"Die Scham ist vorbei" war einer der feministischen Klassiker, in denen Frauen in Europa von ihrer eigenen Bewusstwerdung berichten. Als Anja Meulenbelt sich emanzipierte, gab es vor allem (bzw. fast ausschliesslich) Bücher aus den USA. Eines der ersten, über das sie etwas schreiben soll, war "Our Bodies, Our Selves" ("Unser Körper, unser Leben") vom einem Frauenkollektiv verfasst und de facto ein Vorläufer von Gender Medizin.
Doch Anja Meulenbelt, geboren 1945 und heute sozialistische Abgeordnete in den Niederlanden, beginnt ihren Weg sehr weit weg von Frauengruppen. Das "Hungerwinterkind" untergetauchter Eltern, deren Hintergrund teils bürgerlich, teils proletarisch ist, leidet darunter, dass sie als intelligent, aber nicht hübsch gilt. "Sie hat auf jeden Fall Persönlichkeit", meint ihr Vater, und sie fasst es nicht als Lob auf. Ihre Eltern heirateten zu früh, ebenso die Mutter ihrer Mutter, und ebenso Anja selbst, nachdem sie Toni, ein Verehrer aus dem Urlaub in Österreich, besuchen kommt und schwängert.
Zuvor schrieben sie sich Briefe, beide in fehlerhaftem Deutsch, wie sie später erkennt. Anja ist zwar erst 16, sieht aber die Schwangerschaft als Weg zur Unabhängigkeit von den Eltern. Sie beendet die Schule nicht und muss erkennen, dass sie durch nichts auf ihr Leben als Hausfrau vorbereitet wurde. Toni, der Schiffsmonteur ist, arbeitet für deutsche Firmen und ist viel unterwegs. Anja lebt in wechselnden fremden Städten in kleinen, kalten Wohnungen und kann sich nur an Einsamkeit und dauerndes Windelwechseln erinnern. Toni will, wenn er zuhause ist, nicht von Sohn Armin "belästigt" werden; Anja wagt es kaum, ihm das Kind kurz zu überlassen aus Angst, er werde es schlagen.
Schliesslich schlägt Anja, deren Selbstbewusstsein nahezu auf Null reduziert ist, Toni einen Handel vor: er willigt in die Trennung ein, wenn es zwei Monate lang dreimal pro Woche Sex gibt (der für Anja eher qualvoll ist). Dennoch hat Anja auch danach Angst, er könne ihr das Kind wegnehmen, da Armin die österreichische Staatsbürgerschaft hat und es kein Auslieferungsabkommen zwischen Holland und Österreich gibt. Wenn es ihm gelingt, Armin zu entführen, sieht sie ihr Kind wohl nie wieder. Tatsächlich lungert Toni um das Haus ihrer Eltern herum, wo sie das Gästezimmer bewohnt, und versucht einmal auch, einzusteigen.
Heute würde man dies Stalking nennen, doch damals war im privaten Rahmen ausgeübte Gewalt Privatsache. Anja hatte schon nach der Geburt Angst um ihren Sohn, da Toni ihr vorschlug, ihn doch schmerzlos mit Schalftabletten zu töten. Während der furchtbaren Ehe (die sich wohl kaum von dem unterschied, was auch heute noch viele Frauen erleben) begann Anja, Tagebuch zu schreiben, und hielt sich für depressiv. Gemessen an dem, was junge Frauen erwarten konnten, war doch alles "normal", dachte sie und meinte auch, sie müsse glücklich sein.
Anja erfährt, dass sie auch ohne Abitur an der Fachhochschule für Sozialarbeit zu studieren beginnen kann, und stürzt sich mit Engagement in die Kurse. Sie merkt, dass man ihr zuhört, und blüht auf (wobei sie mit wenig Geld in einer kleinen Wohnung über einer Tischlerei lebt und ein Zimmer vermieten muss). Sie freundet sich mit dem scheinbar so anderen Jonas an, der ebenfalls Sozialarbeiter werden will. Freilich stellt sie bald fest, dass es ihm immer dann gut geht, wenn sie nicht so toll drauf ist. Im Zuge eines Berufspraktikums arbeitet sie für ein paar Wochen in einer Fabrik und merkt, dass die jungen Frauen dort alle von Ehe und Kindern als Ausweg träumen, während die älteren zurückgekommen sind, weil es zuhause viel schlimmer ist.
Nach Jonas hat Anja zunächst viele wechselnde Freunde und merkt, dass alle unter dem Deckmantel von sexueller Freiheit Frauen austauschbar behandeln. Bei Fans der Black Panthers ist es gar so, dass Sex mit einer "weissen Frau" den Status des Individuums erhöht. Sie arbeitet nach Beendigung der Ausbildung in einem Musikclub, der zwar oft mehr als tausend BesucherInnen hat, dessen kultureller Anspruch aber bald im Kampf gegen das Dealen im Lokal untergeht. Anjas Lover stammen nun aus der Subkulturszene, meist sind es Amerikaner, die vor ihrer Heimreise noch bei ihr übernachten und ihr etwas zum Abschied schenken. Diese entstammen, bemerkt sie sarkatisch, offenbar einer Serienproduktion, da alle dunkle Haare und einen hängenden Schnauzbart haben.
Im Club wird Anja die Kündigung nahegelegt, als sie einmal einen Künstler umarmt, bei dem sie auf eine engere Beziehung hoffte. Dies, obwohl zwei ihrer Kollegen permanent jede Frau flachlegen, derer sie habhaft werden können. Auch im linken, marxistisch-leninistischen Milieu merkt sie, dass mit zweierlei Mass gemessen wird. Sie ist die einzige Frau in einer Gruppe, die sich auch bei einem der Männer privat trifft. Dessen Frau bedient die Anwesenden, ohne sich dazuzusetzen und ist damit zufrieden, wie ihr Mann meint. Allerdings sind die "Schulungen" der Gruppe ohnehin tödlich langweilig, da "niemand lacht oder je über sich selbst spricht".
Anja Meulenbelt heute
Das Persönliche ist noch nicht politisch, auch weil sich viele Frauen noch nicht von Frauengruppen wie der "Dollen Minna" angezogen fühlen und meinen, doch selber eh alles auf die Reihe zu kriegen und emanzipiert zu sein, auch Anja. Freilich erkennt sie bald, dass sie ihr Selbstwertgefühl von Beziehungen ableitet, und ist verzweifelt, als ein Mann, der anders zu sein scheint, zwischen ihr und seiner Freundin schwankt. Kurzfristig verbündet sie sich mit dieser Frau, damit er sie nicht mehr gegeneinander ausspielen kann, aber bald leiden wieder beide unter seiner Unentschlossenheit. Er löst das "Problem" in typischer Weise: als er in Deutschland arbeitet, meldet er sich einfach nicht bei Anja, als er wieder da ist, wird aber mit der anderen Frau gesehen, sodass Anja von ihm nichts mehr wissen will.
Anja landet doch bei den "Dollen Minnas" und erlebt dort, dass im Kollektiv publiziert wird, ohne Namensnennung, da die Erfahrungen einzelner Frauen für alle sprechen. Alles wird gedruckt, wenngleich über Texte beraten wird. Sie wurde, wir erraten es leicht, trotzdem zu einer Ikone der Frauenbewegung, zumal "Die Scham ist vorbei" auch in andere Sprachen übersetzt wurde. Bereits während sie daran arbeitete, zog sie sich jedoch aus manchen Aktivitäten zurück, um andere zum Zug kommen zu lassen. Inzwischen hat sie zahlreiche Bücher veröffentlicht und darin auch die Erfahrung verarbeitet, wieder heterosexuell zu werden. Meulenbelt schilderte in "Die Scham ist vorbei" auch das Scheitern ihrer ersten - aus politischen Gründen eingegangenen - Beziehung zu einer Frau (was heutige selbstbewusst auftretende Lesben ironisch "Lesbisch auf dem zweiten Bildungsweg" nennen und Frauen meinen, die durch die Frauenbewegung lesbisch werden).
Diese Frau, mit der sie Sexualität ganz anders erlebte als mit den meisten Männern (die mehr Vergnügen daran hatten als sie), war jedoch zu sehr in ihren bürgerlichen Zwängen gefangen, in einer Ehe mit Kindern, in Angst vor finanziellen Sorgen, als dass sie wirklich den Absprung mit Anja gewagt hätte. Das Scheitern dieser Beziehung ist überhaupt der Anlass, an "Die Scham ist vorbei" zu arbeiten, was manche bereits beim Beobachten von Anja mit ihren Notizheften zu bösen Bemerkungen wie "neurotische Männerhasserin" verleitete. Damals, auch das führt sie uns vor Augen, wurden auch nicht verheiratete Hetero-Paare in Pensionen schief angesehen, wenn sie ein gemeinsames Zimmer verlangten, und waren froh, mal auf tolerante Wirte oder Vermieter zu treffen. Eine der Erinnerungen an die Beziehung zur "ersten Frau" ist das ganz selbstverständliche Zusammenschieben von Betten, als die Frauengruppe verreist und übernachtet. Aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar, dass dies etwas Besonderes ist? Nun, wir sollten uns klarmachen, dass sicher nicht nur Ulrike Lunacek im österreichischen Parlament lesbisch ist - es gibt aber keine/n weitere/n bekennende/n Lesbe oder Schwulen....
Text: Alexandra Bader
http://www.anjameulenbelt.com/
http://anjameulenbelt.sp.nl/weblog/
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