr Mann erst viel später erkannten, wie wichtig diese Begegnungen für Tamara waren. Tamara lebte in der DDR zuerst bei Heinrich Byl, einem Freund ihrer Eltern, dessen Söhne der 14jährigen die Umstellung erleichtern, auch weil sie nur unvollständig Deutsch konnte. Von Tamara sind Briefe an die Eltern erhalten, die sie dann später aus Kuba schrieb, wo sie sich über Alltagskram wie Kochen und den Dank für Geburtstagsgeschenke auslässt.
Doch sie schreibt auch wie 1961 nach dem amerikanischen Invasionsversuch in der Schweinebucht: "Hier hat niemand Angst, alles läuft normal, keiner sorgt sich darum (wenn auch alle zur Verteidigung vorbereitet sind). Die Hauptaufgabe: die Zuckerernte, die Erhöhung der Produktion. (obrero, tu máquina también es tu trinchera - la campana de alfabetización / Arbeiter, deine Maschine ist dein Schützengraben - die Kampagne der Alphabetisierung). Menschen, die Tamara in Kuba kennenlernten, beschreiben sie als blond, charakterstark, ungewöhnlich reif für ihr Alter. Eine heutige Musiklehrerin erinnert sich, dass Ché und Tamara einmal in zwei Brigaden arbeiteten und diese sich gegenseitig zum Wettbewerb herausforderten.
Der 1969 ermordete bolivianische Guerillero Inti meinte: "Tania ist ein Beispiel für alle Frauen und unterstreicht ihre Bedeutung im revolutionären Kampf. Auf unserem Kontinent, wo noch viele feudalistische Vorurteile gegenüber den Frauen herrschen, hatte sie die Schranken durchbrochen und den Platz eingenommen, dessentwegen wir ihrer heute in Liebe gedenken. ... Sie ist heldenmütig für Lateinamerika gefallen; aber sie lebt weiter als Beispiel einer mutigen, wahrhaft revolutionären Frau. .... Sie - eine feinfühlige Frau, Tochter von Kommunisten, selbst Kommunistin in ihrem Auftreten und Handeln - war sich der Pflicht bewusst, aktiv am revolutionaeren Prozess unseres Kontinents teilzunehmen. In ihr verschmolzen der Einfluss Europas und Lateinamerikas."
In Bolivien trat sie als Laura Gutiérrez auf und schrieb in der Vorbereitung darauf an ihren Vorgesetzten in Kuba, dass sie das Aufrechterhalten ihrer Identität bis in kleinste Details beschäftigt. Sie müsse sich Mühe geben, "die Persönlichkeit" nicht zu verwechseln: "Die ersten Male fragte ich mich selbst verwundert, wenn ich einen dieser 'Augenblicke' durchzustehen hatte: Wie kannst du so ruhig sein, als wärest DU es wirklich, als wäre es Wahrheit, als wäre es legitim? Einerseits sorge ich mich um die bedeutendsten Probleme, denke und denke, finde Tausende von Kleinigkeiten, die mich verraten könnten und unsere Arbeit zunichte machen würden, und zugleich bemühe ich mich, ihnen entschieden entgegenzutreten, mit richtigen Antworten und so weiter, obwohl es oft schwer ist, sie zu finden, oder weil es keine gibt."
"Tania la Guerillera" ist ein 1991 entstandener deutsch-schweizerischer Dokumentarfilm von Heidi Specogna. Darin werden Tamaras Tagebuchnotizen und Briefe zitiert. GegnerInnen und MitstreiterInnen kommen zu Wort und die alljährliche Gedenkfeier am Tag der Gefangennahme Guevaras (8.10.1967) im bolivianischen Dorf La Higuera wird besucht. Den Infos zum Film entnehmen wir, dass Tamara unter der wenige Wochen vor Chés Tod erschossenen Nachhut der Guerilla war, jedoch erst Monate später die wahre Identität der weiblichen Toten mit dem Partisanennamen Tania la Guerillera bekannt wurde. Sie arbeitete in Kuba als Lehrerin, nachdem sie in der DDR Dolmetscherin geworden war, "durchläuft aber auch eine militärische Ausbildung und wird von Ché Guevara ausgewählt, um am Guerillakrieg in Bolivien teilzunehmen.

Raúl Corrales signiert massenhaft Plakate
Unter falschem Namen wird sie nach Bolivien geschickt, um Kontakte zum dortigen Regierungapparat aufzubauen. Die Aufgabe ist gefährlich, sie muß weitgehend selbständig und ohne Unterstützung arbeiten, weshalb sie, abgeschnitten von direkten Informationen, auch an ihrem Auftrag, nicht aber an ihren revolutionären Idealen zweifelt. Gegenüber ihren Eltern hatte sie ihren Geheimauftrag verschwiegen." Zwei Jahre vor ihrem Tod fragte sie schreibend: "Wird mein Name eines Tages nichts sein? Werde ich nichts zurücklassen auf dieser Erde?" Das Buch "Tania la guerrillera involvidable", erschienen 1970 in Kuba, machte sie im Titel unsterblich. "Die erste deutsche Ausgabe erschien 1973 im Militärverlag der DDR", erfahren wir, und inzwischen gibt es eine Ausgabe des Dietz-Verlages, die Tamaras (jüdischer) Mutter Nadja zu verdanken ist. Im Buch wird Tamara als auch im praktischen Leben revolutionär Handelnde beschrieben, da sie in Kuba ihre grössere Wohnung gegen die kleinere einer Familie mit Kindern tauscht, ebenso den grösseren Kühlschrank gegen einen Kleineren.
"Wichtig ist die Aktualisierung des Buches über Tamaras Leben durch Gegen-Dokumente, die die seit dreißig Jahren von der bourgoisen Sensationspresse kolportierte Version von der dreifachen Agentin widerlegen. Es wird dokumentiert, daß sie nicht Mitarbeiterin oder Angeworbene des MfS der DDR und des sowjetischen KGB war Sie war eine Kämpferin für Gerechtigkeit und Humanismus, die sich aus innerer Überzeugung in die Guerrillero-Gruppe Che Guevaras einreihte. Wenn heutzutage Zweifel aufkommen, ob bewaffneter Partisanenkampf ein unterdrücktes Volk dazu mobilisieren kann, seine Unterdrücker zu verjagen und die Freiheit zu erringen, so wird die Antwort immer nur örtlich und zeitlich bedingt gegeben werden können. Über alle Zweifel erhaben aber bleiben Entschlossenheit und Mut, das eigene Leben für die Befreiung der Unterdrückten eingesetzt zu haben. Am 31. August 1967 starb Tania la Guerrillera in Bolivien für Gerechtigkeit auf unserer Erde."
Nunja, es verwundert zumindest doch, dass Bunke so schnell Zugang zu wichtigen Kreisen in Bolivien erhielt, was ohne kräftige Nachhilfe anderer Kräfte als jener Kubas kaum denkbar ist. Übrigens wurden Tamaras Überreste erst im September 1998 in den bolivianischen Bergen entdeckt. Sie wurde im Dezember desselben Jahres im Beisein ihrer Mutter im kubanischen Santa Clara in einem Memorial für Guevara und seine Guerilla beigesetzt. Neben Zeitzeugen wie Fotograf Raúl Corrales können auch andere von "damals" erzählen, so Chès Sohn Camilo Guevara , der zur Ausstellung nach Wien kam, der allerdings beim Tod des Vaters erst fünf Jahre alt war. Er kann jedoch wiedergeben, was ihm Mutter Aleida so alles erzählt hat.
Corrales wiederum wurde 1925 in Kuba geboren und lernte Fotografie, um dann für eine Filmagentur zu fotografieren. Als diese geschlossen wurde, arbeitete er als Fotoreporter und begleitete schliesslich von 1959 bis 1961 Fidel Castro, sodass er die erste Phase der Revolution dokumentierte. Die Bilder aus dieser Zeit zeigen nicht nur den "Aufstand der Massen", sondern porträtieren auch Ché Guevara in einer Weise, die uns heute typisch erscheint. Die Fotos von Alberto Korda (1928-2001) sind freilich ausserhalb Kubas bekannter, auch weil sie sich besser zum vielfachen Reprint auf Posters eignen, während Corrales' Bilder komplexer sind. Corrales selbst meinte einmal scherzhaft: "Ich bin der bessere Fotograf, aber Korda ist der berühmtere.
(K)ein Interview mit Camilo Guevara
"Kapitalistische Medien" sollen einen gemeinsamen Termin wahrnehmen, lässt Camilo Guevara ausrichten, "nichtkapitalistischen" steht er auch "einzeln" zur Verfügung. Das klingt ja nach einem Vorteil für ein Non-Profit-Medium, sodass wir uns über eine Interviewzusage freuen können. Ein Termin wird für den 19. Juni 2003 um 11 Uhr im Café Eiles vereinbart. Übersetzen wird jener Journalist, der die Pressekontakte koordiniert, und ich muss Aufnahmegerät organisieren und die Verteilung unserer Kameras checken. Aufgrund des Interviews besuche ich auch nicht die Veranstaltung am Vorabend im Republikanischen Club, weil ich mich mit Infos über die kubanische Revolution vorbereiten möchte.
Was die städtische Bücherei zum Thema auf Lager hat, wurde zuerst online recherchiert und am Abend des 17.Juni abgeholt, sodass es eigentlich zwei Abende Vorbereitung als Freizeitvergnügen wurden. Ebenfalls als sinnvolle Freizeitbeschäftigung sollte dann das Interview stattfinden, für das ich die Fragen erst vor Ort zusammenschreibe. Und mehr als das, denn ich warte...und warte...und warte. Nach einer dreiviertel Stunde trifft dann der Pressebetreuer etwas ausser Atem ein. Er hatte meine Handy-Nummer vergessen - und mir seine gar nicht gegeben, weil wir "eigentlich" eh alles per Mail vereinbart hatten. Er wollte Camilo Guevara und seine Betreuerin so vom Hotel auf der "Insel" abholen, dass sie pünktlich im Eiles sind. Es wurde eine lange Nacht nach der Abendveranstaltung, erklärt er, es soll bis sechs in der Früh gegangen sein.
Camilo Guevara war zwar wach, aber nicht bereit, mitzukommen. Es schien ihn nicht zu kümmern, dass etwas vereinbart worden ist. Der Journalist zog nach mehreren Versuchen los, um mich zu informieren. Alternativangebot gab es keines, gar nichts, findet einfach nicht statt. Ich habe nun die Nummer vom Hotel und lasse ausrichten, dass ich Verständnis für ein Verschieben auf später am Tag hätte, aber nicht Erscheinen und keine Entschuldigung als "Frechheit" betrachte. Nach ein paar Stunden ruft mich ein Exilchilene an, der sich eigenen Angaben zufolge als "halber Kubaner" fühlt und der Camilo Guevara nach Wien eingeladen hat. Er hatte den Eindruck, sein Gast sei "schlicht kaputt", den er habe sich inzwischen nicht gerührt. Offenbar warten ein paar Menschen geduldig in der Lobby des Hotels oder sonstwo. Camilo Guevara sei zwei Tage zuvor über Madrid und Zürich nach Wien geflogen, mit Familie.
Mit Familie? Notiere ich in Gedanken, während ich versuche nachzuempfinden, was eine solche Reisestrecke für die Kondition bedeutet. Stimmt, in einem relativ neuen Buch über Frauen in Kuba habe ich gelesen, dass eine bekannte Schriftstellerin nie mit Tochter ausreisen darf, damit sie auch wieder nach Hause kommt. Camilo Guevara hatte nach dieser Anreise "ein Interview nach dem anderen", wohl mit "kapitalistischen Medien", die eigentlich nur en bloc mit ihm sprechen sollten. Und dann wurde es auch sehr spät im Republikanischen Club. Und die Übersetzerin war sehr gut, brachte aber doch nicht alles so rüber wie Guevara es auf Spanisch gesagt hat.
Offenbar spielen derlei Nuancen eine besondere Rolle im Umgang mit "nichtkapitalistischen Medien", obwohl diese eher vorurteilsfrei agieren und sich auf solche Interviews sicher nicht schlechter, vielleicht sogar besser vorbereiten als jene, die im "kapitalistischen Bereich" journalistisch tätig sind. Jedenfalls machte mir bei der Ausleihe in der Hauptbibliothek niemand Konkurrenz :-). Der Gastgeber hat Angst, dass ich ein schlechtes Bild von Kuba und ganz Lateinamerika bekomme, obwohl ich betone, nur Camilo Guevara für sein eigenes Verhalten verantwortlich zu machen. Ich meine, es sei auch deswegen schade, weil sich bisher noch jede/r InterviewpartnerIn authentisch wiedergegeben fühlte. Gerade wenn beklagt wird, dass viele Klischees im Kopf haben, wenn sie an Kuba danken, wäre das doch eine Chance gewesen.
Allerdings hätte ich auch auch Fragen gestellt, die sich für mich aus dem vor einem Monat publizierten Amnesty-Jahresbericht ergeben. Und wissen wollen, warum Guevara offenbar jedwede Zivilgesellschaft in Kuba als von den USA gelenkt betrachtet, wo doch überall nicht regierungstreue Menschen sind, die sich der Gefahr solcher Einmischungen bewusst sind. Guevaras Gastgeber meint, die verhafteten 75 Dissidenten, auf die sich Guevara in einem Interview mit dem Online-Standard bezieht, hätten tatsächlich Umsturzpläne gehabt, es sei auch einiges bei ihnen gefunden worden. Wenn dem wirklich so ist, so ist das etwas, das kein Land der Welt duldet, da ja auch in Österreich z.B. Neonazis mit Waffenlager und Umsturzplänen verhaftet werden.
Aber erstmal ein paar Infos: Aleida March, Mutter von Camilo, Aliusha, Ernesto und Celia, sprach erst 1996 über ihre Erfahrungen, und zwar mit dem Autor Jon Lee Anderson, der für seine Ché-Biografie mehrere Jahre mit Familie in Kuba lebte. Wie hielt sie das aus, wäre doch eine interessante Frage, auch da sich Ché - in einem Brief an seine Mutter - als Einzelgänger bezeichnete: "Ich habe weder Zuhause noch Frau, Kinder, Eltern oder Geschwister. Meine Freunde sind die, die politisch so denken wie ich, und trotzdem bin ich zufrieden." Das letzte Bild von Ché mit Frau und Kindern stammt aus dem Jahr 1965, sodass Camilo seinen Vater zuletzt sah, als er drei Jahre alt war. (Später dann traf ein fast bis zur Unkenntlichkeit veränderter Guevara vor der Reise nach Bolivien unerkannt die jüngeren Kinder, vermied jedoch die Begegnung mit der 1955 geborenen ersten Tochter Hildita, die zu gross war, um noch getäuscht zu werden.)
Jon Lee Anderson beschreibt in seinem Buch auch, wie sehr Guevara das spätere Leben seiner Familie beinflusste: so wurde gegen die in Argentinien lebenden Geschwister und den Vater 1976 eine Kampagne geführt, sodass der Vater mit seiner zweiten Frau nach Kuba auswanderte, wo er 1987 starb. Die Söhne Camilo und Ernesto wurden vom KGB in Moskau ausgebildet, und Aliusha wurde Ärztin wie ihr Vater und war bei den Einsätzen internationaler Brigaden dabei. Der Biograf bezeichnet sie als "Wortführerin der Familie", während Aleida lange Jahre Abgeordnete im Kongress der Kommunistischen Partei Kubas und in der Frauenvereinigung tätig war. Sie widmet sich nun der "Casa del Chè", dem Haus, indem sie wohnten und das im damaligen Zustand samt Chés Arbeitsplatz und Büchern erhalten ist. Camilo Guevara vertritt das Zentrum für Chè-Studien, welches auch im Web präsent ist.

erster Geburtstag von Camilo Guevara
Aus seinem Interview im Standard online ergeben sich weitere Ansatzpunkte: so spricht er von einer tagtäglichen Radikalisierung der Bevölkerung in Lateinamerika, erwähnt auch den Widerstand führender Politiker und Präsidenten gegen den Neoliberalismus und meint, Kuba sei ganz vorne dabei gegen das Vormachtstreben der USA (was sich historisch ergeben hat, da nachdem anfänglich die Beziehungen zwischen dem revolutionären Land und den Vereinigten Staaten nicht klar waren, schliesslich die Weichen in Richtung Anbindung an die Sowjetunion gestellt wurden). Da wäre doch interessant, wie Camilo Guevara die Beziehung zur globalisierungskritischen Bewegung auch in westlichen Ländern sieht. Oder wird dies in Kuba weniger reflektiert, nachdem sich die staatlichen Medien derzeit eher lobend auf Venezuelas Präsident Chavez beziehen?
Die weltweiten Proteste gegen den Irakkrieg wurden zwar registriert, doch meint Guevara pessimistisch, dass sie doch nichts helfen würden, da die USA am Ende ihre Interessen durchsetzen. Und wie wäre dieser Krieg wohl ohne diesen Widerstand geführt worden - wie 1991 mit über 100.000 Toten oder wie jetzt mit "nur" mehreren tausend Toten siehe Body Count? Guevara fürchtet jedenfalls schwere Zeiten, da die USA alte Rechnungen begleichen, mit dem Iran und mit Kuba. Die Spannungen zwischen der EU und Kuba haben weniger mit dem Umgang mit Dissidenten zu tun als mit der Uneinigkeit innerhalb der EU in der Haltung gegenüber den USA. Die Opposition in Kuba soll jedenfalls von den USA finanziert sein und von ihnen angewiesen werden.
Da lohnt nun der Blick in den Jahresbericht von Amnesty, was online vor dem vereinbarten Termin (zu dem Guevara ja leider nicht erschienen ist) möglich war. Die Todesstrafe besteht in Kuba weiterhin, wird für das Jahr 2002 festgestellt, wobei sie jedoch seit 2001 per Moratorium ausgesetzt ist, das Bestand zu haben scheint, obwohl es weiterhin Todesurteile gibt. In den USA wurden im selben Jahr 69 Männer und 2 Frauen hingerichtet, womit wir den Feind Kubas etwas ironisch zwischen Kuba und China einreihen können. Allerdings wurden inzwischen drei Entführer einer Fähre hingerichtet, was dann wohl im Bericht für 2003 stehen wird. Das US-Handelsembargo, dessen Aufhebung die Vereinten Nationen alljährlich vergeblich und fast einstimmig fordern, habe Auswirkungen auf die Menschenrechte, meint Amnesty.
In den USA selbst werde nun in bisher nicht gekanntem Ausmass die Aufhebung des Embargos verlangt. Die UN-Menschenrechtskommission habe im April 2002 eine "relativ verhaltene" Resolution zu Kuba beschlossen. Positiv wird vermerkt, dass mit Ex-Präsident Carter erstmals seit 1959 ein wichtiger Politiker aus den USA Kuba besucht habe. Kuba wiederum protestiert, auch das nicht neu, gegen die Nutzung von Guantánamo Bey durch die USA, was ein Überbleibsel des Platt-Amendment von 1901 darstellt, durch die das Land damals eine Art Scheinunabhängigkeit erhielt. Darin war unter anderem vorgesehen, dass die Vereinigten Staaten nach eigenem Gutdünken zur "Verteidigung" Kubas einschreiten können. Bis auf Guantánamo als Stützpunkt wurde das Amendment in den Jugendjahren Fidel Castros aufgehoben.
Amnesty vermerkt, dass den USA die Nutzung kubanischen Luftraums als Geste guten Willens und Beitrag zum "Kampf gegen Terror" gestattet wurde. Nachdem sich ein Gutteil des Berichts zu den USA mit Menschenrechtsverletzungen an in Guantánamo festgehalteten Taliban-Kämpfern befasst und Camilo Guevara so gerne allen anderen Kotau vor den USA vorwirft, ergibt sich daraus eine interessante Frage: Warum leistet Kuba durch die Öffnung des Luftraums einen Beitrag zu US-Menschenrechtsverletzungen? Schliesslich berichtet Amnesty, dass mehr als 600 Ausländer am Stützpunkt ohne Anklage, Gerichtsverfahren, Kontakt zur Familie und rechtlichen Beistand festgehalten werden. Im Zuge von "Kampf gegen Terror" werden auch andere Gefangene in US-Einrichtungen im Ausland ähnlich behandelt, zumal "Anlass zur Sorge" bietet, dass "über den Aufenthaltsort einiger von ihnen" keine Auskunft gegeben wird. Amnesty wurde bislang auch nicht gestattet, die Gefangenen in Guantánamo zu besuchen.
Da Amnesty den Eindruck einer relativ breiten zivilgesellschaftlichen Bewegung in Kuba erweckt, stellt sich die Frage, ob das wirklich alles von den USA initiiert und gelenkt ist (klar haben sie überall ihre Pfoten drin, wo es gegen Regierungen geht - aber RegierungskritikerInnen kann nirgendwo per se unterstellt werden, naiv und sich solcher Gefahren nicht bewusst zu sein). Immerhin wurde in Kuba öffentlich über eine Menschenrechtscharta diskutiert, woran sich mehr als 10.000 Menschen beteiligten. Im Varela-Projekt, das auch Carter unterstützt, wird ein Referendum über mehr Freiheitsrechte gefordert. Es gibt weitere politische Häftlinge, als gewaltlose politische Gefangene bezeichnet.
Da zu Guevaras Freundeskreis auch regimekritische Künstler gehören, wäre doch interessant, ob er diesen Bewegungen wirklich so stereotyp ablehnend gegenübersteht, wie er im Online-Standard vermittelt. Es fragt sich auch, welche Rolle die Öffnung durch den Tourismus spielt, dessen Einnahmen ja die Situation der Menschen verbessern sollen, die es nach dem Wegfall der sowjetischen Unterstützung Anfang der 90er Jahre besonders schwer hatten. Manche meinen, wenn das US-Embargo aufgehoben werde, trete die paradoxe Situation ein, dass es Castro zu Fall bringt. Was würde da nach Einschätzung von KubanerInnen passieren? Schliesslich auch: wie weit ist die kubanische Gesellschaft gleichberechtigt, was Frauen und Männer betrifft? Die politische Vertretung von Frauen ist nicht rasend toll, da sie unseren Prozentsätzen entspricht....
Text: Alexandra Bader
Noch mehr bei uns:
The Motorcycle Diaries - Che im Film
Frauen um Che Guevara
Infos: Granma, kubanische Tageszeitung, benannt nach jenem Boot, mit dem Fidel und Raúl Castro, Ché Guevara und Co. heimlich von Mexiko nach Kuba zwecks Aufstand fuhren (es gibt auch die Granma Internacional ist). Wir kommen über Links auch zu einer Sonderseite zum 11. September. Und was ist mit Frauenmagazinen? Da gibts die Mujeres Online, mit Historischem, Politischem (jeweils auf Kuba bezogen), Tipps in Familienangelegenheiten und vielen Infos über Pflanzen.
Mein
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